Mein Sohn verlangte an Heiligabend, dass mein vierzehnjähriger Hund in der Garage wartet. Ich ging noch vor dem Essen, und nahm meine Familie mit.
„Papa, Tasso kommt nicht ins Haus.“
Mein Sohn Volker sagte es so leise, dass seine Gäste im Wohnzimmer nichts hören konnten. Trotzdem traf mich der Satz härter, als wenn er geschrien hätte.
Neben meinem Bein stand Tasso, mein vierzehnjähriger Golden-Retriever-Mischling. Seine Schnauze war fast vollständig weiß geworden.
Die Hinterbeine zitterten leicht, doch als Volker die Tür geöffnet hatte, begann sein Schwanz sofort über den Steinboden zu klopfen.
Tasso kannte meinen Sohn noch.
Ob mein Sohn Tasso noch kannte, war ich mir plötzlich nicht mehr sicher.
„Wie meinst du das?“, fragte ich.
Volker deutete auf den hellen Boden seines neuen Hauses.
„Wir haben den gerade machen lassen. Naturstein aus Italien. Der ist empfindlich. Und Sabine möchte keine Hundehaare im Haus.“
Er sah an mir vorbei.
„Außerdem kommen später noch ein paar wichtige Leute.“
Wichtige Leute.
Ich blickte auf Tasso.
Seit meine Frau Elke vor sechs Jahren gestorben war, war Tasso derjenige gewesen, der jeden Abend auf mich gewartet hatte. Er war neben meinem Bett gelegen, als ich wochenlang kaum schlafen konnte. Er hatte seinen Kopf auf mein Knie gelegt, wenn ich beim Frühstück plötzlich anfing zu weinen.
Elke hatte ihn als jungen Hund ausgesucht.
„Der hat deine Ohren“, hatte sie damals zu mir gesagt und gelacht.
Das war einer ihrer schlechten Witze gewesen.
Ich würde alles geben, ihn noch einmal zu hören.
„Er ist alt, Volker“, sagte ich. „Er bleibt sowieso nur bei mir liegen.“
Mein Sohn seufzte.
„Die Garage ist beheizt. Da stehen zwei Autos drin, mehr nicht. Ich lege ihm eine Decke hin. Drei Stunden schafft er doch.“
Tasso drückte seinen Körper fester gegen mein Bein.
Das machte er nur, wenn er unsicher war.
Volker bemerkte es nicht.
Oder wollte es nicht bemerken.
„Er kennt die Umgebung nicht“, sagte ich.
„Papa, es ist ein Hund.“
Dieser Satz änderte etwas in mir.
Nicht sofort.
Aber ich spürte, wie etwas langsam riss.
Trotzdem gab ich nach.
Vielleicht, weil ich keinen Streit wollte. Vielleicht, weil Eltern selbst dann noch versuchen, ihren Kindern entgegenzukommen, wenn die längst erwachsen sind.
Ich trug Tasso zur Garage.
Laufen konnte er noch, aber Treppen und glatte Böden machten ihm Schwierigkeiten. Also nahm ich ihn hoch, obwohl mein Rücken dabei schmerzte.
Zwischen einem glänzenden Wagen und einem sauber aufgereihten Regal breitete ich seine alte Decke aus.
Elke hatte sie vor Jahren gekauft.
Ich legte einen Hundekeks darauf.
„Bin gleich wieder da, alter Junge.“
Tasso sah mich an.
Er berührte den Keks nicht.
Als sich die Tür hinter mir schloss, blieb dieses Bild in meinem Kopf: ein alter Hund auf einer alten Decke in einer perfekten Garage.
Drinnen standen bereits mehrere Gäste mit Gläsern in der Hand.
Das Haus war beeindruckend.
Licht schaltete sich automatisch ein. Musik lief leise aus unsichtbaren Lautsprechern. In der Küche glänzte alles so sauber, dass ich mich kaum traute, etwas anzufassen.
Volker hatte es weit gebracht.
Das musste man ihm lassen.
Als Junge hatte er sich für unser kleines Reihenhaus geschämt. Für meine Arbeitskleidung. Für das alte Auto. Für die Tatsache, dass bei uns Dinge repariert wurden, statt sofort neue zu kaufen.
Heute verdiente er mehr Geld in einem Monat, als ich früher in einem Jahr gesehen hatte.
Ich war stolz auf ihn gewesen.
Vielleicht zu stolz.
Nach zehn Minuten fragte jemand nach meiner früheren Arbeit.
Nach zwanzig Minuten erzählte ein Mann von seiner Ferienwohnung in den Bergen.
Ich nickte, obwohl ich kaum zuhörte.
In Gedanken war ich in der Garage.
Ich wusste genau, was Tasso tat.
Er wartete.
Vierzehn Jahre lang hatte er auf mich gewartet.
Vor der Badezimmertür.
Vor der Werkstatt.
Vor dem kleinen Lebensmittelladen.
Nach Elkes Beerdigung hatte er drei Stunden vor unserer Haustür gelegen, weil ich einfach ins Auto gestiegen und herumgefahren war.
Als ich zurückkam, stand er auf, wedelte und tat so, als wäre nichts passiert.
So sind Hunde manchmal.
Sie vergeben Dinge, bevor wir überhaupt verstehen, dass wir etwas falsch gemacht haben.
Volker lachte gerade mit seinen Gästen.
Dann hob er sein Glas.
„Am Ende zählt doch die Familie.“
Ein paar Leute nickten.
Ich stand auf.
„Papa? Das Essen kommt gleich.“
„Ich muss kurz zum Auto.“
Ich ging hinaus und öffnete die Garage.
Tasso lag genau dort, wo ich ihn zurückgelassen hatte.
Der Keks lag unberührt neben seiner Pfote.
Als er mich sah, versuchte er aufzustehen. Seine Vorderbeine fanden Halt, die hinteren rutschten weg.
Er winselte.
Ganz leise.
Ich ging in die Hocke.
„Was mache ich hier eigentlich?“
Tasso legte seinen Kopf an meine Brust.
Da wusste ich es.
Ich nahm ihn hoch, trug ihn zum Auto und setzte ihn auf den Beifahrersitz.
Dann startete ich den Motor.
Noch bevor ich das Grundstück verlassen hatte, klingelte mein Telefon.
Volker.
„Papa, was soll das?“
„Ich fahre nach Hause.“
„Das Essen ist noch nicht einmal auf dem Tisch!“
Ich sah zu Tasso.
Er hatte den Kopf gegen den Sitz gelehnt. Seine Augen waren geschlossen.
„Tasso hat vielleicht noch ein paar Monate“, sagte ich. „Vielleicht weniger.“
Volker schwieg kurz.
Dann wurde seine Stimme hart.
„Du willst ernsthaft wegen eines Hundes Weihnachten verlassen?“
Ich umklammerte das Lenkrad.
„Nein.“
„Was dann?“
„Ich fahre mit dem einzigen Familienmitglied nach Hause, das sich heute wirklich gefreut hat, mich zu sehen.“
Danach legte ich auf.
Wir hielten später an einem kleinen Gasthof an einer Landstraße. Die Küche war fast geschlossen, aber ich bekam noch zwei einfache Frikadellen und etwas Brot.
Eine Frikadelle teilte ich mit Tasso.
Er fraß langsam.
Danach legte er seinen Kopf auf meinen Oberschenkel.
Es war kein großes Weihnachtsessen.
Kein perfekter Tisch.
Keine teuren Gläser.
Aber ich hatte mich lange nicht mehr so wenig einsam gefühlt.
Zu Hause trug ich Tasso zu seinem Platz neben dem Sofa. Ich gab ihm Wasser und setzte mich daneben.
Er sah mich an.
Dann schlug sein Schwanz einmal gegen die Decke.
Mehr brauchte ich nicht.
Erst später schaltete ich mein Telefon wieder ein.
Dreiundzwanzig verpasste Anrufe.
Viele Nachrichten von Volker.
Eine davon lautete:
DU HAST MICH VOR ALLEN BLOSSGESTELLT.
Eine andere:
SABINE WEINT. DU TUST SO, ALS WÄREN WIR HERZLOSE MENSCHEN.
Ich legte das Telefon weg.
Am nächsten Morgen hustete Tasso.
Nicht dieses gewöhnliche Räuspern alter Hunde.
Es kam tief aus seiner Brust.
Ich kniete sofort neben ihm.
„Komm schon, mein Junge.“
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