Drei Tage lang bellte ein streunender Hund verzweifelt im Wald. Als ein Förster endlich nachsah, entdeckte er, wen das Tier unter Einsatz seiner letzten Kräfte beschützte.
„Ganz ruhig, mein Junge. Ich tue dir nichts.“
Ich hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als der Hund einen Schritt zurückwich und sich schützend vor den verletzten Fuchs stellte.
Sein Fell war voller Schlamm. An seinen Vorderpfoten klebte getrocknetes Blut. Er zitterte so stark, dass ich es aus mehreren Metern Entfernung sehen konnte.
Aber er lief nicht weg.
Hinter ihm lag ein Fuchs, dessen Hinterbein in einem unnatürlichen Winkel abstand. Das Tier bewegte sich kaum noch. Nur das schwache Heben seines Brustkorbs zeigte mir, dass es noch lebte.
Und plötzlich verstand ich, warum dieser Hund seit drei Tagen immer wieder gebellt hatte.
Mein Name ist Thomas Richter. Ich bin 34 Jahre alt und arbeite seit fünfzehn Jahren als Förster in einem großen Waldgebiet am Rand des Harzes.
Ich dachte, ich hätte in dieser Zeit schon alles gesehen.
Verletzte Rehe. Verlassene Jungtiere. Hunde, die ihren Besitzern entlaufen waren. Füchse, die sich in alten Zäunen verfangen hatten.
Aber so etwas hatte ich noch nie erlebt.
Alles hatte drei Tage zuvor begonnen.
Während meiner morgendlichen Kontrollrunde hörte ich aus einem abgelegenen Waldstück ein langes, ungewöhnliches Bellen.
Es klang nicht wie das Bellen eines Hundes, der einem Wildtier hinterherjagte. Es war gleichmäßig, fast verzweifelt.
Ich blieb stehen und lauschte.
Dann war es still.
Ich vermutete, dass irgendwo ein Hund entlaufen war. Vielleicht hatte er eine Spur aufgenommen. Vielleicht würde sein Besitzer ihn bald wiederfinden.
Also ging ich weiter.
Am nächsten Morgen hörte ich das Bellen erneut.
Diesmal kam es aus derselben Richtung. Immer wieder bellte der Hund einige Male, machte eine Pause und begann von vorn.
Ich notierte mir die Stelle.
Doch an diesem Tag musste ich zunächst einen beschädigten Wildschutzzaun kontrollieren.
Als ich am Nachmittag zurückkam, war nichts mehr zu hören.
Erst am dritten Morgen wurde ich wirklich unruhig.
Das Bellen war noch da.
Aber es hatte sich verändert.
Es klang schwächer. Heiserer. Zwischen den einzelnen Lauten lagen lange Pausen.
Ich stellte meinen Wagen am Ende eines Forstwegs ab, nahm meinen Rucksack und folgte dem Geräusch.
Fast vierzig Minuten ging ich durch dichtes Unterholz. Mehrmals musste ich stehen bleiben, um die Richtung zu bestimmen.
Dann erreichte ich eine kleine Lichtung.
Dort sah ich den Hund.
Ein mittelgroßer Mischling mit dunkelbraunem Fell, hellen Abzeichen an der Brust und einer schmalen weißen Stelle über dem linken Auge.
Er war erschreckend mager.
Und neben ihm lag der Fuchs.
Rings um die beiden verstreut lagen Knochen, Fellreste und kleine Stücke von Beutetieren.
Zunächst verstand ich nicht, was ich vor mir hatte.
Dann sah ich, wie der Hund sich vorsichtig zu dem Fuchs hinunterbeugte und dessen Kopf mit seiner Schnauze berührte.
Der Fuchs öffnete kurz die Augen.
Der Hund wedelte einmal mit dem Schwanz.
Ich stand wie angewurzelt.
Ein streunender Hund bewachte einen schwer verletzten Fuchs.
Und offenbar hatte er ihn seit Tagen nicht verlassen.
Normalerweise halten Wildtiere Abstand zu Hunden. Füchse sind vorsichtig, und ein fremder Hund kann für sie eine große Gefahr darstellen.
Doch hier lagen zwei Tiere beieinander, die unter gewöhnlichen Umständen vermutlich niemals freiwillig diese Nähe gesucht hätten.
Ich kniete mich langsam hin.
„Ist schon gut“, flüsterte ich. „Ich möchte euch nur helfen.“
Der Hund beobachtete meine Hände.
Als ich näher zum Fuchs rückte, stellte er sich zunächst vor mich. Aber er knurrte nicht.
Ich wartete.
Nach einigen Sekunden trat er zur Seite.
Es war nur eine kleine Bewegung.
Doch sie fühlte sich an, als würde er mir eine Verantwortung übergeben.
Der Fuchs war in einem schlimmen Zustand.
Sein Hinterbein war gebrochen. Die Wunde war verschmutzt, und sein Fell hing stellenweise verklebt am Körper.
Er war stark geschwächt.
Ich überprüfte vorsichtig seine Atmung und griff sofort nach meinem Funkgerät.
„Leitstelle, hier Richter. Ich brauche Unterstützung bei einem verletzten Wildtier. Ein Fuchs, schwer verletzt. Außerdem ist ein völlig erschöpfter Hund bei ihm.“
Mein Kollege Dieter antwortete.
„Ein Hund und ein Fuchs? Zusammen?“
„Ja. Und ich glaube, der Hund ist seit drei Tagen hier.“
Am anderen Ende wurde es still.
„Kannst du das noch einmal erklären?“
Ich sah zu dem Hund.
Er stand neben dem Fuchs und beobachtete mich mit müden Augen.
„Er hat offenbar bei ihm ausgeharrt. Hier liegen Beutereste. Und er hat die ganze Zeit gebellt, bis jemand gekommen ist.“
Dieter schwieg einen Moment.
Dann sagte er leise: „Wir schicken jemanden. Bleib bitte bei den beiden.“
Ich nahm meine Wasserflasche heraus und befeuchtete vorsichtig die Lippen des Fuchses, ohne ihm Wasser einzuflößen.
Der Hund setzte sich neben mich.
Seine Pfoten waren wund. Zwischen den Ballen steckten kleine Holzsplitter, und mehrere Krallen waren stark abgenutzt.
Er musste weite Strecken zurückgelegt haben.
Vielleicht hatte er Nahrung gesucht.
Vielleicht hatte er versucht, dem verletzten Fuchs etwas davon zu bringen.
Die Knochen rings um die Lichtung ließen mich jedenfalls vermuten, dass hier in den vergangenen Tagen gefressen worden war.
Ob der Fuchs tatsächlich davon etwas bekommen hatte, konnte ich nicht wissen.
Aber eines stand fest.
Der Hund war geblieben.
Obwohl er selbst dringend Hilfe brauchte.
„Du hättest doch gehen können“, sagte ich leise.
Er hob den Kopf.
„Du hättest dir einen sicheren Platz suchen können.“
Sein Schwanz bewegte sich ein kleines Stück.
Dann legte er seine Schnauze wieder neben den Fuchs.
Ich musste schlucken.
Etwa eine Stunde später traf eine Tierärztin mit zwei Helfern ein.
Sie hieß Dr. Monika Hartmann und arbeitete mit einer regionalen Auffangstation für verletzte Wildtiere zusammen.
Monika untersuchte zunächst den Fuchs.
„Das Bein sieht schlimm aus“, sagte sie. „Aber sein Kreislauf ist noch einigermaßen stabil. Wenn wir ihn schnell versorgen, hat er eine Chance.“
Sie legte vorsichtig eine Decke über den Körper des Tieres.
Dann wandte sie sich dem Hund zu.
„Und wer ist dieser tapfere Kerl?“
„Keine Ahnung“, antwortete ich. „Er war einfach hier.“
Monika untersuchte seine Pfoten und tastete vorsichtig seinen Körper ab.
„Er ist völlig erschöpft. Und wahrscheinlich hat er seit Tagen nicht richtig gefressen.“
Der Hund ließ alles geduldig über sich ergehen.
Doch sobald einer der Helfer den Fuchs berührte, hob er aufmerksam den Kopf.
Als wir den Fuchs in eine Transportbox legten, begann der Hund zu winseln.
Nicht laut.
Es war ein dünner, klagender Laut, der mir durch Mark und Bein ging.
Er stand auf und versuchte, der Box zu folgen.
„Schon gut“, sagte ich und legte meine Hand auf seinen Rücken. „Wir bringen ihn zu jemandem, der ihm helfen kann.“
Der Hund schaute mich an.
Dann blickte er wieder zur Transportbox.
Ich weiß nicht, was in diesem Moment in seinem Kopf vorging.
Aber ich werde nie vergessen, wie er danebenstand.
Als würde er sich erst überzeugen wollen, dass wir den Fuchs nicht einfach zurückließen.
Der Fuchs wurde in die Wildtierstation gebracht.
Den Hund nahmen wir mit ins Tierheim einer nahe gelegenen Kleinstadt.
Bevor wir uns trennten, kniete ich mich zu ihm hinunter.
„Du hast genug getan, mein Freund.“
Ich strich vorsichtig über seinen verschmutzten Kopf.
„Jetzt sind wir dran.“
In den folgenden Tagen ging mir die Begegnung nicht mehr aus dem Kopf.
Ich arbeitete wie gewöhnlich. Kontrollierte Wege, sprach mit Spaziergängern und kümmerte mich um beschädigte Zäune.
Aber immer wieder dachte ich an diese Lichtung.
An den verletzten Fuchs.
An die blutigen Pfoten des Hundes.
Und an dieses unermüdliche Bellen.
Besonders quälte mich ein Gedanke.
Was wäre geschehen, wenn ich das Geräusch noch einen weiteren Tag ignoriert hätte?
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