Doch kaum drehte sich das Boot nach links, wurde der Papagei still.
Hasso hörte auf zu bellen.
Als Thomas wieder nach rechts lenkte, begann Lora erneut zu schreien.
„Opa! Opa!“
Hasso richtete sich augenblicklich auf.
Sabine runzelte die Stirn.
„Thomas, dreh noch einmal um.“
„Was?“
„Nur kurz. Fahr ein Stück zurück.“
Thomas tat es.
Der Vogel schwieg.
Dann zeigte der Bug des Bootes wieder in Richtung einer alten Baumgruppe am anderen Ende der überfluteten Wiesen.
„Opa! Opa!“
Hasso bellte so heftig, dass er auf dem Dach ausrutschte.
Sabine starrte den Papagei an.
Dann zu Hasso.
Und schließlich zu den dunklen Eichen in der Ferne.
„Thomas“, sagte sie leise. „Ich glaube, die beiden versuchen uns etwas zu sagen.“
Thomas schaute sie ungläubig an.
„Sabine, das ist ein Papagei. Der wiederholt einfach Wörter.“
„Vielleicht.“
„Und der Hund will seinen Vogel zurück.“
Sabine schüttelte den Kopf.
„Dann erklär mir, warum beide nur reagieren, wenn wir in diese Richtung fahren.“
Sie zeigte auf die Baumgruppe.
Etwa achthundert Meter entfernt standen mehrere uralte Eichen auf einer kleinen Anhöhe.
Zumindest war dort früher eine Anhöhe gewesen.
Jetzt ragten nur noch die oberen Teile der Stämme und einige Äste aus dem braunen Wasser.
Thomas folgte ihrem Blick.
„Da draußen ist niemand. Das ist alles überflutet.“
„Wir sehen nach.“
„Sabine …“
„Wenn Herr Weber dort ist, haben wir keine Zeit zu verlieren.“
Thomas schwieg.
Dann drehte er das Boot.
Als sie sich entfernten, sprang Hasso plötzlich vom Dach.
„Nein!“, schrie Sabine.
Der Hund landete mit einem lauten Platschen im Wasser.
Für einen Moment verschwand sein Kopf unter der Oberfläche.
Dann tauchte er wieder auf.
Er schwamm dem Boot hinterher.
Seine Bewegungen waren schwerfällig. Die Strömung drückte ihn immer wieder zur Seite.
„Motor aus!“, rief Sabine.
Thomas reagierte sofort.
Sabine kniete sich an den Bootsrand und streckte beide Arme aus.
„Hasso! Hierher!“
Diesmal widersetzte sich der Hund nicht.
Mit letzter Kraft paddelte er näher.
Sabine griff nach seinem Halsband, während Thomas ihr half, den schweren Körper über den Rand zu ziehen.
Hasso landete erschöpft im Boot.
Er zitterte am ganzen Körper.
Sabine legte ihm eine Rettungsdecke über den Rücken.
Doch kaum hatte sie ihn zugedeckt, hob er den Kopf.
Sein Blick richtete sich wieder auf die Eichen.
Und dann geschah etwas, das Sabine später nie vergessen sollte.
Hasso legte seine nasse Schnauze an Loras Käfig.
Der Papagei beugte sich zu ihm hinunter.
Ganz leise sagte er:
„Opa.“
Diesmal klang es beinahe wie eine Frage.
Das Boot kämpfte sich langsam durch die Strömung.
Zwischen den Eichen trieben Gartenmöbel, Holzstücke und abgebrochene Äste.
Thomas musste mehrmals ausweichen.
Sabine stand vorne und suchte die Baumstämme ab.
„Herr Weber!“
Nichts.
„Heinrich Weber! Können Sie mich hören?“
Nur der Motor und das Schlagen des Wassers waren zu hören.
Hasso stand auf.
Er schwankte, aber seine Ohren waren plötzlich aufgerichtet.
Dann bellte er.
Laut und tief.
Einmal.
Noch einmal.
Aus dem Käfig antwortete Lora.
„Opa!“
Sabine hielt die Luft an.
Denn zwischen zwei Baumstämmen hatte sich etwas bewegt.
Etwas Helles.
Vielleicht ein Stück Stoff.
Vielleicht nur ein Ast.
„Thomas! Langsamer!“
Sie beugte sich nach vorn.
Und dann sah sie eine Hand.
Eine menschliche Hand.
Sie ragte aus dem Wasser und hielt sich an einem tief hängenden Ast fest.
„Da ist jemand!“
Heinrich Weber hing zwischen zwei dicken Eichenwurzeln, die aus dem überfluteten Boden ragten.
Sein Körper war bis zur Brust im Wasser.
Ein Arm lag um den Stamm geschlungen.
Mit der anderen Hand hielt er einen Ast umklammert.
Sein Gesicht war erschreckend blass.
Die Lippen hatten einen bläulichen Farbton angenommen.
„Herr Weber! Hier ist die Polizei!“
Der alte Mann bewegte kaum den Kopf.
Seine Augen waren halb geschlossen.
Sabine wusste sofort, dass es ernst war.
Heinrich war unterkühlt.
Sehr stark unterkühlt.
„Thomas, Rettungsdienst verständigen! Sofort!“
Sie befestigte eine Sicherungsleine und näherte sich vorsichtig dem Stamm.
Das Wasser zog mit enormer Kraft an ihren Beinen.
„Herr Weber, hören Sie mich?“
Ein kaum hörbares Geräusch kam über seine Lippen.
Sabine beugte sich näher.
„Was haben Sie gesagt?“
Heinrich öffnete die Augen einen Spalt.
„Hasso …“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Mein Hasso …“
Sabine schluckte.
„Er ist hier. Ihrem Hasso geht es gut.“
Der alte Mann versuchte zu lächeln.
Dann verlor seine Hand den Halt am Ast.
Sabine griff blitzschnell zu.
Sie bekam Heinrichs Jacke zu fassen, während Thomas das Boot gegen die Strömung stabilisierte.
„Ich hab Sie! Nicht loslassen!“
Der alte Mann hatte kaum noch Kraft.
Mit Unterstützung ihres Kollegen gelang es Sabine schließlich, ihn in das Boot zu ziehen.
Heinrich lag reglos auf dem Boden.
Seine Kleidung war schwer und durchnässt.
Thomas legte mehrere Wärmedecken über ihn.
Sabine überprüfte seine Atmung und sprach immer wieder mit ihm.
„Herr Weber, bleiben Sie bei uns. Hilfe ist unterwegs.“
Hasso kroch langsam näher.
Er schnupperte an Heinrichs Hand.
Dann legte er sich neben dessen Schulter.
Ganz vorsichtig, als hätte er Angst, ihm wehzutun.
Heinrich öffnete die Augen.
„Hasso?“
Der Hund gab ein leises Winseln von sich.
Die alten Finger bewegten sich.
Sie berührten sein nasses Fell.
Und plötzlich hörte Sabine ein Geräusch aus dem Käfig.
„Opa ist da.“
Es war das erste Mal, dass Lora diesen vollständigen Satz sagte.
Später im Krankenhaus erfuhren die Rettungskräfte, was in jener Nacht geschehen war.
Heinrich hatte zunächst geglaubt, dass das Wasser nicht bis zu seinem Haus kommen würde.
Er lebte dort seit mehr als fünfzig Jahren.
Schon früher hatte der Fluss die Wiesen überflutet.
Aber so hoch war das Wasser noch nie gestiegen.
Als es plötzlich durch die Hintertür drang, hatte Heinrich versucht, Hasso und Lora ins Dachgeschoss zu bringen.
Doch dann fiel der Strom aus.
Das Wasser stieg schneller, als er erwartet hatte.
Heinrich wusste, dass er das Haus verlassen musste.
Er nahm den Käfig, öffnete eine obere Tür zum Dach und schob Lora auf die sicheren Ziegel.
Hasso folgte ihm.
Dann wollte Heinrich noch eine Decke holen.
Doch ein lautes Krachen erschütterte das Gebäude.
Ein treibender Baumstamm hatte die Außenwand getroffen.
Heinrich verlor das Gleichgewicht und stürzte ins Wasser.
Die Strömung riss ihn fort.
Hasso hatte den Sturz gesehen.
Er war auf dem Dach hin und her gelaufen und hatte gebellt.
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