Meine Stimme klang plötzlich fremd.
Sechs kleine Hunde.
Und ihre dreibeinige Mutter hatte uns zu jedem einzelnen geführt.
Als wir zurückkamen, richtete sich die Hündin noch einmal auf.
Sie ging langsam zu den Welpen.
Einen nach dem anderen beschnupperte sie.
Beim sechsten blieb sie länger stehen.
Dann sank sie auf den Boden und legte ihren Kopf zwischen ihre Vorderpfoten.
Ihre Brust hob und senkte sich schwer.
Ich setzte mich neben sie.
„Du hast es geschafft“, flüsterte ich. „Alle sechs sind da.“
Für ein paar Minuten glaubte ich wirklich, wir hätten es geschafft.
Doch dann stand die Hündin wieder auf.
Langsam und zitternd.
Sie blickte nicht zu ihren Welpen.
Sondern zu einem alten Geräteschuppen, der fast fünfzig Meter entfernt aus dem Hochwasser ragte.
Nur das obere Stück der Holzwände und ein Teil des Daches waren noch zu sehen.
Um die Tür kreisten Äste und andere Trümmer.
Die Strömung dort war gefährlich stark.
Die Hündin machte einen Schritt in Richtung Wasser.
Dann noch einen.
„Nein, Mädchen“, sagte ich und stellte mich vorsichtig vor sie.
Sie versuchte nicht, an mir vorbeizukommen.
Stattdessen sah sie mich an.
Dann die sechs Welpen.
Dann wieder den Schuppen.
Ein leises, beinahe klagendes Geräusch kam aus ihrer Kehle.
Bernd trat neben mich.
„Andreas, meinst du, da ist noch einer?“
Ich wusste es nicht.
Wir hatten sechs Welpen gefunden. Aber niemand konnte uns sagen, wie viele ursprünglich zu ihrem Wurf gehört hatten.
Und plötzlich machte mir dieser Gedanke Angst.
Was, wenn noch ein siebter Welpe dort draußen war?
Wir sicherten die Mutter und ihre Welpen in Transportboxen auf dem Boot.
Die Hündin ließ alles geschehen.
Doch während wir zum Geräteschuppen fuhren, saß sie aufrecht und starrte ununterbrochen dorthin.
Ich hatte das Gefühl, dass sie erst dann zur Ruhe kommen würde, wenn wir verstanden hatten, was sie uns sagen wollte.
Der Eingang zum Schuppen lag unter Wasser.
Bernd hielt das Boot neben der verbliebenen Holzwand, während ich mich vorsichtig unter den Dachvorsprung beugte.
„Siehst du etwas?“, fragte er.
„Nur alte Werkzeuge und Gerümpel.“
Ich leuchtete mit meiner Taschenlampe hinein.
Ein umgekippter Schrank. Ein rostiger Spaten. Ein Stapel nasser Holzbretter.
Kein Welpe.
Kein Winseln.
Nichts.
Dann entdeckte ich einen alten Futtersack.
Er hing an einer Schnur, die jemand an einem Dachbalken festgebunden hatte.
Der Sack befand sich weit über dem Wasser und war offenbar absichtlich so hoch aufgehängt worden.
„Hier ist etwas“, sagte ich.
Ich löste die Schnur und zog den Sack ins Boot.
Er war schwerer, als ich erwartet hatte.
Bernd sah mich fragend an.
Ich öffnete ihn vorsichtig.
Darin lagen eine kleine Metalldose, ein zusammengefaltetes Foto und mehrere in Plastik eingewickelte Blätter.
Außerdem befand sich darin eine abgenutzte Hundedecke.
Auf der Decke war mit rotem Garn ein Name eingestickt.
Resi.
Ich schaute zur Hündin.
„Heißt du etwa Resi?“
Sie hob den Kopf.
Zum ersten Mal seit unserer Begegnung wedelte sie schwach mit dem Schwanz.
Bernd sah mich erstaunt an.
„Versuch es noch mal.“
„Resi?“
Diesmal richtete sie sich ein wenig auf.
Und da wussten wir, dass wir zumindest einen Teil ihrer Geschichte gefunden hatten.
Wir brachten alle sieben Tiere zu einer provisorischen Auffangstation auf einem höher gelegenen Grundstück.
Dort wartete bereits eine Tierärztin.
Die sechs Welpen wurden untersucht, langsam aufgewärmt und versorgt.
Alle waren stark unterkühlt und erschöpft. Doch nach den ersten Untersuchungen bestand Hoffnung, dass sie sich vollständig erholen würden.
Resi lag währenddessen auf einer Decke.
Ihr Kopf ruhte auf meinen Schuhen.
Jedes Mal, wenn einer ihrer Welpen fiepte, hob sie sofort den Kopf.
„Sie hat wirklich alles gegeben“, sagte die Tierärztin.
Ich strich Resi vorsichtig über die Stirn.
„Ja“, antwortete ich. „Das hat sie.“
Erst am Nachmittag hatten Bernd und ich Zeit, uns den Inhalt des Futtersacks genauer anzusehen.
In der Metalldose lagen ein paar alte Hundemarken, ein kleiner Schlüssel und mehrere handgeschriebene Zettel.
Das Foto zeigte einen älteren Mann mit grauem Haar.
Er saß auf einer Holzbank vor dem Schuppen.
Neben ihm lag eine hellbraune Hündin mit weißer Brust.
Sie hatte ein rotes Halsband.
Und nur drei Beine.
Resi.
Auf der Rückseite des Fotos stand:
„Meine Resi. Sommer 2021.“
Darunter war ein Name notiert.
Karl Hoffmann.
Der Mann auf dem Foto wirkte ungefähr siebzig Jahre alt.
Er hatte ein faltiges Gesicht und große, raue Hände. Eine davon lag auf Resis Kopf.
Beide schauten direkt in die Kamera.
Ich öffnete die Plastikfolie mit den Blättern.
Es waren kurze Notizen, offenbar über mehrere Monate geschrieben.
Auf einem Zettel stand:
„Resi war heute wieder bei mir. Hat ihr Futter gefressen und danach unter der Bank geschlafen.“
Auf einem anderen:
„Sie lässt sich jetzt am Kopf streicheln. Aber sobald jemand Fremdes kommt, läuft sie weg.“
Und schließlich fanden wir einen Eintrag, der mich lange nicht loslassen sollte.
„Ich weiß nicht, wem sie früher gehört hat. Seit sie ihr Bein verloren hat, scheint sie niemand mehr haben zu wollen. Aber solange ich noch hier bin, soll sie wenigstens jeden Tag etwas zu fressen bekommen.“
Bernd las die Zeilen schweigend.
„Also war sie gar nicht seine Hündin?“, fragte er.
„Vielleicht nicht auf dem Papier“, antwortete ich.
Ich betrachtete das alte Foto.
„Aber ich glaube, für ihn war sie längst Familie.“
Wir fanden noch einen letzten Brief.
Er war auf die Rückseite eines alten Kalenderblattes geschrieben worden.
Die Schrift war ungleichmäßig, als hätte die Hand des Verfassers gezittert.
„Falls jemand diesen Sack findet: Die Hündin mit dem roten Halsband heißt Resi. Sie ist scheu, aber lieb. Sie hat hier ihren Platz. Bitte lasst sie nicht einfach allein.“
Darunter stand ein Satz, den ich zweimal lesen musste.
„Ich musste ins Pflegeheim. Ich kann nicht mehr zu ihr. Mein Nachbar wollte sich kümmern, aber ich weiß nicht, wie lange das möglich ist.“
Der Brief war drei Monate alt.
Plötzlich ergab vieles einen Sinn.
Der Schuppen war für Resi offenbar ein vertrauter Ort gewesen.
Hier hatte sie Futter bekommen.
Hier hatte jemand mit ihr gesprochen.
Hier war sie vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit nicht weggejagt worden.
Und als sie Junge bekam, hatte sie ausgerechnet diesen Ort gewählt.
Den Platz, an dem sie sich sicher gefühlt hatte.
Niemand wusste, ob Karl von den Welpen erfahren hatte.
Aber der Gedanke, dass er irgendwo in einem Pflegeheim saß und nicht wusste, was aus seiner Resi geworden war, ließ mich nicht los.
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