Ihr Mann Matthias war drei Jahre zuvor bei einem Einsatz ums Leben gekommen.
Er hatte bei der Feuerwehr gearbeitet.
Bei einem Wohnungsbrand war ein Teil eines Treppenhauses eingestürzt.
Andere Menschen waren gerettet worden.
Er nicht.
Lena war damals drei gewesen.
Mia wenige Monate alt.
„Danach funktioniert man erst einmal nur“, sagte Katharina.
Sie sah geradeaus.
„Beerdigung. Versicherungen. Formulare. Kinder. Nachts nicht schlafen. Morgens trotzdem Brotdosen machen.“
Ihre Stimme blieb erstaunlich ruhig.
„Ich dachte immer, irgendwann wird alles wieder normal.“
Sie lachte kurz.
„Irgendwann habe ich verstanden, dass das alte Normal nicht zurückkommt.“
Das Geld, das anfangs da gewesen war, wurde weniger.
Die Miete nicht.
Lebensmittel nicht.
Strom nicht.
Kinder wurden größer und brauchten Schuhe, Jacken, Betreuung.
Katharina hatte Betriebswirtschaft studiert und früher in der Verwaltung eines mittelständischen Unternehmens gearbeitet.
Nach Lenas Geburt hatte sie länger pausiert.
Später kamen kleine Teilzeitjobs.
„Und jetzt höre ich ständig denselben Satz“, sagte sie.
„Was denn?“
„Sie haben leider zu wenig aktuelle Berufserfahrung.“
Ich kannte diesen Satz.
In meiner Branche benutzten wir manchmal ähnliche Formulierungen.
Professionell.
Neutral.
Sauber.
Manchmal bedeuteten sie nichts anderes als: Ihr Leben passt nicht in unseren Lebenslauf.
„Was suchen Sie?“
„Büroorganisation. Assistenz. Verwaltung. Kundenkontakt. Eigentlich kann ich vieles.“
Sie sah auf ihre Hände.
„Ich brauche keine Sonderbehandlung. Ich brauche nur einmal jemanden, der mich arbeiten lässt, bevor er entscheidet, dass ich es nicht mehr kann.“
Wir erreichten das Bürogebäude zehn Minuten vor ihrem Termin.
Katharina sah nach hinten zu den Mädchen.
Dann zu mir.
„Ich habe ein Problem.“
Das überraschte mich nicht mehr.
„Die Ansprechpartnerin hat gestern gesagt, ich kann die Kinder nicht mit hineinnehmen. Das Gespräch sollte höchstens dreißig Minuten dauern.“
Sie wirkte beschämt.
„Würden Sie…“
Sie brach ab.
Ich wusste, was sie fragen wollte.
Früher hätte ich wahrscheinlich einen Grund gefunden, Nein zu sagen.
Nicht aus Bosheit.
Aus Bequemlichkeit.
„Wir bleiben unten im öffentlichen Wartebereich“, sagte ich. „Sie können uns jederzeit sehen, wenn Sie herauskommen.“
Katharina suchte in meinem Gesicht offenbar nach einem Grund, misstrauisch zu bleiben.
Dann nickte sie.
„Danke.“
Im Foyer gab es eine kleine Sitzecke.
Mia schlief nach wenigen Minuten an ihrer Muttertasche angelehnt ein.
Lena saß neben mir.
„Glauben Sie, Mama bekommt die Arbeit?“
„Ich hoffe es.“
„Sie ist sehr klug.“
„Das glaube ich.“
„Sie hat gestern geübt.“
„Was?“
„Antworten.“
Lena verschränkte die Arme, als wolle sie ihre Mutter persönlich verteidigen.
„Bis ganz spät. Ich bin aufgewacht und sie saß noch am Küchentisch.“
Ich nickte.
Eine Weile schwiegen wir.
Dann fragte sie:
„Haben Sie Kinder?“
„Zwei Söhne.“
„Sind die auch sechs?“
Ich musste lächeln.
„Nein. Viel größer.“
„Wohnen sie bei Ihnen?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil sie erwachsen sind.“
Das überzeugte sie nicht.
„Sehen Sie die oft?“
„Nicht wirklich.“
„Vermissen Sie die?“
Diese Kinderfragen.
Keine höfliche Umleitung.
Keine geschäftliche Verpackung.
„Ja“, sagte ich.
Sie sah mich an.
„Dann müssen Sie denen das sagen.“
Ich schluckte.
„So einfach ist das manchmal nicht.“
„Doch.“
Sie dachte kurz nach.
„Papa hat immer gesagt, wenn man jemanden liebhat, muss der das auch merken.“
Ich sah auf meine Hände.
Seit Jahren hatte ich meinen Söhnen Geld zum Geburtstag überwiesen.
Großzügig sogar.
Ich hatte Sebastian einmal geholfen, als er für seine Familie eine Wohnung anzahlen wollte.
Daniel hatte von mir Geld bekommen, als sein erstes Auto den Geist aufgegeben hatte.
Ich hatte immer gedacht, damit würde ich zeigen, dass ich für sie da war.
Wann hatte ich zuletzt gesagt: Ich vermisse dich?
Wann hatte ich zuletzt gefragt: Wie geht es dir wirklich?
Ich wusste es nicht.
Nach fast einer Stunde kam Katharina zurück.
Noch bevor sie bei uns war, wusste ich, wie das Gespräch gelaufen war.
Menschen in meinem Alter kennen diesen Gesichtsausdruck.
Dieses bemüht gerade Kinn.
Den Blick, der sagt: Bitte fragt mich nicht, solange ich mich noch zusammenreißen kann.
„Und?“, fragte Lena.
Katharina ging vor ihr in die Hocke.
„Heute hat es nicht geklappt.“
„Warum?“
„Jemand anderes hatte mehr Erfahrung.“
Lena umarmte ihre Mutter.
Katharina schloss kurz die Augen.
Ich sah weg.
Nicht aus Desinteresse.
Aus Respekt.
Im Auto fragte ich irgendwann:
„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Sie zum Mittagessen einlade?“
„Thomas…“
„Die Kinder haben bestimmt Hunger.“
Hinten sagte Mia sofort:
„Ich habe Hunger.“
Damit war die Verhandlung beendet.
Wir gingen in ein schlichtes Familienlokal.
Keine weißen Tischdecken.
Keine steifen Kellner.
Einfach Suppe, Nudeln, Schnitzel, Kartoffeln und ein Kindergericht, bei dem Mia so glücklich wurde, dass man hätte glauben können, sie hätte im Lotto gewonnen.
Katharina bestellte das Günstigste auf der Karte.
Das bemerkte ich.
Ich sagte nichts.
Während des Essens erzählte sie mir mehr.
Ihr alter Kleinwagen war eine Woche zuvor endgültig liegen geblieben.
Deshalb waren sie an diesem Morgen mit Bus und Straßenbahn unterwegs gewesen.
Bei drei Bewerbungsgesprächen.
Mit zwei Kindern.
Im November.
Sie war zwei Monatsmieten im Rückstand.
Nicht weil sie leichtfertig mit Geld umging.
Sondern weil irgendwann nichts mehr übrig gewesen war, das man vernünftig einteilen konnte.
„Ich möchte keine Almosen“, sagte sie.
Der Satz kam schärfer, als ich erwartet hatte.
„Das wollte ich auch nicht sagen.“
„Ich weiß.“
Sie atmete aus.
„Entschuldigen Sie. Man wird irgendwann empfindlich.“
„Verständlich.“
„Ich will einfach arbeiten.“
Sie sah mich an.
„Eine Chance. Mehr nicht.“
Und plötzlich dachte ich an mein eigenes Büro.
An meine Assistentin, die zwei Monate zuvor in Rente gegangen war.
An die Stapel auf meinem Schreibtisch.
An meine Termine, die ich mehrfach selbst durcheinandergebracht hatte.
An meinen Steuerberater, der mir geraten hatte, endlich jemanden für die Büroorganisation einzustellen.
Ich hatte es aufgeschoben.
Weil ich überzeugt war, niemand könne Dinge so erledigen, wie ich es wollte.
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