Der unheimliche Nachbar grub heimlich an unserem Zaun bis ich den wahren Grund erfuhr

Ich wollte meinen schweigsamen Nachbarn beim Ordnungsamt melden, weil er heimlich unseren Zaun untergrub, bis ich begriff, dass er damit das Leben meines Hundes retten wollte.

„Herr Mertens! Was machen Sie da schon wieder?“

Meine Stimme war lauter, als ich beabsichtigt hatte. Ich stand auf der Terrasse unserer kleinen Doppelhaushälfte am Rand von Kassel und hielt mein Handy bereits in der Hand.

Unten am Ende des Gartens kniete Reinhard Mertens.

Er war 65, wohnte zwei Häuser weiter und gehörte zu diesen Menschen, die man jeden Tag sieht, ohne wirklich etwas über sie zu wissen. Wenn wir uns begegneten, nickte er höchstens kurz.

Jetzt steckte er mit beiden Knien im aufgeweichten Boden und grub mit einem alten Spaten direkt unter unserem morschen Holzzaun.

Hinter dem Zaun begann ein schmaler Waldstreifen.

Dahinter verlief eine stark befahrene Landstraße.

„Wenn Sie nicht sofort aufhören, rufe ich jemanden!“, rief ich.

Reinhard hielt inne.

Langsam richtete er sich auf, wischte die Erde an seiner Arbeitshose ab und sah mich an.

Kein Wort.

Keine Erklärung.

Er packte seinen Spaten, pfiff nach seinem alten Mischlingshund, der ein paar Meter weiter zwischen den Blättern lag, und ging.

Ich blieb zurück und starrte auf die Löcher im Boden.

Seit drei Monaten lebte ich dort mit meinem achtjährigen Sohn Jannik.

Ich heiße Heike Brenner. Nach einer schwierigen Trennung hatte ich mir nichts sehnlicher gewünscht als Ruhe. Ein kleines Zuhause, einen Garten, ein normales Leben.

Kurz nach unserem Einzug war Kasper zu uns gekommen.

Ein großer, zotteliger Mischling aus dem Tierschutz.

Niemand wusste genau, was er erlebt hatte. Aber man sah es ihm an.

Wenn eine Tür zu laut zufiel, duckte er sich sofort.

Wenn draußen ein Lkw über die Landstraße donnerte, kroch er unter den Küchentisch.

Manchmal genügte ein herunterfallender Kochtopf, und Kasper zitterte noch zehn Minuten später.

Der Garten war der einzige Ort, an dem er langsam Vertrauen entwickelte.

Und dieser alte Zaun war seine Grenze.

Sein Schutz.

Deshalb machte mir Reinhards Verhalten solche Angst.

Was suchte er dort?

Warum grub ein fremder Mann heimlich unter meinem Zaun?

Ich begann, abends die Terrassentür doppelt zu prüfen. Kasper durfte nur noch hinaus, wenn ich danebenstand.

Drei Tage geschah nichts.

Dann weckte mich an einem Samstagmorgen ein metallisches Schlagen.

Immer wieder.

Klack.

Klack.

Klack.

Ich lief zum Schlafzimmerfenster und sah hinunter.

Reinhard war wieder da.

Diesmal hatte er keinen Spaten allein dabei.

Er schlug mit einem schweren Hammer Metallpfosten in den Boden. Zwischen den Pfosten befestigte er engmaschiges Drahtgitter, das er erstaunlich tief in der Erde verschwinden ließ.

Genau dort, wo unser Holzzaun am schlimmsten verfault war.

Ich zog eine Jacke über meinen Schlafanzug, sprang in meine Stiefel und stürmte hinaus.

Kasper folgte mir ein Stück, blieb aber unsicher auf der Terrasse stehen.

„Jetzt reicht es wirklich!“

Reinhard arbeitete weiter.

„Sie können nicht einfach auf mein Grundstück kommen und hier irgendetwas vergraben! Was soll das überhaupt?“

Er befestigte noch eine Klammer.

„Ich meine es ernst“, sagte ich. „Ich rufe gleich die Polizei.“

Da legte er den Hammer weg.

Langsam richtete er sich auf.

Er musste sich am Zaunpfosten abstützen, weil seine Knie offenbar schmerzten.

Dann sah er mich an.

Und plötzlich war meine Wut weg.

Aus der Nähe bemerkte ich zum ersten Mal seine Augen.

Sie waren nicht kalt.

Sie waren müde.

So müde, wie ich es bei einem Menschen selten gesehen hatte.

„Es tut mir leid“, sagte er leise.

Seine Stimme klang rau.

„Ich wollte Ihnen keine Angst machen.“

Ich deutete auf das Metallgitter.

„Was soll das dann?“

Reinhard sah an mir vorbei.

Zu Kasper.

Der Hund stand mit eingeklemmter Rute an der Terrassentür.

„Ich wollte nur sicher sein, dass es diesmal hält.“

„Diesmal?“

Reinhard schwieg lange.

Dann legte er eine Hand auf den morschen Zaun.

„Dieses Haus gehörte früher mir.“

Ich sagte nichts.

„Vor ungefähr dreißig Jahren habe ich hier mit meiner Frau gelebt.“

Sein Blick sank zu Boden.

„Sie wurde krank. Es ging sehr schnell. Innerhalb weniger Monate war sie tot.“

Er atmete schwer aus.

„Danach war mir alles egal.“

Reinhard erzählte, dass er damals kaum noch gegessen hatte. Rechnungen blieben ungeöffnet. Die Küche blieb manchmal tagelang unaufgeräumt.

Nur einer brachte ihn morgens aus dem Bett.

Bruno.

Sein Schäferhund.

„Er war damals meine ganze Familie“, sagte Reinhard.

Er strich über eine verfaulte Holzlatte.

„Dieser Zaun war schon damals kaputt.“

Unten war ein Stück weggefault.

Reinhard wusste es.

Er hatte sich sogar vorgenommen, es zu reparieren.

Aber jeden Morgen sagte er sich dasselbe.

Morgen.

Morgen mache ich es.

Morgen habe ich mehr Kraft.

„Dann kam Silvester.“

Seine Stimme wurde noch leiser.

Bruno hatte vorher nie große Angst vor Geräuschen gehabt.

Doch in dieser Nacht knallte es überall.

Stundenlang.

Reinhard saß mit ihm im Wohnzimmer und versuchte ihn zu beruhigen.

Dann detonierte direkt vor dem Haus ein besonders lauter Böller.

Die Scheiben vibrierten.

Bruno geriet in Panik.

Er riss sich los, drückte sich durch die nicht richtig geschlossene Haustür und rannte in den Garten.

Reinhard lief hinterher.

Doch Bruno kannte die Schwachstelle im Zaun.

Er grub sich darunter durch.

Direkt in den Waldstreifen.

Direkt zur Landstraße.

Reinhard hielt inne.

Seine Lippen zitterten.

„Ich habe ihn noch gesehen.“

Mehr brachte er zuerst nicht heraus.

Dann wischte er sich über die Augen.

„Ich war vielleicht zehn Sekunden zu langsam.“

Ein Auto erfasste Bruno.

Reinhard hatte seinen Hund verloren.

Seinen letzten Halt.

„Ich bin wenige Tage später ausgezogen“, sagte er. „Ich konnte hier nicht mehr schlafen. Nicht mehr in den Garten sehen.“

Dreißig Jahre lang war er nicht zurückgekommen.

Bis vor einigen Wochen.

Er war zufällig durch die Straße gegangen und hatte mich mit Jannik im Garten gesehen.

Dann hatte er Kasper bemerkt.

„Ein Auto hat gehupt“, sagte Reinhard. „Ihr Hund ist sofort zusammengezuckt.“

Reinhard sah zum Zaun.

„Und plötzlich habe ich gesehen, dass die Stelle immer noch kaputt ist.“

In derselben Nacht konnte er nicht schlafen.

Er sah Bruno wieder.

Den Zaun.

Die Straße.

Das Auto.

„Ich dachte ständig daran, dass Ihr Hund irgendwann Angst bekommt und genau dasselbe macht.“

Deshalb hatte er das Metallgitter gekauft.

Deshalb grub er es tief in den Boden.

Nicht um unseren Zaun zu beschädigen.

Sondern um ihn ausbruchsicher zu machen.

„Ein Hund kann darunter graben“, sagte Reinhard. „Aber durch dieses Gitter kommt er nicht.“

Mir liefen plötzlich die Tränen über die Wangen.

Ich schämte mich für jeden Gedanken, den ich über diesen Mann gehabt hatte.

Ich hatte ihn für unheimlich gehalten.

Vielleicht sogar gefährlich.

Dabei kniete er seit Tagen in der kalten Erde, weil er verhindern wollte, dass eine fremde Familie denselben Schmerz erlebt wie er.

„Kommen Sie rein“, sagte ich.

Reinhard hob überrascht den Kopf.

„Auf einen Tee.“

Er wollte zuerst ablehnen.

Dann kam er doch.

Jannik saß bereits am Küchentisch und musterte ihn neugierig.

Innerhalb von zehn Minuten erzählte mein Sohn ihm von der Schule, von seinem Fußballtraining und von einem Modellauto, bei dem ständig ein Rad abfiel.

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