Der rote Kater, der zwei einsame Wohnungen wieder mit Leben füllte

Willi lief ständig zwischen unseren Füßen herum, als wolle er den Ablauf koordinieren.

So fing etwas an, das wir beide nicht benannten.

Ich kochte ab und zu für sie mit.

Sie stopfte mir dafür einen Schal, dessen Saum sich gelöst hatte. Sie stellte mir plötzlich ein Glas selbstgekochte Brühe vor die Tür. Einmal hing ein kleiner Zettel außen an meiner Klinke.

Ich habe zu viel Grießbrei gemacht. Bevor Willi noch Ansprüche anmeldet.

Darunter in krakeligerer Handschrift, vermutlich innerlich von Willi diktiert:

Ich melde grundsätzlich Ansprüche an.

Ich stand im Hausflur und musste grinsen wie ein Idiot.

Zu Weihnachten kam keine große Feier zustande.

Wir waren beide keine Leute für Lametta und erzwungene Fröhlichkeit.

Aber am Heiligabend klopfte Hilde gegen Mittag mit einem Teller Plätzchen bei mir.

„Nur falls Sie später keine Lust auf Brot aus der Tasse haben“, sagte sie.

„Suppe“, sagte ich.

„Das macht es nicht besser.“

Abends saßen wir dann doch zusammen.

Ein kleiner Teller Kartoffelsalat, Würstchen, Kerzenlicht, das mehr Mühe als Wirkung hatte, und Willi, der mit der Würde eines alten Direktors vor dem Heizkörper lag.

Im Haus war es still.

Draußen knallte irgendwo eine Autotür.

Hilde trug eine dunkle Bluse und ihre schönere Strickjacke. Ich hatte tatsächlich ein Hemd an, das gebügelt war. Nicht gut, aber immerhin erkennbar mit Absicht.

„Karl hat Weihnachten immer zu laut Musik angemacht“, sagte sie irgendwann.

„Und Sie?“

„Ich habe mich beschwert und heimlich mitgesummt.“

Ich nickte.

„Früher“, sagte ich nach einer Weile, „bin ich an solchen Abenden extra lange spazieren gegangen. Hauptsache nicht in der Wohnung sitzen.“

Hilde sah mich an.

„Weil es zu still war?“

„Weil es sich angefühlt hat, als hätten alle anderen irgendwohin gehört.“

Sie drehte ihre Tasse in den Händen.

„Und heute?“

Willi hob den Kopf, als ginge ihn die Antwort ebenfalls etwas an.

Ich sah mich um. Den kleinen Tisch. Die Kerze. Den Kater. Die Frau mit den ruhigen Händen.

„Heute nicht ganz so sehr“, sagte ich.

Hilde sagte nichts.

Aber sie legte für einen Moment ihre Hand auf meinen Unterarm. Kurz. Warm. Ohne Pathos.

Das reichte.

Im Januar wurde es kalt.

Diese stumpfe Kälte, die durch Fensterrahmen zieht und jeden Flur nach Stein aussehen lässt.

Willi wurde träger und gleichzeitig noch strenger mit seinen Gewohnheiten. Er wollte zu festen Zeiten fressen, zu festen Zeiten gebürstet werden und zu festen Zeiten kontrollieren, ob alle Beteiligten noch am Leben waren.

„Er hört schlechter“, sagte Hilde eines Sonntags.

Sie hielt die Bürste in der Hand und sah ihn an, wie er zusammengerollt auf seiner Decke lag.

„Manchmal erschreckt er sich, wenn ich plötzlich hinter ihm stehe.“

„Er ist alt“, sagte ich.

„Ja“, sagte sie leise. „Sind wir alle ein bisschen.“

Es war einer dieser Sätze, die harmlos klingen und einem trotzdem nachgehen.

Ich fing an, öfter rüberzugehen. Nicht nur sonntags.

Mal zehn Minuten. Mal eine halbe Stunde.

Einfach klingeln, fragen, ob etwas vom Laden mitgebracht werden sollte, ob alles okay sei, ob der Heizkörper wieder diese komischen Geräusche mache.

Man gewöhnt sich erschreckend schnell daran, dass da jemand ist, nach dem man schaut.

Und noch schneller daran, dass auch jemand nach einem schaut.

An einem Dienstag lag ein Zettel an meiner Tür.

Sie haben gestern Abend kein Licht angehabt. Alles in Ordnung?

Hilde

Darunter in anderer Schrift, wieder diese erfundene Krakelei:

Ich dulde keine plötzlichen Ausfälle im Personalbestand.

Willi

Ich hatte Überstunden gemacht und war direkt ins Bett gefallen.

Ich stand da mit dem Zettel in der Hand und merkte plötzlich, wie sehr sich etwas verschoben hatte.

Früher hätte niemand bemerkt, ob bei mir Licht an war oder nicht.

Früher hätte es vielleicht auch niemanden wirklich interessiert.

Ende Januar kam der Brief.

Nicht für mich. Für Hilde.

Ein heller Umschlag, amtlich aussehend, der auf dem kleinen Flurtisch lag, als ich zum Kaffee kam.

Sie hatte ihn schon geöffnet, aber nicht weggeräumt.

„Alles gut?“, fragte ich, weil sie stiller war als sonst.

Sie schob den Umschlag ein Stück zur Seite.

„Die Wohnung“, sagte sie. „Es soll modernisiert werden. Irgendwann im Frühjahr. Näheres später.“

Sie sagte das so ruhig, dass es fast unauffällig klang.

Aber ich kannte sie inzwischen gut genug, um zu sehen, wie fest sie die Kaffeetasse hielt.

„Und das heißt?“

„Lärm. Handwerker. Neue Leitungen vielleicht. Staub. Vielleicht vorübergehend raus, vielleicht nicht. Man weiß ja, wie vage solche Briefe sein können.“

Sie sah zum Fenster.

„Willi verträgt Veränderungen schlecht.“

Es war typisch Hilde, dass sie zuerst den Kater nannte.

Und ehrlich gesagt wahrscheinlich auch richtig.

Ich dachte an ihren Sessel am Fenster. An die Decke. An den Ablauf, der für alte Menschen und alte Tiere oft mehr ist als bloß Gewohnheit.

„Dann schauen wir, wenn es so weit ist“, sagte ich.

Sie nickte.

Aber ihre Schultern blieben angespannt.

Die Sache zog sich noch ein paar Wochen hin.

Unklare Schreiben. Vage Ankündigungen. Irgendwann stand fest, dass in ihrer Wohnung tatsächlich für mindestens einige Tage an den Leitungen gearbeitet werden sollte.

Nichts Dramatisches, sagte man ihr.

Aber jeder, der schon einmal in einem alten Haus gelebt hat, weiß, dass „nichts Dramatisches“ meistens bedeutet: viel Staub, fremde Schritte, Lärm und ein Ablauf, der nur auf dem Papier funktioniert.

„Ich könnte in der Zeit zu meiner Nichte“, sagte Hilde.

Sie sagte es so, wie Menschen Dinge vorschlagen, von denen sie selbst schon wissen, dass sie sie nicht wollen.

„Aber die wohnt weit. Und Willi hasst Autofahren. Und fremde Wohnungen. Und Kinderstimmen aus dem Nachbarhaus. Und wahrscheinlich auch Wände in einer anderen Farbe.“

„Er ist konsequent“, sagte ich.

Sie lächelte matt.

Dann sahen wir beide fast gleichzeitig zu mir rüber. Nicht bewusst. Nur so.

Zwei Wohnungen. Ein Treppenabsatz dazwischen. Ein roter Kater, der ohnehin schon so tat, als läge zwischen uns bloß eine Verwaltungseinheit.

„Sie könnten natürlich…“, begann ich.

„Nein“, sagte Hilde sofort. „Das ist zu viel verlangt.“

„Ich wollte nur sagen, dass Sie natürlich für die Tage mit rüberkommen könnten.“

Jetzt war es still.

Willi sprang aufs Sofa und ließ sich mit einem Geräusch fallen, das klang wie die offizielle Zustimmung eines alten Beamten.

Hilde sah mich an, als hätte ich ihr gerade etwas angeboten, das sie sich nicht zu wünschen getraut hatte.

„Nur für ein paar Tage“, sagte ich. „Bis der schlimmste Krach vorbei ist. Meine Wohnung ist nicht schön, aber funktionstüchtig. Und der Hausmeister der Nacht kennt die Abläufe ja schon.“

Ich nickte zu Willi.

Sie lachte leise. Und diesmal war in dem Lachen auch Erleichterung.

„Dann müssten Sie allerdings lernen, dass meine Teekanne nicht in den Geschirrspüler darf.“

„Und Sie müssten akzeptieren, dass meine Suppentassen ein vollwertiges System sind.“

„Das wird schwierig.“

„Aber nicht unmöglich.“

Als Hilde drei Wochen später mit einer Reisetasche, einer Pflanze, ihrer Medikamentendose und einem sehr beleidigt aussehenden Willi bei mir einzog, war meine Wohnung innerhalb von zwanzig Minuten nicht mehr nur meine.

Auf dem Stuhl hing ihre Strickjacke. Im Bad stand plötzlich eine Handcreme, die nach Kamille roch. Auf dem Fensterbrett in der Küche stand ihre Pflanze, die aussah, als würde sie alles überleben, auch uns.

Willi besichtigte jeden Winkel und setzte sich dann mitten in den Flur.

Als Türsteher.

Als Aufsicht.

Als jemand, der schon immer gewusst hatte, dass das hier nur eine Frage der Zeit war.

Und in dieser ersten Nacht, als aus Hildes leerer Wohnung gegenüber dumpf das Hämmern und Schleifen von Vorbereitungsarbeiten klang, saßen wir bei mir am Tisch.

Mit Tee.

Mit einem Teller Brot.

Mit diesem merkwürdigen Gefühl, dass das Leben manchmal nicht lauter besser wird, sondern nur wärmer.

„Es tut mir leid, dass ich Umstände mache“, sagte Hilde.

„Tun Sie nicht“, sagte ich.

Und diesmal meinte ich es so schnell und selbstverständlich, dass es nicht einmal nach Höflichkeit klang.

Willi sprang auf meinen Schoß, drehte sich einmal im Kreis und ließ sich schwer gegen meinen Bauch sinken.

Hilde sah uns an.

„Sehen Sie“, sagte sie. „Jetzt haben Sie den Salat.“

Ich kraulte ihn automatisch zwischen den Ohren.

„Nein“, sagte ich. „Ich glaube, jetzt habe ich eher eine Art Mitbewohnervertrag mit Auflagen.“

Sie lächelte.

Draußen klopfte irgendwo Metall gegen Metall. Irgendwer rief im Treppenhaus etwas Unverständliches.

Drinnen aber war Licht.

War Wärme.

War eine alte Frau, die nicht mehr allein Tee trinken musste.

War ein Mann, der nicht mehr so tat, als wäre Einsamkeit einfach nur ein neutraler Einrichtungsstil.

Und war ein dicker roter Kater, der uns beide ansah, als hätte er das alles schon vor Monaten exakt so geplant.

Manchmal, dachte ich da, braucht es wirklich keine spektakuläre Rettung.

Nur jemanden, der früh genug merkt, wenn in einer Wohnung zu lange kein Licht brennt.

Und manchmal hat dieser Jemand Fell, schlechte Laune und die Angewohnheit, einem um 4:13 Uhr morgens mit der Pfote ins Gesicht zu hauen.

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