Acht Jahre lang hatte Hazel mir jedes Kommando geglaubt. Dann verweigerte sie drei Abende hintereinander die Tür und blickte mich an, als würde drinnen jemand sterben.
Hazel war kein Hund, der Theater machte.
Sie bellte nicht grundlos. Sie sprang niemanden an. Sie zerrte nicht an der Leine. Wenn ich ihr sagte, dass wir gingen, stand sie auf, schüttelte sich einmal und lief neben mir her.
So war es seit Jahren.
Zweimal pro Woche besuchten wir ein kleines Pflegeheim am Rand von Hannover. Dort lebten Menschen, die ihre Wohnungen, ihre Gärten und oft auch ihre Partner verloren hatten. Manche warteten auf unsere Besuche. Andere behaupteten, Hunde seien ihnen egal, und hatten fünf Minuten später beide Hände in Hazels Fell.
Ich war damals sechsundvierzig. Früher hatte ich Busse gefahren. Nach einer Operation am Rücken konnte ich nicht mehr stundenlang hinter dem Lenkrad sitzen.
Ich suchte lange nach etwas Neuem, bis eine Bekannte meinte, Hazel wäre ruhig genug für die Arbeit mit älteren Menschen.
Sie hatte recht.
Hazel war eine schwarze Labrador-Mischlingshündin mit grauem Fell um die Schnauze. Sie war nicht besonders groß und nicht besonders auffällig.
Aber sie hatte eine Art, Menschen anzusehen, bei der selbst die Verschlossensten irgendwann anfingen zu reden.
Am ersten Abend, an dem sie nicht mitkommen wollte, dachte ich mir nichts dabei.
Wir waren fertig. Es war kurz nach acht. Ich hatte ihre Wasserschüssel eingepackt und den Besuchsbogen unterschrieben. Hazel lag auf dem Boden im Flur, den Kopf auf den Vorderpfoten.
„Komm, Mädchen“, sagte ich.
Normalerweise reichte das.
An diesem Abend hob sie nur den Kopf.
„Hazel. Feierabend.“
Sie sah mich an, dann drehte sie den Kopf zum hinteren Teil des Flures.
Dort lag das Zimmer von Ruth Krüger.
Ruth war zweiundneunzig und seit fast drei Jahren in dem Heim. Sie war klein, sehr dünn und immer ordentlich gekleidet. Selbst im Bett trug sie eine Strickjacke über dem Nachthemd, weil sie nicht wollte, dass jemand sie „wie eine Kranke“ sah.
Sie sprach wenig.
Wenn andere Bewohner Hazel riefen, drehte Ruth oft den Kopf weg.
„Ich brauche keinen Hund“, hatte sie bei unserem ersten Treffen gesagt. „Ich hatte mein ganzes Leben genug Verantwortung.“
Hazel war trotzdem zu ihr gegangen.
Sie hatte sich nicht aufgedrängt. Sie hatte sich einfach neben Ruths Stuhl gelegt.
Nach einiger Zeit war Ruths Hand langsam nach unten gewandert. Ihre Finger hatten Hazels Ohr berührt. Als sie bemerkte, dass ich es gesehen hatte, zog sie die Hand sofort zurück.
Seitdem besuchte Hazel sie jedes Mal.
An jenem ersten Abend lag Hazel also im Flur und starrte in Richtung ihres Zimmers.
Ich ging in die Hocke.
„Was ist denn los?“
Sie stand auf, aber nicht, um mit mir zu gehen. Sie lief zu Ruths Tür.
Ruth lag bereits im Bett. Das Licht neben ihrem Kopf war eingeschaltet. Auf ihrem Nachttisch standen ein Glas Wasser, eine Brille und ein altes gerahmtes Foto, das ich nie genauer gesehen hatte.
Hazel ging hinein und legte sich neben das Bett.
„Sie will wohl heute bei Ihnen einziehen“, sagte ich.
Ruth verzog den Mund.
„Sie hat Geschmack.“
Es war wahrscheinlich der freundlichste Satz, den ich bis dahin von ihr gehört hatte.
„Wir müssen nach Hause.“
„Dann gehen Sie.“
Hazel blieb liegen.
Ich rief sie. Sie reagierte nicht.
Ich zeigte ihr die Leine. Normalerweise stand sie schon auf, wenn sie das Metall am Halsband hörte.
Nichts.
Schließlich befestigte ich die Leine und zog leicht daran. Hazel drückte ihren Körper gegen den Boden.
Ich war überrascht. Dann wurde ich ungeduldig.
Im Heim warteten die Mitarbeiter darauf, ihre Abendrunde zu beenden. Ich musste noch fahren. Mein Rücken tat weh. Hazel hatte gefressen, getrunken und war gesund.
„Jetzt ist Schluss“, sagte ich schärfer.
Sie stand widerwillig auf.
Als wir gingen, sah sie mehrmals zurück.
Im Auto legte sie sich nicht hin. Sie stand auf der Rückbank und blickte durch die Heckscheibe, bis das Gebäude nicht mehr zu sehen war.
Zu Hause ließ sie ihr Futter stehen.
Am nächsten Tag verhielt sie sich wieder normal.
Zumindest am Anfang.
Sie begrüßte die Bewohner, legte ihren Kopf auf Knie, ließ sich streicheln und ging ruhig neben Rollatoren her. Doch alle paar Minuten lief sie zurück zu Ruth.
Ruth saß in einem Sessel neben ihrem Bett. Hazel legte sich zu ihren Füßen.
„Sie ist heute sehr anhänglich“, sagte ich.
„Vielleicht erkennt sie Qualität.“
„Oder Sie haben irgendwo Kekse versteckt.“
Ruth sah mich streng an.
„Ich füttere keine fremden Tiere.“
Hazel hob den Kopf und sah sie an.
Ruth beugte sich langsam nach unten und strich ihr über die Stirn.
„Außerdem ist sie kein fremdes Tier.“
Ich tat so, als hätte ich den Satz nicht gehört.
Später half ich Hazel auf den Flur. Sie besuchte noch zwei weitere Zimmer. Doch sobald sie die Möglichkeit hatte, kehrte sie zu Ruth zurück.
Kurz vor acht begann das gleiche Spiel wie am Abend zuvor.
„Komm.“
Hazel blieb bei Ruth.
„Hazel, wir fahren.“
Sie schob sich näher an das Bett.
Ruth lag bereits unter der Decke.
„Lassen Sie sie doch“, sagte sie.
„Das geht nicht. Sie gehört zu mir.“
Ruths Gesicht wurde wieder hart.
„Dann nehmen Sie sie mit.“
Ich hörte die Enttäuschung trotzdem.
Hazel ließ sich diesmal leichter hinausführen, aber auf dem Parkplatz blieb sie stehen. Sie zog nicht zurück. Sie sah nur zur Eingangstür.
Ich ging vor ihr in die Hocke.
„Was soll das?“
Hazel schaute mich an.
Es war nur ein Blick. Ein Hundeblick. Nichts, was man erklären konnte.
Trotzdem fühlte ich mich plötzlich unwohl.
In dieser Nacht lief sie mehrmals durch meine Wohnung. Sie blieb vor der Wohnungstür stehen, legte sich hin, stand wieder auf und sah mich an.
Am nächsten Morgen rief ich in der Tierarztpraxis an. Ich sagte, Hazel verhalte sich ungewöhnlich. Man gab mir kurzfristig einen Termin.
Sie wurde untersucht. Herz, Gelenke, Ohren, Bauch. Es gab nichts Auffälliges. Für ihr Alter war sie gesund.
„Vielleicht verändert sich etwas in ihrer Umgebung“, meinte man.
Das war keine richtige Antwort, aber ich nahm sie an.
Menschen suchen gern nach Gründen, die sich leicht abhaken lassen.
Vielleicht war Hazel müde.
Vielleicht mochte sie Ruth einfach.
Vielleicht war dort ein Geruch, der sie interessierte.
Vielleicht war es nur eine Phase.
Am dritten Abend wusste ich, dass es keine Phase war.
Hazel verbrachte fast den ganzen Besuch bei Ruth. Als ich die Leine nahm, stand sie auf. Für einen Moment dachte ich, sie hätte endlich verstanden.
Dann ging sie rückwärts.
Sie schob sich mit dem Hinterteil unter Ruths Bett, bis nur noch ihr Kopf zu sehen war.
Ruth lachte.
Es war kein höfliches Lächeln. Es war ein echtes, raues Lachen, das sie selbst überraschte.
„Sie ist schlauer als Sie“, sagte sie.
„Das ist keine große Leistung.“
Ruth lachte noch einmal.
Ich hätte Hazel dortlassen können. Ich hätte zumindest fragen können, ob eine Ausnahme möglich war. Stattdessen spürte ich, wie mir die Situation entglitt.
Ich mochte klare Abläufe.
Ankommen. Besuchen. Dokumentieren. Nach Hause fahren.
Das Leben war leichter, wenn Dinge zu einer bestimmten Zeit begannen und endeten.
Ich zog Hazel unter dem Bett hervor.
Sie wehrte sich nicht. Das machte es schlimmer.
Auf dem Weg nach draußen ging sie langsam. Kurz vor der Tür blieb sie stehen und drehte den Kopf.
Ruth lag im Bett und sah uns nach.
Im Auto starrte Hazel wieder durch die Heckscheibe.
Ich fuhr los.
Nach wenigen Minuten musste ich an meine Frau denken.
Sie war sechs Jahre zuvor gestorben. In den Wochen vor ihrer Diagnose hatte sie oft gesagt, dass etwas nicht stimmte. Sie war müde. Sie hatte kaum Appetit. Manchmal saß sie mitten am Nachmittag einfach am Küchentisch und hielt sich den Bauch.
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