Einen Tag nach der Beerdigung meines Großvaters fand ich seine alte Katze unter seinem Bett. Sie wartete noch immer auf ihn, und was sie Wochen später tat, brachte mich völlig zum Weinen.
„Minka? Komm, meine Kleine. Du musst doch etwas essen.“
Keine Bewegung.
Nur zwei gelbliche Augen schauten mich aus der Dunkelheit unter dem Bett an.
Ich lag auf dem Bauch, noch immer in der schwarzen Hose, die ich am Tag zuvor zur Beerdigung getragen hatte. Meine rechte Hand steckte unter dem Bettgestell. Der Staub kitzelte mich in der Nase.
„Er kommt nicht mehr, Minka“, flüsterte ich.
Sie schaute an mir vorbei.
Direkt zur Schlafzimmertür.
Und in diesem Moment begriff ich, dass sie nicht vor mir weglief.
Sie wartete auf meinen Opa.
Mein Großvater Heinrich war 86 Jahre alt geworden. Er hatte sein ganzes Leben in einem kleinen Haus am Rand einer niedersächsischen Kleinstadt verbracht.
Dort hatte er mit meiner Oma Gerda seine beiden Kinder großgezogen. Dort hatten wir Enkel an Sonntagen Kuchen gegessen, im Garten gespielt und heimlich zu viele Bonbons bekommen.
Und dort war er schließlich gestorben.
Minka war seit ungefähr 16 Jahren bei ihm gewesen. Vielleicht auch schon 17. Niemand wusste es mehr genau.
Sie war eine kleine, dunkel getigerte Katze mit einer weißen Brust und einem eingerissenen linken Ohr. Ihr Fell war inzwischen dünn geworden. Um die Schnauze herum hatte sie graue Haare.
Früher war sie überall herumgesprungen.
Jetzt brauchte sie manchmal mehrere Versuche, um auf das Sofa zu kommen.
Aber eines hatte sich nie verändert.
Minka liebte meinen Großvater.
Jeden Morgen saß sie neben seinem Frühstücksteller. Jeden Nachmittag schlief sie auf seinen Knien. Und jeden Abend begleitete sie ihn ins Schlafzimmer.
Er sprach mit ihr, als wäre sie ein Mensch.
„Na, alte Dame? Wollen wir beide mal sehen, was der Tag noch bringt?“
Oder:
„Minka, du hast doch gerade erst gefressen. Glaubst du, ich bin von gestern?“
Meine Oma hatte früher immer darüber gelacht.
Doch seit ihrem Tod vor sechs Jahren war Minka für meinen Opa mehr als nur ein Haustier geworden.
Sie war seine Gesellschaft.
Sein täglicher Gesprächspartner.
Und vielleicht der wichtigste Grund, warum er morgens überhaupt noch gerne aufstand.
Am Tag nach seiner Beerdigung standen wir alle in seiner Küche.
Meine Mutter, mein Onkel, meine Tante und ich.
Auf dem Tisch lagen Briefe, Schlüssel und ein Stapel alter Rechnungen. Daneben standen halb ausgetrunkene Kaffeetassen.
Niemand hatte wirklich Hunger.
Trotzdem hatte meine Tante Brötchen mitgebracht.
So ist das manchmal nach einer Beerdigung. Man tut ganz gewöhnliche Dinge, weil man nicht weiß, was man sonst tun soll.
„Wir müssen uns langsam überlegen, was mit dem Haus passiert“, sagte mein Onkel.
Meine Mutter nickte.
„Und mit den Möbeln. Die Wohnung von Papa muss ja irgendwann geräumt werden.“
Dann fiel der Name Minka.
„Was machen wir eigentlich mit der Katze?“, fragte meine Tante.
Es wurde still.
„Die ist doch uralt“, meinte mein Onkel schließlich. „Die können wir wahrscheinlich gar nicht mehr vermitteln.“
Meine Mutter seufzte.
„Vielleicht könnte ein Tierheim helfen.“
„Aber ob man ihr in dem Alter noch einen Umzug zumuten sollte?“, fragte meine Tante leise.
Niemand sagte etwas Böses.
Alle waren müde. Alle hatten geweint. Jeder versuchte irgendwie, vernünftig zu bleiben.
Trotzdem zog sich in meinem Bauch etwas zusammen.
Ich stand am Küchenschrank und hielt Opas alte Kaffeetasse in der Hand.
Die weiße mit dem blauen Rand.
An einer Stelle war ein kleines Stück Porzellan abgesplittert.
Opa hatte sich jahrelang geweigert, sie wegzuwerfen.
„Aus der schmeckt der Kaffee eben am besten“, hatte er immer gesagt.
Plötzlich erinnerte ich mich an einen Nachmittag, drei Jahre zuvor.
Ich hatte ihn besucht, weil er am Telefon so still geklungen hatte.
Er saß am Küchentisch. Minka lag zusammengerollt auf seinem Schoß.
Das Radio spielte leise.
„Weißt du, Thomas“, hatte er gesagt, „seit deine Oma nicht mehr da ist, sind die Abende manchmal verdammt lang.“
Ich hatte nichts darauf erwidert.
Er streichelte Minka über den Rücken.
„Aber solange die Kleine hier ist, klingt das Haus wenigstens nicht ganz so leer.“
Damals hatte ich gelächelt.
Ich dachte, er machte einen seiner typischen Sprüche.
Erst jetzt verstand ich, wie ernst er es gemeint hatte.
Ich stellte seine Tasse ab.
„Ich nehme Minka mit.“
Meine Mutter sah mich überrascht an.
„Thomas, überleg dir das gut. Du wohnst in einer kleinen Wohnung. Und die Katze ist wirklich schon sehr alt.“
„Ich weiß.“
„Vielleicht braucht sie auch besondere Pflege.“
„Dann kümmere ich mich darum.“
Mein Onkel zuckte mit den Schultern.
„Wenn du dir das zutraust.“
Ich ging zurück ins Schlafzimmer.
Minka saß noch immer unter dem Bett.
Genau an derselben Stelle.
Ich kniete mich hin.
„Hör zu, meine Kleine“, sagte ich. „Du musst hier nicht alleine bleiben.“
Sie blinzelte langsam.
„Du kommst jetzt mit mir. Wir kriegen das schon irgendwie hin.“
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis ich sie in ihre Transportbox bekam.
Nicht, weil sie sich wehrte.
Sie war einfach zu schwach und zu verängstigt, um herauszukommen.
Als ich sie schließlich hochhob, erschrak ich.
Sie war so leicht.
Unter ihrem Fell konnte ich jede Rippe fühlen.
Auf der ganzen Autofahrt saß sie still in ihrer Box.
Kein Miauen.
Kein Kratzen.
Nicht einmal ein leises Jammern.
Immer wieder schaute ich zu ihr hinüber.
Und aus irgendeinem Grund tat mir gerade diese Stille besonders weh.
Meine Wohnung lag im zweiten Stock eines älteren Mehrfamilienhauses.
Zwei Zimmer, eine kleine Küche und ein Balkon zum Innenhof.
Ich war 43, lebte allein und hatte seit Jahren kein Haustier mehr gehabt.
Für Minka stellte ich einen Wassernapf ins Wohnzimmer, Futter daneben und ein weiches Körbchen neben die Heizung.
Dann öffnete ich die Transportbox.
Sie kam nicht heraus.
Erst nach einer Stunde schob sie vorsichtig den Kopf nach draußen.
Sie schnupperte.
Machte drei langsame Schritte.
Und verschwand unter meinem Sofa.
Dort blieb sie bis zum nächsten Morgen.
In den folgenden Tagen wurde mir klar, dass ich mir alles viel einfacher vorgestellt hatte.
Ich hatte gedacht, Minka würde merken, dass ich ihr helfen wollte.
Vielleicht würde sie sich irgendwann auf meinen Schoß setzen, schnurren und sich streicheln lassen.
So wie in diesen schönen Geschichten, die man manchmal liest.
Aber Trauer funktioniert nicht so.
Auch nicht bei Tieren.
Minka fraß kaum.
Sie trank ein wenig Wasser, benutzte ihr Katzenklo und verschwand wieder.
Nachts hörte ich ihre Krallen auf dem Laminat.
Ein leises Ticken.
Dann blieb sie vor einer Tür stehen.
Und miaute.
Nicht laut.
Es waren kurze, heisere Laute, die sich fast wie Fragen anhörten.
Manchmal ging ich zu ihr.
„Minka? Ich bin doch hier.“
Aber sie sah mich nur an und lief weiter.
Sie suchte etwas.
Oder jemanden.
Einmal stand sie mitten in meinem Schlafzimmer und starrte auf das leere Bett.
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