Nach Lenas Besuch blieb der Bilderrahmen neben meinem Spiegel stehen.
Am Anfang sah ich fast jedes Mal hin, wenn ich eine Kundin föhnte oder den Tresen abwischte. Später wurde das Foto Teil des Salons, so selbstverständlich wie die Scheren in meiner Schublade.
Doch Marianne verschwand nicht aus meinen Gedanken.
Manchmal glaubte ich noch, ihre leise Stimme zu hören.
„Dann bin ich wenigstens eine Kundin.“
Und jedes Mal musste ich lächeln.
Lena kam einige Wochen später wieder. Nicht für einen Haarschnitt. Sie stellte sich nur kurz in die Tür, mit roten Augen und einem braunen Umschlag in der Hand.
„Ich habe beim Ausräumen etwas gefunden“, sagte sie.
Vorne auf dem Umschlag stand mein Vorname. Die Schrift war zittrig, aber deutlich.
„Von Ihrer Großmutter?“
Lena nickte.
„Sie muss es vor der Hochzeit geschrieben haben.“
Ich wollte den Umschlag nicht sofort öffnen. Es fühlte sich an, als würde ich etwas betreten, das nur Marianne gehörte.
„Lesen Sie ruhig“, sagte Lena. „Sie hat ihn an Sie geschrieben.“
Also setzte ich mich auf den Hocker hinter dem Tresen und zog das gefaltete Blatt heraus.
Marianne hatte nur wenige Zeilen geschrieben.
„Liebe Frau Neumann, heute haben Sie mich nicht behandelt wie eine Kranke. Sie haben mich behandelt wie einen Menschen, der noch etwas vorhat. Das war mehr, als Sie vielleicht glauben.
Bitte vergessen Sie darüber Ihr eigenes Leben nicht. Menschen, die sich gut um andere kümmern, merken oft zu spät, wem sie selbst aus dem Weg gehen.
Rufen Sie den Menschen an, an den Sie gerade denken.“
Darunter stand nur:
„Marianne Vogt.“
Ich las den letzten Satz zweimal.
„Wissen Sie, wen sie gemeint hat?“, fragte Lena.
Natürlich wusste ich es.
Meine Mutter.
Wir hatten seit fast einem Jahr kaum miteinander gesprochen.
Es war kein großer Streit gewesen. Vielleicht war genau das das Schlimmste.
Nach dem Tod meines Vaters war sie stiller geworden. Jede Hilfe klang für sie wie Bevormundung. Jeder gut gemeinte Satz konnte falsch sein.
Eines Tages hatte sie mir vorgeworfen, ich würde nur kommen, um ihre Wohnung zu kontrollieren.
Ich war müde gewesen. Der Salon lief schlecht, zwei Rechnungen lagen offen, und ich hatte seit Wochen kaum geschlafen.
Also sagte ich etwas, das ich sofort bereute.
„Dann komm doch allein zurecht.“
Sie sah mich lange an.
„Das tue ich, seit dein Vater tot ist.“
Danach ging ich.
Anfangs telefonierten wir noch. Kurz und höflich.
Dann wurden aus Tagen Wochen. Aus Wochen wurden Monate.
Irgendwann erzählte ich mir selbst, sie wolle ihre Ruhe.
In Wahrheit hatte ich Angst.
Angst vor einem neuen Streit. Und vielleicht auch Angst davor, zu sehen, dass sie älter geworden war.
Lena stand noch immer vor dem Tresen.
„Meine Oma hat Menschen schnell durchschaut“, sagte sie.
„Das merke ich.“
Ich steckte den Brief in meine Handtasche.
Doch ich rief meine Mutter an diesem Tag nicht an.
Auch am nächsten nicht.
Ich fand Gründe. Zu viele Termine. Zu spät am Abend. Vielleicht wollte sie nicht gestört werden.
Eine Woche verging.
Dann kam an einem Dienstag eine ältere Kundin in den Salon. Beim Aufstehen vergaß sie ihre Brille auf dem Tisch.
Ich lief ihr bis zur Tür nach.
„Ihre Brille.“
Sie nahm sie und lachte.
„Sehen Sie, ohne Sie wäre ich verloren.“
Es war nur ein Satz.
Trotzdem dachte ich wieder an Mariannes Brief.
Rufen Sie den Menschen an, an den Sie gerade denken.
In der Mittagspause schloss ich die Tür, setzte mich in Mariannes alten Stuhl und wählte die Nummer meiner Mutter.
Es klingelte lange.
Dann hörte ich ihre Stimme.
„Ja?“
Sie klang vorsichtig. Fast fremd.
„Mama, ich bin es.“
Eine Pause.
„Das sehe ich auf dem Telefon.“
Früher hätte mich dieser Satz sofort gereizt.
Diesmal atmete ich nur ein.
„Ich wollte deine Stimme hören.“
Wieder war es still.
Dann sagte sie leise:
„Dafür hast du lange gebraucht.“
„Ja.“
Ich suchte nach einer Erklärung. Nach einem Satz, der alles ordnen würde.
Aber es gab keinen.
Also sagte ich nur:
„Es tut mir leid.“
Am anderen Ende hörte ich ein Geräusch, als würde sie sich setzen.
„Mir auch“, sagte sie.
Mehr brauchten wir in diesem Moment nicht.
Wir sprachen zwölf Minuten.
Über ihren tropfenden Wasserhahn. Über meinen Salon. Über die Nachbarin, die immer zu viel Kuchen backte.
Bevor wir auflegten, fragte ich:
„Kann ich am Sonntag kommen?“
Meine Mutter zögerte.
„Du kannst sogar früher kommen.“
Am Sonntag stand ich mit einem gekauften Apfelkuchen vor ihrer Tür.
Sie öffnete und sah zuerst auf den Kuchen, dann auf mich.
„Der ist nicht selbst gebacken.“
„Natürlich nicht.“
Zum ersten Mal seit Monaten lächelte sie.
Wir umarmten uns nicht sofort. Dafür waren wir beide zu stolz und zu unsicher.
Sie ging in die Küche, ich folgte ihr.
Auf dem Tisch standen schon zwei Tassen.
An diesem Nachmittag redeten wir nicht über alles. Wir arbeiteten unseren Streit nicht Satz für Satz auf.
Wir tranken Kaffee.
Ich zog den Wasserhahn fest.
Später sahen wir alte Fotos an.
Auf einem Bild trug sie die Haare hochgesteckt. Mein Vater stand hinter ihr und hatte beide Hände auf ihre Schultern gelegt.
„Du warst schön“, sagte ich.
Meine Mutter hob eine Augenbraue.
„War?“
Ich lachte.
„Bist du noch.“
Sie strich mit dem Finger über das Foto.
„Manchmal sieht man das selbst nicht mehr.“
Ich dachte an Marianne im Spiegel.
Da bin ich ja noch.
„Dann muss es einem jemand sagen“, antwortete ich.
Diesmal umarmten wir uns.
Von da an telefonierten wir jeden Mittwochabend.
Nicht immer lange. Aber wir ließen keine Monate mehr zwischen uns liegen.
Lena kam weiterhin in den Salon. Erst alle paar Wochen, später regelmäßiger.
Eines Tages legte sie beim Hinsetzen beide Hände auf ihren Bauch.
Ich bemerkte es, bevor sie etwas sagte.
„Wann?“
Sie lächelte.
„Im November.“
Ich legte die Schere weg und umarmte sie.
„Ihre Großmutter hätte sich gefreut.“
Lena nickte.
„Sie wusste es noch.“
„Wirklich?“
„Ich habe es ihr zwei Tage vor der Hochzeit gesagt.“
Lenas Augen wurden feucht.
„Sie hat meine Hand genommen und gesagt: Dann gehe ich nicht, ohne Hallo gesagt zu haben.“
Ich musste mich wegdrehen und so tun, als würde ich ein Handtuch holen.
Im November brachte Lena ein Mädchen zur Welt.
Sie nannte sie Marie.
„Das war der Name, den mein Großvater für Oma benutzt hat, wenn niemand zuhörte“, erklärte sie.
Einige Monate später kam Lena mit dem Baby in den Salon.
Marie schlief in einer Tragetasche neben dem Stuhl. Sie hatte wenige helle Haare und eine kleine Falte zwischen den Augen, als müsste sie schon über ernste Dinge nachdenken.
An der Decke der Tasche hing die Perlenklammer.
Lena hatte sie an ein schmales fliederfarbenes Band gesteckt.
„Ich möchte, dass sie später weiß, woher sie kommt“, sagte sie.
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