„Auch nachts?“
Ich nickte.
„Mit meinen Sachen im Schrank?“
„Dafür haben wir ihn aufgebaut.“
Er ging einen Schritt auf mich zu und blieb wieder stehen.
Ich wartete.
Dann lehnte er die Stirn gegen meine Jacke.
Ich legte ihm vorsichtig eine Hand auf den Rücken. Hinter uns schnäuzte sich Klaus so laut, dass sich eine Frau am anderen Ende des Flurs umdrehte.
Am ersten Abend zeigte ich Lukas sein Zimmer.
Keine große Überraschung mit Luftballons. Ein Bett, ein Schreibtisch, eine Leselampe und ein gebrauchtes Regal, das Uwe abgeschliffen hatte.
„Welche Farbe du möchtest, können wir noch besprechen“, sagte ich.
Lukas öffnete den Schrank.
Dann die Schreibtischschubladen.
„Muss ich meinen Rucksack hierlassen?“
„Du kannst ihn hinstellen, wo du willst.“
Er stellte ihn neben das Bett, in Reichweite seiner Hand.
In der Küche zeigte ich ihm, wo die Becher standen und was er sich selbst nehmen konnte.
Vor dem Kühlschrank blieb er stehen.
„Der bleibt so?“
„Wie?“
„Ohne Schloss.“
„Ja.“
Er öffnete die Tür, sah hinein und schloss sie wieder. Eine Minute später tat er es noch einmal.
Es wäre schön, wenn ich erzählen könnte, dass danach alles leicht wurde.
Lukas ging zur Schule, ja. Er begann zu essen, ohne vor jedem Bissen um Erlaubnis zu bitten.
Aber er schlief schlecht. Wenn unten jemand laut lachte, lauschte er sofort, ob daraus Streit wurde.
In seiner Schreibtischschublade fand ich irgendwann vier harte Brötchen und ein Stück Käse.
Ich stand mit der offenen Schublade da, als er hereinkam.
Sein Gesicht wurde weiß.
„Ich räume es weg.“
„Der Käse wird schlecht“, sagte ich.
Er begann hastig alles zusammenzunehmen.
„Lukas, warte. Wir suchen eine Dose für Sachen, die du aufheben möchtest.“
Er sah mich an.
„Du bist nicht sauer?“
Ich war traurig. So traurig, dass ich kaum sprechen konnte.
„Nein.“
Der schlimmste Abend kam nach sechs Wochen.
Ein Besuchstermin mit seiner kleinen Schwester war kurzfristig ausgefallen. Sie lebte inzwischen bei einer Verwandten, und Lukas hatte den ganzen Nachmittag auf die Uhr gesehen.
Beim Abendessen stieß er sein Glas um.
Ich war müde, meine Schulter tat weh, und bevor ich nachgedacht hatte, sagte ich laut: „Mensch, Lukas, pass doch auf!“
Er sprang auf.
Der Stuhl fiel nach hinten. Er schrie mich an, ich solle ihn nicht anfassen, und warf den Teller gegen den Küchenschrank.
Dann rannte er in sein Zimmer.
Ich blieb zwischen Scherben und Wasser stehen.
An diesem Abend begriff ich, wie wenig es half, bloß gute Absichten zu haben.
Als ich den Flur entlangging, stand Lukas mit Schuhen und Jacke vor seiner Zimmertür.
Der Rucksack war gepackt.
„Ich weiß schon“, sagte er.
„Was weißt du?“
„Dass es nicht geht.“
Ich setzte mich auf den Boden, weil ich nicht über ihm stehen wollte. Das Aufstehen würde später schwierig werden. Darüber konnte ich mir später Gedanken machen.
„Ich hätte dich nicht so anfahren dürfen.“
Er zog am Riemen seines Rucksacks.
„Der Teller ist kaputt.“
„Ja.“
„Ich hab ihn extra geworfen.“
„Das habe ich gesehen.“
Seine Unterlippe zitterte.
„Wann holen die mich?“
Ich merkte, dass mir die Tränen kamen, und wischte sie nicht weg.
„Wir rufen morgen Frau Neumann an und besprechen, was passiert ist. Aber heute schläfst du in deinem Bett.“
Er glaubte mir nicht sofort.
Wir saßen lange im Flur. Irgendwann zog er die Jacke aus, später die Schuhe.
Am nächsten Morgen riefen wir tatsächlich an.
Ich erzählte auch, dass ich laut geworden war. Lukas saß neben mir und hörte zu.
Es wurden zusätzliche Gespräche vereinbart. Ich bekam Unterstützung dabei, seine Reaktionen besser zu verstehen, und musste lernen, nicht jede geschlossene Tür persönlich zu nehmen.
Am Abend sagte Lukas beim Zähneputzen: „Du hast denen das mit dir auch erzählt.“
„Ja.“
Er spuckte aus und betrachtete mich im Spiegel.
„Die anderen waren immer nur wegen mir da.“
Unsere Leute lernten ebenfalls dazu.
Nicht jeder durfte unangemeldet nach oben kommen. Nicht jeder Besuch war für Lukas ein guter Besuch, auch wenn jemand es gut meinte.
Klaus gewöhnte sich ab, ihm von hinten die Hand auf die Schulter zu legen.
Hanne fragte nicht mehr vor allen, ob er denn „schon besser“ schlafe.
Und als einer unten beim Kaffee sagte, Lukas habe nun wirklich Glück gehabt und müsse bloß noch dankbar sein, wurde es still.
Klaus stellte seine Tasse ab.
„Der Junge muss erst mal neun sein dürfen.“
Danach wurde über etwas anderes gesprochen.
Mit Sabine führte ich in diesen Monaten auch Gespräche, denen ich lange ausgewichen war.
Einmal saßen wir nach einem Termin in meinem Auto, und sie sagte: „Du fragst ihn oft, wie es ihm geht.“
„Ist das falsch?“
„Nein.“
Sie sah aus dem Seitenfenster.
„Uns hast du das früher selten gefragt.“
Mein erster Impuls war, ihr aufzuzählen, wie viel ich gearbeitet hatte. Was alles bezahlt werden musste. Wie müde ich abends gewesen war.
Ich ließ es.
„Ich dachte damals, wenn alles versorgt ist, reicht das.“
„Ich weiß.“
„Hat es aber nicht.“
Sie schüttelte den Kopf.
Wir fuhren nicht gleich los. Das war ein unangenehmes Gespräch, und ich war froh, dass sie trotzdem sitzen blieb.
Elf Monate sind seit dem Morgen mit den fünf Euro vergangen.
Lukas lebt noch immer bei mir. Inzwischen ist im gemeinsamen Hilfeplan festgehalten, dass er dauerhaft bleiben soll.
Es gibt weiterhin Termine, Absprachen und Menschen, die nach uns sehen. Ich bin froh darüber.
Die Beschwerden über seine früheren Unterbringungen werden nicht alle mit demselben Ergebnis enden. Lukas muss auch nicht auf jedes Ergebnis warten, bevor sein eigenes Leben weitergehen darf.
Seine Schwester besucht uns inzwischen regelmäßig. Beim ersten Mal zeigte er ihr den Kühlschrank, noch bevor er ihr sein Zimmer zeigte.
„Hier kannst du dir was nehmen“, sagte er.
Ich stand an der Spüle und tat eine Weile so, als müsse ich eine Tasse besonders gründlich abwaschen.
In der Schule läuft nicht alles glänzend.
Lukas liest noch langsam. Bei plötzlichen Änderungen bekommt er manchmal Bauchschmerzen, und vor den Ferien fragt er öfter, ob nachher noch alles genauso sein werde.
Aber er hat einen Freund, der mittwochs zum Essen kommt.
Die beiden bauen unten im freigeräumten Hobbybereich an einem Vogelhaus. Klaus beaufsichtigt das Vorhaben mit einer Ernsthaftigkeit, als hinge die gesamte Vogelwelt davon ab.
Lukas hat gelernt, dass man erst misst und dann sägt.
Klaus hat gelernt, dass ein Vogelhaus auch ein schiefes Dach haben darf.
Ich halte das für einen Fortschritt auf beiden Seiten.
Seinen zehnten Geburtstag feierten wir im Hof.
Es gab Blechkuchen, Würstchen und ein gebrauchtes Fahrrad, das wir heimlich überholt hatten. Acht Kinder aus seiner Klasse kamen.
Lukas fragte am Vormittag dreimal, ob die Einladung wirklich für ihn sei.
Später fuhr er mit dem Rad kleine Kreise zwischen den Tischen. Hanne schimpfte, weil er zu dicht an der Kaffeekanne vorbeikam.
Er lachte und fuhr einen größeren Bogen.
Am Abend war er völlig erschöpft. Er schlief ein, bevor ich die Geschichte fertig vorgelesen hatte.
Der Rucksack stand inzwischen im Schrank.
Vor zwei Wochen saß er bei unserer Dienstagsrunde mit am Tisch.
Wir besprachen, wer die gespendeten Fahrräder durchsehen würde und weshalb schon wieder jemand den guten Besen nach draußen gestellt hatte.
Lukas wartete, bis Ruhe war.
Dann legte er einen Umschlag vor mich.
Darin lagen fünf Euro.
Ich sah ihn an.
„Für die Miete?“
Er schüttelte den Kopf.
„Für neue Batterien. Damit das nächste Auto auch fährt.“
Niemand sagte gleich etwas.
Klaus nahm seine Brille ab und putzte sie am Hemd, obwohl sie sauber war.
Ich legte das Geld in unsere Materialkasse und schrieb mit Lukas zusammen auf einen Zettel, wofür es bestimmt war.
Den alten Zettel habe ich aufgehoben.
„Für die Miete. Bitte nicht böse sein.“
Er liegt in meiner Schreibtischschublade, und manchmal lese ich ihn noch. Meistens dann, wenn ich mich über Kleinigkeiten aufrege oder glaube, ich müsse auf alles sofort eine Antwort wissen.
Gestern Abend kam Lukas nach dem Zähneputzen noch einmal in die Küche.
„Morgen Pfannkuchen?“
„Wenn du beim Tischdecken hilfst.“
„Mach ich.“
Er nahm sich einen Apfel aus dem Kühlschrank und ging zurück in sein Zimmer.
Kurz darauf rief er durch den Flur: „Gute Nacht, Heinz!“
„Gute Nacht, mein Junge.“
Den Apfel aß er im Bett. Die Krümel von seinem Nachmittagsbrot lagen noch auf dem Küchentisch.
Ich wischte sie weg und deckte schon einmal für zwei.






