„Ich hab immer gesagt, ich arbeite doch“, erzählte er. „Miete bezahlt, Kühlschrank voll. Hab gedacht, damit ist mein Teil erledigt.“
Er zog die Decke mit zwei Fingern glatt.
„Bei ihrem Schulabschluss war ich nicht. Elternabend hab ich keinen einzigen gesehen. Aber wenn sie Mist gebaut hatte, konnte ich plötzlich reden. Laut genug.“
Ich sagte nichts.
„Als sie verhaftet wurde, hab ich erst allen anderen die Schuld gegeben. Den Leuten, mit denen sie zusammen war. Ihrer Mutter. Ihr selber sowieso.“
„Und dann?“
„Dann kam der erste Brief.“
Er kannte ihn auswendig.
Papa, du brauchst mir nicht wieder zu schreiben, was ich alles kaputt gemacht habe. Das weiß ich. Ich möchte nur einmal wissen, ob du noch da bist, wenn ich keinen Nutzen für dich habe.
Er wandte den Kopf zur Seite.
„Da hab ich mir Hilfe geholt.“
Seit acht Jahren trank er nicht mehr. Er ging noch immer zu seiner Gesprächsgruppe und hatte eine Telefonnummer im Portemonnaie, die er auch nach so langer Zeit nicht wegwarf.
„Die Namen helfen mir“, sagte er. „Wenn ich denke, heute ist alles egal, seh ich sie beim Waschen.“
Er hatte mit Nele angefangen. Später waren die anderen hinzugekommen, manche auf der Brust, manche an den Schultern, einige an den Armen.
„Dörte sagt, ich hätte auch eine Liste an den Kühlschrank hängen können.“
„Das wäre günstiger gewesen.“
Er lächelte kurz.
„Hab ich auch. Doppelt hält besser.“
Frau Feldkamp kam kurz nach sechs.
Sie trug einen dunklen Mantel und hatte eine Tasche unter dem Arm. Bevor sie zu ihm ging, bat sie mich um ein kurzes Gespräch auf dem Flur.
„Er hat mir vor ein paar Wochen gesagt, dass er wieder Beschwerden hat“, erklärte sie. „Ich habe ihn gebeten, zum Arzt zu gehen.“
„War er?“
„Einen Termin hatte er. Nächsten Dienstag.“
Wir schwiegen einen Moment.
Dann zeigte sie auf die Tasche.
„Wir könnten eine Videoverbindung ermöglichen. Seine Tochter weiß noch nichts. Ich wollte zuerst mit ihm sprechen.“
Eckhard wurde unruhig, als er das hörte.
„Nein. So nicht. Die dreht durch.“
Frau Feldkamp setzte sich neben ihn.
„Sie wird Angst bekommen“, sagte sie. „Natürlich. Aber sie wird auch merken, wenn Sie sich nicht melden.“
„Sagen Sie, ich hab mein Telefon verloren.“
„Eckhard.“
Er sah auf die Decke.
„Sie hat doch nur noch vier Monate. Die hat sich alles aufgebaut. Ihren Abschluss, die Arbeit dort, den Platz für hinterher. Wenn sie jetzt zusammenbricht …“
Frau Feldkamp ließ ihm Zeit.
„Dann bekommt sie Unterstützung. Aber wir können sie nicht davor schützen, dass ihr Vater krank ist.“
Er schüttelte den Kopf. Seine Unterlippe begann zu zittern.
„Sie wird hierherwollen.“
„Ja“, sagte Frau Feldkamp. „Und wir schauen, was möglich ist. Eine begleitete Fahrt lässt sich heute Abend nicht einfach organisieren. Aber sie kann Sie sehen. Sie kann mit Ihnen sprechen.“
Er presste die Augen zu.
Dann kam der Satz, bei dem ich begriff, worum es ihm wirklich ging.
„Ich kann ihr doch nicht schon wieder was antun.“
Frau Feldkamp legte ihre Hand auf die Bettkante.
„Dass Sie krank sind, tun Sie ihr nicht an.“
Er antwortete nicht.
„Sie haben früher vieles entschieden, ohne sie zu fragen“, fuhr sie leise fort. „Lassen Sie sie diesmal dabei sein.“
Eckhard sah sie lange an. Dann sah er mich an, als suche er einen Ausweg, den ich ihm anbieten konnte.
Ich hatte keinen.
„Wir bleiben bei ihr“, sagte Frau Feldkamp. „Dort sitzt jemand neben ihr. Und hier sitzen wir neben Ihnen.“
Schließlich nickte er.
„Aber erst das Hemd richtig.“
Ich half ihm, den Kragen zu schließen. Er bat um einen feuchten Waschlappen und strich sich damit über das Gesicht. Als ich seinen Bart etwas glattzupfte, hielt er ganz still.
„So schlimm?“, fragte er.
„Ein bisschen Werkstatt ist noch drin.“
Er schnaubte leise. Dann wurde er wieder ernst.
„Sagen Sie ihr nicht, dass ich auf dem Parkplatz lag.“
Frau Feldkamp stellte das Tablet auf.
„Sie dürfen ihr selbst erzählen, was Sie erzählen möchten.“
Es dauerte einige Minuten, bis die Verbindung stand. In dieser Zeit fragte er zweimal, ob seine Haare ordentlich seien.
Seine Tochter erschien in einem schlichten Raum vor einer hellen Wand.
Sie hatte dunkles Haar, das sie im Nacken zusammengebunden hatte. Neben ihr war am Bildrand die Schulter einer Mitarbeiterin zu sehen.
„Papa?“
Ihr Gesicht veränderte sich sofort. Sie hatte die Schläuche gesehen, das Bett, meine Dienstkleidung.
„Was ist passiert?“
„Das Herz macht Ärger“, sagte er.
„Wie viel Ärger?“
Er sah kurz zu mir. Ich ließ ihm die Antwort.
„Ordentlich.“
Dörte legte eine Hand vor den Mund. Dann beugte sie sich näher zum Bildschirm.
„Du hast gesagt, es ist nur Sodbrennen.“
Er schwieg.
„Letzten Sonntag. Du hast gesagt, ich soll mir keine Gedanken machen.“
„Wollt ich auch nicht, dass du …“
„Papa, bitte.“
Es war nicht laut. Aber er hörte sofort auf.
Eine Weile sagte keiner etwas. Dann fragte sie: „Kannst du wieder gesund werden?“
Eckhard sah zur Ärztin, die inzwischen zu uns getreten war. Sie erklärte in wenigen, verständlichen Sätzen, dass sein Zustand sehr ernst sei und sie alles täten, um sein Herz zu entlasten.
Dörte hörte zu, ohne sie zu unterbrechen.
Als die Ärztin fertig war, liefen ihr Tränen über das Gesicht.
„Ich will zu dir.“
„Ich weiß, Kind.“
„Ich hab so viel verpasst.“
Er hob die Hand ein wenig vom Bett. Frau Feldkamp rückte das Tablet näher.
„Ich auch“, sagte er.
Dann begann er sich zu entschuldigen.
Für die Abende, an denen sie auf ihn gewartet hatte. Für den Abschluss. Für den Satz, sie solle sich nicht so anstellen, als sie ihm einmal von ihrer Angst erzählt hatte.
Dörte ließ ihn zunächst reden. Aber als er sagte, ohne ihn wäre sie nie bei den Drogen gelandet, schüttelte sie heftig den Kopf.
„Nein, Papa. Hör auf.“
Er sah sie erschrocken an.
„Du hast Fehler gemacht“, sagte sie. „Schlimme. Aber meine Sachen nehme ich nicht von dir zurück. Die gehören mir.“
Er atmete durch den offenen Mund.
„Ich hätte besser auf dich aufpassen müssen.“
„Ja“, sagte sie. „Hättest du.“
Diese beiden Worte standen eine Weile zwischen ihnen. Niemand versuchte, sie kleiner zu machen.
Dann wischte sie sich mit dem Ärmel über das Gesicht.
„Aber du bist seit acht Jahren da. Jeden Besuch. Jeden Sonntag. Weißt du, wie viele hier irgendwann gar keine Post mehr kriegen?“
Er senkte den Blick.
„Du kommst sogar, wenn ich schlechte Laune habe. Besonders dann.“
Zum ersten Mal lächelten beide gleichzeitig.
„Hast du von deiner Mutter“, murmelte er.
„Die schlechte Laune?“
„Dass du trotzdem willst, dass man bleibt.“
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