Jakob hörte es zufällig, weil sein Küchenfenster offenstand.
„Ich will mich nicht einmischen“, begann sie mit jener Stimme, mit der Menschen sich grundsätzlich einmischten.
„Dann tun Sie es nicht“, erwiderte Katharina.
„Es sieht nur ungewöhnlich aus. Ein kleines Mädchen, allein bei einem älteren Mann in der Garage.“
„Sie ist nicht allein. Ich bin fast immer dabei.“
„Fast?“
Es folgte eine Pause.
„Herr Berger ist ein anständiger Mensch.“
„Man kann Menschen nur vor den Kopf sehen.“
Jakob schloss das Fenster.
Er sagte sich, dass es ihn nicht berührte.
Doch am nächsten Samstag öffnete er das Garagentor nicht.
Er blieb in der Küche, obwohl er Leni um neun Uhr über die Einfahrt laufen hörte.
Dreimal klopfte sie.
Nicht an den Rahmen.
An das geschlossene Tor.
Jakob saß am Tisch und starrte auf Brigittes leeren Platz.
„Jakob?“, rief Leni. „Bist du krank?“
Er antwortete nicht sofort.
Dann stand er auf, ging zur Tür und öffnete nur einen Spalt.
Leni hielt eine kleine Fahrradpumpe in der Hand.
Katharina wartete hinter ihr.
„Heute passt es nicht“, sagte Jakob.
Leni blinzelte.
„Warum?“
„Ich habe etwas zu erledigen.“
„Was?“
„Erwachsenensachen.“
„Du hast gesagt, das ist meistens nur ein Wort für Sachen, die Erwachsene nicht erklären wollen.“
Jakob schloss kurz die Augen.
Katharina legte eine Hand auf Lenis Schulter.
„Geh schon einmal nach Hause“, sagte sie. „Ich komme gleich.“
„Aber wir wollten lernen, wie man einen Schlauch flickt.“
„Nächste Woche.“
Leni sah von ihrer Mutter zu Jakob.
„Habe ich etwas falsch gemacht?“
Die Frage traf ihn härter, als sie sollte.
„Nein“, sagte Jakob. „Du nicht.“
Leni ging langsam zurück zum Nachbarhaus. Die Pumpe schleifte an ihrem Bein.
Katharina wartete, bis die Haustür hinter ihr zufiel.
Dann sah sie Jakob an.
„Frau Krüger.“
„Was ist mit ihr?“
„Sie hat mit Ihnen gesprochen.“
„Mit Ihnen auch.“
„Und deshalb machen Sie jetzt die Tür zu?“
Jakob schob die Hände in die Hosentaschen.
„Vielleicht ist es besser.“
„Für wen?“
„Für alle.“
Katharina lachte bitter.
„Das ist ein bequemer Satz.“
„Sie haben keine Ahnung, wie schnell Leute reden.“
„Doch. Ich leite ein Unternehmen. Leute reden beruflich über mich, privat über mich und wahrscheinlich sogar beim Zahnarzt.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Nein. Hier geht es um einen pensionierten Mann, der einem Kind zeigt, wie man einen Reifen flickt. Eine deutlich größere Bedrohung für die Gesellschaft.“
Jakob wurde rot.
„Machen Sie sich nicht lustig.“
„Ich mache mich nicht lustig. Ich bin wütend.“
„Sie sollten vorsichtig sein.“
„Ich bin vorsichtig, seit Leni geboren wurde!“
Katharinas Stimme brach beinahe. Sie senkte sie sofort wieder.
„Ich prüfe jede Betreuungsperson. Ich kenne die Eltern ihrer Freundinnen. Ich kontrolliere, wann sie wo ist. Ich habe Ihr Garagentor sechs Samstage lang keine Minute aus den Augen gelassen.“
„Dann wissen Sie, wie es aussieht.“
„Ich weiß, was es ist.“
Jakob schwieg.
Katharina trat näher.
„Sie bestrafen Leni gerade dafür, dass eine fremde Frau schlechte Gedanken hat.“
„Ich schütze sie.“
„Nein. Sie schützen sich.“
Das traf.
Jakob blickte an ihr vorbei zur Straße.
„Vielleicht habe ich das Recht dazu.“
„Natürlich haben Sie das.“
Katharina nickte. Ihre Stimme wurde leiser.
„Aber dann sagen Sie meiner Tochter wenigstens die Wahrheit. Sagen Sie ihr, dass nicht sie etwas falsch gemacht hat, sondern dass ein paar Erwachsene zu feige sind, füreinander einzustehen.“
Sie ging, bevor Jakob antworten konnte.
Das Garagentor blieb drei Wochen geschlossen.
Samstags hörte Jakob Leni im Garten spielen. Manchmal rollte das blaue Fahrrad über den Gehweg, doch sie kam nicht mehr herüber.
Seine Werkbank blieb sauber.
Zu sauber.
Jakob hatte früher geglaubt, Ruhe sei das, was ihm im Alter fehlte. Nach vierzig Jahren Schichtplänen, Maschinenlärm und Verantwortung hatte er sich auf leere Tage gefreut.
Dann war Brigitte krank geworden.
Die Rente, die sie gemeinsam geplant hatten, bestand plötzlich aus Arztterminen, Tablettenboxen und Nächten, in denen Jakob auf ihren Atem lauschte.
Nach ihrem Tod war die Ruhe geblieben.
Aber sie fühlte sich nicht wie Freiheit an.
Sie fühlte sich an wie ein Raum, aus dem alle Möbel getragen worden waren.
Sein Sohn Martin wohnte fast dreihundert Kilometer entfernt. Sie telefonierten sonntags, meistens zwölf Minuten lang.
Martin fragte nach Jakobs Blutdruck.
Jakob fragte nach den Enkelkindern.
Beide behaupteten, alles sei in Ordnung.
Besuche gab es zweimal im Jahr.
Zu Weihnachten und irgendwann im Sommer, wenn es in den Kalender passte.
Am vierten Samstag ohne Leni klingelte Martin überraschend an der Haustür.
„Ich war beruflich in der Nähe“, erklärte er.
Jakob wusste, dass „in der Nähe“ mindestens neunzig Kilometer entfernt bedeutete.
Martin trat in den Flur und sah sich um, als suche er nach Veränderungen.
„Du hast abgenommen.“
„Du bist älter geworden.“
„Schön, dich auch zu sehen.“
Beim Kaffee fragte Martin nach der Garage.
„Was soll damit sein?“
„Die Nachbarin hat mir geschrieben.“
Jakob stellte die Tasse ab.
„Welche Nachbarin schreibt dir?“
„Frau Krüger. Sie hat meine Nummer noch von Mamas Beerdigung.“
„Natürlich hat sie die.“
Martin erzählte, eine Mutter und ihr Kind hätten häufig Zeit bei Jakob verbracht. Nun sei plötzlich alles vorbei, und der Vater wirke „noch verschlossener als sonst“.
„Sie sollte beim Geheimdienst arbeiten“, murmelte Jakob.
„Was ist passiert?“
„Nichts.“
„Papa.“
Jakob hasste dieses Wort in Martins Tonfall. Es klang, als wäre er selbst das Kind.
„Das Mädchen wollte etwas über Werkzeuge lernen. Die Mutter war dabei. Dann gab es Gerede. Also habe ich es beendet.“
Martin sah ihn lange an.
„Du hast es beendet, weil Frau Krüger geredet hat?“
„Du kennst die Leute.“
„Ja. Deshalb verstehe ich nicht, weshalb du ihnen die Entscheidung überlässt.“
Jakob stand auf.
„Du kommst zweimal im Jahr vorbei und willst mir erklären, wie ich mein Leben führen soll?“
Martin wurde still.
„Nein“, sagte er schließlich. „Ich komme zweimal im Jahr vorbei, weil du bei jedem Vorschlag sagst, dass es dir gut geht.“
„Mir geht es gut.“
„Du reparierst allein in einer Garage Dinge, die niemand braucht.“
„Was soll ich denn deiner Meinung nach tun? Kaffeefahrten? Gymnastik im Gemeindehaus?“
„Vielleicht etwas, bei dem du nicht jeden Tag so tust, als hättest du Mama nicht verloren.“
Jakob sah ihn scharf an.
Martin schluckte.
„Das war unfair.“
„Aber du hast es gesagt.“
„Ja.“
Martin stand ebenfalls auf.
„Weißt du, woran ich mich aus meiner Kindheit am meisten erinnere? Nicht an Urlaube. Nicht an Geburtstage. Ich erinnere mich daran, wie du mir beigebracht hast, einen Stecker zu wechseln.“
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