Drei Jahre nach ihrem Tod begann unsere Straße, heimlich alles Zerbrochene zu retten

Ich glaube, wir wollten ihr nicht das Gefühl geben, sie müsse Gastgeberin sein, wenn sie gerade selbst kaum einen Teller tragen konnte.

Also holten wir die Sachen zu uns.

Stück für Stück.

Als Frau Mertens irgendwann mit langsamen Schritten den Weg herüberkam, blieb sie unten am Gartentor stehen.

Sie sah uns nur an.

Den Jungen am Fahrrad.

Frau Lehmann über einem Riss in einem Mantel.

Herrn Krämer mit meinem alten Küchenmesser in der Hand.

Und mich mit ihrer Uhr auf dem Tisch.

„Ihr macht ja Ernst“, sagte sie.

„Zu spät zum Rückzug“, sagte ich.

Da lachte sie wirklich.

Ein richtiges, volles Lachen.

Und plötzlich war sie wieder da.

Nicht als die Frau mit der Schlinge.

Sondern als Frau Mertens.

Sie setzte sich in meinen Korbsessel, den Ingrid immer mochte, und gab Anweisungen, wenn wir nicht weiterwussten.

„Nicht zu viel Leim.“

„Den Stoff musst du erst glattziehen.“

„Das Scharnier braucht einen Tropfen Öl, keinen halben See.“

Es war erstaunlich, wie schnell aus Helfen wieder Leben wurde.

Am Abend waren acht Dinge fertig.

Nicht perfekt.

Aber so gut, dass man sie wieder gern in die Hand nahm.

Das Holzauto rollte wieder.

Der Stoffbeutel hatte einen neuen Boden.

Der Regenschirm ging auf und zu, als hätte er nie gestreikt.

Nur die Uhr blieb stumm.

Ich drehte sie hin und her, setzte die Teile zusammen, schaute in das kleine Innenleben aus Zahnrädern und Federn und musste irgendwann einsehen, dass guter Wille keine Uhrmacherkunst ersetzt.

„Nun gut“, sagte ich. „Dann tickt sie eben nicht.“

„Das wäre schade“, sagte eine Stimme hinter mir.

Es war Herr Albers aus der Seitenstraße.

Ich kannte ihn nur vom Sehen. Ein ruhiger Mann mit Mütze, der selten lange redete.

In der Hand hielt er eine kleine Ledertasche.

„Früher habe ich Uhren repariert“, sagte er. „Nicht die großen Worte. Die kleinen Dinge.“

Niemand hatte ihn gerufen.

Offenbar hatte irgendjemand irgendjemanden gesehen und weitererzählt, was wir taten.

So funktioniert Nachbarschaft wahrscheinlich immer.

Nicht nach Plan.

Sondern über Ecken.

Herr Albers setzte sich an den Tisch, klappte seine Tasche auf und holte Werkzeuge heraus, die aussahen, als hätten sie selbst schon ein langes Leben hinter sich.

Dann wurde es still.

Nicht traurig still.

Konzentriert still.

Wir standen um ihn herum wie Kinder.

Ab und zu hielt er ein Teil gegen das Licht.

Einmal nickte er nur.

Ein andermal brummte er etwas, das vermutlich Zustimmung bedeutete.

Frau Mertens hatte die Hände gefaltet.

Ich sah, wie sie den Atem anhielt, ohne es zu merken.

Dann setzte Herr Albers das Pendel ein.

Drückte die Uhr leicht an.

Und nach einem kurzen, beinahe ungläubigen Zögern machte es:

Tick.

Dann noch einmal.

Tick.

Es war nur ein kleines Geräusch.

Aber in diesem Moment hätte man meinen können, jemand hätte im Flur das Licht nach Jahren wieder angeschaltet.

Frau Mertens presste die Lippen aufeinander.

Sie wollte sich zusammennehmen.

Das sah man.

Es half nur nichts.

„Ach“, sagte sie leise. Mehr nicht.

Ich brachte die Uhr noch am selben Abend zu ihr hinüber.

Nicht allein.

Wir gingen alle mit.

Sie wurde im Flur aufgehängt, an genau die Stelle, wo sie früher gehangen hatte.

Herr Albers richtete sie gerade.

Ich zog sie vorsichtig auf.

Dann traten wir einen Schritt zurück.

Die Uhr hing da, als wäre sie nie weg gewesen.

Nur das feine, neue Glas verriet, dass Zeit eben doch Spuren hinterlässt.

Frau Mertens stand davor und sagte lange nichts.

Dann drehte sie sich zu mir um.

„Bernd“, sagte sie, „ich glaube, Ingrid hätte das gefallen.“

„Ja“, sagte ich. „Vor allem, dass wir dabei beinahe den Schraubendreher im Kuchen verloren hätten.“

Da musste sie lachen.

Und weil Lachen manchmal hungrig macht, gingen wir wieder zu mir hinüber.

Frau Lehmann hatte Brote geschmiert.

Die Beckers brachten Kartoffelsalat.

Jemand stellte eine Suppe auf den Tisch.

Und ich holte die reparierte Keramikschüssel aus dem Schrank.

Die mit den silbernen Linien.

Frau Mertens sah sie an und fuhr mit den Fingern ganz leicht über einen der Risse.

„So ist es eigentlich am ehrlichsten“, sagte sie. „Nicht wie neu. Aber wieder ganz.“

Wir aßen an dem Eichentisch, den die Straße gemeinsam gerettet hatte.

Über uns wurde es dunkel.

Im Flur gegenüber tickte die Uhr.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich nicht das Gefühl, dass ein Abend nur vergeht.

Es fühlte sich an, als würde etwas bleiben.

Seitdem sind unsere Dienstage noch einmal anders geworden.

Nicht mehr nur Dinge werden repariert.

Manchmal wird auch eine Hecke geschnitten, die jemand allein nicht schafft.

Manchmal sitzt jemand einfach mit einem anderen eine Stunde bei Kaffee, weil Stille in manchen Häusern schwerer ist als ein kaputtes Scharnier.

Und manchmal bringt einer nichts weiter mit als einen Satz wie:

„Kannst du mal schauen? Ich glaube, ich kriege das gerade nicht allein hin.“

Das ist vielleicht die wichtigste Veränderung.

Dass inzwischen nicht mehr nur die Gegenstände auf den Veranden liegen.

Sondern auch ein bisschen von dem, was wir sonst verstecken.

Unsere Müdigkeit.

Unsere Unruhe.

Unsere Traurigkeit.

Unsere Scheu.

Frau Mertens’ Garage steht noch.

Aber sie gehört nicht mehr nur ihr.

Dienstags ist die Tür offen.

Einer näht. Einer schleift. Einer hält die Lampe. Einer kocht Kaffee. Und die Kinder lernen, dass man nicht alles fortwerfen muss, nur weil es einen Schaden hat.

Neulich stand mein Enkel wieder bei mir im Garten.

Er sah das Vogelhaus, das inzwischen fest am Apfelbaum hängt, und sagte: „Opa, das ist ja wieder ganz.“

Ich habe den Kopf geschüttelt.

„Nein“, sagte ich. „Nicht ganz. Aber gut.“

Er dachte kurz darüber nach.

Dann nickte er, als hätte er verstanden.

Vielleicht hatte er das sogar.

Ich bin zweiundachtzig.

Ich stelle noch immer montagabends meine Mülltonne an den Straßenrand.

Erst die Tonne, dann ein Blick zum Himmel, dann gehe ich wieder rein.

Manche Gewohnheiten bleiben.

Aber dienstagmorgens schaue ich jetzt nicht mehr als Erstes in die leere Tonne.

Ich schaue auf die Veranden.

Auf die offenen Türen.

Auf die Menschen, die stehenbleiben, statt vorbeizugehen.

Und manchmal höre ich von gegenüber die alte Uhr bei Frau Mertens schlagen.

Dann denke ich an Ingrid.

An ihr Lachen.

An ihren Satz über meinen festen Takt.

Und ich glaube, sie hätte recht behalten.

Man kann auf manche Menschen wirklich die Uhr stellen.

Nicht, weil sie immer dasselbe tun.

Sondern weil auf sie Verlass ist, wenn irgendwo etwas kaputtgeht.

Und vielleicht ist das am Ende alles, was wir voneinander brauchen.

Nicht große Reden.

Nicht perfekte Hände.

Nur den Mut, uns zu bücken, die Teile aufzuheben und zu sagen:

Komm.

Wir schauen erst einmal, was sich noch retten lässt.

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