ICH GRIFF NACH DEM BASEBALLSCHLÄGER, WEIL MEIN HUND VERSCHWUNDEN WAR, DANN SAH ICH DEN TÄTOWIERTEN HANDWERKER HINTER DEM SCHUPPEN WEINEN.
Ich hielt den Baseballschläger so fest, dass meine Finger wehtaten.
Die Terrassentür stand einen Spalt offen.
Bruno war weg.
Und seit fast zwanzig Minuten hatte ich keinen einzigen Hammerschlag mehr aus dem Garten gehört.
„Verdammt“, murmelte ich und riss die Tür auf.
Drei Stunden zuvor hatte ich noch gedacht, ich hätte einfach nur einen etwas merkwürdigen Handwerker engagiert.
Sein Name war Timo.
Er war 46, fast zwei Meter groß, kräftig gebaut und hatte Tätowierungen bis hinunter zu den Handgelenken. Alte Schriftzüge, Totenköpfe, dunkle Linien. Sein grauer Lieferwagen sah aus, als würde er jeden Moment auseinanderfallen.
Er war der einzige gewesen, der an diesem Sonntag ans Telefon gegangen war.
Ein Teil unseres Holzzauns hinter dem Reihenhaus war umgekippt. Ich wollte ihn möglichst schnell repariert haben.
Timo sah sich die Stelle an, nannte einen überraschend günstigen Preis und holte wortlos sein Werkzeug.
Ich mochte ihn nicht.
Das sage ich heute nicht gern.
Aber es ist die Wahrheit.
Noch bevor dieser Mann überhaupt etwas getan hatte, hatte ich ihn längst in eine Schublade gesteckt.
Wegen seines Autos.
Wegen seiner Kleidung.
Wegen der Tattoos.
Wegen dieses müden, harten Blicks.
„Eine Sache noch“, sagte ich damals.
Timo sah mich an.
„Die Terrassentür bitte geschlossen lassen. Mein Hund Bruno mag keine Fremden.“
Ich machte eine Pause.
„Er kann schnappen.“
Das war gelogen.
Bruno war ein 50 Kilo schwerer Berner Sennenhund, der vermutlich sogar einem Einbrecher seinen Ball gebracht hätte.
Aber Timo wusste das nicht.
Und ich wollte nicht, dass er meinem Hund zu nahe kam.
Timo nickte nur.
„Verstanden.“
Dann begann er zu arbeiten.
Stundenlang hörte ich das dumpfe Schlagen seines Hammers.
Ich saß in der Küche, trank Kaffee und ertappte mich dabei, ständig aus dem Fenster zu schauen.
Ich wartete regelrecht darauf, dass etwas schiefging.
Dann hörte das Hämmern auf.
Erst dachte ich mir nichts dabei.
Nach zehn Minuten wurde ich unruhig.
Nach zwanzig Minuten ging ich zur Terrassentür.
Und da sah ich den Spalt.
„Bruno?“
Keine Antwort.
Sein Körbchen war leer.
Mein Herz rutschte mir in den Magen.
In meinem Kopf entstand innerhalb von Sekunden eine komplette Katastrophe.
Bruno war hinausgelaufen.
Vielleicht hatte er Timo angebellt.
Vielleicht hatte Timo sich erschreckt.
Vielleicht war etwas passiert.
Ich griff nach dem alten Baseballschläger meines Sohnes, der im Abstellraum stand.
Heute schäme ich mich dafür.
Damals fühlte es sich vollkommen logisch an.
Ich stürmte hinaus.
„Bruno!“
Keine Reaktion.
Ich ging am Schuppen vorbei.
Dann blieb ich stehen.
Der Schläger sank langsam in meiner Hand nach unten.
Timo saß auf dem Boden.
Mit dem Rücken gegen einen neuen Zaunpfosten.
Und Bruno lag halb auf ihm.
Mein angeblich gefährlicher Hund hatte seinen riesigen Kopf auf Timos Schulter gelegt.
Timo hatte beide Arme um ihn geschlungen.
Sein Gesicht steckte im Fell meines Hundes.
Und dieser Mann weinte.
Nicht ein bisschen.
Nicht mit einer einzelnen Träne.
Seine Schultern zitterten.
Er versuchte offenbar, keinen Laut zu machen, aber ich hörte trotzdem diese schweren, gepressten Atemzüge eines Menschen, der viel zu lange versucht hat, stark zu bleiben.
Bruno bewegte sich kaum.
Er blieb einfach bei ihm.
Dann trat ich auf einen kleinen Ast.
Knack.
Timo fuhr hoch.
Als er mich mit dem Schläger sah, wurde sein Gesicht sofort bleich.
Er schob Bruno vorsichtig weg und wischte sich mit den schmutzigen Händen über die Augen.
„Entschuldigung“, sagte er hastig. „Der Hund kam einfach raus. Ich habe ihn nicht gerufen.“
Ich sagte nichts.
„Ich arbeite sofort weiter“, fügte er hinzu. „Bitte ziehen Sie mir die Zeit nicht ab.“
Dieser Satz traf mich härter als alles andere.
Nicht: Helfen Sie mir.
Nicht: Es geht mir schlecht.
Sondern:
Bitte ziehen Sie mir die Zeit nicht ab.
Ich stellte den Schläger auf den Boden.
„Timo“, sagte ich. „Was ist passiert?“
Er schaute zu Bruno.
Lange.
Dann strich er einmal über dessen Fell.
„Er riecht ähnlich.“
„Wie wer?“
Timo schluckte.
„Mein Hund.“
Er hieß Rex.
Ein großer Mischling mit dunklem Fell, den Timo fast neun Jahre gehabt hatte.
Drei Monate zuvor hatte Timo seine Wohnung verloren.
Nicht wegen irgendeiner spektakulären Geschichte.
Keine große Katastrophe.
Es war viel banaler.
Die Miete war gestiegen.
Ein größerer Auftrag war weggefallen.
Eine Reparatur am Wagen hatte seine letzten Rücklagen gefressen.
Irgendwann konnte er die Wohnung nicht mehr halten.
Seitdem schlief er in seinem Lieferwagen.
„Rex war zuerst noch bei mir“, sagte Timo.
Seine Stimme war rau.
„Aber tagsüber konnte ich ihn nicht stundenlang im Wagen lassen. Und wenn ich Aufträge hatte, wusste ich nie, wohin mit ihm.“
Er rieb sich über das Gesicht.
Schließlich hatte er Rex vor einigen Tagen vorübergehend bei einer privaten Pflegestelle untergebracht.
„Die haben einen Garten“, sagte er. „Er hat dort Platz. Ein richtiges Körbchen. Menschen, die da sind.“
Er nickte langsam, als müsste er sich selbst davon überzeugen.
„Es war besser für ihn.“
Dann sah er Bruno an.
„Aber seitdem habe ich keinen Hund mehr angefasst.“
Bruno schob seine Schnauze unter Timos Hand.
Timo lachte einmal kurz.
Es klang gebrochen.
„Und dann kommt der hier einfach zu mir und lehnt sich gegen mich.“
Jetzt verstand ich.
Dieser große Mann hatte nicht aufgehört zu arbeiten, weil er faul war.
Er hatte nicht in meinem Garten herumgesessen.
Er war zusammengebrochen.
Und Bruno hatte es offenbar vor mir bemerkt.
Ich sah Timo plötzlich anders.
Die Tätowierungen waren noch da.
Der alte Wagen war noch derselbe.
Seine Kleidung war immer noch abgetragen.
Aber jetzt sah ich auch seine rissigen Hände.
Die müden Augen.
Und auf seinem rechten Handgelenk einen kleinen Schriftzug, den ich vorher nicht bemerkt hatte.
Rex.
„Komm rein“, sagte ich.
Timo schüttelte sofort den Kopf.
„Ich muss den Zaun fertig machen.“
„Der Zaun läuft nicht weg.“
„Ich bin nicht zum Essen hier.“
„Jetzt schon.“
Er sah mich an, als hätte ich eine fremde Sprache gesprochen.
Zehn Minuten später saßen wir an meinem Küchentisch.
Meine Frau Sabine war mit unserem Sohn unterwegs, und zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass ich eine Entscheidung traf, ohne mit ihr gesprochen zu haben.
Timo aß langsam.
Fast vorsichtig.
Als wollte er bloß nicht zu viel nehmen.
Ich fragte ihn nach seiner Arbeit.
Er erzählte mir, dass er früher fest bei einem kleinen Handwerksbetrieb gearbeitet hatte. Nach dessen Schließung hatte er sich mit Reparaturarbeiten durchgeschlagen.
Zäune.
Terrassen.
Türen.
Kleine Renovierungen.
„Arbeit finde ich“, sagte er. „Meistens jedenfalls.“
Das Problem war etwas anderes.
Ohne feste Adresse wurde vieles schwieriger.
Ohne Wohnung blieb auch Rex bei der Pflegestelle.
Und ohne Rex, sagte Timo, fühlte sich sein Wagen nachts „noch kleiner“ an.
Ich kannte jemanden, der eine ältere Einliegerwohnung am Rand von Kassel vermietete.
Nichts Besonderes.
Zwei Zimmer.
Alte Küche.
Kleiner Garten.
Der Vermieter suchte eigentlich jemanden, der kleinere Reparaturen selbst übernehmen konnte.
Ich rief ihn an.
Fünfzehn Minuten später hatte Timo einen Besichtigungstermin.
Dann tat ich etwas, worüber Sabine später tatsächlich sehr wütend wurde.
Ich schrieb ihm einen größeren Betrag auf.
Nicht als Geschenk.
Als Vorschuss.
„Damit du die Kaution und die erste Miete überbrücken kannst“, sagte ich.
Timo schob den Zettel sofort zurück.
„Nein.“
„Doch.“
„Ich kenne Sie kaum.“
„Stimmt.“
„Dann machen Sie so etwas nicht.“
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