Ich schluckte.
„Kann ich ihn halten?“
Sie zögerte kurz.
„Natürlich. Aber bitte vorsichtig. Er erschrickt manchmal, wenn man ihn unerwartet berührt.“
Ich stellte meine Handtasche auf den Boden und streckte beide Arme aus.
„Hallo, Willi“, flüsterte ich. „Ich bin die Renate.“
Die Mitarbeiterin legte ihn behutsam an meine Brust.
Zuerst geschah nichts.
Dann hob er langsam den Kopf.
Seine Nase bewegte sich.
Er schnupperte an meiner Strickjacke und tastete mit einer Vorderpfote vorsichtig über meinen Arm.
Ich blieb ganz still.
Und plötzlich schob dieser alte blinde Kater seinen Kopf unter mein Kinn.
So fest, wie seine wenigen Kräfte es zuließen.
Dann kam ein Geräusch.
Ganz leise.
Ein tiefes, brüchiges Schnurren.
Die Mitarbeiterin sah mich überrascht an.
„Das hat er schon lange nicht mehr gemacht.“
Ich konnte nichts sagen.
Ich hielt ihn einfach fest und spürte seinen kleinen, warmen Körper an meiner Brust.
Nach einer Weile bewegte Willi seine Pfote.
Er legte sie auf meine Hand.
Und dort blieb sie liegen.
Es war nichts Spektakuläres.
Keine große Rettung, kein Wunder.
Nur ein alter Kater, der sich an einen fremden Menschen schmiegte.
Aber in diesem Augenblick musste ich an Rolf denken.
An all die Abende, an denen wir nebeneinander auf dem Sofa gesessen hatten.
An seine warme Hand auf meiner.
An dieses wunderbare Gefühl, nicht allein zu sein.
Meine Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich nehme ihn mit“, sagte ich.
Die Mitarbeiterin sah mich an.
„Frau Albers, wir müssen vorher noch einiges besprechen. Willi ist sehr alt. Seine Blindheit ist nicht das einzige Problem. Er braucht regelmäßige Untersuchungen und wahrscheinlich besondere Pflege.“
„Das weiß ich.“
„Und es kann sein, dass er nicht mehr viel Zeit hat.“
Ich schaute auf den Kater in meinen Armen.
„Dann soll er die Zeit, die ihm bleibt, wenigstens in einem Zuhause verbringen.“
Die Frau sagte einen Moment lang nichts.
Dann nickte sie.
Wir setzten uns in ein kleines Büro. Sie erklärte mir seine medizinischen Befunde, die notwendigen Kontrollen und die Herausforderungen bei der Betreuung eines blinden Katers.
Die endgültige Freigabe musste noch mit der zuständigen Tierärztin geklärt werden.
Ich hörte aufmerksam zu und unterschrieb die erforderlichen Unterlagen, nachdem alle Fragen besprochen waren.
Es gab keine Garantie, dass Willi bei mir glücklich werden würde.
Keine Garantie, dass er sich eingewöhnte.
Und schon gar keine Garantie, dass wir noch viele gemeinsame Jahre haben würden.
Doch irgendwann sagte die Tierärztin:
„Wir können den Termin aufheben. Willi darf mit Ihnen nach Hause.“
Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben selten solche Erleichterung gespürt.
Als ich auf die Uhr sah, war es kurz nach acht.
Die Zeit, vor der ich mich die ganze Nacht gefürchtet hatte, war vorbei.
Und Willi lebte.
Die Mitarbeiterin brachte mir eine Transportbox und legte seine vertraute Decke hinein.
Bevor ich ging, erzählte sie mir noch etwas.
„Wissen Sie, Frau Albers, sein früherer Besitzer hat ihn jeden Abend gebürstet. Das hat uns ein Angehöriger erzählt. Angeblich hat Willi immer auf einem bestimmten Kissen neben seinem Sessel gelegen.“
Sie strich dem Kater über den Rücken.
„Vielleicht hilft Ihnen das bei der Eingewöhnung.“
Ich bedankte mich.
Dann trug ich Willi hinaus zu meinem Auto.
Während der Fahrt war es still.
Er lag in seiner Box auf dem Beifahrersitz, die mit dem Sicherheitsgurt befestigt war.
Ab und zu hörte ich ihn atmen.
An einer roten Ampel sprach ich mit ihm.
„Wir fahren jetzt nach Hause, Willi.“
Eine kleine Bewegung kam aus der Box.
„Du wirst dich erst einmal zurechtfinden müssen. Ich habe nämlich ziemlich viele Möbel.“
Ich musste über mich selbst lachen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit sprach ich während einer Autofahrt mit jemandem, der neben mir saß.
Als wir ankamen, stellte ich die Transportbox im Wohnzimmer ab.
Ich hatte vor der Abfahrt noch nicht viel vorbereiten können. Deshalb richtete ich zunächst einen ruhigen Bereich für ihn ein.
Eine weiche Decke.
Zwei flache Näpfe.
Ein niedriges Katzenklo.
Und einen Platz, an dem er sich verstecken konnte, wenn ihm alles zu viel wurde.
Am Nachmittag fuhr meine Tochter Anja vorbei und brachte Futter und einige weitere Dinge mit.
„Mama, du hast wirklich eine Katze adoptiert?“
Sie stand im Wohnzimmer und schaute ungläubig auf die Transportbox.
„Einen Kater“, antwortete ich.
„Einen fünfzehn Jahre alten blinden Kater?“
„Ja.“
Anja setzte sich.
„Mama, das ist eine riesige Verantwortung.“
„Das weiß ich.“
„Und was ist, wenn er krank wird?“
„Dann bringe ich ihn zum Tierarzt.“
Sie betrachtete mich lange.
Dann seufzte sie.
„Du bist manchmal genauso stur wie Papa.“
Ich lächelte.
„Das hat er auch immer gesagt.“
Anja blieb noch eine Stunde. Gemeinsam räumten wir ein paar Dinge aus dem Weg, an denen Willi sich verletzen könnte.
Wir beschlossen, die Möbel möglichst nicht mehr umzustellen.
Und wir machten uns einen Plan für die ersten Tage.
Am Abend saß ich auf meinem alten Sofa.
Willi hatte seine Box verlassen.
Langsam tastete er sich an der Wand entlang. Seine Schnurrhaare berührten die Möbel, und seine Nase war ständig in Bewegung.
Einmal stieß er vorsichtig gegen ein Tischbein.
Er blieb stehen.
Dann drehte er sich und ging weiter.
Ich wollte ihm helfen, aber die Tierärztin hatte mir erklärt, dass er seine Umgebung in Ruhe kennenlernen sollte.
Also blieb ich sitzen und sprach ab und zu mit ihm.
„Das ist der Tisch, Willi. Da stoße ich mir übrigens auch ständig das Knie.“
Er reagierte nicht.
Aber er lief weiter.
Nach ungefähr einer Stunde hatte er den Weg zwischen seiner Decke, dem Wassernapf und dem Sofa gefunden.
Ich war erstaunt, wie konzentriert er sich bewegte.
Dann blieb er plötzlich stehen.
Seine Nase zeigte in meine Richtung.
„Willi?“
Er drehte den Kopf.
Ich klopfte zweimal leicht auf das Sofakissen.
„Hier bin ich.“
Er kam langsam näher.
Mit einer Vorderpfote berührte er meinen Hausschuh.
Dann die andere Seite.
Schließlich stellte er sich direkt vor meine Füße und miaute.
Nur einmal.
Ein raues, kleines Miauen.
„Möchtest du hoch?“
Ich beugte mich zu ihm hinunter und half ihm vorsichtig auf das Sofa.
Willi schnupperte an meiner Hose.
Dann drehte er sich zweimal im Kreis.
Und legte sich auf meinen Schoß.
Einfach so.
Als hätte er dort schon immer gelegen.
Nach wenigen Minuten schlief er ein.
Sein Kopf ruhte auf meinem Unterarm. Eine seiner Vorderpfoten lag auf meinem Handgelenk.
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