Als die Sanitäter den schwer verletzten Mann auf die Trage heben wollten, klammerte sich ein fünfjähriges Mädchen an sein Bein und schrie: „Bitte nicht! Emma hat gesagt, ich darf ihn nicht allein lassen!“
Niemand auf der Landstraße verstand, was das Kind meinte.
Nicht die beiden Rettungssanitäter. Nicht der Polizeibeamte, der gerade seinen Streifenwagen abgestellt hatte. Und schon gar nicht die Mutter des Mädchens, die mit zitternden Händen neben dem Rettungswagen stand.
Das kleine Mädchen hieß Lena. Sie trug ein rosa Kleid mit aufgedruckten Sternen, eine gelbe Strickjacke und Turnschuhe, die inzwischen voller Schlamm waren.
Ihre Knie waren aufgeschürft. An ihren Händen klebte das Blut eines fremden Mannes.
Und trotzdem wollte sie nicht von ihm weg.
„Lena, Schatz, bitte“, flehte ihre Mutter. „Die Männer müssen ihm helfen. Komm jetzt zu mir.“
Aber Lena schüttelte den Kopf.
„Er hat Angst, Mama. Er wartet noch auf seine Freunde.“
Der ältere Sanitäter, ein ruhiger Mann namens Thomas, ging vor ihr in die Hocke.
„Hör mal, kleine Maus. Wir bringen ihn jetzt ins Krankenhaus. Dort können wir ihm viel besser helfen.“
Lena sah ihn mit tränenverschmiertem Gesicht an.
„Aber der Bär kommt gleich. Und der Lange. Und Paule. Emma hat gesagt, die kommen alle.“
Thomas blickte kurz zu seinem Kollegen.
Wer waren diese Menschen?
Und wer zum Teufel war Emma?
In diesem Augenblick hörten sie Motorengeräusche.
Erst leise, irgendwo hinter der Kurve. Dann immer deutlicher.
Ein dunkelblauer Kleintransporter bog auf die abgesperrte Straße ein. Dahinter folgten ein alter Kombi, ein weißer Lieferwagen und mehrere weitere Fahrzeuge.
Aus dem ersten Wagen stieg ein breitschultriger Mann mit grauem Vollbart. Er trug eine abgewetzte Arbeitshose, schwere Sicherheitsschuhe und eine dunkelgrüne Jacke, deren Ärmel an den Handgelenken ausgefranst waren.
„Wo ist Markus?“, rief er.
Dann sah er den Verletzten.
Und schließlich das kleine Mädchen.
Der Mann blieb so plötzlich stehen, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen.
Seine Lippen bewegten sich, aber zunächst kam kein Ton heraus.
Dann flüsterte er:
„Emma? Das kann nicht sein.“
Er griff nach der Fahrertür, um sich festzuhalten.
„Emma ist doch tot.“
Was an diesem Freitagnachmittag auf einer Landstraße im Sauerland geschehen war, sollte später eine ganze Kleinstadt beschäftigen.
Und alles hatte mit einem Traum begonnen.
Knapp eine Stunde zuvor hatte Anna Hoffmann ihre Tochter vom Kindergarten abgeholt.
Anna war vierunddreißig, arbeitete halbtags in einer Bäckerei und lebte seit ihrer Scheidung allein mit Lena in einer kleinen Mietwohnung am Ortsrand.
Sie war keine Frau, die viel Aufhebens um Dinge machte.
Morgens brachte sie ihre Tochter in den Kindergarten, anschließend stand sie hinter der Verkaufstheke, und abends versuchte sie, zwischen Wäschebergen, Rechnungen und Brotdosen irgendwie alles zusammenzuhalten.
Lena war ein lebhaftes Kind.
Sie stellte ständig Fragen, sammelte Steine in ihren Jackentaschen und konnte stundenlang Geschichten über Menschen erzählen, die sie sich ausgedacht hatte.
Doch an diesem Freitag war sie ungewöhnlich still gewesen.
Schon beim Frühstück hatte sie ihre Mutter gefragt:
„Mama, können Menschen im Traum jemanden besuchen, den sie gar nicht kennen?“
Anna hatte beim Kaffeemachen nur halb zugehört.
„Im Traum ist vieles möglich, Schatz.“
„Auch wenn der andere Mensch schon im Himmel ist?“
Anna hatte sich umgedreht.
„Wie kommst du denn darauf?“
Lena hatte mit den Schultern gezuckt.
„Nur so.“
Jetzt saß sie hinten im Auto und betrachtete die vorbeiziehenden Bäume.
Die beiden fuhren über eine schmale Kreisstraße, weil die Hauptstraße wegen Bauarbeiten gesperrt war.
Plötzlich richtete Lena sich auf.
„Mama!“
Anna sah in den Rückspiegel.
„Was denn?“
„Du musst anhalten!“
„Warum?“
„Da unten ist ein Mann!“
Anna blickte nach vorn.
Rechts verlief ein Straßengraben, dahinter fiel das Gelände steil zu einem kleinen Bach ab. Hohe Büsche und junge Buchen verdeckten die Böschung.
Sie sah niemanden.
„Lena, da ist kein Mann.“
„Doch! Der Mann mit dem Bart!“
Die Stimme ihrer Tochter überschlug sich.
„Bitte, Mama! Er braucht Hilfe!“
Anna verlangsamte.
„Woher willst du das wissen?“
„Weil Emma es mir gezeigt hat!“
Anna runzelte die Stirn.
„Welche Emma?“
Doch Lena antwortete nicht.
Sie begann zu weinen.
Nicht dieses beleidigte Weinen, das Anna kannte, wenn es im Supermarkt keine Süßigkeiten gab.
Es war ein verzweifeltes, fast panisches Schluchzen.
„Bitte! Du musst anhalten! Sonst schafft er es nicht!“
Anna setzte den Blinker und fuhr auf einen geschotterten Seitenstreifen.
Sie wollte aussteigen, ihre Tochter beruhigen und ihr zeigen, dass dort niemand lag.
Aber kaum hatte sie den Motor ausgeschaltet, öffnete Lena ihre Tür.
„Lena! Warte!“
Das Mädchen lief ein paar Schritte zum Rand der Böschung.
Dann blieb es stehen.
„Da!“
Anna folgte ihrem Blick.
Zunächst erkannte sie nur Zweige, aufgewühlte Erde und etwas Dunkelblaues zwischen den Bäumen.
Dann sah sie ein Rad.
Ein Fahrzeug lag seitlich im Gestrüpp, mehrere Meter unterhalb der Fahrbahn.
Die Front war schwer beschädigt.
Und daneben lag ein Mensch.
„Mein Gott“, flüsterte Anna.
Es war ein großer Mann in einer dunklen Arbeitsjacke.
Sein Gesicht war blass. Über der Stirn verlief eine blutende Wunde. Sein rechter Arm lag in einer unnatürlichen Haltung neben seinem Körper.
Anna konnte nicht erkennen, ob er noch atmete.
„Lena, bleib hier! Ich rufe Hilfe!“
Sie griff nach ihrem Telefon.
Doch das Mädchen war bereits ein Stück die Böschung hinuntergerutscht.
„Lena! Sofort zurück!“
Anna wählte die 112, während sie verzweifelt versuchte, den Standort zu beschreiben.
„Da ist ein Unfall! Ein Auto ist den Abhang hinuntergestürzt! Ein Mann liegt daneben! Ich glaube, er ist schwer verletzt!“
Die Stimme aus der Leitstelle blieb ruhig.
Anna nannte die letzte Ortschaft, die Fahrtrichtung und eine kleine Brücke, an der sie vorbeigekommen waren.
Dann hörte sie Lena rufen.
„Mama! Er atmet noch!“
Anna steckte das Telefon auf Lautsprecher und stieg vorsichtig die Böschung hinunter.
Als sie den Verletzten erreichte, kniete Lena bereits neben ihm.
Der Mann hatte eine stark blutende Wunde im oberen Brust- und Schulterbereich.
Lena hielt beide Hände auf den Stoff seiner Jacke gedrückt.
„Du musst weiteratmen“, flüsterte sie.
Anna wollte ihre Tochter wegziehen.
Doch die Mitarbeiterin der Leitstelle gab ihr Anweisungen, und Anna übernahm den Druck auf die Wunde, während sie vorsichtig nach weiteren Verletzungen sah.
„Lena, geh bitte ein Stück zur Seite.“
Das Mädchen rückte zur Seite, blieb aber neben dem Mann sitzen.
„Ich bin da“, sagte es zu ihm. „Du brauchst keine Angst zu haben.“
Dann begann sie zu singen.
„Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt …“
Ihre Stimme zitterte.
Sie vergaß eine Zeile, fing wieder von vorne an und sang weiter.
Anna spürte, wie der Mann sich schwach bewegte.
Seine Augen öffneten sich einen Spalt.
„Nicht bewegen“, sagte Anna. „Hilfe ist unterwegs.“
Seine Lippen formten etwas.
Anna beugte sich näher.
„Was?“
„Emma …“
Nur dieses eine Wort.
Dann schlossen sich seine Augen wieder.
Lena hörte auf zu singen.
Sie streichelte vorsichtig seinen unverletzten Unterarm.
„Ich weiß“, sagte sie leise. „Sie hat mich geschickt.“
Anna starrte ihre Tochter an.
Ihr wurde kalt, obwohl sie vom Abstieg völlig außer Atem war.
Der Mann hieß Markus Bergmann.
Er war einundsechzig Jahre alt, gelernter Schlosser und hatte fast vierzig Jahre lang in metallverarbeitenden Betrieben gearbeitet.
Wer ihn nur flüchtig kannte, hielt ihn für einen unangenehmen Zeitgenossen.
Markus war beinahe einen Meter neunzig groß, hatte breite Schultern, einen kräftigen Bauch und Hände, deren Haut von jahrzehntelanger Arbeit rau und rissig geworden war.
Über seiner linken Augenbraue verlief eine alte Narbe.
Sein grauer Bart war meistens schlecht gestutzt, seine Stimme tief und kratzig.
Im Ort sagte man über ihn, dass er selten grüßte und noch seltener lächelte.
Er wohnte allein in einem kleinen Backsteinhaus hinter der ehemaligen Schlosserei seines Vaters.
Sein Garten war verwildert. Die Fensterrahmen hätten längst einen neuen Anstrich gebraucht. Im Hof stand ein alter, dunkelblauer Transporter, dessen Motor schon von weitem zu hören war.
Mit Nachbarn sprach Markus kaum.
Wenn jemand etwas von ihm wollte, bekam er meistens nur ein kurzes „Na, was ist?“ zu hören.
Manche Leute wechselten sogar die Straßenseite, wenn er schlecht gelaunt über den Gehweg kam.
Dabei wusste fast niemand, dass Markus seit Jahren die Fahrräder der Kinder aus der Nachbarschaft kostenlos reparierte.
Oder dass er einer alten Witwe jeden Winter das Holz vor die Haustür stapelte.
Oder dass er einem arbeitslosen Familienvater heimlich Werkzeug geschenkt hatte, damit der wieder Aufträge annehmen konnte.
Markus sprach nicht darüber.
Er war in einer Zeit groß geworden, in der man einfach half.
Ohne Fotos.
Ohne Dankesrede.
Und möglichst ohne viele Worte.
Früher war das Leben in seinem Haus voller Geräusche gewesen.
Seine Frau Birgit hatte morgens beim Frühstück das Radio eingeschaltet.
Im Flur standen Kinderschuhe.
Auf der Garderobe hing eine winzige rosa Jacke.
Und jeden Abend hatte eine kleine Stimme gerufen:
„Papa, du musst noch das Sternenlied singen!“
Diese Stimme war vor drei Jahren verstummt.
Seitdem hatte Markus kaum noch Musik gehört.
Der Unfall war an diesem Freitagnachmittag passiert, als Markus zu einer kleinen Gedenkfeier fahren wollte.
Ein weißer Lieferwagen hatte auf der engen Straße versucht zu überholen, obwohl ihm ein anderes Fahrzeug entgegenkam.
Markus war nach rechts ausgewichen.
Sein Transporter geriet auf den unbefestigten Randstreifen.
Die Reifen verloren den Halt.
Der Wagen rutschte über die Böschung, überschlug sich teilweise und blieb zwischen zwei Bäumen hängen.
Markus wurde schwer verletzt.
Der andere Fahrer hielt nicht an.
Später sollte die Polizei mithilfe einer Zeugenaussage nach ihm suchen.
Doch in den ersten Minuten wusste niemand von dem Unfall.
Der Wagen war von der Straße aus kaum zu erkennen.
Markus lag zwischen Sträuchern und abgebrochenen Ästen.
Er konnte nicht aufstehen.
Und mit jedem Atemzug wurden seine Schmerzen schlimmer.
Sein Telefon lag unerreichbar im Fahrzeug.
Er wusste nicht, wie lange er dort gelegen hatte.
Irgendwann hörte er eine Kinderstimme.
Zuerst hielt er sie für eine Erinnerung.
„Du musst weiteratmen.“
Dann spürte er etwas Warmes auf seiner Hand.
Und eine Melodie begann.
Eine Melodie, die er seit drei Jahren nicht mehr hören konnte, ohne dass ihm die Tränen kamen.
Als die Rettungskräfte eintrafen, stand Annas Auto noch mit eingeschalteter Warnblinkanlage am Straßenrand.
Zwei weitere Fahrer hatten angehalten.
Ein Mann hatte eine Rettungsdecke gebracht. Eine ältere Frau hielt Anna eine Wasserflasche hin, die diese nicht einmal bemerkte.
Die Polizei sperrte die Fahrbahn teilweise ab.
Unten arbeiteten die Sanitäter inzwischen an Markus.
Lena saß dicht neben seiner Schulter.
Sie war ungewöhnlich ruhig geworden.
„Jetzt übernehme ich“, sagte Thomas zu Anna.
Er löste ihre Hände vorsichtig von der Wunde, während sein Kollege die weitere Versorgung vorbereitete.
Markus stöhnte.
Lena zuckte zusammen.
„Tut ihm das sehr weh?“
„Ja, wahrscheinlich schon“, antwortete Thomas. „Aber wir geben unser Bestes.“
„Er darf nicht sterben.“
Thomas sah das Mädchen einen Moment lang an.
„Wir kümmern uns um ihn.“
Lena nickte.
Dann fragte sie:
„Kann er seine Freunde noch sehen, bevor ihr ihn mitnehmt?“
„Das können wir nicht versprechen. Wir müssen ihn so schnell wie möglich ins Krankenhaus bringen.“
Lena begann wieder zu weinen.
„Aber Emma hat gesagt, dass sie kommen!“
Anna ging vor ihr in die Hocke.
„Schatz, wer ist Emma?“
Lena schaute sie an, als müsste ihre Mutter das längst wissen.
„Das Mädchen mit den braunen Zöpfen.“
„Welches Mädchen?“
„Das gestern Nacht bei mir war.“
Anna schluckte.
„Du meinst, in deinem Traum?“
Lena nickte.
„Sie hat mir den Mann gezeigt. Und den kaputten Wagen. Und dass er nicht allein bleiben darf.“
„Lena …“
„Sie hat auch gesagt, dass der Bär kommt. Der Lange und Paule kommen auch.“
Thomas hörte jetzt aufmerksam zu.
„Woher kennst du diese Namen?“
„Von Emma.“
„Und woher kennt Emma den verletzten Mann?“
Lena sah zu Markus.
„Das ist ihr Papa.“
Es wurde still.
Selbst Anna wusste für einen Augenblick nichts zu sagen.
Dann hörten sie die Fahrzeuge.
Der Mann mit dem grauen Vollbart hieß Bernd Krüger.
Seine Freunde nannten ihn seit der Lehrzeit nur „Bär“.
Bernd war vierundsechzig, früher Schweißer gewesen und inzwischen seit zwei Jahren im Ruhestand.
Hinter ihm kamen Jürgen, der wegen seiner fast zwei Meter Körpergröße schon als junger Mann „der Lange“ geheißen hatte, und Paul, den alle „Paule“ nannten.
Die drei kannten Markus seit mehr als fünfunddreißig Jahren.
Sie hatten zusammen in Werkhallen gestanden, Nachtschichten geschoben, ihre ersten Kinderwagen gekauft und sich gegenseitig beim Hausbau geholfen.
Als Markus noch ein junger Mann gewesen war, hatte Bernd ihm einmal aus einer ziemlich schlimmen finanziellen Lage geholfen.
Als Bernds Frau später schwer erkrankte, hatte Markus wochenlang nach Feierabend dessen Haushalt repariert und die Einkäufe erledigt.
Sie waren keine Männer, die einander häufig umarmten.
Aber wenn einer von ihnen um zwei Uhr nachts angerufen hätte, wären die anderen losgefahren.
Ohne nach dem Grund zu fragen.
An diesem Nachmittag hatten sie Markus an einer kleinen Gedenkstätte außerhalb des Ortes treffen wollen.
Als er nicht gekommen war und auch sein Telefon nicht beantwortet hatte, waren sie seine übliche Strecke abgefahren.
Nun stand Bernd vor dem Unfallort.
Ein Sanitäter erklärte ihm gerade, dass sein Freund schwer verletzt sei.
Doch Bernd schien kaum zuzuhören.
Sein Blick hing an Lena.
An ihrem kleinen Gesicht.
An den großen braunen Augen.
An ihrem dunkelbraunen Haar, das Anna morgens zu zwei ungleichen Zöpfen gebunden hatte.
„Emma?“, flüsterte er.
Lena blickte zu ihm auf.
„Ich bin Lena.“
Bernd presste die Lippen zusammen.
„Entschuldige.“
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Du siehst nur jemandem sehr ähnlich.“
Er drehte sich zu Jürgen um.
„Sieh sie dir an.“
Jürgen betrachtete das Mädchen.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Mein Gott“, murmelte er.
Paule trat näher.
Auch er blieb stehen.
Anna zog ihre Tochter instinktiv an sich.
„Was ist denn?“
Bernd nahm langsam seine Mütze ab.
„Entschuldigen Sie, junge Frau. Ich wollte Ihnen keine Angst machen.“
Er sah wieder zu Lena.
„Wir hatten mal ein kleines Mädchen in unserer Familie. Also … bei unserem Freund Markus.“
Er brach ab.
Jürgen legte ihm eine Hand auf die Schulter.
Dann sagte er leise:
„Emma war Markus‘ Tochter.“
Anna fühlte, wie Lena ihre Hand fester drückte.
„Sie ist vor drei Jahren gestorben“, fügte Jürgen hinzu.
Niemand sagte etwas.
Dann hob Lena den Kopf.
„Ich weiß.“
Bernd sah sie an.
„Was weißt du?“
„Dass sie jetzt bei den Sternen wohnt.“
Sein Gesicht verzog sich.
„Wer hat dir das erzählt?“
„Emma.“
Die Sanitäter brachten Markus kurz darauf in den Rettungswagen.
Lena wollte zunächst nicht loslassen.
Sie klammerte sich an sein Hosenbein, bis Thomas ihr vorsichtig erklärte, dass ihr Festhalten die Behandlung erschwerte.
Bernd kniete sich neben sie.
Er musste tief Luft holen, bevor er sprechen konnte.
„Hör mal, Lena. Mein Freund Markus ist ein ziemlicher Dickkopf.“
Lena schniefte.
„So wie mein Opa?“
Bernd lächelte traurig.
„Wahrscheinlich noch schlimmer.“
Das Mädchen blickte zu Markus.
„Er ist aber lieb.“
Bernd schluckte.
„Ja. Das ist er.“
„Emma hat gesagt, dass ihr gut auf ihn aufpasst.“
Bernd nahm ihre kleine, schmutzige Hand zwischen seine großen Finger.
„Das tun wir. Versprochen.“
Erst jetzt ließ Lena los.
Thomas hob sie vorsichtig den letzten Teil der Böschung hinauf, wo ihre Mutter bereits wartete.
Dann schloss sich die Tür des Rettungswagens.
Blaulicht spiegelte sich in den Gesichtern der Menschen.
Der Wagen fuhr davon.
Lena sah ihm nach.
Dann fragte sie ihre Mutter:
„Mama, darf ich jetzt weinen?“
Anna ging sofort in die Knie und schloss ihre Tochter in die Arme.
„Natürlich, mein Schatz.“
Und Lena begann so heftig zu schluchzen, dass Anna sie schließlich hochheben musste.
Bernd blieb neben seinem Transporter stehen.
Er wirkte auf einmal zehn Jahre älter.
Paule zündete sich aus alter Gewohnheit eine Zigarette an, steckte sie aber sofort wieder weg, ohne daran zu ziehen.
„Das kann doch nicht sein“, sagte er.
Jürgen starrte auf die Straße.
„Sie sieht wirklich aus wie Emma damals.“
„Nicht nur das“, antwortete Bernd.
„Was meinst du?“
Bernd zeigte auf Anna, die ihre Tochter gerade ins Auto setzte.
„Habt ihr gehört, was die Kleine gesagt hat?“
Paule nickte langsam.
„Bär. Der Lange. Paule.“
Bernd rieb sich über das Gesicht.
„Diese Namen kennt doch außerhalb unserer alten Truppe kaum jemand.“
Jürgen schwieg.
Dann sagte er:
„Vielleicht hat sie irgendetwas aufgeschnappt.“
„Wo denn?“
„Weiß ich nicht.“
Bernd blickte hinunter zur Böschung.
„Und dieses Lied …“
Seine Stimme versagte.
Paule senkte den Kopf.
Denn alle drei wussten, welches Lied er meinte.
Es war Emmas Lieblingslied gewesen.
Emma Bergmann war fünf Jahre alt gewesen, als sie starb.
Sie war ein spätes Kind gewesen.
Markus hatte schon nicht mehr damit gerechnet, noch einmal Vater zu werden, als Birgit ihm sagte, dass sie schwanger sei.
Damals war er dreiundfünfzig.
Viele seiner Arbeitskollegen hatten längst erwachsene Kinder. Einige waren schon Großväter.
Markus hatte nur gelacht.
„Na, dann muss ich wohl noch ein paar Jahre länger arbeiten.“
Als Emma geboren wurde, hielt er sie so vorsichtig, als hätte jemand ihm ein Stück dünnes Glas in die Hände gelegt.
Seine Kollegen hatten ihn nie so gesehen.
Dieser große, wortkarge Schlosser konnte stundenlang neben einem Kinderbett sitzen.
Er lernte, Zöpfe zu flechten.
Er konnte plötzlich den Unterschied zwischen fünf verschiedenen Stofftieren erklären.
Und er baute seiner Tochter aus Holz eine kleine Küche, obwohl Birgit meinte, eine gekaufte hätte völlig gereicht.
„Gekauft kann jeder“, hatte Markus geantwortet.
Emma hatte ein besonderes Talent, ihren Vater zum Lachen zu bringen.
Wenn er abends erschöpft nach Hause kam, stellte sie sich ihm in den Weg, stemmte die Hände in die Hüften und sagte:
„Erst umarmen, dann Schuhe ausziehen.“
Und Markus tat, was sie verlangte.
Immer.
Emma wurde mit einem schweren Herzfehler geboren.
Es folgten Krankenhausaufenthalte, Untersuchungen und Operationen.
Manche Monate verliefen erstaunlich gut.
An anderen Tagen hatte Birgit Angst, ihre Tochter auch nur kurz aus den Augen zu lassen.
Markus arbeitete weiter.
Er übernahm zusätzliche Schichten, weil Rechnungen bezahlt werden mussten und das Haus noch nicht abbezahlt war.
Er sagte sich, dass er stark bleiben müsse.
Dass Birgit sich auf ihn verlassen können sollte.
Dass Emma einen Vater brauchte, der für Sicherheit sorgte.
Doch im letzten Winter ihres Lebens verschlechterte sich ihr Zustand.
Bei ihrem letzten Krankenhausaufenthalt kam es zu schweren Komplikationen.
Markus war an diesem Tag auf einer Baustelle außerhalb der Stadt gewesen.
Als Birgit ihn anrief, fuhr er sofort los.
Aber er kam zu spät.
Emma war gestorben, bevor er das Krankenhaus erreichte.
Birgit hatte die kleine Hand ihrer Tochter gehalten.
Markus stand danach lange im Flur.
Mit seiner Arbeitsjacke.
Mit den schweren Schuhen.
Und mit der Gewissheit, die ihn nie wieder loslassen sollte:
Er war nicht da gewesen.
Nicht in diesem letzten Augenblick.
Nicht bei seinem Kind.
Nach der Beerdigung veränderte Markus sich.
Zunächst bemerkten es nur seine Freunde.
Er ging nicht mehr zum gemeinsamen Frühstück am Samstag.
Er ließ Einladungen unbeantwortet.
Wenn jemand Emmas Namen erwähnte, wechselte er das Thema.
Birgit versuchte monatelang, zu ihm durchzudringen.
Aber Markus konnte nicht über seine Tochter sprechen.
Er konnte auch nicht hören, wie andere über sie sprachen.
Das Kinderzimmer blieb unverändert.
Die Holzspielküche stand noch an der Wand.
Auf dem Bett lag ein kleiner Stoffhase.
Und an der Tür hing ein Papierstern, den Emma im Kindergarten gebastelt hatte.
Eines Abends hatte Birgit ihren Mann in der Werkstatt gefunden.
Er saß auf einem Hocker und hielt Emmas kleine rote Gummistiefel in den Händen.
„Markus“, hatte sie gesagt.
Er hatte nicht aufgesehen.
„Du kannst mit mir reden.“
„Worüber?“
„Über Emma. Über das, was passiert ist.“
Er hatte die Stiefel abgestellt.
„Was soll ich denn sagen? Dass ich nicht da war? Das weiß ich selbst.“
Birgit hatte versucht, seine Hand zu nehmen.
Er hatte sie zurückgezogen.
Nicht aus Wut auf sie.
Sondern weil er sich selbst nicht mehr ertragen konnte.
Ein Jahr später zogen sie auseinander.
Sie ließen sich nicht sofort scheiden.
Eigentlich hörten sie nie auf, sich wichtig zu sein.
Aber sie wussten beide nicht, wie sie unter einem Dach mit derselben Trauer weiterleben sollten.
Birgit zog zu ihrer Schwester.
Markus blieb in dem Backsteinhaus zurück.
Und mit ihm blieb die Stille.
Im Krankenhaus kämpften die Ärzte inzwischen um sein Leben.
Markus hatte mehrere Rippenbrüche, eine schwere Schulterverletzung und innere Blutungen erlitten.
Er musste operiert werden.
Die nächsten Stunden waren entscheidend.
Bernd, Jürgen und Paule saßen im Wartebereich.
Keiner von ihnen hatte Hunger.
Paule hielt einen Becher Kaffee in der Hand, der längst kalt geworden war.
„Ich hätte ihn abholen sollen“, sagte er.
Bernd schüttelte den Kopf.
„Er wollte selbst fahren.“
„Trotzdem.“
„Paule, hör auf.“
Eine Weile schwiegen sie.
Dann holte Bernd sein Telefon hervor.
Er suchte nach einer Nummer.
Als er sie fand, zögerte er.
„Ich rufe Birgit an.“
Jürgen nickte.
Bernd trat ans Fenster.
Das Telefon klingelte viermal.
Dann meldete sich eine Frauenstimme.
„Bernd?“
„Hallo, Birgit.“
„Ist etwas passiert?“
Er schloss die Augen.
„Markus hatte einen Unfall.“
Es folgte eine lange Pause.
„Lebt er?“
„Ja. Er wird gerade operiert.“
Wieder Schweigen.
Dann hörte Bernd, wie Birgit nach ihrem Autoschlüssel suchte.
„Ich komme.“
Anna saß unterdessen mit Lena in ihrer Küche.
Die Polizei hatte ihre Aussage aufgenommen.
Sie hatte erzählt, wo sie angehalten hatte und was sie von dem Unfall gesehen hatte.
Nur eine Frage konnte sie nicht beantworten.
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