Danach rief ich Sabine an.
Diesmal fragte ich nicht, warum sie nicht kam. Ich erzählte ihr, wie mein Tag aussah, wer mir half und wie es tatsächlich um mich stand.
Als ich Karls Namen nannte, wurde sie still.
„Der von nebenan?“
„Ja.“
„Du hast immer gesagt—“
„Ich weiß, was ich gesagt habe.“
Sie atmete hörbar aus.
„Mama, ich dachte, du willst niemanden da haben. Jedes Mal, wenn ich Pflege angesprochen habe, warst du beleidigt.“
„Das war ich auch.“
„Und wenn ich kommen wollte, hieß es, ein Nachmittag lohnt sich nicht.“
Ich schloss die Augen.
„Ich wollte, dass du länger bleibst. Ich habe es nur auf die schlimmstmögliche Art gesagt.“
Wir schwiegen beide.
„Das entschuldigt nicht alles“, sagte sie schließlich.
„Nein.“
Zum ersten Mal versuchten wir nicht, am Telefon zu gewinnen.
Sabine kam an einem Samstag.
Karl öffnete ihr die Tür. Durch den Flur hörte ich, wie sie sich vorstellte, und wie er sagte: „Ihre Mutter sitzt in der Küche.“
Keine Spitze. Kein Vorwurf.
Sie stand vor mir und hielt eine Tasche mit Dingen, die ich nicht brauchte: Trauben, Handcreme, eine Zeitschrift.
Dann sah sie die kleinen Suppenportionen auf der Arbeitsplatte und den Kalender an der Wand.
„Ach, Mama.“
Mehr sagte sie zunächst nicht.
Sie blieb bis Sonntagabend. Wir sprachen nicht alles aus, was zwischen uns lag. Dafür reichte weder die Zeit noch meine Kraft.
Aber sie wusch mir die Haare am Waschbecken, vorsichtig und etwas unbeholfen. Als Wasser in meinen Kragen lief, erschrak sie.
„Entschuldigung.“
„Dein Vater hat das auch nie gekonnt.“
Da lachte sie unter Tränen.
Vor ihrer Abfahrt ging sie hinüber zur Werkstatt. Ich konnte durch das Fenster sehen, wie sie mit Karl sprach.
Sie kam mit roten Augen zurück.
„Er hat gesagt, ich soll wiederkommen, wenn ich kann.“
„Ja.“
„Mehr nicht.“
„So ist er.“
Es hatte dreißig Jahre gedauert, bis ich diesen Satz sagen konnte.
Im Juni wurde ich schwächer.
Die Behandlungen waren inzwischen beendet. Mein Bett stand im Wohnzimmer, damit ich den Garten sehen und nicht mehr die Treppe bewältigen musste.
Das Palliativteam passte die Medikamente an. Die Pflegekräfte kamen häufiger.
Auch die Nachbarn teilten ihre Zeit anders ein. Nicht jeder konnte nachts bleiben, nicht jeder jeden Tag. Karl sprach offen darüber, statt mir Versprechen zu machen, die niemand halten konnte.
Mit Sabine und zwei Frauen aus der Nachbarschaft fand sich dennoch fast immer jemand.
Thomas kam an einem Freitag. Er blieb drei Stunden, saß steif auf der Bettkante und erzählte von einer Baustelle bei seinem Haus.
Früher hätte ich ihm diese drei Stunden vorgehalten.
Diesmal fragte ich nach seinen Kindern.
Beim Abschied hielt er mich so fest, dass es wehtat. Ich sagte nichts.
Birgit schrieb einen Brief. Sie könne im Augenblick nicht kommen, stand darin. Aber sie wünsche mir Ruhe und möglichst wenig Schmerzen.
Ich las den Brief mehrmals.
„Soll ich sie noch einmal anrufen?“, fragte Sabine.
„Nein. Schreib ihr, dass ich sie lieb habe.“
Es gab Dinge, die sich am Ende eines Lebens nicht ordentlich zusammenfalten ließen.
Ich musste sie trotzdem aus der Hand legen.
Eines Nachmittags kam Jens mit seiner sechzehnjährigen Tochter.
Sie hieß Leni und hatte Kopfhörer um den Hals. Ich erinnerte mich dunkel an ein kleines Mädchen, das ich einmal wegen Kreidemalereien auf dem Gehweg zurechtgewiesen hatte.
Jetzt setzte sie sich neben mein Bett.
„Papa sagt, Sie kennen alle Pflanzen im Garten.“
„Nicht mehr alle.“
Sie hielt mir ihr Telefon hin. Darauf war eine kümmerliche Pflanze zu sehen.
„Die steht bei mir im Zimmer. Was mache ich falsch?“
Ich betrachtete das Bild.
„Du ertränkst sie vermutlich aus Liebe.“
Sie lachte. Ich auch.
In der Woche darauf brachte sie die Pflanze mit. Wir entfernten die gelben Blätter, und ich erklärte ihr, wie sie mit dem Finger prüfen konnte, ob die Erde noch feucht war.
Später schlief ich mitten in einem Satz ein.
Als ich aufwachte, saß sie noch da und las.
„Du musst nicht bleiben“, sagte ich.
Sie sah von ihrem Buch auf.
„Ich weiß.“
Ich drehte das Gesicht zum Fenster, damit sie meine Tränen nicht sehen musste.
Ich bat Karl, mir mein altes Notizbuch aus dem Schreibtisch zu holen.
Er zögerte, als er den Ordner darunter entdeckte. Den mit den Beschwerden.
„Den auch“, sagte ich.
Er legte beides auf die Decke.
Wir sahen uns die Seiten gemeinsam an. Meine ordentliche Schrift. Die genauen Uhrzeiten. Ganze Nachmittage, die ich damit verbracht hatte, fremdes Leben festzuhalten, statt mein eigenes zu führen.
„Den kannst du wegwerfen.“
Karl schüttelte den Kopf.
„Mach ich nicht ohne dich.“
Also riss ich die ersten Seiten selbst heraus. Nach vier Blättern taten mir die Hände weh.
Er nahm den Rest.
Wir saßen schweigend da, bis der Ordner leer war.
Danach begann ich im Notizbuch zu schreiben. Keine großen Gedanken. Kleine Dinge, an die ich mich erinnern wollte.
Jens stellt den Kaffee erst hin, wenn er nicht mehr zu heiß ist.
Rolf liest die Stellen zweimal, über die ich lachen muss.
Karl klopft an, auch wenn die Tür offen steht.
Als meine Schrift zu unsicher wurde, schrieb Sabine für mich weiter.
An meinem letzten guten Sonntag schoben sie mich im Rollstuhl hinüber zur Werkstatt.
Zum ersten Mal ging ich freiwillig durch das große Tor.
Drinnen roch es nach Metall, Holzstaub und Kaffee. An der Wand hingen Zeichnungen von Kindern, unter dem Fenster standen ordentlich beschriftete Kisten.
Der Tisch, zu dem Karl Erich und mich damals eingeladen hatte, war noch da.
Eine Ecke der Platte war mit einem andersfarbigen Stück Holz ausgebessert worden.
„Da ist Jens mal mit dem Schraubstock abgerutscht“, erklärte Rolf.
„Das wirst du mir noch auf meiner Beerdigung erzählen“, sagte Jens.
Sie lachten. Niemand hielt eine Rede.
Vor mir stand ein kleines Stück Käsekuchen, von dem ich drei Gabeln schaffte. Leni machte ein Foto.
Darauf sitze ich zwischen Karl und Rolf. Die Haare dünn, die Schultern schmal, eine Decke über den Knien.
Ich lache mit offenem Mund.
Es ist kein schönes Foto im üblichen Sinn.
Sabine ließ es trotzdem vergrößern.
Die letzten Seiten dieses Notizbuchs schrieb meine Mutter nicht mehr selbst.
Ich bin Sabine.
Sie bat mich, ihre Aufzeichnungen aufzubewahren und auch das aufzuschreiben, was danach geschah. „Aber mach mich nicht besser, als ich war“, sagte sie.
An ihrem letzten Morgen saß Karl bei ihr, während ich in der Küche frischen Tee aufsetzte.
Ich hörte sie leise sprechen und blieb in der Tür stehen.
„So viel Zeit“, sagte sie.
Karl beugte sich vor, damit er sie verstehen konnte.
„Was meinst du?“
„Die wir hätten haben können.“
Er hielt ihre Hand zwischen seinen beiden Händen. Die Hände, vor denen sie sich einmal gefürchtet hatte.
„Der Sonntag war schön“, sagte er.
Sie nickte kaum merklich.
Dann fragte sie, ob das Fenster ein Stück aufkönne.
Vom Hof kamen Stimmen. Jemand suchte einen Schlüssel, jemand schob einen Wagen über das Pflaster. Das Tor der Werkstatt wurde geöffnet.
Meine Mutter lauschte.
„Früher hätte ich jetzt schon meinen Stift gesucht.“
Karl lächelte. Ich sah, dass seine Augen feucht waren.
Sie starb am späten Vormittag. Ruhig, mit uns beiden an ihrer Seite. Die Pflegekraft war kurz vorher noch da gewesen und hatte dafür gesorgt, dass sie keine erkennbaren Schmerzen hatte.
Es gab keine letzten großen Worte.
Irgendwann kam einfach kein weiterer Atemzug.
Karl blieb sitzen, bis ich bereit war, ihre Hand loszulassen.
Zur Beerdigung kamen ihre Kinder, einige Nachbarn und die Leute aus der Werkstatt.
Rolf trug einen Anzug, der ihm an den Schultern zu eng war. Jens hatte Erde unter einem Fingernagel, weil er am Morgen noch die Blumen aus dem Auto geholt hatte.
Karl sprach nicht am Grab.
Er stand nur da und hielt seine Mütze mit beiden Händen fest.
Anschließend saßen wir an dem alten Tisch in der Schlosserei. Es gab Filterkaffee, belegte Brötchen und den Käsekuchen, den meine Mutter gemocht hatte.
Niemand behauptete, sie sei immer ein leichter Mensch gewesen.
Rolf erzählte von den falsch eingeräumten Tassen.
Jens erzählte, wie sie ihm erklärt hatte, dass seine Kartoffelsuppe „für einen gelernten Koch erstaunlich ordentlich“ sei.
Wir lachten. Dann weinten wir wieder.
Beides hatte Platz.
Das Foto von jenem Sonntag hängt heute neben dem Werkstattfenster.
Darunter steht weder eine Lebensweisheit noch eine große Widmung. Nur ihr Name und das Datum.
Ich besuche Karl manchmal, wenn ich in der Gegend bin. Wir trinken Kaffee aus Tassen, die nicht zusammenpassen, und reden über meine Mutter.
Auch über das, was ich versäumt habe.
Er nimmt mir das nicht ab. Aber er hört zu.
Vor einigen Wochen kam eine ältere Frau aus der Straße vorbei. Ihr Rolladen klemmte, und sie wusste nicht, wen sie fragen sollte.
Karl griff nach seiner Jacke.
„Zeigen Sie mal.“
Auf dem Weg zur Tür hielt er kurz an und drehte sich zu mir um.
„Der Kaffee steht in der Kanne. Bleib ruhig sitzen.“
Ich sah auf das Foto meiner Mutter, auf ihr erschöpftes, lachendes Gesicht.
Dann nahm ich eine zweite Tasse aus dem Schrank.
Für die Nachbarin, wenn die beiden zurückkamen.






