Und dann fing dieser dicke rote Kater plötzlich an, auch über zwei Wohnungen zu bestimmen.
Am darauffolgenden Sonntag stand ich mit einer Papiertüte vor Hildes Tür, in der zwei trockene Rosinenschnecken und ein Stück Apfelkuchen lagen, das schon ein bisschen zu weich geworden war.
„War kurz vor Feierabend billiger“, sagte ich, als sie öffnete.
„Dann schmeckt er meistens am besten“, sagte Hilde.
Willi saß hinter ihren Beinen und sah aus, als hätte er die ganze Einladung nur unter Vorbehalt genehmigt.
So fing es an.
Nicht mit großen Gesprächen. Nicht mit einem Wendepunkt, den man Jahre später in bedeutungsvoller Stimme erzählen würde.
Eher mit Kaffee, der immer ein bisschen zu stark war. Mit Gebäck vom Vortag. Mit einem Kater, der sich mitten zwischen zwei Menschen setzte, die beide so taten, als seien sie ganz gut allein zurechtgekommen.
Hilde hatte eine kleine Küche mit hellen Vorhängen, einer Obstschale, in der fast immer nur zwei Äpfel lagen, und diesem sauberen, stillen Geruch nach Bohnerwachs, Kaffee und etwas Lavendelhaftem, das wahrscheinlich aus irgendeinem alten Schrank kam.
Bei ihr war es ordentlich, aber nicht geschniegelt.
Nicht geschniegelt auf diese Art, mit der man Besuch beeindrucken will.
Eher ordentlich, weil Ordnung manchmal das Einzige ist, was bleibt, wenn einem sonst zu viel verrutscht.
Am ersten Sonntag redeten wir über harmlose Dinge.
Über das Wetter, das sich nicht entscheiden konnte. Über den Bäcker an der Ecke, dessen Brötchen früher besser gewesen seien. Über die Nachbarin im ersten Stock, die neuerdings einen Kunststofffrosch im Treppenhaus stehen hatte, als hätte sie dem Haus damit einen Gefallen getan.
Willi schlief zwischen uns auf dem Tischläufer und schnarchte leise.
„Er wird im Alter immer dreister“, sagte Hilde.
„Das erklärt einiges“, sagte ich.
Sie lächelte so, dass man sah, wie selten sie das in letzter Zeit vermutlich getan hatte.
Am zweiten Sonntag fragte sie, wie meine Woche gewesen sei.
Es war eine einfache Frage. So eine, die man schnell mit „Ganz normal“ erschlagen kann.
Ich hatte den Satz schon auf der Zunge.
Aber Willi saß auf dem Fensterbrett und sah mich an, als hätte er längst Widerspruch eingelegt.
„Lang“, sagte ich stattdessen. „Und ein bisschen zu still.“
Hilde nickte.
Nicht dieses schnelle, höfliche Nicken, mit dem Leute signalisieren, dass sie einen gehört haben.
Sondern dieses langsame von jemandem, der nicht sofort mit einem Rat dazwischenfährt, weil er weiß, dass ein Satz manchmal erstmal nur irgendwo landen muss.
„Ja“, sagte sie nur. „So Wochen kenne ich.“
Danach redeten wir eine Weile nicht.
Es war kein unangenehmes Schweigen.
Eher eines, das Platz machte.
Manchmal ist das fast mehr wert als Trost.
Mit der Zeit bekam der Sonntag etwas Verlässliches.
Ich stand auf, räumte die Küche wenigstens oberflächlich auf, zog ein frisches Hemd oder zumindest einen Pullover ohne Flecken an und ging irgendwann mit irgendeiner Kleinigkeit rüber.
Manchmal Kuchen. Manchmal ein Brot. Manchmal nur ein Glas Marmelade vom Wochenmarkt, das ich mir eigentlich nicht wirklich leisten wollte und dann doch kaufte, weil man nicht immer mit leeren Händen auftauchen will, wenn man irgendwo nicht mehr nur Gast ist.
Willi kontrollierte jedes Mitbringsel persönlich.
Er beschnupperte die Tüten, schob mit dem Kopf gegen meine Hand und setzte sich dann so demonstrativ auf den Tisch, als wolle er sagen: Gut. Sie dürfen bleiben. Vorläufig.
Es war Ende Oktober, als Hilde zum ersten Mal von ihrem Mann erzählte.
Nicht in einem großen Anlauf.
Sie sagte seinen Namen, als wäre er nur kurz im Nebenzimmer.
„Karl mochte Mohnkuchen“, sagte sie, während sie die Teller abwusch.
Nur das.
Aber in ihrer Stimme war etwas, das machte, dass ich das Geschirrtuch in der Hand behielt und nichts Dummes sagte.
„Ist lange her?“, fragte ich irgendwann.
„Sechs Jahre“, sagte sie. „Und manchmal sechs Minuten.“
Ich nickte, obwohl das vermutlich eine dieser Antworten war, die man nur wirklich versteht, wenn man selbst schon mal jemanden lange genug vermisst hat, dass Zeit nicht mehr ordentlich funktioniert.
„Er war laut“, sagte sie nach einer Weile. „Ich war immer die Ruhige. Er hat überall mit Leuten geredet. Im Treppenhaus, im Bus, beim Gemüse. Ich fand das oft anstrengend.“
Sie stellte ein Glas weg.
„Und dann war plötzlich alles still. Und ich hätte viel dafür gegeben, wenn er mir noch einmal beim Abendbrot zu laut die Zeitung vorgelesen hätte.“
Ich wusste nicht, was man darauf sagen sollte.
Also sagte ich nichts.
Hilde sah mich an und lächelte müde.
„Sie machen das ganz gut“, sagte sie.
„Was?“
„Nicht sofort irgendetwas sagen, nur damit es nicht still ist.“
„Darin habe ich viel Übung“, sagte ich.
Sie lachte. Kurz, aber echt.
Es war das erste Mal, dass ich bei ihr dieses richtige Lachen hörte. Nicht nur ein freundliches Geräusch, sondern etwas, das einen Moment lang den ganzen Raum wärmer machte.
Im November fing Willi an, sich auf meine Jacke zu legen, sobald ich kam.
Nicht immer. Nur meistens.
Als hätte er beschlossen, dass ich inzwischen zum erweiterten Inventar gehörte.
Wenn ich zu spät war, saß er schon auf der Kommode im Flur und starrte zur Tür, als wolle er dem Hausmeister melden, dass hier jemand seine Pflichten vernachlässigte.
„Er mag keine Abweichungen im Ablauf“, sagte Hilde.
„Das verbindet uns“, sagte ich.
„Nein“, sagte sie trocken. „Sie mögen nur keine Überraschungen. Willi mag keine schlechte Organisation.“
An manchen Sonntagen wurde aus Kaffee ein kleiner Spaziergang.
Nicht weit. Einmal um den Block, wenn das Wetter hielt.
Hilde mit ihrem dunkelblauen Mantel, ich neben ihr, Willi natürlich nicht dabei, weil er die Außenwelt für eine Zumutung hielt und höchstens aus dem Fenster verächtlich kommentierte.
Wir redeten über das Haus, über frühere Mieter, über Hildes Nichte irgendwo im Süden, die sich zu selten meldete und dann immer zu fröhliche Sprachnachrichten schickte, als ließe sich Entfernung mit guter Laune ausgleichen.
Ich erzählte fast nichts von mir.
Nicht absichtlich. Es war einfach Gewohnheit geworden.
Wenn man lange allein lebt, erklärt man sich irgendwann niemandem mehr.
Die Tage passieren einem, und abends sitzt man damit da wie mit einer Tüte Sachen, die keiner bestellt hat.
Aber Hilde hatte diese ruhige Art, nicht zu drängen und trotzdem zu merken, wo etwas hakt.
Eines Sonntags stellte sie die Kaffeekanne ab und sagte: „Sie arbeiten zu viel.“
„Das sagen viele, die nicht meine Miete zahlen.“
„Das sage ich als jemand, der sieht, dass Sie aussehen, als würde Ihnen der Schlaf seit Monaten nur gegen Aufpreis gewährt.“
Ich musste lachen.
„Das ist erstaunlich nah an der Wahrheit.“
„Und essen tun Sie auch falsch.“
„Jetzt fangen Sie auch noch an.“
„Nein“, sagte sie und deutete mit dem Kinn zu Willi. „Ich vertrete nur die Geschäftsleitung.“
Willi hob den Kopf von seinem Kissen, blinzelte träge und schloss die Augen wieder.
Es war kurz vor dem ersten Advent, als Hilde eines Abends nicht wie sonst das Licht im Fenster hatte.
Ich merkte es, als ich von der Arbeit kam.
Man kann sich noch so sehr einreden, dass man für sich lebt – irgendwann sieht man doch automatisch nach dem Licht gegenüber.
Ich stand eine Weile in meiner Küche und tat so, als würde ich nur auf den Wasserkocher warten.
Dann stellte ich ihn wieder aus und ging rüber.
Sie öffnete erst nach dem zweiten Klingeln.
Sie trug Strickjacke über Nachthemd, was ihr gar nicht ähnlich sah, und ihr Gesicht war fahl.
„Alles in Ordnung?“, fragte ich.
„Kreislauf“, sagte sie. „Nichts Dramatisches.“
Das klang nach genau der Sorte Satz, die Menschen sagen, wenn sie andere nicht belasten wollen.
Willi drängte sich an ihren Beinen vorbei zu mir und strich mir sofort um die Hosenbeine.
Unruhig. Nicht beleidigt. Wirklich unruhig.
„Haben Sie gegessen?“, fragte ich.
Sie hob eine Schulter.
Was bei Hildes Version von Ehrlichkeit ungefähr dasselbe bedeutete wie nein.
Also ging ich ohne großes Theater in ihre Küche, fand Suppe, fand Brot, stellte ihr eine Schüssel hin und setzte Wasser für Tee auf.
„Sie müssen das nicht—“, begann sie.
„Doch“, sagte ich. „Offenbar wird hier jetzt abteilungsübergreifend beaufsichtigt.“
Sie setzte sich langsam an den Tisch.
Willi sprang auf den Stuhl neben ihr und sah uns an, als hätte er den Einsatz angeordnet.
An dem Abend blieb ich länger.
Nicht, weil viel zu tun gewesen wäre. Eigentlich fast gar nichts.
Ich spülte eine Tasse ab. Ich stellte die Medikamente zurecht, die auf der Anrichte lagen. Ich saß da, bis wieder etwas Farbe in ihr Gesicht kam.
Wir redeten nicht viel.
Aber als ich gehen wollte, sagte Hilde: „Es ist merkwürdig.“
„Was?“
Sie zog die Decke ein Stück höher.
„Früher war ich diejenige, die bei anderen Suppe hingestellt hat.“
Ich blieb in der Tür stehen.
„Vielleicht sind Sie das ja immer noch“, sagte ich. „Nur heute eben nicht.“
Sie sah mich lange an.
„Sie sind ein anständiger Mann, wissen Sie das?“
Ich zuckte mit den Schultern, weil mir solche Sätze immer ein bisschen zu direkt sind.
„Nicht durchgehend“, sagte ich.
„Durchgehend ist ohnehin verdächtig“, murmelte sie.
In der Woche darauf brachte ich ihr nach der Arbeit Kartoffeln, Möhren und ein Hähnchen mit.
Nichts Besonderes.
Nur Sachen, aus denen man etwas machen kann, das nach richtiger Mahlzeit aussieht.
Ich kochte in meiner Wohnung, weil meine Küche größer war, wenn auch nur auf dem Papier, und trug dann zwei Schüsseln rüber.
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