Er verkündete keine großen Versprechen und sprach nicht von moderner Unternehmenskultur. Solche Wörter, sagte er, klängen gut, bedeuteten aber wenig, wenn Menschen in einer Notlage allein gelassen würden.
Stattdessen ordnete er konkrete Veränderungen an.
Ein ungenutzter Besprechungsraum wurde vorläufig als betreuter Familienraum eingerichtet.
Für kurzfristige Notfälle sollte das Unternehmen ausgebildete Betreuungskräfte vermitteln.
Eltern konnten künftig in Absprache von zu Hause arbeiten, Arbeitszeiten verschieben oder ihre Kinder für einige Stunden mitbringen.
Niemand sollte daraus einen Dauerzustand machen.
Aber niemand sollte wegen eines einzigen schwierigen Morgens seine Existenz verlieren.
Sabine Krüger wurde nicht öffentlich bloßgestellt.
Matthias sprach unter vier Augen mit ihr. Später musste sie an einer Schulung für Personalführung teilnehmen und Entscheidungen zu Kündigungen künftig gemeinsam mit der Personalabteilung treffen.
Katrin erfuhr erst viel später, dass Matthias sie ausdrücklich nicht entlassen wollte.
„Menschen machen Fehler“, sagte er. „Auch harte Menschen handeln manchmal aus Angst. Wer jeden Fehler mit Vernichtung beantwortet, ist nicht besser als das System, das er kritisiert.“
Dieser Satz blieb Katrin im Gedächtnis.
In den folgenden Wochen veränderte sich das Büro.
Anfangs waren einige Kollegen skeptisch.
Ein älterer Abteilungsleiter schimpfte, Arbeit sei Arbeit und Familie sei Privatsache.
Dann erlitt seine Frau einen Schwächeanfall, und er musste zwei Wochen lang seinen Enkel nachmittags betreuen.
Plötzlich saß auch dieser Junge im Familienraum und baute stundenlang Eisenbahnschienen zusammen.
Eine Kollegin brachte ihre achtjährige Tochter mit, als die Schule wegen eines Heizungsausfalls geschlossen blieb.
Ein geschiedener Vater nutzte die flexiblen Zeiten, um seinen Sohn an jedem zweiten Freitag rechtzeitig abholen zu können.
Niemand arbeitete weniger.
Im Gegenteil.
Die Menschen hörten auf, Notlügen zu erfinden.
Sie mussten kein Fieber vortäuschen, wenn die Betreuung ausfiel. Sie mussten nicht heimlich telefonieren oder mit schlechtem Gewissen früher gehen.
Ein Jahr später wurde der vorläufige Familienraum durch eine feste Betreuungseinrichtung ersetzt.
Sie lag im zweiten Stock.
Die Wände waren hell gestrichen. Es gab Bücher, Bauklötze, Basteltische und eine kleine Ruhezone.
An der Decke hingen Planeten aus Pappe.
Jonas hatte bei der Gestaltung geholfen.
Sein Saturn war der größte.
Am Eingang hing ein schlichter Satz:
Kein Kind muss sich hier unsichtbar machen.
Matthias hatte ihn ausgewählt.
Das Betreuungsangebot wurde schnell zu einem wichtigen Teil des Unternehmens. Die Zahl der Kündigungen sank. Ehemalige Mitarbeiter bewarben sich erneut.
Doch für Katrin waren diese Zahlen weniger wichtig als die kleinen Szenen, die sie jeden Tag sah.
Eine Mutter, die ihr Kind mit ruhigem Gesicht abgab.
Ein Vater, der nicht mehr während jeder Besprechung nervös auf die Uhr blickte.
Ein Junge, der laut lachen durfte, ohne zu fürchten, entdeckt zu werden.
Katrin leitete inzwischen ein eigenes Team.
Sie verdiente genug, um mit Jonas in eine etwas größere Wohnung zu ziehen. Dort hatte er endlich ein eigenes Zimmer.
Es war nicht groß.
Aber an der Decke leuchteten Sterne, wenn das Licht ausging.
Katrin kaufte noch immer vieles im Angebot. Sie legte Geld zurück und reparierte Dinge, bevor sie neue anschaffte.
Jahre der Angst verschwanden nicht durch eine einzige Gehaltserhöhung.
Doch sie schlief wieder durch.
Sie öffnete Briefe sofort.
Und manchmal bestellte sie am Monatsende zwei Stück Kuchen aus der Bäckerei, ohne vorher lange zu rechnen.
Zwischen ihr und Matthias entstand langsam eine Freundschaft.
Er kam gelegentlich in ihr Büro, um nach einem Kunden zu fragen. Manchmal blieb er länger und erzählte von seiner Mutter.
Sie hatte den Erfolg ihres Sohnes kaum noch erlebt.
Während seines Studiums war sie schwer erkrankt. Trotzdem arbeitete sie weiter, bis ihr Körper nicht mehr konnte.
„Sie konnte nie stillsitzen“, sagte Matthias einmal. „Sie glaubte, Pause sei etwas für Menschen, die es sich leisten können.“
Katrin kannte diesen Gedanken.
„Unsere Generation hat von den Eltern gelernt, die Zähne zusammenzubeißen“, sagte sie. „Aber niemand hat uns beigebracht, wann man sie wieder auseinandernehmen darf.“
Matthias lachte.
„Das hätte meine Mutter verstanden.“
Mit der Zeit lernte Katrin den Mann hinter dem Geschäftsführer kennen.
Er war nicht kühl.
Er war vorsichtig.
Er mochte alte Schwarz-Weiß-Filme, konnte keine Zimmerpflanze länger als vier Wochen am Leben halten und aß heimlich Schokoladenpudding aus dem Becher.
Er besaß tatsächlich ein Teleskop in seinem Büro.
Jonas durfte manchmal hindurchsehen, wenn der Himmel klar war.
Matthias wiederum lernte Katrins unordentliche, anstrengende Welt kennen.
Elternabende.
Verlorene Turnbeutel.
Spontane Schulprojekte, für die am Sonntagabend plötzlich zwölf leere Joghurtbecher gebraucht wurden.
Er sah, wie Katrin arbeitete, organisierte, tröstete und weitermachte.
Und irgendwann bemerkte sie, dass sein Blick länger auf ihr ruhte, als es nötig gewesen wäre.
Er sagte jedoch nichts.
Fast ein weiteres Jahr verging.
Dann wurde Katrin einer anderen Geschäftsleitung unterstellt. Matthias hatte darauf bestanden, damit keine direkte Abhängigkeit mehr bestand.
Erst danach stand er eines Abends mit zwei Tassen Kaffee vor ihrem Büro.
„Haben Sie einen Moment?“
„Für den Mann, der meinen Karton wieder ausgepackt hat? Immer.“
Er setzte sich.
Zum ersten Mal wirkte er nervös.
„Ich möchte Sie etwas Persönliches fragen.“
Katrin hob die Augenbrauen.
„Das klingt gefährlich.“
„Vielleicht ist es das.“
Er stellte seine Tasse ab.
„Würden Sie mit mir essen gehen? Nicht beruflich.“
Katrin sagte zunächst nichts.
Matthias fuhr hastig fort.
„Sie können selbstverständlich Nein sagen. Es hat keinerlei Einfluss auf Ihre Arbeit. Deshalb habe ich auch gewartet, bis Sie nicht mehr in meinem direkten Verantwortungsbereich sind.“
„Sie haben das geplant?“
„Ich wollte keinen Druck erzeugen.“
„Seit wann wollten Sie mich fragen?“
Er sah aus dem Fenster.
„Seit einigen Monaten.“
Katrin musste lächeln.
„Und warum haben Sie es nicht getan?“
„Weil Sie einen Sohn haben. Weil Ihre Arbeit Ihnen wichtig ist. Weil ich Ihr Vorgesetzter war. Weil ich nicht der Mann sein wollte, der eine schwierige Lage ausnutzt.“
Seine Antwort nahm ihr die Angst.
„Mein Leben ist kompliziert“, sagte sie.
„Das weiß ich.“
„Jonas kommt immer zuerst.“
„Das sollte er auch.“
„Mein Exmann hat mir beigebracht, vorsichtig zu sein.“
„Dann seien Sie vorsichtig.“
„Ich kann Ihnen nichts versprechen.“
Matthias lächelte.
„Ich habe nur nach einem Abendessen gefragt.“
Sie sah ihn lange an.
Dann nickte sie.
„Ein Abendessen.“
Ihr erstes Treffen fand nicht in einem vornehmen Restaurant statt.
Jonas bekam am selben Nachmittag Ohrenschmerzen. Die Betreuung fiel aus, und Katrin wollte absagen.
Matthias erschien eine Stunde später mit Suppe, Brot und einem neuen Weltraumrätselheft.
Sie aßen in Katrins kleiner Küche.
Jonas lag mit einer Wärmflasche auf dem Sofa und erklärte Matthias zwischen zwei Löffeln Suppe, warum Menschen eines Tages auf dem Mars leben könnten.
Als Matthias später ging, sagte Katrin an der Tür:
„Das war vermutlich unser erstes und gleichzeitig schlechtestes Treffen.“
„Dann kann es von jetzt an nur besser werden.“
Es wurde besser.
Langsam.
Ohne große Versprechen.
Matthias drängte sich nicht in ihr Leben. Er erschien nicht als Retter und versuchte nicht, Jonas’ Vater zu ersetzen.
Er war einfach da.
Er kam zu Schulfesten.
Er half beim Bau eines Sonnensystem-Modells.
Er lernte, dass man beim Fußballspiel eines Kindes nicht in der wichtigsten Besprechung des Monats stecken sollte.
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