Die kleinen Pakete einer einsamen Witwe veränderten das Leben eines müden Paketboten

Ich hasste die Wohnung im dritten Stock, bis ich sah, was Frau Mertens wirklich bei mir bestellte.

Mein Name ist Roman. Ich bin 29 und fahre Pakete aus. Jeden Tag dieselbe Tour, dieselben Treppenhäuser, dieselben Klingelschilder mit vergilbten Namen. Man lernt schnell, welche Häuser leicht sind und welche einem den ganzen Plan kaputtmachen.

Hausnummer 18 gehörte zur zweiten Sorte.

Altbau. Kein Aufzug. Dritter Stock links. Frau Mertens.

Fast jeden Tag lag ein kleines Päckchen für sie in meinem Wagen. Nie etwas Wichtiges. Eine Packung Wäscheklammern. Ein einzelner Topflappen. Zwei Knöpfe. Ein billiger Kugelschreiber. Einmal sogar nur ein Plastiklineal.

Ich verstand es nicht.

Ich schleppte mich die Treppe hoch, scannte das Paket, klingelte, wartete, lächelte kurz und rannte wieder runter. In meinem Gerät blinkten die nächsten Stopps. Noch 47 Sendungen. Noch 46. Noch 45.

An manchen Tagen murmelte ich schon im Treppenhaus: „Frau Mertens, bitte heute nicht.“

Sie war 84, klein, ordentlich gekämmt, immer in einer Strickjacke. Sie öffnete langsam, als hätte jede Bewegung einen Preis. Und trotzdem sagte sie jedes Mal denselben Satz.

„Ach, Herr Roman. Sie schon wieder. Schön, dass Sie da sind.“

Ich nickte dann nur. „Ihr Paket, Frau Mertens.“

Eines Dienstags hatte ich besonders schlechte Laune. Mein Rücken tat weh, mein Frühstück lag noch ungegessen im Auto, und das Gerät piepte ohne Pause. Für Frau Mertens hatte ich ein winziges Päckchen in der Hand. Es war so leicht, dass ich dachte, es sei leer.

Auf dem Aufkleber stand: ein gebrauchter Teelöffel aus Kunststoff.

Ich starrte darauf.

Ein gebrauchter Plastiklöffel.

Da platzte mir innerlich fast der Kragen. Wer bestellt so etwas? Wer lässt jemanden drei Stockwerke hochlaufen für einen Löffel, den man wahrscheinlich in jeder Schublade findet?

Ich klingelte härter als sonst.

Es dauerte. Dann hörte ich ihre Schritte hinter der Tür. Langsam. Schleifend. Die Kette klirrte. Die Tür ging einen Spalt auf.

„Ach, Herr Roman“, sagte sie und lächelte. „Einen Moment. Ich mache ganz auf.“

Ich wollte das Päckchen nur abgeben und weg. Doch als sie die Tür öffnete, sah ich in den Flur.

Dort standen Päckchen.

Nicht zwei oder drei.

Mindestens dreißig.

Alle sauber an der Wand gestapelt. Ungeöffnet. Manche noch mit Staub auf dem Papier. Kleine Kartons, Luftpolsterumschläge, dünne Versandtaschen.

Ich blieb stehen.

„Frau Mertens“, sagte ich vorsichtig, „soll ich Ihnen vielleicht helfen, ein paar Sachen auszupacken?“

Sie erschrak so sehr, dass sie die Hand fester um ihren Gehstock legte.

„Nein, nein. Das ist nicht nötig.“

Ihre Stimme war freundlich, aber in ihren Augen lag etwas, das nicht dazu passte. Scham. Vielleicht Angst.

Dann fiel mein Blick auf ein kleines Heft auf der Kommode neben der Tür. Es lag offen. Ich wollte nicht neugierig sein, aber mein Name sprang mir sofort ins Auge.

Dienstag, 10.14 Uhr: Roman hat gelächelt.

Donnerstag, 13.02 Uhr: Roman hat gefragt, ob alles in Ordnung ist.

Montag: Paket vor der Tür. Niemanden gesehen.

Mir wurde heiß im Gesicht.

Frau Mertens folgte meinem Blick. Für einen Moment sagte keiner von uns etwas. Das Piepen meines Geräts klang plötzlich unverschämt laut.

„Es ist albern“, sagte sie leise.

Ich schüttelte den Kopf. „Was ist albern?“

Sie sah nicht mich an, sondern die Päckchen an der Wand.

„Mein Mann ist vor fünf Jahren gestorben. Früher war hier immer irgendein Geräusch. Seine Tasse in der Küche. Seine Schritte. Sein Räuspern. Man glaubt gar nicht, wie laut ein Mensch fehlt, wenn er weg ist.“

Ich schluckte.

Sie fuhr fort: „Die Verwandten wohnen weit weg. Sie melden sich, ja. Aber alle haben ihr eigenes Leben. Das ist normal. Ich will niemandem zur Last fallen.“

Dann hob sie das winzige Päckchen mit dem Plastiklöffel an.

„Wenn ich etwas bestelle, klingelt jemand. Dann steht für einen kurzen Moment ein Mensch vor meiner Tür. Jemand sagt meinen Namen. Manchmal sehe ich nur einen Rücken im Treppenhaus. Aber selbst das ist mehr als gar nichts.“

Ich wusste nicht, wohin mit meinen Händen.

Drei Monate lang hatte ich mich über diese Frau geärgert. Über ihre kleinen Pakete. Über ihre Treppe. Über die Minuten, die sie mich kostete.

Und sie hatte diese Minuten gekauft, weil sonst niemand kam.

„Manchmal“, sagte sie, „ist die Klingel das Einzige, was mir zeigt, dass ich noch hier bin.“

Da tat mir etwas weh, ganz tief im Brustkorb.

Ich dachte an mein eigenes Leben. An die Pausen, die keine waren. An das Essen im Auto. An die Nachrichten, die ich nie beantwortete, weil ich immer müde war. An meine Mutter, die manchmal nur schrieb: Ruf mal an, wenn du Zeit hast.

Und ich hatte selten Zeit.

Ich sah Frau Mertens an und sagte: „Ich habe heute nicht lange. Aber ich habe Pause in zwanzig Minuten. Darf ich dann noch mal klingeln? Ohne Paket?“

Ihre Augen wurden feucht.

„Das würden Sie tun?“

„Ja“, sagte ich. „Ich heiße ja nicht nur Roman, wenn ich etwas scanne.“

Zwanzig Minuten später stand ich wieder vor ihrer Tür. In der Hand hielt ich zwei belegte Brötchen aus der kleinen Bäckerei an der Ecke.

Diesmal piepte kein Gerät. Kein Code. Kein Auftrag.

Ich klingelte einfach.

Frau Mertens öffnete, und für einen Moment sah sie jünger aus. Nicht im Gesicht. Eher in der Art, wie sie atmete.

„Kein Paket heute?“, fragte sie.

„Nein“, sagte ich. „Nur Mittagspause.“

Sie nickte langsam. „Dann mache ich Tee.“

Seitdem bestellte Frau Mertens keine nutzlosen Kleinigkeiten mehr. Nicht jeden Tag. Nicht für mich. Nicht für die Klingel.

Ich komme zweimal die Woche in meiner Pause vorbei. Manchmal reden wir über einfache Dinge. Manchmal sitzen wir nur da. Das reicht.

In Deutschland stehen viele Türen ordentlich geschlossen. Mit Namensschild, Fußmatte und Briefkasten. Von außen sieht alles normal aus. Doch hinter manchen Türen wartet kein Paket. Da wartet ein Mensch darauf, dass jemand seinen Namen sagt.

Für uns sind fünf Minuten oft nur eine Störung im Plan.

Für jemanden wie Frau Mertens können fünf Minuten ein ganzer Tag voller Würde sein.

Warte nicht, bis eine Tür nicht mehr geöffnet wird.

Klingel vorher.

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