Eine Mutter wurde entlassen, weil ihr siebenjähriger Sohn still im Pausenraum saß – doch der Geschäftsführer erkannte in ihm seine eigene Vergangenheit
„Sie haben genau eine Stunde, um Ihren Schreibtisch zu räumen.“
Katrin Seidel starrte ihre Vorgesetzte an. Hinter der geschlossenen Bürotür summte die alte Deckenlampe, als wäre nichts geschehen.
Als würde nicht gerade ihr ganzes Leben zusammenbrechen.
„Frau Krüger, bitte“, sagte Katrin. „Nur dieses eine Mal. Die Betreuung ist heute Morgen ausgefallen. Jonas sitzt ganz ruhig im Pausenraum.“
Sabine Krüger verschränkte die Arme.
„Dieses Büro ist kein Kindergarten.“
„Das weiß ich.“
„Offenbar nicht.“
Katrin schluckte. Sie war dreiundvierzig Jahre alt, alleinerziehend und hatte in den vergangenen Jahren gelernt, wie man weinte, ohne dass es jemand bemerkte.
Man atmete flach.
Man presste die Zunge gegen den Gaumen.
Und man dachte an das Kind, das einen brauchte.
„Ich arbeite die Zeit nach“, sagte sie. „Heute Abend. Am Wochenende. Wann immer Sie möchten.“
„Darum geht es nicht.“
„Ich nehme auch einen Urlaubstag.“
„Sie haben keinen mehr.“
Das wusste Katrin.
Drei Tage hatte sie verbraucht, als Jonas im Winter mit hohem Fieber im Bett gelegen hatte. Zwei weitere, als die Schule wegen eines Wasserschadens geschlossen worden war. Den Rest hatte sie in den Sommerferien gebraucht, weil die Ferienbetreuung nicht alle sechs Wochen abdeckte.
„Ich kann auf einen Teil meines Gehalts verzichten“, flüsterte sie.
Sabine Krüger sah sie an, als hätte Katrin etwas Unanständiges gesagt.
„Die Entscheidung ist gefallen. Sie haben mehrfach gezeigt, dass wir uns nicht auf Sie verlassen können.“
Dieser Satz traf härter als die Kündigung.
Katrin war seit sieben Uhr morgens im Büro gewesen. Sie hatte kaum je eine Pause gemacht. Sie hatte Rechnungen kontrolliert, Fehler anderer gefunden und Kunden beruhigt, die längst hätten abspringen können.
Doch in den Augen ihrer Vorgesetzten war sie unzuverlässig.
Nicht, weil sie schlecht arbeitete.
Sondern weil sie eine Mutter war, die manchmal niemanden hatte.
„Bitte“, sagte Katrin noch einmal. „Ich verliere die Wohnung, wenn ich jetzt arbeitslos werde.“
Sabine Krügers Gesicht blieb hart.
„Die Personalabteilung bereitet alles vor. Nehmen Sie Ihren Sohn mit und verlassen Sie anschließend das Gebäude.“
Katrin stand auf.
Ihre Knie fühlten sich an, als gehörten sie einer alten Frau.
Drei Stunden zuvor hatte sie mit Jonas vor den großen Glastüren des Beratungsunternehmens gestanden. In einer Hand hielt sie ihre abgewetzte Arbeitstasche, in der anderen die kleine, warme Hand ihres Sohnes.
Es war kurz vor sieben gewesen.
Die Straßenbahn hatte Verspätung gehabt. In der Bäckerei gegenüber wurden gerade die ersten Bleche mit Brötchen in die Auslage geschoben.
Jonas trug seinen dunkelblauen Rucksack und die Winterjacke, die an den Ärmeln langsam zu kurz wurde.
„Weißt du noch, was wir besprochen haben?“, hatte Katrin gefragt.
Sie war vor ihm in die Hocke gegangen.
Jonas hatte ernst genickt.
Viel zu ernst für einen Siebenjährigen.
„Ich bleibe im Pausenraum. Ich lese. Ich mache keinen Lärm. Und wenn ich etwas brauche, schreibe ich dir.“
„Du sprichst niemanden an.“
„Nur wenn es wichtig ist.“
„Und du gehst nicht allein herum.“
„Versprochen.“
Katrin hatte ihm über die Haare gestrichen.
„Es tut mir leid.“
Jonas runzelte die Stirn.
„Wofür?“
„Dass du heute hier sitzen musst.“
Er zuckte mit den Schultern.
„Ist doch besser als wenn du Ärger bekommst.“
Dieser Satz hatte ihr beinahe das Herz gebrochen.
Kinder sollten sich Sorgen machen, ob sie im Sportunterricht als Letzte gewählt wurden. Ob es am Nachmittag Pfannkuchen gab. Ob der neue Füller kleckste.
Sie sollten nicht darüber nachdenken müssen, ob ihre Mutter ihre Arbeit verlor.
Doch Jonas kannte diese Angst.
Seit sein Vater vor drei Jahren gegangen war, kannte er zu viele Dinge, die ein Kind nicht kennen sollte.
Er wusste, dass man das Licht im Flur nicht unnötig brennen ließ.
Er wusste, dass Markenjoghurt nur gekauft wurde, wenn er im Angebot war.
Er wusste, dass Mama manchmal behauptete, schon gegessen zu haben, obwohl ihr eigener Teller leer blieb.
Katrins ehemaliger Mann hatte nicht nur die Familie verlassen. Er hatte Schulden hinterlassen, unbezahlte Raten und einen Berg aus Briefen, die immer drohender klangen.
Anfangs hatte Katrin jeden Abend gehofft, er würde zur Vernunft kommen.
Später hatte sie nur noch gehofft, dass kein weiterer gelber Umschlag im Briefkasten lag.
Sie war damals Empfangskraft in dem Beratungsunternehmen gewesen. Sie begrüßte Besucher, kochte Kaffee und lächelte freundlich, auch wenn sie in der Nacht kaum geschlafen hatte.
Nach Feierabend hatte sie einen Kurs in Buchhaltung besucht.
Ihre Mutter, bereits über siebzig, hatte damals manchmal auf Jonas aufgepasst. Doch nach einer Hüftoperation ging das nicht mehr.
Katrin hatte sich hochgearbeitet.
Vom Empfang in die Sachbearbeitung.
Von der Sachbearbeitung in die Kundenbuchhaltung.
Vor acht Monaten war sie zur Junior-Kundenbetreuerin befördert worden.
Nicht, weil jemand Mitleid mit ihr gehabt hatte.
Sondern weil sie gut war.
Sie konnte Zahlen sehen wie andere Menschen Gesichter. Ein falscher Betrag sprang ihr sofort ins Auge. Sie erinnerte sich an jedes Gespräch und wusste selbst Monate später, welcher Kunde bei welcher Formulierung misstrauisch wurde.
Trotzdem lebte sie jeden Tag wie auf einer dünnen Eisfläche.
Ein kranker Sohn.
Eine ausgefallene Betreuung.
Eine verspätete Straßenbahn.
Mehr brauchte es nicht, damit alles einbrach.
An jenem Morgen hatte ihre Tagesmutter um halb sechs eine Nachricht geschickt.
Notfall in der Familie. Heute keine Betreuung möglich.
Katrin hatte sofort angerufen.
Erst ihre Mutter.
Dann eine Nachbarin.
Dann zwei Mütter aus Jonas’ Klasse.
Eine musste selbst arbeiten. Eine war nicht erreichbar. Die Nachbarin betreute ihren kranken Mann.
Um Viertel vor sechs hatte Katrin auf dem Rand ihres Bettes gesessen und auf das Handy gestarrt.
Sie konnte nicht zu Hause bleiben.
Im Büro wartete eine wichtige Auswertung. Sabine Krüger hatte bereits beim letzten Fehltag gesagt, Katrin müsse ihre „privaten Schwierigkeiten besser organisieren“.
Also hatte sie Jonas geweckt.
Sie hatte ihm Kakao gemacht, zwei belegte Brote eingepackt und das alte Tablet geladen, dessen Bildschirm an einer Ecke gesprungen war.
Im Pausenraum hatte sie ihn hinter einen großen Pflanzkübel gesetzt. Dort stand eine gepolsterte Bank, die von der Tür aus kaum zu sehen war.
Sie stellte seinen Rucksack daneben.
Darin lagen ein Weltraumbuch, ein Rätselheft, Buntstifte und ein kleines Modell der Erde, das er selbst aus Pappe gebastelt hatte.
„Ich komme jede Stunde“, versprach sie.
„Du musst nicht“, sagte Jonas. „Ich schaffe das.“
„Trotzdem.“
Sie küsste ihn auf die Stirn.
Dann ging sie an ihren Arbeitsplatz und tat drei Stunden lang so, als sei alles normal.
Jonas schrieb keine Nachricht.
Er kam nicht heraus.
Er störte niemanden.
Doch kurz vor zehn hatte ein Kollege den Pausenraum betreten und den Jungen entdeckt.
Wenige Minuten später stand Sabine Krüger an Katrins Schreibtisch.
Nun war alles vorbei.
Katrin verließ das Büro ihrer Vorgesetzten und ging zurück in den Großraum.
Die Gespräche verstummten.
Einige Kollegen blickten auf ihre Bildschirme. Andere taten so, als suchten sie etwas in Schubladen.
Niemand sagte etwas.
Katrin nahm einen alten Umzugskarton aus dem Materialraum und begann, ihre Sachen einzupacken.
Eine Tasse mit der Aufschrift „Beste Mama“.
Ein gerahmtes Foto von Jonas bei seiner Einschulung.
Zwei Kugelschreiber.
Eine Strickjacke.
Eine kleine Zimmerpflanze, die schon bessere Tage gesehen hatte.
Sie legte alles ordentlich in den Karton, weil Ordnung das Einzige war, was ihr noch blieb.
„Es tut mir leid“, murmelte ihre Kollegin Anja.
Katrin nickte.
„Schon gut.“
Es war nicht gut.
Aber sie wollte nicht vor allen zusammenbrechen.
Am Ende des Raumes öffnete sich der Aufzug. Mehrere Menschen standen hastig auf.
„Der Geschäftsführer ist da“, flüsterte jemand.
Matthias Falk kam nur selten auf diese Etage.
Das Unternehmen beschäftigte mehrere Hundert Menschen. Die meisten kannten ihn nur aus Rundschreiben, Betriebsversammlungen und Fotos im Eingangsbereich.
Er war zweiundfünfzig, trug meist dunkle Anzüge und galt als kühl, höflich und schwer erreichbar.
Man sagte, er könne eine Bilanz zehn Minuten lang ansehen und danach jeden Schwachpunkt nennen.
Über sein Privatleben wusste niemand viel.
Katrin interessierte sich in diesem Moment nicht für ihn.
Sie fragte sich, wie lange das Geld auf ihrem Konto reichen würde.
Vielleicht sechs Wochen.
Acht, wenn sie die Heizung herunterdrehte.
Weniger, falls die Waschmaschine endgültig den Geist aufgab.
Sie hob den Karton an und ging zum Pausenraum.
„Frau Seidel?“
Katrin blieb stehen.
Matthias Falk stand hinter ihr.
Aus der Nähe wirkte er weniger unnahbar. Er hatte silberne Strähnen an den Schläfen und müde Augen.
„Ja?“
„Ich habe gehört, dass Ihnen gerade gekündigt wurde.“
Die Blicke der Kollegen lagen auf ihr.
Katrin spürte, wie die Scham wieder in ihr hochstieg.
„Das stimmt.“
„Warum?“
Sie hätte gern gelogen.
Doch sie war zu erschöpft.
„Ich habe meinen Sohn mitgebracht. Seine Betreuung ist heute Morgen ausgefallen.“
Matthias sah auf den Karton in ihren Händen.
„Wo ist Ihr Sohn?“
„Im Pausenraum.“
„Seit wann?“
„Seit kurz nach sieben.“
„Und was macht er dort?“
„Er liest.“
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