Ich hatte die Hand schon an der Türklinke, bereit, ihn wegen seiner ständigen Müdigkeit zu verlassen, bis unser Hund etwas tat, das alles veränderte.
Um 21:45 Uhr hörte ich endlich den Schlüssel im Schloss.
Ich stand fertig angezogen im Flur unserer kleinen Wohnung in Kassel. Neues Kleid, frisch gemachte Haare, Lippenstift, den ich mir extra für diesen Abend aufgehoben hatte.
Seit einer Stunde vibrierte mein Handy.
Meine Freundinnen saßen längst in einer Bar in der Innenstadt. Auf ihren Fotos sah ich volle Gläser, breite Grinsen, Männer, die offenbar genug Energie hatten, um bis tief in die Nacht herumzualbern.
Dann kam Tobias herein.
Kein Blumenstrauß.
Kein: „Du siehst toll aus.“
Nur Staub auf seiner schwarzen Arbeitshose, Sägespäne am Pullover und dieser schwere Gang eines Mannes, der seit dem frühen Morgen auf den Beinen gewesen war.
„Es tut mir leid, Lena“, sagte er leise. „Der Auftrag hat länger gedauert. Gib mir fünf Minuten. Ich dusche schnell, dann gehen wir.“
Er setzte sich auf den kleinen Hocker neben der Garderobe, um seine Sicherheitsschuhe auszuziehen.
Einen bekam er noch auf.
Beim zweiten hörte er auf.
Zwei Minuten später schlief er.
Ein Schuh stand auf dem Boden. Der andere hing noch an seinem Fuß. Sein Kopf war zur Seite gesunken.
Ich starrte ihn an.
Und ich wurde wütend.
Nicht ein bisschen enttäuscht.
Richtig wütend.
Ich war 29 Jahre alt und hatte das Gefühl, mein Leben bestehe inzwischen daraus, auf einen Mann zu warten, der entweder arbeitete, unterwegs war oder auf dem Sofa einschlief.
„Natürlich“, murmelte ich.
Wieder einmal.
Ich griff nach meiner Handtasche.
Vielleicht würde ich heute nicht nur allein ausgehen.
Vielleicht würde ich endlich begreifen, dass es so nicht weiterging.
„Oskar, komm.“
Unser Mischlingshund lag im Wohnzimmer.
Normalerweise reichte das Geräusch seiner Leine, und er stand sofort an der Tür.
Diesmal nicht.
Oskar erhob sich langsam, ging an mir vorbei und stellte sich neben Tobias.
Dann setzte er sich.
Ganz dicht an dessen Beine.
Er legte seinen schweren Kopf auf Tobias’ staubiges Knie.
„Oskar.“
Keine Reaktion.
Ich hielt die Leine hoch.
„Komm jetzt.“
Er sah mich an.
Dann drückte er sich noch enger an Tobias.
Fast so, als wolle er ihn beschützen.
Das hatte er noch nie gemacht.
Oskar war immer mein Hund gewesen.
Ich hatte ihn ausgesucht.
Ich ging morgens mit ihm raus.
Ich kaufte sein Futter.
Und ausgerechnet in diesem Moment entschied er sich gegen mich.
„Was soll das denn jetzt?“
Ich ging hinüber und wollte ihn am Halsband nehmen.
Dabei stieß ich mit dem Fuß gegen Tobias’ Arbeitstasche.
Sie kippte um.
Ein Maßband, zwei Schraubendreher, Arbeitshandschuhe und mehrere zerknüllte Zettel fielen auf den Boden.
Fluchend kniete ich mich hin.
Dann sah ich ein Blatt, das anders aussah.
Es war der Ausdruck einer Immobilienanzeige.
Ein kleines älteres Reihenhaus am Rand eines Ortes ungefähr vierzig Minuten von Kassel entfernt.
Nichts Besonderes.
Alte Fassade.
Kleine Küche.
Schmale Zimmer.
Aber hinter dem Haus war ein großer, eingezäunter Garten.
Am Rand des Ausdrucks standen Zahlen in Tobias’ krakeliger Schrift.
Vier Samstage Zusatzarbeit.
Zwei kleinere Aufträge nach Feierabend.
Eigenkapital.
Kosten für kleinere Reparaturen.
Und ganz unten hatte er einen Satz eingekreist.
„Oskar kann hier endlich richtig rennen.“
Ich saß einfach da.
Plötzlich hörte ich nur noch Tobias’ ruhigen Atem.
Ich sah seine Hände.
Rissige Haut.
Kleine Schnitte.
Geschwollene Fingerknöchel.
Diese Hände hatte ich in den letzten Monaten oft gesehen.
Aber irgendwie hatte ich nie wirklich hingeschaut.
Ich hatte nur gesehen, dass er müde war.
Dass er sonntags manchmal keine Lust hatte, irgendwohin zu fahren.
Dass er abends auf dem Sofa einschlief.
Dass er selten Überraschungen plante.
Ich hatte nicht gesehen, was dahintersteckte.
Oskar schon.
Ich zog meine Schuhe aus.
Legte die Handtasche zurück auf die Kommode.
Dann kniete ich vor Tobias und zog ihm vorsichtig den zweiten Arbeitsschuh aus.
Er wachte nicht auf.
Ich holte die dicke Decke aus dem Schlafzimmer und legte sie über ihn.
Danach setzte ich mich auf den Boden.
Oskar auf der einen Seite.
Ich auf der anderen.
Es war nicht der Abend, den ich geplant hatte.
Aber zum ersten Mal seit Monaten hatte ich das Gefühl, wirklich zu verstehen, was vor mir lag.
Am nächsten Morgen wachte Tobias auf und erschrak.
„Mist.“
Er richtete sich sofort auf.
„Lena, ich wollte nicht einschlafen. Ich dusche schnell. Wir können heute Abend—“
„Tobias.“
Er schwieg.
„Es ist okay.“
„Nein.“
Er rieb sich über das Gesicht.
„Du hast dich fertig gemacht. Du hast gewartet. Ich hab’s wieder versaut.“
Ich griff nach seiner Hand.
Er zog sie unbewusst zurück.
Nicht böse.
Fast wie jemand, der sich für etwas schämte.
„Du hast gar nichts versaut.“
Er lachte kurz.
Ohne Freude.
„Ich komme heim wie ein kaputter Akku.“
Oskar stand auf und drückte seine Schnauze gegen Tobias’ Bein.
Ich ging in die Küche.
„Bleib heute zu Hause.“
Tobias sah mich an, als hätte ich etwas völlig Absurdes gesagt.
„Ich kann nicht einfach fehlen.“
„Du bist völlig fertig.“
„Mir geht’s gut.“
Das war seine Standardantwort.
Mir geht’s gut.
Auch wenn er kaum die Augen offen halten konnte.
Auch wenn sein Rücken wehtat.
Auch wenn seine Hände zitterten, wenn er nach besonders langen Tagen sein Glas hielt.
Ich stellte zwei Tassen auf den Tisch.
„Ich habe den Ausdruck gefunden.“
Er erstarrte.
„Welchen Ausdruck?“
„Das Haus.“
Eine lange Pause.
Dann senkte er den Blick.
„Ach das.“
„Warum hast du mir nichts gesagt?“
„Weil das nichts ist.“
„Du hast alles ausgerechnet.“
Er zuckte mit den Schultern.
„Man rechnet halt.“
„Und die Zusatzschichten?“
Sein Gesicht wurde härter.
„Lena, das Haus ist alt. Außerdem ist es weit draußen. Du willst doch nicht jeden Tag so weit fahren.“
„Darum geht es nicht.“
„Doch.“
Jetzt sah er mich an.
„Du hast etwas Besseres verdient.“
Dieser Satz traf mich härter, als ich erwartet hatte.
Nicht weil er romantisch war.
Sondern weil ich plötzlich verstand, was Tobias glaubte.
Er hielt sich selbst nicht für genug.
„Ich brauche kein besseres Haus.“
„Du sagst doch ständig, wir müssten irgendwann hier raus.“
„Ja. Irgendwann.“
„Eben.“
Er stand auf und nahm seine Schlüssel.
„Ich muss los.“
„Tobias, heute ist Sonntag.“
„Ich habe einen kleinen Auftrag.“
Natürlich hatte er einen.
Als er gegangen war, blieb Oskar lange vor der Tür sitzen.
Am Nachmittag öffnete ich Tobias’ Arbeitstasche erneut.
Nicht, weil ich ihn kontrollieren wollte.
Ich wollte verstehen.
In einer Seitentasche fand ich einen gefalteten Zettel.
Darauf standen Termine.
Zusatzschichten.
Samstage.
Abende.
Darunter hatte Tobias geschrieben:
„Wenn ich etwas Vorsprung habe, muss sie sich später weniger Sorgen machen.“
Ich las den Satz mehrmals.
Dabei wurde mir schlecht.
Nicht vor Rührung.
Vor Schuld.
Ich wollte keinen Mann, der sich für ein Haus kaputtarbeitete.
Ich wollte ihn.
Und plötzlich fiel mir jedes Mal ein, wenn ich gesagt hatte:
„Wir machen nie etwas.“
Oder:
„Andere schaffen es doch auch.“
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