Ein fünfjähriges Mädchen ließ den verletzten Schlosser nicht los – dann flüsterte sein Freund einen Namen

Lena hatte inzwischen geduscht.

Das rosa Kleid lag in einem Eimer mit kaltem Wasser.

Anna hatte es nicht übers Herz gebracht, es sofort in die Waschmaschine zu stecken.

Ihre Tochter saß am Küchentisch und malte.

„Lena?“

„Hm?“

„Kannst du mir noch mal von deinem Traum erzählen?“

Lena schob einen grünen Stift zur Seite.

„Emma war bei mir.“

„Wie sah sie aus?“

„Sie hatte braune Haare. Zwei Zöpfe. Und eine gelbe Jacke.“

Anna spürte wieder dieses unangenehme Ziehen im Magen.

„Hat sie mit dir gesprochen?“

Lena nickte.

„Sie hat gesagt, dass ihr Papa traurig ist.“

„Und was noch?“

„Dass er morgen einen Unfall hat.“

Anna hielt den Atem an.

„Hat sie das wirklich so gesagt?“

Lena dachte nach.

„Nein. Sie hat mir den Wagen gezeigt. Er lag bei den Bäumen. Und sie hat gesagt, ich soll Mama sagen, dass wir helfen müssen.“

„Warum du?“

Lena sah ihre Mutter verständnislos an.

„Weil wir da vorbeifahren.“

Es klang so selbstverständlich, dass Anna keine Antwort fand.

„Und woher wusstest du von seinen Freunden?“

Lena begann, einen kleinen Stern auf ihr Blatt zu zeichnen.

„Emma hat gesagt, dass ihr Papa nicht glaubt, dass noch jemand zu ihm kommt.“

Anna setzte sich langsam.

„Was meinst du damit?“

„Er denkt immer, er ist allein.“

Das Mädchen malte den Stern gelb aus.

„Aber das stimmt doch gar nicht.“

Anna betrachtete ihre Tochter.

In diesem Moment wirkte Lena plötzlich wieder ganz wie ein gewöhnliches fünfjähriges Kind.

Ein wenig müde.

Mit nassen Haarspitzen und einem viel zu großen Schlafanzug.

Anna fragte sich, ob Lena vielleicht irgendwo ein Gespräch aufgeschnappt hatte.

Kinder hörten mehr, als Erwachsene glaubten.

Vielleicht hatte sie einen Unfallbericht gesehen, eine Geschichte gehört, ein Foto.

Vielleicht war alles ein seltsamer Zufall.

Aber der Mann hatte tatsächlich genau dort gelegen, wo Lena ihn vermutet hatte.

Und die Namen seiner Freunde stimmten ebenfalls.

Anna wusste nicht, was sie davon halten sollte.

„Mama?“

„Ja, Schatz?“

„Geht es dem Mann jetzt besser?“

Anna strich ihr über den Kopf.

„Das wissen wir noch nicht.“

Lena betrachtete ihren Stern.

„Ich hoffe, er wird wieder gesund.“

Am nächsten Morgen klingelte Annas Telefon.

Eine unbekannte Nummer.

„Hoffmann?“

„Guten Morgen. Hier ist Bernd Krüger. Wir haben uns gestern an der Unfallstelle gesehen.“

Anna setzte sich auf die Bettkante.

„Ja. Ich erinnere mich.“

„Entschuldigen Sie, dass ich störe. Ich habe Ihre Nummer über die Polizei bekommen, nachdem man Sie gefragt hatte, ob ich Sie kontaktieren darf.“

Anna erinnerte sich an das kurze Gespräch am Vorabend.

„Natürlich.“

Bernd räusperte sich.

„Ich wollte Ihnen sagen, dass Markus die Operation überstanden hat.“

Anna presste eine Hand auf die Brust.

„Gott sei Dank.“

„Es ist noch nicht alles ausgestanden. Aber die Ärzte sind vorsichtig zuversichtlich.“

„Das freut mich wirklich.“

Bernd schwieg einen Moment.

Dann sagte er:

„Und ich wollte mich bedanken.“

„Das müssen Sie nicht.“

„Doch.“

Seine Stimme wurde rau.

„Ihr kleines Mädchen hat wahrscheinlich dafür gesorgt, dass mein Freund überhaupt rechtzeitig gefunden wurde.“

Anna blickte zur Kinderzimmertür.

„Sie hat darauf bestanden, dass ich anhalte.“

„Ich weiß.“

Wieder eine Pause.

„Darf ich Sie etwas fragen?“

„Ja.“

„Hat Lena wirklich noch nie von Emma gehört?“

Anna schüttelte den Kopf, obwohl Bernd es nicht sehen konnte.

„Nein. Ich kannte Ihren Freund nicht. Wir wohnen erst seit anderthalb Jahren hier.“

„Und unsere Namen?“

„Auch nicht.“

Bernd atmete hörbar aus.

„Verstehe.“

Dann erzählte er Anna von Emma.

Von ihrem Tod.

Von der Krankheit.

Von Markus, der sich seitdem immer mehr zurückgezogen hatte.

Anna hörte schweigend zu.

Irgendwann liefen ihr Tränen über die Wangen.

Nicht, weil sie plötzlich an Geister glaubte.

Sondern weil sie sich vorstellte, wie dieser große, schwer verletzte Mann seit drei Jahren mit einem Schmerz lebte, den niemand ihm abnehmen konnte.

„Wissen Sie“, sagte Bernd schließlich, „Markus sieht immer aus, als könnte ihn nichts umwerfen.“

Er lachte traurig.

„Aber seit Emma gestorben ist, habe ich kaum noch einen Menschen gesehen, der sich so wenig verzeihen konnte.“

Anna dachte an Lena.

An das kleine Mädchen mit den blutverschmierten Händen.

Und daran, wie sie dem Bewusstlosen immer wieder gesagt hatte, dass er nicht allein sei.

Drei Tage später durfte Markus auf eine normale Station verlegt werden.

Er war schwach, hatte Schmerzen und konnte seinen rechten Arm kaum bewegen.

Als Bernd ihn besuchte, saß Markus halb aufgerichtet im Bett.

Er sah seinen alten Freund an.

„Du siehst beschissen aus.“

Bernd lachte erleichtert.

„Schön, dass du wieder der Alte bist.“

Markus versuchte zu grinsen.

Es gelang ihm nur halb.

„Mein Wagen?“

„Totalschaden.“

Markus schloss die Augen.

„Na wunderbar.“

„Sei froh, dass du noch lebst.“

„Das sagen sie hier alle.“

Bernd setzte sich.

Eine Zeit lang sprachen sie über den Unfall.

Dann wurde Markus still.

„Bernd?“

„Ja?“

„Da war ein Kind.“

Bernd sah ihn aufmerksam an.

„Ja.“

„Ein kleines Mädchen.“

„Lena.“

Markus runzelte die Stirn.

„Hat sie gesungen?“

Bernd nickte langsam.

„Ja.“

Markus schluckte.

„Das Sternenlied?“

„Ja, Markus.“

Der Verletzte starrte an die Zimmerdecke.

Eine Minute verging.

Dann fragte er:

„Wer hat ihr das beigebracht?“

„Ihre Mutter kennt das Lied natürlich. Wie viele Leute.“

Markus schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Nein. Ich meine …“

Er brach ab.

Sein Gesicht verkrampfte sich.

Bernd lehnte sich vor.

„Was ist los?“

Markus antwortete erst nach einer Weile.

„Ich habe von Emma geträumt.“

Bernd sagte nichts.

„Als ich da unten lag. Ich weiß nicht, ob ich zwischendurch bewusstlos war oder was genau passiert ist.“

Er atmete vorsichtig ein.

„Ich habe Emma gesehen.“

Seine Stimme wurde brüchig.

„Sie stand vor mir und hat gesagt, ich soll nicht aufgeben.“

Bernd senkte den Blick.

„Markus …“

„Und dann kam diese Kinderstimme.“

Der große Mann wischte sich mit der linken Hand über die Augen.

„Ich dachte, es wäre meine Emma.“

Bernd griff nach seiner Hand.

Markus ließ es geschehen.

Zum ersten Mal seit Jahren.

Am Nachmittag kam Birgit.

Sie hatte sich seit dem Unfall fast täglich nach Markus erkundigt, aber erst jetzt war er kräftig genug für längeren Besuch.

Als sie ins Zimmer trat, versuchte Markus sich aufzurichten.

„Bleib liegen“, sagte sie sofort.

Er sah sie an.

Sie war einundfünfzig geworden.

Ihr braunes Haar war inzwischen von grauen Strähnen durchzogen. Um ihre Augen hatten sich feine Falten gebildet.

Er hatte sie zuletzt vor einigen Wochen gesehen, als sie wegen eines alten Versicherungsbriefes vorbeigekommen war.

Damals hatten sie kaum zehn Minuten miteinander gesprochen.

Jetzt stellte sie ihre Tasche auf einen Stuhl.

„Du hast uns einen ordentlichen Schrecken eingejagt.“

Markus sah auf seine Decke.

„War keine Absicht.“

Birgit setzte sich.

Eine Weile hörten sie nur die Geräusche vom Flur.

Dann sagte sie:

„Bernd hat mir von dem kleinen Mädchen erzählt.“

Markus nickte.

„Lena.“

„Ja.“

„Sie hat Emma ähnlich gesehen, sagt er.“

Birgit schwieg.

Markus drehte langsam den Kopf zu ihr.

„Ich habe ihre Stimme gehört, Birgit.“

Sie wusste sofort, wen er meinte.

„Emma?“

Er nickte.

„Ich weiß, dass du vielleicht denkst, ich spinne.“

„Das denke ich nicht.“

„Ich habe sie gehört.“

Seine Augen wurden feucht.

„Und ich konnte mich wieder nicht bewegen. Genau wie damals. Ich wollte zu ihr, aber ich konnte nicht.“

Birgit hielt seine Hand fest.

„Markus. Du warst damals nicht schuld.“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich hätte da sein müssen.“

„Du bist losgefahren, sobald ich angerufen habe.“

„Zu spät.“

„Ja“, sagte Birgit leise.

Markus sah sie erschrocken an.

Sie hatte es noch nie so ausgesprochen.

„Du bist zu spät gekommen“, wiederholte sie. „Und das war furchtbar. Für dich. Für mich. Für uns beide.“

Ihre Stimme zitterte.

„Aber Emma hat nicht weniger Liebe von dir bekommen, weil du diese letzten Minuten verpasst hast.“

Markus wandte das Gesicht ab.

Birgit wischte sich über die Wange.

„Weißt du noch, wie du ihr diese kleine Holzküche gebaut hast?“

Er nickte.

„Sie hat jedem erzählt, dass ihr Papa die beste Küche auf der ganzen Welt machen kann.“

Ein trauriges Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Die Schublade hat immer geklemmt.“

„Für Emma war sie perfekt.“

Birgit drückte seine Hand.

„Sie hatte fünf Jahre mit dir, Markus. Fünf Jahre, in denen du ihr jeden Abend vorgelesen hast, sie zum Lachen gebracht und ihr beigebracht hast, wie man Fahrrad fährt.“

Tränen liefen über ihre Wangen.

„Du hast diese fünf Jahre vergessen, weil du immer nur an den letzten Tag denkst.“

Markus begann zu weinen.

Still zuerst.

Dann mit einem tiefen Schluchzen, das aus einem Teil seines Herzens zu kommen schien, den er jahrelang verschlossen hatte.

Birgit rückte näher.

Sie legte ihren Arm vorsichtig um ihn, ohne seine verletzte Schulter zu berühren.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit trauerten sie wieder miteinander.

Nicht jeder für sich allein.

Eine Woche nach dem Unfall erhielt Anna einen weiteren Anruf von Bernd.

Markus habe gefragt, ob er Lena kennenlernen dürfe.

„Nur wenn Sie beide das möchten“, sagte Bernd. „Und natürlich erst, wenn es ihm besser geht.“

Anna zögerte.

Sie wollte nicht, dass ihre Tochter in etwas hineingezogen wurde, das sie selbst nicht verstand.

Lena war fünf.

Sie war kein Wunderkind und keine Heilerin.

Sie war ein kleines Mädchen, das manchmal Angst vor dem Dunkeln hatte und beim Zähneputzen immer diskutierte.

Andererseits fragte Lena jeden Abend nach dem verletzten Mann.

„Lebt Markus noch?“

„Ja.“

„Muss er noch im Krankenhaus bleiben?“

„Ja.“

„Kann er wieder laufen?“

„Das hoffen wir.“

Schließlich sprach Anna mit einer Mitarbeiterin des Krankenhauses darüber, ob ein kurzer Besuch überhaupt sinnvoll sei.

Sie vereinbarten, zunächst allein mit Lena zu reden und ihr die Entscheidung zu überlassen.

Als Anna ihrer Tochter erklärte, dass Markus sie gern kennenlernen würde, legte Lena sofort ihren Buntstift weg.

„Darf ich ihm ein Bild mitbringen?“

Anna lächelte.

„Natürlich.“

Das Mädchen malte fast eine Stunde lang.

Auf dem Blatt waren vier Menschen zu sehen.

Ein großer Mann mit grauem Bart.

Ein kleineres Mädchen mit braunen Zöpfen.

Ein weiterer großer Mann mit breiten Schultern.

Und eine Frau mit gelben Haaren.

Über ihnen schwebten viele Sterne.

Anna betrachtete das Bild.

„Wer ist denn die Frau?“

„Seine Frau.“

„Birgit?“

Lena nickte.

„Und das Mädchen?“

„Emma.“

Anna spürte einen Kloß im Hals.

„Und wo bist du?“

Lena zeigte auf einen kleinen rosa Punkt neben dem großen Mann.

„Da.“

„Warum hast du dich so klein gemalt?“

Lena zuckte mit den Schultern.

„Weil ich nur kurz geholfen habe.“

Als Lena das Krankenzimmer betrat, lag Markus halb aufgerichtet im Bett.

Sein rechter Arm steckte in einer Schlinge.

An seiner Stirn war noch eine verheilte Platzwunde zu erkennen.

Er trug ein einfaches graues T-Shirt, und sein Bart war inzwischen noch ein wenig länger geworden.

Anna hielt Lenas Hand.

Bernd stand am Fenster.

Birgit saß neben dem Bett.

Markus versuchte zu lächeln.

„Na, du musst wohl Lena sein.“

Das Mädchen nickte.

„Und du bist Markus.“

„Stimmt.“

Er betrachtete ihre schmutzigen Turnschuhe.

„Du bist also diejenige, die mich aus dem Graben geholt hat.“

Lena schüttelte den Kopf.

„Nein. Du warst zu schwer.“

Bernd musste lachen.

Zum ersten Mal seit Tagen klang es wie sein altes Lachen.

„Das stimmt allerdings“, sagte er.

Markus lächelte.

„Na gut. Dann hast du eben geholfen, dass ich nicht dortbleiben musste.“

Lena trat vorsichtig näher.

„Tut dein Arm weh?“

„Ein bisschen.“

„Mein Knie hat auch wehgetan.“

„Das habe ich gehört.“

Sie betrachteten sich schweigend.

Dann reichte Lena ihm das Bild.

„Das ist für dich.“

Markus nahm es mit seiner gesunden Hand.

Sein Blick glitt über die Sterne.

Über die Frau.

Über den großen Mann.

Und blieb an dem kleinen Mädchen mit den Zöpfen hängen.

„Wer ist das?“, fragte er heiser.

„Emma.“

Markus sah zu Birgit.

Ihr standen bereits Tränen in den Augen.

Er blickte wieder auf das Bild.

„Du hast sie gemalt.“

„Ja.“

„Warum?“

Lena überlegte.

„Damit du sie sehen kannst, wenn du traurig bist.“

Markus presste die Lippen zusammen.

Er schaffte es nicht, etwas zu sagen.

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