Der verzweifelte Vater, der eine Bäckereiverkäuferin mietete und eine verbotene Wahrheit fand

Der verzweifelte Vater, der eine Bäckereiverkäuferin mietete – und eine verbotene Wahrheit fand

Sie hielt inne. „Wie meinen Sie das – nein? Unsere Abmachung war doch nur für heute.“

„Unsere Abmachung war für eine Woche“, erwiderte ich und lehnte mich in den Türrahmen. „Sie waren… unglaublich heute. Ich habe Lena seit Monaten nicht mehr so lachen sehen.“

Ich konnte den Satz nicht beenden.

„Sie hat sich an mich gebunden, Thomas“, sagte Klara und drehte sich zu mir um.

In ihrem Gesicht lag dieselbe Mischung aus Müdigkeit und Sorge, die ich schon in der Bäckerei gesehen hatte. „Sie hat mich eben so fest umarmt, dass mir fast die Luft weggeblieben ist. Sie hat gefragt, ob ich morgen zum Frühstück wieder da bin.“

„Und was haben Sie gesagt?“

„Ich habe gesagt: ‚Mal schauen.‘ Wieder eine Lüge.“

„Bleiben Sie“, sagte ich. „Bitte. Nur… diese Woche. Wie verabredet. Lassen Sie sie das noch ein paar Tage genießen.“

Klara sah mich lange an. Ihr Gesicht war im warmen Licht der kleinen Lampe kaum lesbar.

„Das ist ein Fehler“, sagte sie schließlich leise.

„Ich weiß“, gab ich zu. „Bitte.“

Sie seufzte. Ein langer, tiefer Seufzer, als würde sie alles Gute und alles Schlimme dieser Entscheidung mit ausatmen.

„Gut. Die Woche. Aber Thomas… danach bin ich weg. Sie müssen Lena darauf vorbereiten. Und sich selbst auch.“

Ich nickte. Aber tief in mir wusste ich: Sie hatte recht, es war ein Fehler. Nur aus einem anderen Grund, als sie dachte.

Der Fehler war, dass ich heute nicht nur an Lena gedacht hatte.

Ich hatte an mich gedacht.

Die nächsten sechs Tage waren eine Art sanfter Folter.

Wir rutschten in einen seltsam normalen Alltag.

Ich stand morgens auf und fand Klara oft schon in der Küche des Haupthauses. Kaffee durchgelaufen, der Frühstückstisch halb gedeckt. Sie blätterte durch die Zeitung und reichte mir automatisch den Wirtschaftsteil.

„Lena mag ihre Pfannkuchen nur dienstags mit Schokostückchen“, murmelte sie einmal, ohne aufzusehen.

„Woher wissen Sie das?“, fragte ich verblüfft.

„Sie hat es mir erzählt. Man muss ihr nur zuhören“, meinte sie schulterzuckend.

Ich nahm mir die Woche frei. Mein Assistent war entsetzt. Ich nicht.

Wir wurden… eine Familie auf Probe.

Wir gingen in den Park. Klara schob Lena auf der Schaukel immer höher, und ihr Lachen hallte über den Spielplatz. Ich spürte einen Stich – Eifersucht, überraschend scharf. Ich wollte derjenige sein, der sie so zum Lachen brachte.

Abends bauten wir im Wohnzimmer eine Kissenburg, für die mein teurer Teppich definitiv nicht gedacht war.

Klara und Lena schliefen irgendwann mittendrin ein, unter einer Decke. Ich saß auf dem Sofa, starrte sie zwei, drei Kapitel lang an und spürte zum ersten Mal seit Langem etwas, das Wärme hatte.

Es war… erschreckend einfach.

Klara war das Gegenteil von Jana. Jana hatte Wert auf Empfänge gelegt, auf „richtige“ Kindergärten, auf Fotos, die man vorzeigen konnte. Ihre Liebe war immer irgendwie an Bedingungen geknüpft gewesen.

Klaras Zuneigung war leise. Sie lag in der Art, wie sie Lenas Brot mit einem Plätzchenausstecher in Herzform schnitt.

In der Art, wie sie im Flüsterton mit ihr diskutierte, ob „Der kleine Bär im Mondschein“ oder „Das Märchen von der Hummel, die nicht fliegen wollte“ als Gute-Nacht-Geschichte dran war, als hinge davon das Schicksal der Welt ab.

Und wir redeten. Nachts, wenn Lena schlief. Auf der Terrasse, mit einer Tasse Tee vor ihr und einem Glas Rotwein vor mir.

Sie erzählte von ihrer Kindheit in einem kleinen Ort, von ihrem Traum, einmal eine inklusive Kita nur für Kinder mit besonderem Förderbedarf zu eröffnen. Von ihrer gescheiterten Verlobung, einem Mann, der „die Idee von ihr“ geliebt hatte, nicht die Realität.

„Er wollte eine Frau, die seine Gäste bewirtet“, sagte sie und schaute in den Abendhimmel. „Nicht eine, die mit Kleber im Haar und Farbe auf den Händen nach Hause kommt.“

„Ich mag die Farbe“, murmelte ich. „Und das Glitzer.“

Sie lächelte, ein kleines, trauriges Lächeln. „Thomas, das hier ist nicht echt.“

„Es fühlt sich echt an“, sagte ich.

„Heute ist Tag sechs“, erwiderte sie. „Morgen ist Tag sieben. Dann ist unsere kleine ‚Vereinbarung‘ vorbei.“

„Und wenn ich nicht will, dass sie vorbei ist?“ Die Worte kamen, bevor ich sie stoppen konnte. Sie hingen zwischen uns in der kühlen Luft.

Klara stand auf. „Fangen Sie nicht damit an. Machen Sie es nicht noch schwerer. Ich muss packen.“

Sie ließ mich mit dem leeren Glas und einem seltsam leeren Gefühl zurück.

Tag sieben.

Ich wachte auf in einem ungewohnt stillen Haus. Kein Klappern aus der Küche. Kein Lachen.

Die Tür des Gästehauses stand offen. Ihr Rucksack war weg.

Panik schoss in mir hoch, kalt und klar. Sie war weg. Ohne Abschied. Genau wie Jana damals.

Ich rannte zurück ins Haus. „Klara?“

Die Küche war leer. Aber auf der Arbeitsplatte lag ein Zettel.

Thomas,
ich bin feige. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, mich von ihr zu verabschieden.
Ich bin in der Bäckerei, ich habe Samstagsdienst.
Es tut mir unendlich leid. Bitte sag ihr… sag ihr, dass ich gehen musste. Und dass ich sie vermissen werde.
– K

Ich las den Zettel dreimal. Da hörte ich eine kleine Stimme.

„Papa?“

Lena stand im Türrahmen, den Teddy im Arm, die Haare zerzaust.

„Wo ist Klara?“, fragte sie und sah an mir vorbei in die leere Küche. „Es ist doch Pfannkuchen-Samstag.“

Mein Herz tat richtig weh.

„Schatz…“, begann ich und ging in die Hocke.

„Sie ist weg, oder?“, flüsterte Lena.

Die Klarheit von Kindern ist ein Messer.

„Ja, Liebling“, sagte ich ehrlich. „Sie musste zur Arbeit. In der Bäckerei.“

„So wie Mama?“, fragte sie.

Ich schluckte. „Nein. Nicht so wie Mama. Klara… Klara musste zurück in ihre eigene Wohnung. In ihren Alltag.“

Lenas Unterlippe begann zu zittern. „Aber… sie ist doch unsere Freundin. Freunde bleiben.“

„Ich weiß“, flüsterte ich. „Ich weiß.“

„Ich hab sie lieb“, sagte sie, und die erste Träne kullerte.

Das war der Moment.

Ich würde nicht noch einmal zusehen, wie jemand einfach verschwindet. Nicht wieder. Nicht bei ihr.

„Zieh deine Schuhe an“, sagte ich plötzlich.

„Was?“

„Zieh deine Schuhe an. Wir kommen sonst zu spät.“

„Wozu zu spät?“, fragte sie und rieb sich die Augen.

„Zum Frühstück“, sagte ich. „Wir gehen Pfannkuchen essen.“

Die Bäckerei war voll. Samstagsandrang. Durch das Schaufenster sah ich sie: Klara, die Haare wieder zu einem ordentlichen Knoten hochgesteckt, die helle Arbeitskleidung an. Sie wirkte wie ein anderer Mensch. Die Bäckereifachverkäuferin. Nicht… unsere Klara.

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