Am nächsten Morgen versuchten wir, ihn ausfindig zu machen.
Über die Angaben auf den alten Zetteln gelangten wir schließlich zu einer Pflegeeinrichtung in einem Nachbarort.
Als ich dort anrief, erklärte mir eine freundliche Mitarbeiterin, dass Karl tatsächlich dort lebte.
Er war inzwischen 76 Jahre alt.
Sein Gesundheitszustand erlaubte ihm nicht mehr, allein auf seinem alten Grundstück zu wohnen.
Die Mitarbeiterin erzählte mir, dass er oft von einer dreibeinigen Hündin sprach.
Manchmal fragte er sogar, ob jemand nach ihr gesehen habe.
Ich schluckte.
„Könnten wir ihn besuchen?“, fragte ich. „Wir haben jemanden gefunden, den er vielleicht wiedersehen möchte.“
Zwei Tage später fuhr ich gemeinsam mit Bernd zu der Einrichtung.
Resi saß angeschnallt in einer Transportbox auf dem Rücksitz.
Ihre Welpen blieben unter tierärztlicher Betreuung in der Auffangstation.
Wir hatten vorher abgesprochen, dass der Besuch ruhig und kurz sein sollte.
Karl wartete in einem kleinen Gemeinschaftsraum.
Er saß im Rollstuhl am Fenster.
Seine Schultern waren schmal, sein Gesicht wirkte müde.
Als wir eintraten, blickte er zunächst nur zu uns.
„Herr Hoffmann?“, fragte ich.
Er nickte.
„Wir haben Ihre Resi gefunden.“
Für einen Augenblick bewegte er sich nicht.
Dann griff er nach der Armlehne seines Rollstuhls.
„Meine Resi?“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Ich öffnete die Transportbox.
Resi trat langsam heraus.
Sie blickte sich um, schnupperte am Boden und blieb plötzlich stehen.
Karl hielt die Hände vor sich.
„Reserl?“
Die Hündin hob den Kopf.
Eine Sekunde lang war es völlig still.
Dann begann ihr Schwanz zu wedeln.
Sie humpelte direkt zu Karl.
Er beugte sich so weit nach vorne, wie er konnte, und legte beide Hände um ihren Kopf.
„Ach, mein Mädchen“, flüsterte er.
Seine Stimme brach.
„Du lebst ja noch.“
Resi drückte ihre Schnauze gegen seine Knie.
Der alte Mann begann zu weinen.
Nicht laut.
Einfach still, während er über ihr inzwischen sauberes Fell strich.
Bernd drehte sich zum Fenster.
Ich tat so, als müsste ich etwas in meiner Tasche suchen.
Manchmal möchte man einem Menschen einen solchen Moment einfach lassen.
Nach einer Weile erzählte Karl uns, wie er Resi kennengelernt hatte.
Sie war eines Tages auf seinem Grundstück aufgetaucht.
Damals konnte sie bereits nur auf drei Beinen laufen.
Er hatte ihr zunächst eine Schüssel Wasser hingestellt.
Am nächsten Morgen stand sie wieder vor seiner Tür.
Also gab er ihr etwas Futter.
Und irgendwann blieb sie.
„Sie wollte nie ins Haus“, sagte Karl. „Aber jeden Abend hat sie auf mich gewartet.“
Er lächelte schwach.
„Ich hab immer gedacht, ich kümmere mich um sie. Dabei hat sie sich auch um mich gekümmert.“
Als er ins Pflegeheim ziehen musste, hatte er gehofft, dass ein Nachbar weiter nach ihr sehen würde.
Doch nach einigen Wochen hatte er nichts mehr von ihr gehört.
„Ich hatte solche Angst, dass sie allein irgendwo verhungert“, sagte er.
Ich setzte mich neben ihn.
„Herr Hoffmann, Resi war nicht allein.“
Er schaute mich verwundert an.
„Sie hat sechs Welpen.“
Karl öffnete den Mund.
Dann lachte er.
Es war ein überraschtes, ungläubiges Lachen.
„Sechs? Unsere Resi?“
Ich zeigte ihm die Fotos.
Auf einem Bild lagen alle sechs Welpen dicht an ihrer Mutter.
Karl betrachtete es lange.
Dann strich er vorsichtig mit einem Finger über den Bildschirm.
„Du hast also selbst eine Familie gegründet“, flüsterte er.
In den folgenden Wochen erholten sich Resi und ihre Welpen gut.
Die Kleinen nahmen zu, wurden lebhafter und begannen neugierig ihre Umgebung zu erkunden.
Für alle sechs fanden wir später passende Familien.
Resi erhielt ebenfalls ein Zuhause.
Eine ältere Frau aus der Umgebung, die bereits Erfahrung mit Hunden hatte, erklärte sich bereit, sie aufzunehmen.
Ihr Haus besaß einen kleinen eingezäunten Garten und lag nur wenige Minuten von Karls Pflegeeinrichtung entfernt.
Sie versprach, Resi regelmäßig zu ihm zu bringen.
Und sie hielt ihr Versprechen.
Jeden Mittwoch durfte Resi Karl besuchen, sofern es beiden gut ging.
Die Mitarbeiter erzählten uns später, dass Karl an diesen Tagen meistens schon eine Stunde vorher am Fenster saß.
Er hielt dann eine kleine Dose mit Hundekeksen auf dem Schoß.
Wenn Resi durch die Tür kam, begann er zu lächeln.
Ich besuchte die beiden einige Monate nach der Überschwemmung noch einmal.
Karl saß auf einer Bank im Garten der Einrichtung.
Resi lag zu seinen Füßen.
Ihr rotes Halsband war inzwischen durch ein neues ersetzt worden, aber ihre alte Hundemarke trug sie noch immer.
Karl sah mich an und sagte etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.
„Wissen Sie, Andreas, die Leute haben immer gesagt, sie sei arm dran, weil ihr ein Bein fehlt.“
Er blickte hinunter zu Resi.
„Aber dieses kleine Mädchen hatte mehr Mut als wir alle zusammen.“
Ich musste an die Fluten denken.
An den kleinen Kopf, der immer wieder zwischen den braunen Wellen auftauchte.
An die sechs Welpen, die ohne ihre Mutter vielleicht niemand gefunden hätte.
Und an einen alten Mann, der geglaubt hatte, seine einzige vierbeinige Freundin nie wiederzusehen.
Resi hatte ihre Jungen durch das Hochwasser geführt, so gut sie konnte.
Sie hatte nicht aufgegeben, obwohl jeder einzelne Weg ihre letzten Kräfte kostete.
Und am Ende führte sie uns auch zu dem Menschen zurück, der ihr einst geholfen hatte.
Heute leben alle sechs Welpen in liebevollen Familien.
Resi hat ein sicheres Zuhause.
Und Karl bekommt noch immer jeden Mittwoch Besuch von seiner alten Freundin.
Manchmal sehe ich mir das Foto an, das wir bei unserem letzten Besuch gemacht haben.
Karl sitzt darauf im Gartenstuhl.
Resi liegt neben ihm, den Kopf auf seinem Schuh.
Beide sehen zufrieden aus.
Es ist kein besonderes Foto. Ein bisschen unscharf, schief aufgenommen, und Karl hat die Augen halb geschlossen.
Aber für mich ist es eines der schönsten Bilder, die ich besitze.
Denn immer, wenn ich es ansehe, denke ich daran, wie leicht wir uns damals hätten irren können.
Wir glaubten, eine erschöpfte Hündin würde in Panik immer wieder zurück ins Wasser laufen.
In Wirklichkeit hatte sie einen Grund, den wir erst verstehen mussten.
Sie hatte nur drei Beine. Aber sie ließ keinen ihrer sechs Welpen zurück. Und als wir ihr folgten, fanden wir nicht nur ihre Kinder, sondern auch den Menschen, der sie nie vergessen hatte.






