Mein wohlhabender Sohn setzte mich mitten in der Nacht auf die Straße, weil ich meinen 35 Jahre alten Papagei nicht hergeben wollte. Was danach geschah, hätte ich niemals erwartet.
„Dann bleib eben bei deinem blöden Vogel, Papa! Aber erwarte nicht, dass ich dich wieder abhole!“
Mein Sohn Markus knallte den Kofferraum seines teuren Wagens zu. Meine beiden alten Koffer hatte er einfach neben der Bushaltestelle abgestellt. Einer war umgefallen und lag halb in einer schmutzigen Pfütze.
„Markus, bitte. Wir können doch noch einmal darüber reden.“
Er sah mich nicht einmal richtig an.
„Ich habe dir gesagt, wie es läuft. Entweder das Seniorenheim ohne den Vogel oder du kümmerst dich selbst um alles.“
Dann stieg er ein.
Ich hörte noch, wie die Autotür zufiel. Wenige Sekunden später verschwanden die Rücklichter hinter der nächsten Kreuzung.
Ich war 78 Jahre alt. Es war kurz nach Mitternacht, Ende November, irgendwo am Stadtrand von Kassel.
Und ich hatte kein Zuhause mehr.
In meinen Armen hielt ich einen Vogelkäfig, den ich sorgfältig mit meiner einzigen dicken Winterjacke zugedeckt hatte.
Darunter saß Mixi.
Mein 35 Jahre alter Graupapagei.
Das letzte Lebewesen, das noch mit der Stimme meiner verstorbenen Frau sprach.
Ich heiße Arthur Neumann. Früher war ich Schreiner. Ich habe 43 Jahre gearbeitet, Steuern gezahlt und meine Familie ernährt.
Nie hätte ich gedacht, dass ich eines Tages an einer Bushaltestelle sitzen würde, ohne zu wissen, wo ich schlafen sollte.
Und schon gar nicht hätte ich gedacht, dass mein eigener Sohn mich dorthin bringen würde.
Alles hatte drei Wochen zuvor begonnen.
Markus war zu mir gekommen und hatte gesagt, dass wir über das Haus reden müssten.
Das kleine Reihenhaus in Kassel, in dem meine Frau Marianne und ich fast vierzig Jahre gelebt hatten.
Ich dachte zuerst, es ginge um Reparaturen.
Doch Markus erklärte mir, dass er große finanzielle Schwierigkeiten hatte. Seine Firma lief schlecht. Er hatte Schulden und wusste nicht mehr weiter.
Vor einigen Jahren hatte ich ihm eine notarielle Vollmacht gegeben. Ich vertraute meinem einzigen Sohn.
Dieses Vertrauen hatte er benutzt, um den Verkauf meines Hauses vorzubereiten.
Als ich davon erfuhr, war vieles bereits entschieden.
Ich verstand damals kaum, was geschehen war.
„Du kannst doch sowieso nicht mehr allein in dem großen Haus bleiben“, sagte Markus. „Ich habe ein schönes Zimmer für dich gefunden.“
Es war eine einfache Senioreneinrichtung am anderen Ende der Stadt.
Ich hätte mich vielleicht sogar damit abgefunden.
Aber es gab eine Bedingung.
Keine Haustiere.
„Mixi kommt nicht mit“, sagte Markus.
Ich schüttelte den Kopf.
„Dann komme ich auch nicht.“
Er lachte zuerst, weil er dachte, ich würde scherzen.
Doch ich meinte es ernst.
Mixi war kein gewöhnlicher Papagei.
Meine Marianne hatte ihn vor 35 Jahren als winziges Jungtier aufgenommen. Damals passte er beinahe in ihre Hand.
Sie fütterte ihn, kümmerte sich um ihn und redete jeden Tag mit ihm.
Marianne redete überhaupt viel.
Beim Kochen. Beim Wäscheaufhängen. Beim Blumengießen.
Und Mixi hörte zu.
Irgendwann begann er, ihre Stimme nachzuahmen.
Nicht nur einzelne Wörter.
Er konnte ganze Sätze in genau ihrem Tonfall sagen.
„Arthur, der Kaffee ist fertig!“
Oder:
„Hast du deine Tabletten genommen, mein Schatz?“
Manchmal lachte er sogar genau wie sie.
Dieses kleine, helle Lachen, das ich unter tausend Menschen erkannt hätte.
Als Marianne vor fünf Jahren nach langer Krankheit starb, wurde unser Haus schrecklich still.
Ich vermisste nicht nur ihre Nähe.
Ich vermisste die alltäglichen Kleinigkeiten.
Wie sie morgens die Schubladen öffnete. Wie sie beim Kochen leise summte. Wie sie mich ermahnte, nicht wieder ohne Schal hinauszugehen.
Mixi hatte vieles davon behalten.
Natürlich wusste ich, dass es nur ein Vogel war, der vertraute Geräusche wiederholte.
Aber wenn ich morgens in die Küche kam und er mit Mariannes Stimme sagte: „Na, mein Arthur, gut geschlafen?“, fühlte ich mich für einen kurzen Moment nicht mehr ganz allein.
Und nun sollte ich ihn einfach abgeben.
Markus brachte mich an jenem Abend zu einer Tierauffangstation, die auch nachts erreichbar war.
„Die kümmern sich um ihn“, sagte er ungeduldig. „Du machst aus allem ein Drama.“
Ich saß auf dem Beifahrersitz und hielt Mixis Käfig fest.
„Nein, Markus.“
„Papa, bitte fang nicht wieder an.“
„Deine Mutter hat diesen Vogel großgezogen. Ich habe ihr versprochen, gut auf ihn aufzupassen.“
Mein Sohn starrte durch die Windschutzscheibe.
„Mama ist seit fünf Jahren tot.“
Dieser Satz traf mich härter, als er wahrscheinlich ahnte.
„Das weiß ich“, antwortete ich leise. „Ich war dabei, als sie gegangen ist.“
Danach sagte keiner von uns etwas.
Bis Markus plötzlich an der Bushaltestelle anhielt.
Zehn Minuten später war ich allein.
Ich zog die dünne Strickjacke enger um meinen Körper und setzte mich auf die Metallbank.
In meiner Brieftasche hatte ich 38 Euro und ein paar Münzen.
Mein altes Klapphandy zeigte nur noch einen roten Balken.
Wen sollte ich überhaupt anrufen?
Die meisten meiner früheren Kollegen waren längst verstorben oder weggezogen. Meine Schwester lebte weit entfernt und war selbst pflegebedürftig.
Ich hatte geglaubt, dass wenigstens mein Sohn immer für mich da sein würde.
Meine Hände zitterten.
Nicht nur wegen der Kälte.
Ich schob den Käfig vorsichtig näher an meine Brust. Mixi saß auf seiner Stange und hatte das Gefieder leicht aufgeplustert.
Ich wusste, wie empfindlich Graupapageien auf Kälte reagieren konnten.
„Halte durch, mein Alter“, flüsterte ich. „Wir finden schon etwas.“
Da bewegte sich etwas unter meiner Jacke.
Und plötzlich hörte ich sie.
Mariannes Stimme.
„Arthur, zieh dich warm an. Du erkältest dich noch.“
Ich hielt die Luft an.
Genau diesen Satz hatte sie jeden November zu mir gesagt.
Ich schloss die Augen.
„Ach, Marianne“, flüsterte ich.
Dann begann ich zu weinen.
Nicht laut. Ich saß einfach da, mit beiden Händen um den Käfig, während mir die Tränen über das Gesicht liefen.
Ich weiß nicht, wie lange ich so dasaß.
Irgendwann hörte ich einen schweren Motor.
Ein großer schwarzer Abschleppwagen hielt direkt vor der Bushaltestelle.
Die Fahrertür öffnete sich.
Ein kräftiger Mann stieg aus.
Er war vielleicht Mitte vierzig, hatte breite Schultern, einen kurz geschorenen Kopf und eine auffällige Narbe am Hals.
Seine Arbeitshose war voller Ölflecken. An seinen Unterarmen sah man alte Tätowierungen.
Ich muss gestehen, dass ich zunächst Angst bekam.
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