Als ich den Neunjährigen zum dritten Mal auf unserem Werkstattsofa fand, lagen fünf Euro vor ihm. Auf dem Zettel stand: „Für die Miete. Bitte nicht böse sein.“
„Ich hab nichts geklaut.“
Das war das Erste, was er sagte. Noch bevor er richtig wach war, hatte er seinen Rucksack an die Brust gezogen und die Füße auf den Boden gestellt.
„Das Geld ist von mir. Ich kann auch gleich wieder gehen.“
Ich blieb neben der Tür stehen. Mit meinen schweren Arbeitsschuhen, dem grauen Bart und den Händen, die auch nach dem Waschen nie ganz sauber aussahen, war ich für einen verängstigten Jungen vermutlich kein besonders beruhigender Anblick.
„Du musst jetzt nirgendwohin“, sagte ich. „Erst mal frühstücken.“
Er sah zur Tür hinter mir.
„Kommt wieder jemand?“
Ich hätte ihm gern etwas anderes gesagt. Aber die ersten beiden Male hatte schon jemand versprochen, man werde eine Lösung finden.
„Ich muss Bescheid sagen, dass du hier bist, Lukas. Die suchen dich bestimmt. Aber diesmal hören wir erst richtig zu.“
Er senkte den Kopf.
„Dann erzählen die wieder, ich mache Schwierigkeiten.“
Ich heiße Heinz, war damals vierundsechzig und hatte zweiundvierzig Jahre als Schlosser gearbeitet. Mein Rücken wusste morgens früher als ich, wie das Wetter werden würde. Seit dem Tod meiner Frau wohnte ich allein über der alten Werkstatt am Ortsrand.
Der Betrieb war längst geschlossen. Ein paar ehemalige Kollegen und ich hatten die Räume übernommen, damit nicht alles leer stand und verfiel.
Wir reparierten dort Fahrräder, wackelige Küchenstühle und manchmal Dinge, die andere längst weggeworfen hätten. Wer wenig Geld hatte, zahlte nur das Material. Wer gar nichts hatte, brachte gelegentlich einen Kuchen.
Siebenundvierzig Leute gehörten inzwischen dazu. Nicht alle kamen regelmäßig. Aber dienstags war der Aufenthaltsraum voll, der Kaffee meistens zu stark und irgendeiner erklärte grundsätzlich, weshalb früher die Wasserpumpenzangen besser gewesen waren.
Lukas hatte uns vor einem halben Jahr kennengelernt.
Jetzt saß er auf unserem durchgesessenen Sofa, in einer zu kurzen Hose und mit einem Rucksack, dessen Reißverschluss mit einer Sicherheitsnadel zusammengehalten wurde.
Die fünf Euro lagen zwischen uns.
„Wofür genau ist die Miete?“, fragte ich.
Er deutete auf das Sofa.
„Für drei Nächte reicht es wahrscheinlich nicht.“
Ich setzte mich auf den Stuhl gegenüber. Meine Knie knackten dabei so laut, dass er kurz aufblickte.
„Das Sofa gehört sowieso keinem mehr so richtig.“
„Alles gehört jemandem.“
Ich wusste darauf zunächst nichts zu sagen.
Die beiden anderen Male hatte ich ihn ebenfalls früh gefunden. Er war durch die Seitentür hineingekommen, wenn Gerd vor seiner Zeitungsrunde aufschloss und die Kaffeemaschine anstellte.
Beim ersten Mal hatte Lukas behauptet, sein Vater komme gleich. Als sich herausstellte, dass er aus einer Pflegefamilie weggelaufen war, wurde er abgeholt.
Beim zweiten Mal hatte ich eine Mitarbeiterin gefragt, warum er wieder hier sei.
„Wir sind dran“, hatte sie erschöpft gesagt.
Ich hatte ihr geglaubt. Oder besser: Ich hatte geglaubt, dass damit jemand zuständig war und ich nicht weiter fragen musste.
An diesem Morgen machte ich Brot, stellte Marmelade auf den Tisch und rief die Nummer an, die man mir hinterlassen hatte. Ich sagte, dass Lukas bei uns sei, unverletzt wirke und etwas essen werde.
Dann setzte ich mich wieder zu ihm.
Er rührte sein Brot nicht an.
„Ist mit Wurst auch erlaubt?“
„Im Kühlschrank müsste noch Käse sein.“
„Darf ich den selber aufmachen?“
„Natürlich.“
Er sah mich an, als hätte ich etwas Ungewöhnliches angeboten.
„Warum kommst du immer hierher?“, fragte ich, nachdem er die erste Scheibe gegessen hatte.
Er zog mit dem Finger Krümel über den Tisch.
„Hier schreit keiner nachts.“
Ich wartete.
„Und wenn was kaputtgeht, sagt ihr nur, dass man es reparieren muss.“
Hinter uns hing noch der Kalender vom vergangenen Jahr. Aus der Werkstatt kam das leise Ticken der alten Wanduhr. Ich hörte plötzlich jedes Geräusch.
„Was ist denn kaputtgegangen?“
„Ein Glas.“
Er sagte es so beiläufig, dass ich zuerst hoffte, ich hätte ihn falsch verstanden.
Dann erzählte er von einer Hand, die ihn am Nacken gepackt hatte. Von einem abgeschlossenen Kühlschrank. Von einer Frau, die auf dem Flur gesagt hatte, für das Geld tue sie sich so ein Kind bestimmt nicht länger an.
Er nannte verschiedene Wohnungen und verschiedene Erwachsene. Zwischendurch korrigierte er sich bei der Reihenfolge.
Ich ließ ihn reden. So schwer mir das fiel, ich fragte nicht nach jedem einzelnen Vorfall.
„Hast du das jemandem erzählt?“
„Schon.“
„Und?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Ich sollte erst mal lernen, mich einzugewöhnen.“
Ich musste meine Hände unter den Tisch legen. Ich wollte nicht, dass er sah, wie fest ich sie zu Fäusten machte.
Später würde ich erfahren, wie oft Lukas in den vergangenen anderthalb Jahren den Aufenthaltsort gewechselt hatte.
Pflegefamilien, Bereitschaftspflege, eine Wohngruppe, zwischendurch eine Klinik. Vierzehn Stationen, wenn man alles mitzählte.
Nicht überall hatte ihm jemand wehgetan. Es hatte auch Menschen gegeben, die sich bemüht hatten und irgendwann nicht mehr weiterwussten.
Aber für Lukas machte es am Ende kaum noch einen Unterschied.
Immer wieder packte jemand seine Sachen. Immer wieder erklärte jemand, weshalb es diesmal leider nicht gehe.
Seine Mutter war im Gefängnis. Über das, was vorher zu Hause geschehen war, sprach er an diesem Morgen nur einen Satz.
„Meine Schwester war noch kleiner als ich.“
Dann presste er die Lippen zusammen.
Ich fragte nicht weiter.
„Ich will auch nicht zu meiner Mutter“, sagte er plötzlich. „Die denken das immer, wenn ich weglaufe.“
„Wohin willst du denn?“
Er sah sich im Aufenthaltsraum um.
Auf den Schränken standen schiefe Pokale von alten Betriebssportfesten. An der Wand hing ein vergilbtes Foto von Männern mit Dauerwellen und viel zu kurzen Fußballhosen.
„Hierbleiben.“
Ich atmete langsam aus.
„Lukas, das hier ist eine Werkstatt.“
„Weiß ich.“
„Hier kann ein Kind nicht einfach wohnen.“
Er nickte sofort. Viel zu schnell.
„Weiß ich auch.“
Er nahm seinen Rucksack hoch und griff nach dem Geld.
„Lass mich ausreden“, sagte ich.
Er erstarrte.
Da hörte ich erst, wie scharf meine Stimme geklungen hatte.
„Entschuldige. Ich meine: Ich weiß noch nicht, wie wir dir helfen können. Aber ich möchte es versuchen.“
„Sagen viele.“
„Dann musst du mir heute auch noch nicht glauben.“
Er ließ den Rucksack wieder sinken.
„Du warst im Krankenhaus anders“, sagte er nach einer Weile.
Jetzt wusste ich, woher ich seine Augen kannte.
Wir hatten im Winter repariertes Spielzeug auf die Kinderstation gebracht. Keine große Aktion, keine Zeitung, kein Foto. Einer unserer Leute hatte dort eine Enkelin liegen und gefragt, ob wir ein paar Sachen wieder flottbekämen.
Lukas hatte einen Arm im Gips gehabt.
Ich hatte ihm einen ferngesteuerten Geländewagen gebracht, bei dem ich zwei Abende lang an der Lenkung herumgeflucht hatte.
Er wollte wissen, wie der Motor funktionierte. Also hatte ich mich neben sein Bett gesetzt und es ihm erklärt.
„Du bist dageblieben“, sagte er.
„Du hattest viele Fragen.“
„Die anderen haben immer gesagt, ich frage zu viel.“
Ich erinnerte mich an das Gespräch. An das Kind erinnerte ich mich nur undeutlich.
Er dagegen wusste noch, dass an meinem Daumen ein blaues Pflaster geklebt hatte.
Als die Mitarbeiterin des Bereitschaftsdienstes kam, saß Hanne bereits bei Lukas und schmierte ein zweites Brot.
Hanne war früher Kantinenköchin gewesen. Sie konnte mit einem Blick feststellen, ob jemand Hunger hatte oder nur behauptete, keinen zu haben.
Ich sprach mit der Mitarbeiterin im Nebenraum. Sie hieß Frau Neumann und hörte zu, ohne mich zu unterbrechen.
„Ich möchte, dass Sie aufschreiben, was er gesagt hat“, sagte ich.
„Das werde ich.“
„Nicht wieder nur, dass er weggelaufen ist.“
Sie legte ihren Stift hin.
„Herr Mertens, ich nehme das ernst.“
Ich sah sie einen Moment lang an. Dann erzählte ich alles, so genau ich konnte, und trennte dabei das, was Lukas gesagt hatte, von dem, was ich vermutete.
Sie sprach anschließend allein mit ihm.
Als sie herauskam, sagte sie, dass er vorerst nicht in die bisherige Pflegefamilie zurückkehren werde.
Es war der erste Satz an diesem Morgen, bei dem ich wieder Luft bekam.
Meine Tochter rief ich trotzdem an.
Sabine war Rechtsanwältin und hatte ein Talent dafür, meine gut gemeinten Ideen mit drei sachlichen Fragen auf ihre Schwachstellen abzuklopfen.
„Papa, ein Freundeskreis kann kein Kind aufnehmen wie einen alten Werkzeugschrank.“
„Das weiß ich.“
„Weißt du es wirklich?“
Ich schwieg.
„Wer wäre nachts da? Wer bei Krankheit? Wer spricht mit der Schule? Wer bleibt, wenn die anderen nach Hause fahren?“
Durch das Fenster sah ich Lukas am Küchentisch sitzen. Hanne hatte ihm ein gekochtes Ei hingestellt. Er drehte es vorsichtig zwischen den Händen, als könne auch dabei etwas falsch sein.
„Ich“, sagte ich.
Sabine antwortete nicht sofort.
„Dann reden wir jetzt darüber, was das bedeutet.“
Mittags kamen die ersten Leute.
Ich hatte keinen großen Aufruf gemacht. Ich hatte Klaus angerufen, meinen ältesten Freund, und gesagt, dass wir Hilfe brauchten.
Bei Klaus dauerte es ungefähr zwanzig Minuten, bis aus „Hilfe“ ein voller Parkplatz wurde.
Da standen ehemalige Maurer, Elektriker, zwei Frauen aus der Nähgruppe, ein Busfahrer im geteilten Dienst und ein Mann, der seit Jahren kaum einen Satz sprach, aber immer erschien, wenn irgendwo angepackt werden musste.
Ich erzählte nur so viel, wie sie wissen mussten.
Dass Lukas Schutz brauchte. Dass er uns vertraute. Dass ich prüfen lassen wollte, ob er bei mir wohnen könne.
„Und bevor einer lospoltert“, fügte ich hinzu, „wir fahren nirgendwohin und stellen niemanden zur Rede.“
Klaus nickte.
„Was brauchst du?“
„Einen Plan. Keinen Stammtischbeschluss.“
Es wurde still, als ich sagte, dass ich allein nicht alles schaffen würde.
Dann räusperte sich Klaus.
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