Ein kleiner Junge küsste jeden Morgen eine streunende Katze und veränderte damit das Leben einer einsamen Frau

Ich ging hinein und fragte den älteren Verkäufer, ob er Katzenfutter hätte.

Er zeigte auf ein unteres Regal.

Ich kaufte zwei kleine Dosen und eine einfache Schale.

Als ich zurückkam, saß Wolke immer noch an derselben Stelle.

Ich stellte die Schale mit etwas Futter neben die Bank und trat zurück.

Sie schnupperte erst vorsichtig.

Dann begann sie zu fressen.

So hastig, dass mir klar wurde, wie hungrig sie sein musste.

Ich blieb, bis sie fertig war.

An diesem Morgen kam ich fast vierzig Minuten zu spät zur Arbeit.

Mein Chef schaute auf die Uhr, als ich das Büro betrat.

„Frau Berger, gibt es einen besonderen Grund?“

Ich hätte sagen können, der Bus sei ausgefallen.

Stattdessen antwortete ich: „Ich musste mich um eine Katze kümmern.“

Er starrte mich an.

„Um eine Katze?“

„Ja.“

Einen Moment lang sagte niemand etwas.

Dann schüttelte er den Kopf.

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und begann zu arbeiten.

Zum ersten Mal seit langer Zeit störte es mich nicht, dass jemand mich für etwas merkwürdig hielt.

Am nächsten Morgen verließ ich das Haus fünfzehn Minuten früher.

In meiner Handtasche lagen eine Dose Katzenfutter und eine kleine Kunststoffschale.

Als ich zur Bushaltestelle kam, war Wolke bereits da.

Und der Junge auch.

Er saß neben ihr auf der Bank, die Beine baumelten über dem Boden.

„Guten Morgen“, sagte ich vorsichtig.

Er schaute erschrocken auf.

„Morgen.“

„Ist das deine Katze?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein. Sie gehört niemandem.“

„Woher weißt du das?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Weil sie immer hier ist.“

Ich setzte mich ans andere Ende der Bank.

„Und warum heißt sie Wolke?“

Jetzt lächelte er wieder.

„Weil sie so weich ist. Jedenfalls da, wo ihr Fell nicht verklebt ist.“

Ich musste lachen.

„Das ist ein schöner Name.“

Er nickte ernst.

„Ich heiße übrigens Lukas.“

„Ich bin Sabine.“

Wolke schnurrte zwischen uns.

Ich holte das Katzenfutter aus meiner Tasche.

Lukas riss die Augen auf.

„Ist das für sie?“

„Ja. Ich dachte, sie könnte etwas Frühstück gebrauchen.“

Er sah erst die Dose an, dann mich.

„Wirklich?“

„Natürlich.“

Während Wolke fraß, beobachtete Lukas sie mit einer Freude, die man mit keinem Geld der Welt kaufen konnte.

„Gestern hatte ich nichts für sie“, erklärte er.

„Das habe ich mitbekommen.“

Er wurde rot.

„Haben Sie uns gesehen?“

Ich nickte.

„Und ich fand es sehr schön, wie du mit ihr gesprochen hast.“

Lukas schaute auf seine Schuhe.

„Sie ist meine Freundin.“

„Deine Freundin?“

„Ja. Sie hört immer zu.“

Er sagte das so selbstverständlich, dass ich zunächst nichts antwortete.

Dann fügte er hinzu: „Wenn ich traurig bin, erzähle ich ihr Sachen.“

Ich spürte wieder diesen kleinen Stich in meiner Brust.

„Und hilft das?“

Lukas nickte.

„Manchmal.“

Unser Gespräch wurde vom Bus unterbrochen.

Bevor er einstieg, streichelte Lukas Wolke noch einmal.

„Tschüss, Wolke. Bis morgen.“

Dann drehte er sich zu mir.

„Kommen Sie morgen auch wieder?“

Ich sah in seine erwartungsvollen Augen.

„Ich denke schon.“

„Gut.“

Er grinste.

„Dann sind wir jetzt zu dritt.“

In den nächsten Tagen entstand daraus eine kleine Gewohnheit.

Ich kam etwas früher zur Haltestelle. Lukas war meistens schon da, und Wolke wartete auf ihrer Bank.

Manchmal brachte ich Futter mit.

Manchmal brachte Lukas ein Stück von seinem Frühstück mit, wenn seine Mutter es erlaubte.

Und manchmal saßen wir einfach nur nebeneinander.

Lukas erzählte von seiner Schule, von seiner Lehrerin und davon, dass er im Rechnen ziemlich gut war.

Ich erfuhr, dass seine Mutter in einer Bäckerei arbeitete und morgens oft schon unterwegs war, wenn er aufstand.

Seine Großmutter wohnte in der Nachbarstraße und schaute vor der Schule nach ihm.

„Oma sagt, ich soll nicht mit fremden Leuten reden“, erklärte er eines Morgens.

Ich nickte.

„Da hat deine Oma recht.“

Er dachte kurz nach.

„Aber Sie sind doch nicht mehr fremd. Sie heißen Sabine.“

Ich musste lächeln.

„Trotzdem solltest du deiner Oma von mir erzählen.“

„Mach ich.“

Am nächsten Tag kam tatsächlich seine Großmutter mit.

Eine kleine Frau mit silbergrauem Haar und einer Einkaufstasche aus Stoff.

„Sie sind also die Frau mit dem Katzenfutter“, sagte sie.

Ich war etwas verlegen.

„Das bin wohl ich.“

Sie lächelte.

„Lukas redet jeden Nachmittag von Ihnen.“

Von da an grüßten wir uns gelegentlich, wenn sie ihn begleitete.

Nach etwa zwei Wochen fiel mir auf, dass Wolke schlechter lief.

Sie sprang nicht mehr mühelos auf die Bank.

Außerdem hatte sie eine kleine kahle Stelle am Hals.

Ich sprach Lukas‘ Großmutter darauf an.

Gemeinsam beschlossen wir, dass die Katze untersucht werden sollte.

Ein paar Tage später gelang es uns, Wolke vorsichtig in eine Transportbox zu locken.

Der Tierarzt schätzte sie auf ungefähr zehn Jahre.

Sie war unterernährt, hatte Parasiten und brauchte dringend Ruhe und regelmäßiges Futter.

Aber es gab auch gute Nachrichten.

Mit Geduld und Pflege konnte sie sich erholen.

Wir ließen prüfen, ob sie gekennzeichnet war, und meldeten den Fund ordnungsgemäß.

Ein Besitzer ließ sich nicht ermitteln.

Als ich Lukas davon erzählte, wurde er ganz still.

„Muss sie dann wieder draußen schlafen?“

Ich betrachtete die Katze, die erschöpft auf einer Decke in der Transportbox lag.

Dann hörte ich mich etwas sagen, das ich wenige Wochen zuvor für völlig unmöglich gehalten hätte.

„Vielleicht kann sie vorerst bei mir bleiben.“

Lukas schaute mich ungläubig an.

„Bei Ihnen zu Hause?“

„Ja.“

„Mit einem richtigen Körbchen?“

„Mit einem richtigen Körbchen.“

Er sprang auf und umarmte mich.

Es war eine schnelle, unbeholfene Kinderumarmung.

Aber sie traf mich mitten ins Herz.

Natürlich war damit noch nicht alles entschieden.

Ich musste die erforderlichen Fundformalitäten beachten und zunächst abwarten, ob sich doch noch jemand meldete.

Währenddessen durfte Wolke vorübergehend bei mir wohnen.

Ich kaufte ein Katzenkörbchen, zwei Näpfe und eine weiche Decke.

In der ersten Nacht versteckte sie sich unter meinem Sofa.

In der zweiten traute sie sich bis ins Wohnzimmer.

Und in der dritten Nacht wachte ich auf, weil etwas Warmes auf meinen Füßen lag.

Wolke.

Ich lag lange wach und hörte ihr beim Schnurren zu.

Meine Wohnung war seit Jahren nicht mehr so lebendig gewesen.

Plötzlich hatte ich wieder einen Grund, nach der Arbeit schnell nach Hause zu kommen.

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