Robert war achtundsechzig und lebte auf einem kleinen Hof außerhalb von Sonthofen.
Ich kannte ihn flüchtig.
Ein stiller Mann, der nicht viel redete und seit dem Tod seiner Frau fast alles allein erledigte.
Ich rief ihn sofort an.
„Herr Seidel? Hier ist Michael Hartmann. Wir haben möglicherweise Ihr Lamm gefunden.“
Am anderen Ende blieb es still.
Dann hörte ich ein leises Räuspern.
„Ist es noch am Leben?“
„Ja. Es hat ein gebrochenes Bein, aber unser Tierarzt hat es versorgt.“
Wieder Stille.
„Ich dachte schon, ich finde es nie wieder“, sagte Robert schließlich. „Ich habe überall gesucht.“
Seine Stimme zitterte.
„Ich komme gleich.“
Eine Stunde später stand sein alter Wagen auf unserem Hof.
Robert stieg aus, ohne die Fahrertür richtig zu schließen.
„Wo ist es?“
Ich führte ihn in den Stall.
Als er das kleine Lamm sah, blieb er abrupt stehen.
Sein Gesicht veränderte sich.
Er nahm seine Mütze ab und hielt sie mit beiden Händen vor seinem Bauch.
„Da bist du ja“, flüsterte er.
Er kniete sich neben das Tier.
„Ich habe dich schon aufgegeben, mein Kleines.“
Das Lamm hob den Kopf und blökte.
Robert strich ihm mit seinen rauen Händen über die Stirn.
Dann bemerkte er den Bernhardiner.
„Wem gehört denn der?“
„Das wissen wir nicht.“
Ich erzählte ihm die ganze Geschichte.
Robert schaute den Hund lange an.
„Der hat bei meinem Lamm gelegen?“
„Vermutlich die ganzen drei Tage.“
Robert schüttelte langsam den Kopf.
„Unglaublich.“
Dann streckte er die Hand aus.
Der Bernhardiner schnupperte daran und ließ sich vorsichtig hinter dem Ohr kraulen.
„Du großer Kerl“, murmelte Robert. „Was hast du da bloß gemacht?“
Er sah zu mir.
„Ich kenne jeden Hund in unserer Gegend. Aber den habe ich noch nie gesehen.“
In den nächsten Tagen sprach sich die Geschichte herum.
Zuerst erzählte Robert seinen Nachbarn davon.
Dann hörten es andere Landwirte im Dorf.
Bald kamen Menschen vorbei, die einfach nur den Bernhardiner sehen wollten.
Einige brachten Futter.
Andere alte Decken.
Frau Elisabeth Berger, eine pensionierte Schneiderin aus dem Nachbardorf, schleppte sogar ein riesiges Hundekissen auf unseren Hof.
„Der arme Kerl braucht doch etwas Ordentliches zum Schlafen“, erklärte sie.
Das Kissen war beinahe so breit wie unser Küchentisch.
Anna musste lachen.
„Das ist ja größer als mein Bett früher.“
Elisabeth zuckte mit den Schultern.
„Für einen solchen Hund reicht ein normales Körbchen eben nicht.“
Der Bernhardiner nahm alle Geschenke ruhig entgegen.
Er drängte sich nie in den Vordergrund.
Wenn Besucher kamen, hob er kurz den Kopf, wedelte langsam mit dem Schwanz und legte sich wieder neben das Lamm.
Als hätte er noch immer eine Aufgabe zu erfüllen.
Die größte Frage blieb allerdings unbeantwortet.
Woher kam dieser Hund?
Und warum war er allein?
Wir fragten in den umliegenden Dörfern nach und ließen ihn auf einen Chip überprüfen.
Ein Halter konnte zunächst nicht ermittelt werden.
Erst nach ungefähr einer Woche bekamen wir einen Hinweis.
Ein älterer Schäfer erinnerte sich, den Bernhardiner schon Monate zuvor gesehen zu haben.
„Der lief manchmal beim alten Steinbruch herum“, erzählte er.
Ein anderer Mann berichtete, er habe einen ähnlich aussehenden Hund unter einer Brücke schlafen sehen.
Manche vermuteten, dass ihn jemand zurückgelassen hatte.
Andere glaubten, er sei weit von seinem ursprünglichen Zuhause fortgelaufen.
Sicher wusste es niemand.
Es gab keine verlässliche Spur zu seiner Vergangenheit.
Wir meldeten den Fund ordnungsgemäß und ließen prüfen, ob jemand nach ihm suchte.
Doch niemand meldete sich.
Ich dachte oft darüber nach, wie viele Menschen wohl an diesem riesigen Hund vorbeigefahren waren.
Wie oft er irgendwo am Straßenrand gestanden hatte.
Wie oft er vielleicht gehofft hatte, dass jemand anhielt.
Und dann war da dieses kleine verletzte Lamm gewesen.
Ein Tier, das nicht einmal allein aufstehen konnte.
Ausgerechnet bei ihm war der Bernhardiner geblieben.
Die Wochen vergingen.
Das Bein des Lamms heilte gut.
Friedrich kam regelmäßig vorbei und kontrollierte den Verband.
Eines Morgens erklärte er schließlich:
„Wenn es so weitergeht, kann Robert es bald wieder mit nach Hause nehmen.“
Anna freute sich.
Ich auch.
Aber als ich zum Bernhardiner schaute, wurde mir schwer ums Herz.
Was würde aus ihm werden?
Wir hätten ihn gern behalten. Doch unser Hof war klein, und wir waren beide nicht mehr die Jüngsten.
Ein Bernhardiner braucht viel Platz, regelmäßige Pflege und Menschen, die sich dauerhaft um ihn kümmern können.
Robert hatte dagegen einen großen Hof.
Und er hatte etwas, das dem Hund offensichtlich wichtig war.
Das Lamm.
Als der Tag des Abschieds kam, fuhr Robert mit seinem Wagen vor.
Das Lamm konnte inzwischen wieder laufen, wenn auch noch etwas vorsichtig.
Wir führten es langsam aus dem Stall.
Doch nach wenigen Schritten blieb es stehen.
Es drehte sich um.
Und blökte.
Der Bernhardiner stand in der Tür.
Sein Schwanz bewegte sich langsam hin und her.
Robert versuchte, das Lamm weiterzuführen.
Aber das kleine Tier blieb erneut stehen.
Es schaute zurück.
Dann machte es ein paar Schritte auf den Hund zu.
Anna presste die Lippen zusammen.
„Michael“, sagte sie leise, „die beiden gehören doch irgendwie zusammen.“
Robert hatte es ebenfalls bemerkt.
Er schaute erst das Lamm an, dann den Bernhardiner.
Schließlich stellte er den Strick zur Seite.
„Was haltet ihr davon, wenn ich den Großen auch aufnehme?“
Ich sah ihn überrascht an.
„Meinst du das ernst?“
„Natürlich.“
Robert verschränkte die Arme.
„Ich habe genug Platz. Futter bekommt er auch. Und offenbar versteht er sich mit meinen Schafen besser als mancher Hütehund.“
Anna lächelte.
„Aber er muss freiwillig mitkommen.“
„Selbstverständlich.“
Nachdem die notwendigen Formalitäten geklärt waren und kein Besitzer gefunden worden war, stand einer dauerhaften Aufnahme nichts mehr im Weg.
Robert ging vor dem Bernhardiner in die Hocke.
„Na, Großer? Willst du mit uns nach Hause kommen?“
Der Hund schaute ihn an.
Robert klopfte vorsichtig auf seinen Oberschenkel.
„Komm her.“
Einen Augenblick geschah nichts.
Dann setzte sich der Bernhardiner in Bewegung.
Er ging langsam auf Robert zu, blieb direkt vor ihm stehen und setzte sich.
Robert nahm den riesigen Hundekopf zwischen seine Hände.
„Du hast mein kleines Lamm gerettet“, sagte er mit brüchiger Stimme.
„Vielleicht kann ich jetzt etwas für dich tun.“
Der Bernhardiner legte seine schwere Pfote auf Roberts Knie.
Robert lachte kurz.
Dann wischte er sich mit dem Handrücken über die Augen.
„Na gut“, murmelte er. „Dann machen wir das eben.“
Natürlich brauchte der Hund auch einen Namen.
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