Matthias schwieg einen Moment.
„Zeigen Sie ihn mir.“
Katrin verstand nicht, was er wollte. Vielleicht wollte er selbst sehen, wie schwer ihr Verstoß gewesen war.
Vielleicht sollte sie anschließend von einem Sicherheitsmitarbeiter hinausbegleitet werden.
Trotzdem führte sie ihn zum Pausenraum.
Jonas saß noch immer auf der Bank hinter dem Pflanzkübel. Er hatte die Beine angezogen und das Weltraumbuch auf den Knien.
Neben ihm lag das halb gegessene Brot.
Als die Tür aufging, blickte er erschrocken auf.
„Mama, ich war ganz leise.“
„Ich weiß, Schatz.“
Matthias blieb in der Tür stehen.
Sein Blick wanderte über den alten Rucksack, das gesprungene Tablet und die abgetragenen Turnschuhe des Jungen.
Dann sah er das Buch.
„Was liest du da?“, fragte er.
Jonas drückte es an die Brust.
„Über schwarze Löcher.“
„Interessant.“
„Die können sogar Licht festhalten.“
„Das stimmt.“
Jonas musterte ihn vorsichtig.
„Kennen Sie sich mit dem Weltall aus?“
Zum ersten Mal erschien ein kleines Lächeln auf Matthias’ Gesicht.
„Früher wollte ich Astronom werden.“
„Warum sind Sie es nicht geworden?“
Ein leises Lachen ging durch den Raum.
„Das ist eine lange Geschichte.“
Matthias ging zu der Bank und setzte sich neben Jonas.
Nicht auf einen Stuhl.
Nicht mit Abstand.
Direkt neben ihn, als wäre es das Natürlichste auf der Welt.
Katrin blieb sprachlos an der Tür stehen.
„Welcher Planet gefällt dir am besten?“, fragte Matthias.
„Saturn. Wegen der Ringe.“
„Mir auch.“
Jonas schlug eine Seite auf.
„Aber Jupiter ist größer.“
„Und auf der Venus ist es heißer.“
„Viel heißer.“
Für einige Minuten sprachen sie nur über Planeten, Monde und Sterne.
Weitere Mitarbeiter erschienen vor der offenen Tür. Auch Sabine Krüger kam hinzu.
Sie wirkte nervös.
Matthias schloss das Buch behutsam.
„Jonas, darf ich dir etwas erzählen?“
Der Junge nickte.
„Als ich sieben war, saß ich auch oft in einem Pausenraum.“
Jonas sah ihn überrascht an.
Matthias strich mit dem Daumen über den Buchrücken.
„Meine Mutter hat allein für mich gesorgt. Sie arbeitete damals als Schreibkraft in einem kleinen Büro.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Wir hatten nicht viel Geld. Es gab Wochen, da wusste sie nicht, wie sie die Miete bezahlen sollte.“
Katrin sah, wie sich sein Kiefer anspannte.
„Wenn meine Betreuung ausfiel, nahm sie mich manchmal mit zur Arbeit. Ich saß hinter einem Aktenschrank und machte Hausaufgaben.“
„Musstest du auch leise sein?“, fragte Jonas.
Matthias nickte.
„So leise, dass niemand merkte, dass ich da war.“
Der Raum war vollkommen still.
„Einmal hat der Chef meiner Mutter mich entdeckt. Er wurde sehr wütend.“
„Hat er geschimpft?“
„Ja.“
„Mit dir?“
„Mit ihr. Aber ich dachte damals, es wäre meine Schuld.“
Matthias blickte zu Katrin.
In seinen Augen stand etwas, das dort niemand erwartet hätte.
Schmerz.
Alter, gut versteckter Schmerz.
„Er hat meine Mutter noch am selben Tag entlassen“, sagte er. „Ich saß neben ihr im Bus, während sie weinte. Sie versuchte, sich von mir wegzudrehen, damit ich es nicht sah.“
Jonas hielt das Buch fester.
„Und dann?“
„Dann nahm sie jede Arbeit an, die sie finden konnte. Morgens putzte sie ein Treppenhaus. Tagsüber schrieb sie Rechnungen für einen Handwerker. Abends sortierte sie in einem Lager Pakete.“
Matthias atmete tief ein.
„Sie machte sich kaputt, damit ich eine gute Ausbildung bekam.“
Katrin bemerkte, dass einige ältere Kollegen zu Boden blickten.
Viele von ihnen kannten solche Geschichten.
Mütter, die im Nachthemd Kohlen aus dem Keller geholt hatten.
Väter, die nach Feierabend noch fremde Küchen tapezierten.
Eltern, die sich jahrelang nichts gönnten, damit die Kinder es einmal besser hatten.
„Meine Mutter hatte einen Satz“, fuhr Matthias fort. „Sie sagte immer: Beurteile einen Menschen nie nach seinem schlechtesten Tag.“
Jonas dachte darüber nach.
„Ist heute Mamas schlechtester Tag?“
Katrin musste die Lippen zusammenpressen.
Matthias sah sie lange an.
„Vielleicht war es bis gerade eben ihr schwerster.“
Er erhob sich.
Dann wandte er sich an Sabine Krüger.
„Haben Sie Frau Seidel entlassen?“
„Ich habe die geltenden Regeln umgesetzt“, antwortete sie.
„Hat ihr Sohn die Arbeit gestört?“
„Darum geht es nicht.“
„Hat er jemanden gefährdet?“
„Nein, aber wir können nicht jedem erlauben, seine Kinder mitzubringen.“
„Hat Frau Seidel ihre Aufgaben heute erledigt?“
Sabine zögerte.
„Soweit ich weiß, ja.“
„War ihre Arbeit in den vergangenen Monaten schlecht?“
„Ihre Anwesenheit war wiederholt problematisch.“
„Ich habe nach ihrer Arbeit gefragt.“
Sabine presste die Lippen zusammen.
„Fachlich gab es keine Beschwerden.“
Matthias nickte.
„Dann wurde gerade eine gute Mitarbeiterin entlassen, weil ihre Betreuung an einem einzigen Morgen ausgefallen ist.“
„Herr Falk, ich wollte nur konsequent sein.“
„Konsequenz ohne Menschlichkeit ist nichts, worauf dieses Unternehmen stolz sein sollte.“
Sabines Gesicht wurde blass.
„Die Regel ist eindeutig.“
„Dann ist die Regel falsch.“
Matthias drehte sich zu Katrin.
„Frau Seidel, Ihre Kündigung wird zurückgenommen.“
Katrin glaubte, sich verhört zu haben.
„Was?“
„Sie bleiben.“
„Aber die Personalabteilung—“
„Wird entsprechend informiert.“
Sie starrte ihn an.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Sie müssen nichts sagen.“
Er nahm ihr den Karton ab und stellte ihn auf den Tisch.
„Allerdings möchte ich heute Nachmittag mit Ihnen sprechen.“
Katrins Magen zog sich erneut zusammen.
„Weshalb?“
„Über Ihre Arbeit.“
Matthias blickte in die Runde.
„Die Auswertung für den größten Kunden unseres Südbezirks wurde gestern von Frau Seidel korrigiert. Ohne ihre Prüfung hätten wir einen erheblichen Fehler übersehen.“
Mehrere Kollegen sahen überrascht auf.
Davon hatte niemand gewusst.
„Ich habe ihre Unterlagen heute Morgen auf meinen Tisch bekommen“, fuhr er fort. „Sie hat in den letzten sechs Monaten drei Kundenbeziehungen gerettet, die kurz vor dem Abbruch standen.“
Sabine Krüger räusperte sich.
„Das gehört zu ihren Aufgaben.“
„Es gehört nicht zu ihren Aufgaben, regelmäßig Fehler zu beheben, die oberhalb ihrer Gehaltsstufe entstanden sind.“
Jetzt sagte niemand mehr etwas.
Matthias sah Katrin direkt an.
„Ich wollte heute ohnehin über eine Beförderung sprechen. Nach dem, was gerade passiert ist, halte ich dieses Gespräch für dringender als zuvor.“
Katrin hob eine Hand an den Mund.
„Eine Beförderung?“
„Zur verantwortlichen Kundenbetreuerin. Mit einer angemessenen Gehaltserhöhung.“
„Herr Falk, ich—“
„Sie haben sich diese Position erarbeitet. Nicht Ihr Sohn. Nicht ich. Sie.“
Katrin spürte, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen.
Diesmal konnte sie sie nicht aufhalten.
Jonas sprang von der Bank und umarmte sie.
„Dann verlieren wir die Wohnung nicht?“, fragte er.
Die Frage traf jeden Menschen im Raum.
Matthias wandte den Blick ab und blinzelte.
Katrin kniete sich hin.
„Nein, mein Schatz.“
„Bist du jetzt nicht mehr gefeuert?“
„Nein.“
„Weil ich leise war?“
„Nein“, sagte Matthias hinter ihnen. „Weil deine Mutter eine sehr gute Mitarbeiterin ist. Und weil Erwachsene manchmal Regeln machen, die sie später korrigieren müssen.“
Jonas betrachtete ihn.
„Sind Sie der Chef?“
„Ja.“
„Dann können Sie das einfach ändern?“
Einige Kollegen lächelten.
Matthias nickte langsam.
„Ich kann zumindest damit anfangen.“
Noch am selben Nachmittag berief er eine außerordentliche Besprechung ein.
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