Ein fremdes Mädchen stellte sein kaputtes Fahrrad vor seine Garage – und öffnete sein verschlossenes Herz

Leni kniete neben dem Fahrrad und drückte mit beiden Daumen gegen den Mantel.

„Der braucht Luft.“

„Woran merkst du das?“

„Weil er sich anfühlt wie Omas Oberarm.“

Jakob verschluckte sich fast vor Lachen.

„Das sagen wir deiner Oma besser nicht.“

„Die wohnt weit weg. Und sie mag mich sowieso nur, wenn ich ein Kleid trage.“

Jakob sah kurz zu Katharina hinüber.

Sie telefonierte noch immer, doch ihre Schultern waren angespannt.

Am dritten Samstag brachte Katharina Kaffee mit.

„Ich hatte ein schlechtes Gewissen“, sagte sie.

„Wegen des Kaffees?“

„Weil ich zweimal zugesehen habe, ohne Ihnen etwas anzubieten.“

Sie reichte ihm einen Becher. Jakob nahm einen Schluck und verzog das Gesicht.

„Der ist kalt.“

„Ich hatte unterwegs ein Gespräch.“

„Dann war das Gespräch offenbar wichtiger als der Kaffee.“

„Es ging um vierhundert Arbeitsplätze.“

„Dann darf er kalt sein.“

Zum ersten Mal lächelte Katharina.

Es war nur ein kurzes Lächeln. Vorsichtig und ungeübt, als benutze sie es im Alltag nicht besonders oft.

Leni sortierte währenddessen Unterlegscheiben nach Größe. Jakob hatte ihr eine alte Keksdose gegeben, in der sich über Jahrzehnte Schrauben, Muttern und kleine Metallteile angesammelt hatten.

„Warum hebst du das alles auf?“, fragte sie.

„Weil man kurz nach dem Wegwerfen meistens genau das Teil braucht.“

„Mama wirft alles weg, was wir ein Jahr nicht benutzt haben.“

„Deshalb hat deine Mama wahrscheinlich eine ordentliche Wohnung.“

„Sie findet trotzdem nie ihre Schlüssel.“

Katharina hob warnend einen Finger.

„Leni.“

„Stimmt doch.“

Jakob trank den kalten Kaffee und verbarg sein Grinsen.

In den nächsten Wochen entstand eine Gewohnheit.

Samstags um neun kam Leni.

Manchmal brachte sie ihr Fahrrad mit. Manchmal nur Fragen.

Warum rostete Metall?

Warum wurden Reifen platt, obwohl kein Loch darin war?

Warum durfte man eine Schraube nicht immer so fest anziehen, wie man konnte?

Jakob beantwortete jede Frage ernst.

Er sprach nie mit ihr in dieser künstlich hohen Stimme, die manche Erwachsene bei Kindern benutzten. Er sagte nicht: „Das verstehst du später.“

Wenn etwas kompliziert war, erklärte er es langsamer.

Katharina blieb anfangs auf Abstand. Sie stand in der Einfahrt, kontrollierte Nachrichten und beobachtete ihre Tochter aus dem Augenwinkel.

Beim vierten Besuch lehnte sie sich bereits an den Rahmen des Garagentors.

Beim fünften setzte sie sich auf den alten Gartenstuhl, den Jakob für sie hingestellt hatte.

Beim sechsten brachte sie frische Brötchen mit.

„Sie müssen nicht jedes Mal etwas mitbringen“, sagte Jakob.

„Sie müssen auch nicht jeden Samstag ein Kind beschäftigen, das Ihnen nicht gehört.“

„Ich beschäftige sie nicht.“

„Was tun Sie dann?“

Jakob blickte zu Leni. Sie versuchte gerade, eine festsitzende Schraube zu lösen, ohne den Schraubenschlüssel schräg anzusetzen.

„Ich nehme sie ernst.“

Katharina schwieg.

Später an diesem Vormittag sagte sie: „Mein Vater hätte mir niemals einen Schraubenschlüssel gegeben.“

Jakob sah nicht auf.

„Warum nicht?“

„Weil Mädchen seiner Meinung nach andere Dinge lernen sollten.“

„Welche?“

„Still sitzen. Ordentlich aussehen. Nicht widersprechen.“

Jakob legte den Lappen beiseite.

„Und? Hat es funktioniert?“

Katharina lachte leise.

„Offensichtlich nicht.“

Er erfuhr erst Wochen später, was Katharina beruflich machte.

Leni erzählte es ihm, während sie ihm eine Vierzehner-Stecknuss reichte.

„Mama ist die Chefin von allen.“

„Von allen Menschen?“

„Fast.“

„Das klingt anstrengend.“

„In ihrer Firma arbeiten vierzehnhundert Leute. In drei Städten. Wenn Mama etwas sagt, schreiben Erwachsene es auf.“

Jakob nahm die Stecknuss.

„Dann sollten sie hoffen, dass sie etwas Vernünftiges sagt.“

„Meistens schon.“

Katharina stand hinter ihnen und hatte jedes Wort gehört.

„Danke für das Vertrauen“, sagte sie trocken.

Jakob speicherte die Information ab, ohne sein Verhalten zu ändern.

Für ihn blieb Katharina die Frau, die Kaffee brachte und nervös auf ihrer Unterlippe kaute, wenn Leni Fett an die Jacke bekam.

Sie blieb die Frau, die jedes Telefonat mit fester Stimme führte und danach manchmal minutenlang still auf den Gehweg starrte.

Und sie blieb die Mutter, die ihrer Tochter viele Freiheiten geben wollte, aber bei jeder Freiheit sofort alle möglichen Gefahren sah.

Eines Samstags übte Leni, wie man eine Fahrradlampe auswechselte.

Katharina lehnte am Garagentor.

„Stört es Sie eigentlich nicht“, fragte sie, „dass sie einfach in die Garage eines fremden Menschen gegangen ist?“

Jakob legte seinen Lappen hin.

„Ehrlich? Es hat mich daran erinnert, dass manche Menschen noch auf ihr Gefühl hören.“

„Kinder können Gefahren nicht einschätzen.“

„Nicht immer.“

„Das klingt sehr sorglos.“

„Nein. Es klingt nur nicht panisch.“

Katharina verschränkte die Arme.

Jakob kannte diese Haltung inzwischen. Sie bedeutete, dass in ihr zwei Stimmen miteinander stritten.

„Leni hat diese Garage gesehen und entschieden, dass sie sicher ist“, sagte er. „Sie hatte recht.“

„Das hätte auch anders ausgehen können.“

„Natürlich.“

„Und das reicht Ihnen?“

„Nein. Aber ich glaube trotzdem, dass Kinder mehr wahrnehmen, als wir ihnen zutrauen.“

Katharina betrachtete ihre Tochter. Leni erklärte der neuen Lampe gerade laut, weshalb zwei Kontakte sauber aufeinanderliegen mussten.

„Sie hat diese Wohngegend ausgesucht“, sagte Katharina plötzlich.

„Leni?“

„Ich hatte vier Häuser gefunden. Sie durfte auf der Karte zeigen, welches sie am liebsten mochte.“

„Und sie hat dieses genommen.“

Katharina nickte.

„Wegen des Spielplatzes?“

„Wegen Ihrer Garage.“

Jakob blickte sie an.

„Wir waren zwei Wochen vor dem Kauf hier“, erklärte Katharina. „Sie standen in der Einfahrt und haben das alte grüne Fahrrad lackiert. Leni sagte, hier wohne jemand, der kaputte Dinge nicht wegwirft.“

Jakob sah zu dem grünen Fahrrad an der Wand.

Es hatte Brigitte gehört.

Sie war damit noch gefahren, als ihre Hüften längst schmerzten. Nach ihrem Tod hatte Jakob es nicht übers Herz gebracht, das Rad zu verkaufen.

„Gute Beobachtung“, sagte er leise.

Katharina lächelte.

Diesmal war es ein echtes Lächeln. Offen, warm und ohne die Schutzschicht, die sie wahrscheinlich in ihren Besprechungsräumen trug.

„Ja“, sagte sie. „Sie kommt ehrlich danach.“

Die Nachbarschaft bemerkte die Besuche natürlich.

In einer Straße, in der dieselben Menschen seit Jahrzehnten hinter denselben Gardinen standen, blieb nichts lange unkommentiert.

Frau Krüger von gegenüber fragte Jakob beim Mülltonnen-Hinausstellen, ob er nun einen Reparaturdienst eröffnet habe.

„Nein.“

„Das Kind ist aber oft bei Ihnen.“

„Jeden Samstag.“

„Heutzutage muss man vorsichtig sein.“

Jakob hielt den Deckel der Biotonne fest.

„Das musste man früher auch.“

„Sie wissen, wie ich das meine.“

„Leider.“

Zwei Tage später sprach Frau Krüger Katharina an.

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