Arko schnappte nicht.
Er knurrte nicht.
Er sah nur auf Werners Hände.
Diese breiten, groben Hände, die seit mehr als fünf Jahrzehnten Sohlen geklebt, Nähte gezogen und Leder gespannt hatten.
Werner zog die Decke ein wenig zurecht.
„Jetzt bringen wir dich erst mal in Sicherheit.“
Der Hund ließ den Kopf gegen seinen Arm sinken.
Nur für einen Augenblick.
Aber Werner spürte das Gewicht noch, als Monika den Wagen schon Richtung Auto schob.
In der Tierarztpraxis wurde Arko gründlich untersucht. Die Pfoten waren tatsächlich verbrannt und stark gereizt. Wie lange er schon so unterwegs gewesen war, wusste niemand.
Eine Tierärztin reinigte die Wunden, legte Verbände an und erklärte ruhig, was nun nötig war.
Ruhe.
Sauberkeit.
Schmerzbehandlung.
Kontrollen über mehrere Wochen.
„Kann er wieder ganz gesund werden?“, fragte Werner.
Die Tierärztin hob leicht die Schultern.
„Wir hoffen es. Aber er wird Zeit brauchen. Und vielleicht bleiben die Ballen noch lange empfindlich.“
Werner stand still neben dem Behandlungstisch.
Arko lag erschöpft da, aber als Werner seinen Namen sagte, öffnete er kurz die Augen.
„Gehört der Hund Ihnen?“, fragte die Tierärztin.
Werner schüttelte den Kopf.
„Nein. Er lag heute Morgen vor meiner Werkstatt.“
Monika sah von ihren Unterlagen auf.
„Falls sich kein Besitzer meldet, brauchen wir für die erste Zeit vielleicht eine Pflegestelle.“
Werner antwortete nicht sofort.
Seit dem Tod seiner Frau Hannelore lebte er allein. Das war nun fast acht Jahre her. Sie hatten früher einen kleinen Mischling gehabt, Teddy, der ihnen viele Jahre lang gefolgt war wie ein Schatten.
Nach Teddy war kein Hund mehr gekommen.
Nach Hannelore war es still geworden.
Zu still.
„Ich weiß es nicht“, sagte Werner schließlich.
Monika nickte.
„Sie müssen sich heute nicht entscheiden.“
Werner blickte noch einmal zu Arko.
„Kann ich ihn morgen besuchen?“
„Natürlich.“
Und Werner kam.
Am nächsten Tag.
Am übernächsten auch.
Nach einer Woche kannte die Tierärztin schon seinen Namen, und Monika musste schmunzeln, wenn sie ihn in der Tür stehen sah.
Er brachte eine alte Decke mit, die früher Teddy gehört hatte. Später kam ein flacher Napf dazu. Dann ein weiches Handtuch.
„Sie tun ja gerade so, als hätten Sie ihn längst aufgenommen“, sagte Monika eines Nachmittags.
Werner strich Arko über den Kopf.
„Tu ich das?“
„Ja.“
„Dann sagen Sie es besser nicht laut. Sonst merkt er es noch.“
Monika lachte.
Arko wedelte zum ersten Mal vorsichtig mit dem Schwanz.
Drei Wochen später durfte der Hund die Praxis verlassen. Niemand hatte sich gemeldet. Kein Besitzer war aufgetaucht. Keine glaubhafte Erklärung, keine Suche, kein Aushang führte zu etwas.
Werner nahm Arko als Pflegehund mit nach Hause.
Zuerst nur vorübergehend.
So sagte er es jedenfalls.
In seiner Wohnung über der Werkstatt räumte er das Wohnzimmer um. Das alte Körbchen von Teddy holte er aus dem Keller, obwohl es längst ein wenig zu klein war. Später kaufte er ein größeres.
Arko bekam einen Platz neben dem Sofa.
In den ersten Nächten wurde Werner oft wach. Manchmal, weil Arko unruhig atmete. Manchmal, weil der Hund sich im Schlaf bewegte und leise fiepte. Dann stand Werner auf, setzte sich zu ihm und wartete, bis er wieder ruhig wurde.
„Alles gut“, murmelte er. „Ich bin da.“
Mehr sagte er meistens nicht.
Er war nie ein Mann großer Worte gewesen.
Hannelore hatte früher oft gesagt, Werner könne ganze Gespräche mit einem Kopfnicken führen. Und trotzdem hatte sie immer gewusst, was in ihm vorging.
Nun war niemand mehr da, der ihn so gut verstand.
Bis Arko kam.
Nach etwa sechs Wochen durfte der Hund wieder kleine Wege draußen gehen. Die Verbände waren weg. Die Haut heilte, blieb aber empfindlich.
Die Tierärztin empfahl Schutz für kurze Spaziergänge auf rauem Boden.
Werner kaufte daraufhin vier Hundeschuhe in einem Tierbedarfsladen. Als er den Preis sah, schnaubte er.
Fast 80 Euro.
„Für den Preis“, murmelte er zu Arko, „bekomme ich fast ein Paar ordentliche Herrenschuhe.“
Arko schnupperte nur an der Verpackung.
Das Anziehen war ein kleines Schauspiel. Arko hob die Beine übertrieben hoch und ging, als würde er zum ersten Mal in seinem Leben laufen.
Werner lachte so laut, dass er sich selbst erschrak.
Es war ein Lachen, das in seiner Wohnung lange nicht mehr zu hören gewesen war.
Nach einigen Tagen klappte es besser.
Arko lief langsam, aber sicher mit den Schuhen.
Doch die Freude hielt nicht lange.
Schon nach drei Wochen bemerkte Werner, dass ein Riemen verrutscht war. Eine Naht hatte sich gelöst. Ein Schuh drückte vorne, ein anderer saß locker. Und an einer empfindlichen Stelle hatte das Material sogar leicht gerieben.
Werner legte die vier kleinen Schuhe auf seine Werkbank.
Daneben ein altes Stück Fahrradreifen, Lederreste, weiches Futter, Garn und ein Bogen braunes Papier.
Er setzte die Brille auf.
Dann nahm er einen Bleistift in die Hand.
„Na schön“, sagte er leise. „Dann machen wir es eben selbst.“
Arko lag unter der Werkbank und beobachtete ihn.
Werner hatte in seinem Leben unzählige Füße vermessen.
Aber eine Hundepfote war etwas anderes.
Schon der erste Abdruck überraschte ihn. Die Vorderpfote war breiter, als er gedacht hatte. Die Hinterpfote schmaler. Unter Belastung spreizten sich die Zehen anders. Die Form veränderte sich je nachdem, ob Arko stand, saß oder lag.
„Du bist mein schwierigster Kunde“, brummte Werner.
Arko legte den Kopf schief.
„Und nicht mal zahlen kannst du.“
Der erste selbst gemachte Schuh rutschte seitlich weg.
Der zweite war zu steif.
Beim dritten war die Sohle zu schwer.
Beim vierten scheuerte eine Naht an der falschen Stelle.
Werner begann, sich Notizen zu machen.
Vorne mehr Platz.
Weniger Gewicht.
Weiches Innenmaterial.
Keine harte Kante an den Ballen.
Verschluss höher setzen.
Er arbeitete plötzlich wieder wie ein Lehrling.
Probieren.
Verwerfen.
Neu beginnen.
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