Leer.
Er setzte sich auf das Sofa, auf dem Katharina noch wenige Stunden zuvor gelegen hatte.
Was hatte er eigentlich getan?
Eine fremde Frau in sein Haus getragen.
Ein fremdes Kind aufgenommen.
Verantwortung übernommen, ohne zu wissen, wohin das alles führen würde.
Sein Geschäftspartner hätte ihn für verrückt erklärt.
Seine Anwältin vermutlich ebenfalls.
Matthias lehnte den Kopf zurück.
Vor fünf Jahren hatte seine Frau Claudia genau dort gestanden, neben dem Kamin.
Ihre Koffer waren bereits im Flur gewesen.
„Du merkst gar nicht mehr, wenn ein Mensch vor dir steht“, hatte sie gesagt.
Matthias hatte wütend geantwortet.
„Ich arbeite für unser Leben!“
Claudia hatte traurig gelächelt.
„Nein. Du arbeitest inzwischen statt zu leben.“
Er hatte ihr den Satz jahrelang übel genommen.
An diesem Abend fragte er sich zum ersten Mal, ob sie vielleicht recht gehabt hatte.
Am nächsten Morgen stand Lena in seiner Schlafzimmertür.
Matthias öffnete die Augen und erschrak.
„Ist Mama gesund?“
Keine Begrüßung.
Keine Frage nach Frühstück.
Nur diese vier Worte.
Er setzte sich auf.
„Ich rufe sofort im Krankenhaus an.“
Lena nickte.
Dann blieb sie stehen.
„Darf ich solange hier warten?“
„Natürlich.“
Zehn Minuten später wusste Matthias, dass Katharinas Zustand stabil war.
Sie war wach.
Und ihre erste Frage hatte ihrer Tochter gegolten.
Als er Lena die Nachricht überbrachte, sackten ihre Schultern sichtbar nach unten.
Als hätte das Kind die ganze Nacht eine Last getragen, die kein Sechsjähriges hätte tragen dürfen.
Unten wartete Frau Krüger mit Pfannkuchen.
Lenas Augen wurden groß.
„Pfannkuchen?“
„Mit Apfelmus“, sagte Frau Krüger.
Lena setzte sich.
Nach einigen Bissen sagte sie:
„Früher hat Mama sonntags auch welche gemacht.“
Matthias nahm sich Kaffee.
„Warum früher?“
„Weil Mama dann oft müde war.“
Lena schob ein Stück Pfannkuchen über den Teller.
„Sie arbeitet im Krankenhaus.“
Matthias blickte auf.
„Deine Mutter ist Krankenschwester?“
„War sie.“
„Was ist passiert?“
Das Mädchen erklärte es mit den Worten eines Kindes.
Mama war krank geworden.
Mama konnte nicht mehr so lange stehen.
Mama bekam irgendwann keine Schichten mehr.
Das Geld wurde weniger.
Dann die Wohnung kleiner.
Dann gar keine Wohnung mehr.
„Mama hat immer gesagt, es wird wieder gut.“
Lena sah ihn an.
„Aber meistens wurde es danach schlechter.“
Matthias antwortete nicht.
Er konnte nicht.
Noch am Vormittag fuhren sie ins Krankenhaus.
Katharina lag blass, aber wach im Bett.
Als Lena hereinkam, begann sie sofort zu weinen.
„Mama!“
Katharina öffnete die Arme.
„Mein Schatz.“
Lena kletterte vorsichtig zu ihr.
„Ich habe Pfannkuchen gegessen.“
Katharina lachte unter Tränen.
„Das ist gut.“
„Und Hasi hatte ein eigenes Kissen.“
Jetzt sah Katharina zu Matthias.
Zum ersten Mal bewusst.
Ihr Blick war misstrauisch, beschämt und dankbar zugleich.
„Sie sind der Mann von gestern.“
„Matthias Berger.“
„Sie haben uns gefunden.“
„Ja.“
„Danke.“
Sie schluckte.
„Sobald ich entlassen werde, verschwinden wir wieder. Ich möchte Ihnen keine Schwierigkeiten machen.“
Matthias zog einen Stuhl heran.
„Wohin?“
Katharina schaute weg.
„Ich finde etwas.“
„Was?“
„Irgendetwas.“
„Sie haben eine Lungenentzündung.“
Stille.
„Sie sind geschwächt. Sie haben kein festes Zuhause. Ihre Tochter braucht Sicherheit.“
Katharinas Gesicht verhärtete sich.
„Ich weiß selbst, was meine Tochter braucht.“
„Das wollte ich nicht—“
„Doch.“
Sie senkte die Stimme, damit Lena nichts bemerkte.
„Alle wissen plötzlich, was man braucht, wenn man unten ist. Formulare. Beratung. Geduld. Stärke. Einen Plan. Wissen Sie, was keiner einem sagt? Dass man irgendwann keine Kraft mehr hat, noch einen Antrag auszufüllen.“
Matthias schwieg.
Katharina wischte sich über die Augen.
„Entschuldigung.“
„Sie müssen sich nicht entschuldigen.“
„Doch. Sie haben uns geholfen.“
„Dann lassen Sie mich weiterhelfen.“
Sie lachte bitter.
„Warum?“
Eine einfache Frage.
Matthias hatte keine einfache Antwort.
„Weil ich zwölf Zimmer habe.“
Katharina sah ihn verständnislos an.
„Was?“
„Ich habe zwölf Zimmer. Mindestens acht davon benutze ich praktisch nie.“
Er deutete um sich.
„Sie brauchen für einige Wochen eines davon. Vielleicht zwei.“
„Das kann ich nicht annehmen.“
„Warum nicht?“
„Weil ich Sie nicht kenne.“
„Das stimmt.“
„Weil ich nichts zurückgeben kann.“
„Das habe ich nicht verlangt.“
„Weil Menschen nicht einfach so etwas tun.“
Matthias lehnte sich zurück.
„Vielleicht ist genau das unser Problem.“
Katharina sah ihn lange an.
Dann fragte sie:
„Was wollen Sie wirklich?“
Matthias dachte an Claudia.
An seinen Vater.
An die Villa.
An die leeren Sonntage.
„Vor fünf Jahren hat meine Frau mich verlassen.“
Katharina wirkte überrascht.
„Sie sagte, ich sei kalt geworden. Dass ich Zahlen besser verstehe als Menschen.“
Er lächelte müde.
„Damals hielt ich sie für undankbar.“
„Und heute?“
„Heute glaube ich, dass sie recht hatte.“
Lena saß inzwischen auf dem Fensterbrett und erzählte ihrem Stoffhasen etwas.
Matthias blickte zu ihr.
„Gestern hat Ihre Tochter mich angesehen und gesagt, dass Sie nichts gegessen haben. Ich hätte weitergehen können.“
Er machte eine Pause.
„Einen Moment lang wollte ich das sogar.“
Katharina sah ihn an.
„Aber Sie sind geblieben.“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil ich plötzlich meinen Vater gehört habe.“
„Ihren Vater?“
Matthias nickte.
Sein Vater war Maurer gewesen.
Später hatte er ein kleines Bauunternehmen gegründet, aus dem Matthias Jahrzehnte später einen großen Betrieb gemacht hatte.
Der alte Mann hatte einen Satz ständig wiederholt.
So oft, dass Matthias ihn irgendwann nicht mehr hören konnte.
„Ein volles Konto macht noch keinen reichen Menschen.“
Katharina lächelte schwach.
„Klingt altmodisch.“
„War er auch.“
Matthias lächelte.
„Er trug zwanzig Jahre dieselbe Winterjacke und reparierte seine Schuhe, bis praktisch nichts mehr davon übrig war.“
„Und trotzdem gründete er eine Firma?“
„Ja.“
„Dann muss er stur gewesen sein.“
„Unfassbar stur.“
Beide mussten lachen.
Es war nur ein kurzer Moment.
Aber irgendetwas löste sich.
Eine Woche später zog Katharina mit Lena vorübergehend in Matthias‘ Haus.
Frau Krüger bestand darauf, das größte Gästezimmer herzurichten.
„Das kleine Kind braucht Platz“, erklärte sie.
Matthias hob eine Augenbraue.
„Das Zimmer hat vierzig Quadratmeter.“
„Eben.“
Innerhalb weniger Tage veränderte sich die Villa.
Auf der Garderobe hing plötzlich eine rosa Mütze.
Im Badezimmer stand eine Zahnbürste mit kleinen Sternen.
Auf dem Fußboden im Salon lagen Buntstifte.
Und auf Matthias‘ antikem Schreibtisch klebte eines Morgens ein Zettel.
Darauf war ein Mann mit sehr langen Beinen, riesigen Ohren und einer schwarzen Jacke gemalt.
Darunter stand:
MATIAS.
Matthias betrachtete das Bild.
„Sind meine Ohren wirklich so groß?“
Lena nickte ernst.
Frau Krüger musste sich wegdrehen, damit man ihr Lachen nicht sah.
Katharina erholte sich langsamer als erwartet.
Erst während dieser Wochen erzählte sie Matthias die ganze Geschichte.
Sie war vierundvierzig und hatte fast fünfzehn Jahre als Krankenschwester gearbeitet.
Schichtdienst.
Wochenenden.
Feiertage.
Nachtdienste.
„Heiligabend habe ich öfter auf Station verbracht als zu Hause“, sagte sie.
Matthias kannte das.
Nicht vom Krankenhaus.
Aber vom Büro.
Ihr Mann hatte die Familie verlassen, als Lena zwei war.
Unterstützung kam unregelmäßig, später gar nicht mehr.
Katharina arbeitete weiter.
Dann entwickelte sie eine chronische Erkrankung.
Ihre Gelenke schmerzten.
Lange Schichten wurden immer schwieriger.
„Ich wollte nicht als schwach gelten“, sagte sie.
„Also habe ich jedes Mal gesagt: Es geht schon.“
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






