Der Mann kam auf mich zu.
„Entschuldigung, was machen Sie denn hier draußen?“
Seine Stimme war tief und rau.
Ich wollte antworten, aber meine Lippen waren ganz steif.
Er betrachtete meinen Käfig und die beiden Koffer.
„Warten Sie auf jemanden?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Haben Sie irgendwo ein Zimmer?“
Wieder schüttelte ich den Kopf.
Er runzelte die Stirn.
„Sie können doch hier nicht die ganze Nacht sitzen bleiben.“
Noch bevor ich etwas sagen konnte, kam eine Stimme unter meiner Jacke hervor.
„Hast du Hunger, mein Schatz? Ich mach dir etwas Warmes.“
Der Mann erstarrte.
Er blickte hinter sich und dann wieder zu mir.
„Wer hat das gerade gesagt?“
Ich zog die Jacke ein Stück zurück.
Mixi legte den Kopf schief.
„Das ist mein Papagei“, erklärte ich. „Er spricht mit der Stimme meiner Frau.“
Der Fremde starrte den Vogel an.
„Ihre Frau?“
„Sie ist vor fünf Jahren gestorben.“
Er sagte lange nichts.
Dann sah er meine nackten, zitternden Hände und die Winterjacke, mit der ich den Käfig zugedeckt hatte.
„Sie haben Ihre Jacke dem Vogel gegeben?“
Ich nickte.
„Er verträgt die Kälte schlechter als ich.“
Der Mann presste kurz die Lippen zusammen.
„Wie heißen Sie?“
„Arthur.“
„Ich bin Jens. Jens Hartmann.“
Er zeigte auf seinen Abschleppwagen.
„Mir gehört eine kleine Kfz Werkstatt hier in der Nähe. Da ist es warm. Kaffee haben wir auch.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Das ist wirklich freundlich, aber ich möchte Ihnen keine Umstände machen.“
Jens schüttelte den Kopf.
„Arthur, wenn ich Sie hier sitzen lasse, kann ich heute Nacht selbst nicht ruhig schlafen.“
Dann nahm er meine Koffer.
„Kommen Sie. Und Ihren gefiederten Freund nehmen wir selbstverständlich mit.“
Ich erinnere mich noch genau an die Wärme, als ich in das Fahrerhaus stieg.
Meine Finger schmerzten, als sie langsam wieder warm wurden.
Jens stellte die Heizung etwas höher und legte mir eine Decke über die Knie.
„Die habe ich immer dabei“, erklärte er. „Man weiß nie, wen man unterwegs findet.“
Die Werkstatt lag in einem kleinen Gewerbegebiet.
Drinnen roch es nach Motoröl, Gummi und frisch aufgebrühtem Kaffee.
Jens stellte Mixis Käfig auf einen stabilen Tisch in einem angenehm beheizten Büro, weit genug entfernt von der Heizung.
Dann brachte er mir eine große Tasse Tee.
Für Mixi fand er einen Apfel.
„Darf er so etwas?“, fragte er vorsichtig.
„Ja, sehr gern sogar.“
Mixi nahm ein kleines Stück und begann sofort zu knabbern.
Jens lächelte.
Es war das erste Mal, dass ich ihn lächeln sah.
Wir saßen bis fast drei Uhr morgens zusammen.
Ich erzählte ihm von Marianne, unserem Haus und meinem Sohn.
Jens unterbrach mich kein einziges Mal.
Er hörte einfach zu.
Später erzählte er auch von sich.
Er hatte viele Jahre bei der Bundeswehr gedient. Nach seiner Rückkehr ins zivile Leben war es ihm schwergefallen, wieder einen geregelten Alltag zu finden.
Vor einigen Jahren hatte er die Werkstatt übernommen.
„Ich arbeite oft nachts“, sagte er. „Dann ist es ruhig. Das tut mir gut.“
Er blickte zu Mixi.
„Wissen Sie, Arthur, ich habe in meinem Leben einiges erlebt. Aber eines habe ich gelernt.“
Er machte eine kurze Pause.
„Man lässt Menschen nicht einfach zurück.“
Ich wusste nicht, wie ich darauf antworten sollte.
Also nickte ich nur.
Als Jens mir später ein kleines Gästezimmer über der Werkstatt zeigte, musste ich wieder weinen.
Es hatte ein Bett, einen Schrank und eine Lampe auf dem Nachttisch.
Mehr brauchte ich nicht.
„Bleiben Sie erst mal hier“, sagte Jens. „Morgen sehen wir weiter.“
Aus morgen wurden mehrere Tage.
Jens kannte eine ehrenamtliche Beratungsstelle, die älteren Menschen in schwierigen Lebenssituationen half.
Eine freundliche Mitarbeiterin namens Brigitte besuchte mich in der Werkstatt.
Sie hörte sich meine Geschichte an, half mir bei den Unterlagen und vermittelte mir zusätzliche Beratung wegen des Hausverkaufs.
Außerdem suchte sie nach einer kleinen Wohnung.
Es dauerte einige Zeit, bis alles geregelt war.
Dann bekam ich eine Zusage.
Eine barrierearme Erdgeschosswohnung in einer ruhigen Wohnanlage.
Zwei Zimmer, eine kleine Küche und ein Fenster zum Innenhof.
Und das Wichtigste:
Mixi durfte mit einziehen.
Als ich den Mietvertrag unterschrieb, musste Brigitte mir zweimal zeigen, wo genau meine Unterschrift hingehörte.
So sehr zitterten meine Hände.
Jens half mir beim Umzug.
Er brachte sogar ein kleines Regal und einen gebrauchten Sessel mit.
„Der stand bei mir nur herum“, behauptete er.
Später erfuhr ich, dass er den Sessel extra für mich besorgt hatte.
Auch bei der Kaution hatte er mir geholfen.
Ich wollte ihm das Geld unbedingt zurückgeben.
Doch Jens winkte ab.
„Sie können sich irgendwann revanchieren.“
„Wie denn?“, fragte ich.
Er grinste.
„Sie könnten vielleicht ab und zu meine Rechnungen sortieren. Das kann ich nämlich überhaupt nicht leiden.“
So begann mein zweites Leben.
Fast jeden Vormittag holte Jens mich mit seinem Wagen ab.
Ich saß im Werkstattbüro, sortierte Belege und nahm gelegentlich Anrufe entgegen.
Mixi bekam einen eigenen Platz neben dem großen Schreibtisch.
Die Mechaniker, die zuerst über den Papagei gelacht hatten, brachten ihm bald kleine Spielsachen mit.
Einer von ihnen, Ralf, hatte sogar eine Sitzstange gebaut.
Manchmal erwischte ich die Männer dabei, wie sie mit Mixi sprachen, als wäre er ein alter Kollege.
Und Mixi antwortete.
Meistens mit Mariannes Stimme.
„Na, ihr zwei, schon wieder am Quatschen?“
Dann lachten alle.
Ich hatte nicht erwartet, in meinem Alter noch einmal irgendwo dazuzugehören.
Doch genau das geschah.
Etwa zwei Monate nach jener Nacht erhielt Jens einen gewöhnlichen Abschleppauftrag.
Ein teurer Wagen stand vor einem Restaurant in der Kasseler Innenstadt und blockierte eine Feuerwehrzufahrt.
Jens brachte das Fahrzeug auf den vorgesehenen Abstellplatz.
Am nächsten Morgen betrat ein aufgebrachter Mann die Werkstatt.
Ich war an diesem Tag nicht dort. Jens erzählte mir später, was passiert war.
Der Mann schlug seine Fahrzeugpapiere auf den Tresen.
„Ich will sofort meinen Wagen zurück!“, schimpfte er. „Und wenn auch nur ein Kratzer daran ist, bekommen Sie Ärger!“
Jens blickte auf die Unterlagen.
Markus Neumann.
Dann sah er den Mann genauer an.
Er kannte sein Gesicht von einem alten Familienfoto, das ich ihm einmal gezeigt hatte.
Es war mein Sohn.
„Sie sind Markus Neumann?“, fragte Jens.
„Ja. Und wer sind Sie?“
„Mein Name ist Jens Hartmann.“
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