Ein Neunjähriger zahlte fünf Euro Miete, um endlich ohne Angst schlafen zu können

Er war ein breiter Mann mit einer Stimme wie Schotter auf einer Ladefläche. Kinder auf der Straße machten manchmal einen Bogen um ihn.

„Ich kann ihn zur Schule bringen, wenn du einen Termin hast.“

Hanne hob die Hand.

„Mittagessen kriegen wir hin.“

„Ich mache den Papierkram mit dir“, sagte Uwe, der früher die Lohnabrechnungen im Werk betreut hatte.

Einer rief, er könne das Zimmer streichen.

Sabine, die inzwischen angekommen war, schüttelte den Kopf.

„Erst wird geprüft. Dann wird gestrichen.“

„Das Zimmer kann trotzdem einen Anstrich vertragen“, murmelte Klaus.

Zum ersten Mal an diesem Tag musste ich lachen.


Lukas kam für die nächsten Tage bei einer erfahrenen Bereitschaftspflegefamilie unter.

Als Frau Neumann ihm das erklärte, sah er nur mich an.

„Du hast gesagt, du versuchst es.“

„Das tue ich.“

„Und jetzt muss ich wieder weg.“

Ich hätte ihm gern versprochen, dass es nur zwei Nächte würden. Oder drei. Irgendetwas, woran er sich hätte festhalten können.

Aber ich wusste es nicht.

„Heute kann ich dir nicht sagen, wann du bei mir wohnen darfst“, sagte ich. „Ich kann dir sagen, dass ich morgen um drei zu dir komme. Frau Neumann klärt das mit den Leuten.“

Er starrte auf seine Schuhe.

„Mit dem Auto aus dem Krankenhaus?“

„Der steht noch in deinem Rucksack, hast du gesagt.“

„Die Lenkung geht wieder schwer.“

„Dann bringe ich Werkzeug mit.“

Am nächsten Tag war ich um Viertel vor drei da.


Aus den nächsten Tagen wurden Wochen.

Es gab Gespräche, Hausbesuche und Unterlagen, von denen ich vorher nicht einmal gewusst hatte, dass ich sie besitzen musste.

Meine Gesundheit wurde angesprochen, mein Alter, meine Finanzen und die Frage, was geschehen sollte, wenn ich einmal ausfiele.

Ich fand einige Fragen unangenehm.

Sabine sagte: „Gut. Sie sollen unangenehm sein. Es geht um ein Kind.“

Die Wohnung über der Werkstatt wurde genau angesehen. Der offene Treppenaufgang musste gesichert werden, bestimmte Dinge verschwanden aus erreichbaren Schränken, und der Zugang zum Arbeitsbereich bekam ein ordentliches Schloss.

Unten wurde weiter repariert. Oben stand plötzlich ein Schreibtisch.

Ich hatte seit Jahren keinen Grund mehr gehabt, einen Schreibtisch aufzubauen.


Besonders schwer fiel mir das Gespräch über meine Frau.

Sie war sechs Jahre zuvor gestorben. Seitdem schlief ich auf meiner Bettseite, kaufte dieselben Mengen ein wie früher und warf regelmäßig verdorbenen Aufschnitt weg.

„Was erhoffen Sie sich davon, Lukas aufzunehmen?“, fragte mich eine Mitarbeiterin des Pflegekinderdienstes.

„Dass er ein Zuhause hat.“

„Und für sich selbst?“

Ich wollte sagen: nichts.

Dann sah ich Sabine neben mir sitzen.

„Dass ich abends nicht mehr allein am Tisch sitze“, sagte ich schließlich.

Die Frau nickte.

„Das ist verständlich. Lukas darf aber nicht dafür verantwortlich werden, dass es Ihnen besser geht.“

Auf der Heimfahrt war ich lange still.

Später räumte ich den zweiten Platz am Küchentisch frei. Nicht als Ersatz für jemanden. Einfach, weil dort künftig ein Kind sitzen sollte.


Lukas schrieb in dieser Zeit einen Brief.

Niemand hatte ihm gesagt, dass er das tun müsse. Er gab ihn Sabine bei einem Besuch und fragte, ob die Frau beim Gericht ihn bekommen dürfe.

Auf dem karierten Blatt stand:

„Ich weiß, dass Heinz streng aussieht. Aber wenn ich was frage, antwortet er. Wenn ich Hunger habe, gibt es was. Ich möchte bei ihm wohnen. Die anderen von der Werkstatt kennen mich auch. Ich glaube, die vergessen mich nicht.“

Darunter hatte er noch einen Satz geschrieben, kleiner als den Rest.

„Ich kann lernen, weniger schwierig zu sein.“

Sabine las den Brief zweimal.

Dann ging sie auf die Toilette und kam mit roten Augen zurück.

Ich blieb mit dem Blatt in der Hand sitzen.


Bei unserem nächsten Besuch fragte ich Lukas, wer ihm gesagt habe, dass er schwierig sei.

„Nicht alle haben das gesagt.“

„Aber du hast es oft gehört.“

Er nickte.

„Ich mache manchmal Sachen kaputt.“

„Ja.“

„Und ich werde wütend.“

„Ich auch.“

Er betrachtete meine Hände.

„Bei dir haben die Leute dann Angst.“

Das saß.

Ich schob meinen Stuhl ein Stück zurück.

„Dann muss ich besonders aufpassen, wie ich mit meiner Wut umgehe.“

Er sah mich überrascht an. Vielleicht hatte er erwartet, dass ich ihm erklärte, warum meine Wut etwas anderes sei.

„Du musst nicht erst ein anderer Junge werden, damit wir weiter nach einem Zuhause für dich suchen“, sagte ich.

Er antwortete nicht. Aber als wir später gingen, lief er bis zum Gartentor mit.


Der Termin beim Familiengericht fand an einem Montag statt.

Siebenundvierzig Menschen hätten gern mitkommen wollen. Sabine erklärte, dass eine solche Sache keine öffentliche Veranstaltung sei.

Am Ende warteten acht von uns draußen. Die übrigen hatten kleine Nachrichten aufgeschrieben, die Lukas in einer Mappe bei sich trug.

Klaus hatte auf seine Karte nur geschrieben: „Bin Dienstag wieder da. Wie immer.“

Lukas strich mit dem Daumen über den Satz.

Ich wurde einzeln angehört. Lukas ebenfalls, ohne eine Reihe fremder Erwachsener vor sich, denen er seine schlimmsten Erinnerungen vortragen musste.

Während ich wartete, betrachtete ich meine Schuhe.

Ich hatte sie am Abend vorher geputzt. In den Rissen saß trotzdem noch der Staub aus der Werkstatt.


Niemand beschloss an diesem Vormittag, dass siebenundvierzig Handwerker gemeinsam ein Kind adoptieren durften.

Es wurde besprochen, was Lukas brauchte und unter welchen Bedingungen ein Leben bei mir möglich wäre.

Frau Neumann hatte inzwischen Unterlagen zusammengetragen. Frühere Beschwerden mussten neu geprüft werden. Bei manchen Vorwürfen war noch vieles offen; bei anderen gab es Hinweise, denen nicht ausreichend nachgegangen worden war.

Sie redete das nicht klein.

Die Richterin fragte mich, ob ich verstanden hätte, dass Lukas auch dann bei mir leben würde, wenn er mich anschrie, Essen versteckte oder nachts nicht schlafen konnte.

„Ich glaube schon.“

„Glauben genügt dafür nicht immer.“

„Dann brauche ich Leute, die mir sagen, wenn ich etwas falsch mache.“

Sie sah auf die Unterlagen vor sich.

„Die werden Sie haben.“


Die endgültige Entscheidung über die langfristige Perspektive fiel nicht an diesem Tag.

Aber der Weg für den nächsten Schritt war frei. Nach den weiteren Absprachen durfte Lukas zunächst probeweise bei mir wohnen, eng begleitet und mit festen Gesprächsterminen.

Als Sabine ihm das erklärte, blieb er ganz still.

„Oben?“, fragte er.

„Ja.“

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