Die kleinen Pakete einer einsamen Witwe veränderten das Leben eines müden Paketboten

Nach dem ersten Klingeln ohne Paket glaubte ich, Frau Mertens gerettet zu haben. Dann blieb ihre Tür plötzlich still.

Am Anfang dachte ich, es würde bei diesen zwei Pausen in der Woche bleiben.

Dienstag und Freitag.

Mehr nicht.

Ich wollte ja nichts Großes daraus machen. Kein Held sein. Kein Mann, über den man später sagt, er habe ein Leben verändert.

Ich war immer noch Roman.

29 Jahre alt.

Pakete im Wagen.

Rücken kaputt.

Zu wenig Schlaf.

Zu viele Treppen.

Nur dass Hausnummer 18 plötzlich nicht mehr das Haus war, das mir den Plan kaputtmachte.

Es war das Haus, in dem jemand auf mich wartete.

Frau Mertens stellte anfangs immer zwei Tassen auf den Tisch, als wäre Besuch etwas, das man richtig machen musste.

Neben meiner Tasse lag ein kleines Stück Schokolade.

„Für die Kraft“, sagte sie.

Ich lachte beim ersten Mal.

„Frau Mertens, wenn ich jedes Mal Schokolade esse, passe ich bald nicht mehr durchs Treppenhaus.“

Sie sah mich ernst an.

„Dann müssen die Treppen eben breiter werden.“

So war sie.

Leise.

Fein.

Aber manchmal kam ein Satz von ihr, der blieb einem im Kopf hängen.

Ihre Wohnung roch nach Tee, altem Holz und sauberer Wäsche. Auf der Fensterbank standen drei Pflanzen, alle ein bisschen schief, aber lebendig.

Im Wohnzimmer hing ein Foto von ihrem Mann.

Ein großer Mann mit dichtem Haar, breitem Lächeln und einer Tasse in der Hand.

„Das war Erich“, sagte sie beim zweiten Besuch.

Ich nickte.

„Er sieht freundlich aus.“

„War er nicht immer“, sagte sie. „Aber meistens.“

Dann lächelte sie so, als hätte sie ihm gerade verziehen. Nicht zum ersten Mal. Eher jeden Tag ein bisschen.

Wir redeten nie über große Dinge.

Nicht sofort.

Sie fragte, ob ich genug esse.

Ich fragte, ob sie ihre Tabletten nicht vergisst.

Sie erzählte mir, dass früher im Haus Kinder auf den Treppen gespielt hatten.

Ich erzählte ihr, dass ich Treppen inzwischen nur noch als Feinde betrachte.

Sie lachte.

Nicht laut.

Aber echt.

Und dieses Lachen machte aus ihrer kleinen Wohnung für ein paar Minuten einen Ort, der nicht mehr leer klang.

Nach drei Wochen kannte ich ihren Tee.

Nach vier Wochen wusste ich, dass sie keine Rosinen mochte.

Nach fünf Wochen wusste sie, dass meine Mutter mich oft anrief und ich selten zurückrief.

„Dann rufen Sie sie an“, sagte Frau Mertens.

„Ich bin abends müde.“

„Mütter wissen, dass Söhne müde sind. Sie wollen trotzdem ihre Stimme hören.“

Ich sagte nichts.

Am selben Abend saß ich im Auto vor meiner Wohnung und starrte auf mein Handy.

Drei verpasste Anrufe.

Mama.

Ich drückte auf Rückruf.

Sie ging sofort ran.

„Roman? Ist alles in Ordnung?“

Diese Frage traf mich härter, als sie sollte.

„Ja“, sagte ich. „Ich wollte nur mal deine Stimme hören.“

Am anderen Ende war es still.

Dann hörte ich, wie sie ausatmete.

„Das ist schön“, sagte sie leise.

Da verstand ich etwas.

Frau Mertens hatte nicht nur für sich die Tür geöffnet.

Sie hatte auch bei mir etwas geöffnet, das ich lange zugemacht hatte.

Eines Freitags stand ich wieder vor ihrer Wohnung.

Zwei Brötchen in der Hand.

Eins mit Käse, eins mit Ei.

Ich klingelte.

Nichts.

Ich wartete.

Klingelte noch einmal.

Wieder nichts.

Erst dachte ich, sie sei vielleicht im Bad. Oder sie habe sich hingelegt. Alte Menschen brauchen Ruhe, sagte ich mir.

Aber dann hörte ich etwas.

Kein Ruf.

Kein Schritt.

Nur ein dumpfes Klopfen.

Einmal.

Dann wieder.

Ganz schwach.

Mein Herz wurde sofort schnell.

„Frau Mertens?“, rief ich durch die Tür.

Keine Antwort.

Nur wieder dieses Klopfen.

Ich legte die Brötchen auf den Boden und drückte mein Ohr gegen die Tür.

„Frau Mertens, ich bin es. Roman.“

Da kam eine Stimme.

So leise, dass ich sie fast nicht verstand.

„Ich bin hier.“

Mir wurde kalt im Bauch.

„Sind Sie gestürzt?“

Eine Pause.

„Ja.“

Ich wollte die Tür aufreißen.

Natürlich wollte ich das.

Aber sie war abgeschlossen.

Und ich wusste, dass man in solchen Momenten nicht einfach blind etwas tut, nur weil man Angst hat.

Ich rief sofort Hilfe.

Dann klingelte ich bei den Nachbarn.

Rechts wohnte ein Mann, den ich schon oft gesehen hatte. Mitte sechzig, grauer Bart, immer mit Hausschuhen im Treppenhaus.

Er öffnete misstrauisch.

„Was ist denn?“

„Frau Mertens ist gestürzt. Sie liegt in der Wohnung.“

Sein Gesicht veränderte sich sofort.

„Oh Gott.“

Er verschwand kurz und kam mit einem Schlüsselbund zurück.

„Sie hat mir mal einen Ersatzschlüssel gegeben. Für den Fall.“

Seine Hände zitterten so sehr, dass er dreimal den falschen Schlüssel nahm.

Ich hätte ihm gern geholfen, aber ich stand nur daneben und hörte durch die Tür dieses leise Atmen.

Endlich ging sie auf.

Frau Mertens lag im Flur.

Neben ihr der Gehstock.

Eine Tasse war zerbrochen, Tee war über die Fliesen gelaufen.

Sie hatte die Augen offen, aber ihr Gesicht war grau vor Schreck.

„Ich wollte nur zur Kommode“, flüsterte sie.

Ich ging in die Hocke, aber ich fasste sie nicht einfach an.

Ich nahm nur ihre Hand.

„Ich bin da“, sagte ich. „Hilfe ist unterwegs.“

Sie hielt meine Finger fest.

Nicht stark.

Aber so, als wären sie gerade das Einzige, was sie am Boden hielt.

Der Nachbar stand hinter mir und murmelte immer wieder: „Ich hätte öfter klingeln müssen.“

Ich sagte nichts.

Denn ich kannte diesen Satz.

Ich hätte auch früher klingeln müssen.

Später, als die Helfer kamen, wurde der Flur plötzlich eng. Stimmen. Fragen. Schuhe. Eine Trage.

Ich trat zurück.

Ich war nur der Paketfahrer.

Das sagte mir mein Kopf.

Aber Frau Mertens suchte mit den Augen nach mir.

„Roman?“

Ich trat wieder nach vorn.

„Ja?“

„Die Brötchen“, sagte sie schwach.

Ich verstand erst nicht.

Dann lächelte sie ganz klein.

„Nicht wegwerfen.“

Da musste ich lachen, obwohl mir die Augen brannten.

„Nein, Frau Mertens. Die bewache ich.“

Sie kam ins Krankenhaus.

Nichts Dramatisches, sagten sie später. Keine gebrochene Hüfte. Prellungen. Kreislauf. Ein paar Tage Beobachtung.

Trotzdem fühlte sich ihre geschlossene Tür in den nächsten Tagen falsch an.

Hausnummer 18 war wieder nur ein Treppenhaus.

Aber diesmal hasste ich es nicht.

Ich hatte Angst davor.

Am nächsten Dienstag hatte ich frei am Nachmittag.

Ich kaufte einen kleinen Blumenstrauß bei einem Laden um die Ecke. Nichts Teures. Gelbe Blumen, weil ihre Küche gelbe Vorhänge hatte.

Im Krankenhaus fragte ich am Empfang nach ihr.

Als ich in ihr Zimmer kam, saß sie am Fenster. Ihre Haare waren ordentlich gekämmt. Die Strickjacke lag über ihren Schultern.

„Ach, Herr Roman“, sagte sie.

Und dann tat sie etwas, das sie vorher nie getan hatte.

Sie weinte.

Nicht laut.

Nicht schlimm.

Nur so, wie Menschen weinen, die lange stark waren und plötzlich merken, dass sie es nicht mehr sein müssen.

Ich stellte die Blumen in eine Vase, die eigentlich ein Messbecher war.

„Ich habe Ihre Brötchen nicht weggeworfen“, sagte ich.

Sie lachte durch die Tränen.

„Das beruhigt mich.“

Ich setzte mich auf den Stuhl neben ihrem Bett.

Eine Weile sagten wir nichts.

Dann nahm sie die Hand von der Decke und zeigte auf ihre Tasche.

„Da drin ist mein Heft.“

Ich holte es heraus.

Das kleine Heft von der Kommode.

Ich wusste nicht, ob ich es öffnen sollte.

Sie nickte.

„Lesen Sie.“

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