Drei Nächte wartete ich auf einen streunenden Kater dann tat er etwas, das mich zu Tränen rührte

Drei Nächte wartete ich auf einen verwahrlosten Kater, als er endlich zurückkam und sich in mein Bett legte, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Du kannst nicht einfach hier einziehen“, sagte ich zu dem roten Kater, der vor meiner Haustür saß.

Er sah mich an, blinzelte einmal und blieb sitzen.

„Ich meine es ernst. Ich habe selbst kaum genug zum Leben.“

Das schien ihn wenig zu beeindrucken.

Er hatte ein eingerissenes Ohr, schmutzige Pfoten und ein Fell, das an manchen Stellen so dünn war, dass die Haut durchschimmerte. Er war nicht hübsch. Jedenfalls nicht auf die Art, wie man Katzen auf Kalendern sieht.

Aber seine Augen hatten etwas an sich.

Als hätte er schon viel erlebt und beschlossen, niemandem mehr zu vertrauen.

Damals wusste ich noch nicht, dass ausgerechnet dieser heruntergekommene Kater mein Leben verändern würde.

Und dass ich eines Nachts seinetwegen weinen würde wie ein kleines Kind.

Ich heiße Heinrich, bin 63 Jahre alt und wohne in einer kleinen Mietwohnung am Rand einer niedersächsischen Kleinstadt.

Vor sieben Wochen war ich dort eingezogen.

Die Hälfte meiner Umzugskartons stand noch immer ungeöffnet im Schlafzimmer. In einem lagen Bücher, in einem anderen alte Fotos. Den Karton mit den Hochzeitsbildern hatte ich ganz nach hinten geschoben.

Ich wollte ihn nicht sehen.

Nach 34 Jahren Ehe hatte meine Frau Brigitte beschlossen, dass sie nicht mehr mit mir zusammenleben wollte.

Sie hatte es mir an einem Dienstagabend gesagt, während ich gerade die Spülmaschine ausräumte.

„Heinrich, ich kann das nicht mehr.“

Mehr brauchte sie eigentlich nicht zu sagen.

Natürlich haben wir danach noch viel geredet. Wir haben gestritten, geschwiegen und irgendwann aufgehört, nach Erklärungen zu suchen.

Am Ende blieb nur die Trennung.

Kurz darauf wurden meine Stunden in der Lagerhalle gekürzt, in der ich seit fast zwanzig Jahren arbeitete.

Plötzlich hatte ich viel Zeit und wenig Geld.

Eine ziemlich unangenehme Kombination, wenn man niemanden mehr hat, mit dem man den Abend verbringen kann.

Meine neue Wohnung hatte zwei Zimmer, eine schmale Küche und ein Badezimmer, in dem der Wasserhahn ständig tropfte.

Die Heizung klopfte nachts gegen die Rohre. Im Wohnzimmer lag ein alter Teppich, den der Vermieter nicht hatte entfernen lassen.

Vom Küchenfenster aus konnte ich auf einen kleinen, verwilderten Garten schauen.

Hinter dem Haus gab es eine überdachte Terrasse mit einem wackeligen Holzgeländer.

Dort sah ich den Kater zum ersten Mal.

Es war ein Donnerstag.

Ich kam vom Einkaufen zurück, eine Tüte Kartoffeln in der einen Hand und eine Packung Toastbrot in der anderen.

Der Kater saß unter dem Geländer.

„Na, was machst du denn hier?“

Er antwortete natürlich nicht.

Als ich näher kam, stand er auf und verschwand zwischen den Sträuchern.

Am nächsten Abend war er wieder da.

Diesmal blieb er sitzen, solange ich auf Abstand blieb.

Ich stellte ihm eine Schale Wasser hin.

„Mehr gibt es nicht“, sagte ich.

Er wartete, bis ich in der Wohnung verschwunden war.

Dann trank er.

Am dritten Abend hatte ich noch etwas gekochtes Hähnchenfleisch vom Mittagessen übrig.

Ich schnitt es klein und stellte einen alten Unterteller hinaus.

Der Kater kam sofort.

Er fraß so hastig, dass ich mich fragte, wann er zuletzt etwas Richtiges bekommen hatte.

Danach leckte er sich kurz über die Schnauze und verschwand.

Kein Dankeschön.

Kein freundliches Miauen.

Einfach weg.

„Typisch“, murmelte ich.

Trotzdem stand am nächsten Abend wieder ein Teller bereit.

Nach einer Woche hatte sich eine merkwürdige Gewohnheit entwickelt.

Gegen halb sieben ging ich in die Küche und sah aus dem Fenster.

Manchmal saß er bereits unter dem Geländer.

Manchmal musste ich ein paar Minuten warten.

Sobald ich ihn entdeckte, fühlte ich mich ein bisschen besser.

Dabei hätte ich nicht erklären können, warum.

Er ließ sich nicht streicheln. Wenn ich ihm zu nahe kam, wich er zurück.

Einmal streckte ich vorsichtig die Hand aus.

Er fauchte.

„Schon gut, mein Freund. War ja nur ein Angebot.“

Ich zog die Hand zurück.

Danach ließ ich ihn in Ruhe.

Was ich allerdings nicht lassen konnte, war das Reden.

„Heute war wieder so ein Tag“, erzählte ich ihm eines Abends.

Der Kater kaute auf seinem Futter herum.

„In der Halle wollen sie wohl noch mehr Stunden streichen.“

Keine Reaktion.

„Früher hätte ich Brigitte davon erzählt.“

Er setzte sich und begann, seine Vorderpfote zu putzen.

„Jetzt erzähle ich es eben dir.“

Ich musste über mich selbst lachen.

Ein alter Mann, der auf seiner Terrasse stand und einer fremden Katze seine Sorgen erzählte.

Wenn mir das jemand zehn Jahre früher vorhergesagt hätte, hätte ich ihn für verrückt erklärt.

Aber wissen Sie, was das Seltsame war?

Es tat gut.

Niemand unterbrach mich.

Niemand verdrehte die Augen.

Niemand sagte, ich solle mich endlich zusammenreißen.

Der Kater saß einfach da.

Und manchmal reicht genau das.

Meine Nachbarin Frau Krüger bekam natürlich mit, was vor sich ging.

Sie war 76, wohnte seit über dreißig Jahren im Haus nebenan und wusste grundsätzlich alles, was in der Straße passierte.

Eines Nachmittags sah sie mich mit einem Futternapf.

„Ach, den Roten füttern Sie jetzt?“

„Ab und zu.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Passen Sie bloß auf, Herr Weber. Der streunt hier schon ewig herum.“

„Vielleicht hat er Hunger.“

„Das mag sein. Aber machen Sie sich keine Hoffnungen. So einer gehört niemandem.“

Ich lächelte.

„Dann sind wir uns ja ziemlich ähnlich.“

Frau Krüger lachte kurz, aber ich meinte es ernster, als sie ahnte.

Nachdem sie gegangen war, blieb ich noch eine Weile auf der Terrasse stehen.

So einer gehört niemandem.

Dieser Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Vielleicht, weil ich mich selbst genauso fühlte.

Meine beiden erwachsenen Kinder wohnten weit weg. Wir telefonierten gelegentlich, aber beide hatten ihre eigenen Familien und ihren Alltag.

Brigitte und ich sprachen nur noch miteinander, wenn es etwas zu klären gab.

Meine Kollegen waren freundlich, doch nach Feierabend ging jeder seinen Weg.

Niemand wartete auf mich.

Niemand fragte, wann ich nach Hause kam.

Und wenn ich abends das Licht löschte, bemerkte es niemand.

In der zweiten Woche begann ich, mich auf den Kater zu freuen.

Ich kaufte eine kleine Packung Katzenfutter im Supermarkt.

An der Kasse legte ich sie möglichst unauffällig zwischen Milch und Brot.

Als müsste ich mich dafür schämen.

Zu Hause stellte ich den Napf auf die Terrasse.

„Bitte sehr. Heute gibt es etwas Ordentliches.“

Der Kater schnupperte daran, fraß und sah mich anschließend an.

„Was denn? Soll ich dir auch noch eine Serviette bringen?“

Er blinzelte.

Ich grinste.

Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich allein in meiner Wohnung laut gelacht hatte.

Drei Tage später blieb der Kater nach dem Fressen sitzen.

Normalerweise verschwand er sofort.

Diesmal legte er sich unter den alten Gartenstuhl und beobachtete mich.

Ich setzte mich auf die Türschwelle.

Zwischen uns lagen vielleicht zwei Meter.

„Weißt du“, sagte ich, „früher hatten wir einen Hund.“

Der Kater hob den Kopf.

„Einen Dackel. Moritz hieß er. Der hat unsere Hausschuhe geklaut und immer auf meinem Sessel geschlafen.“

Ich lächelte bei der Erinnerung.

„Als er gestorben ist, habe ich gesagt, dass ich nie wieder ein Tier haben will.“

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen