Drei Nächte wartete ich auf einen streunenden Kater dann tat er etwas, das mich zu Tränen rührte

Am nächsten Morgen schien die Sonne durch die Vorhänge.

Für einen Augenblick dachte ich, ich hätte alles nur geträumt.

Dann spürte ich wieder diese kleine Wärme.

Der Kater lag ausgestreckt neben meinem Bein.

Eine Pfote hatte er auf meinen Schlafanzug gelegt.

Als wolle er sichergehen, dass ich nicht verschwunden war.

„Guten Morgen“, sagte ich.

Er öffnete ein Auge.

Dann gähnte er so ausgiebig, dass ich seine kleinen Zähne sehen konnte.

Ich lachte.

Und plötzlich war da etwas, das ich lange nicht mehr gespürt hatte.

Vorfreude auf den Tag.

Ich stand auf, machte Kaffee und stellte ihm frisches Wasser hin.

Während ich mein Brot schmierte, saß er neben dem Küchentisch und beobachtete mich.

„Du brauchst einen Namen“, sagte ich.

Er zuckte mit dem Ohr.

Ich dachte nach.

Felix? Nein.

Tiger? Dafür war er zu zerzaust.

Oskar?

Ich betrachtete sein eingerissenes Ohr und sein etwas mürrisches Gesicht.

„Du siehst aus wie ein alter Frank.“

Der Kater blinzelte.

„Frank also.“

Dabei blieb es.

In den folgenden Tagen fragte ich in der Nachbarschaft herum, ob jemand den Kater vermisste.

Niemand kannte einen Besitzer.

Ich ließ beim Tierarzt prüfen, ob er gekennzeichnet war, und erkundigte mich bei der örtlichen Fundtierstelle. Auch dort konnte zunächst niemand einen Besitzer feststellen.

Der Tierarzt schätzte Frank auf etwa zehn Jahre.

„Der hat schon einiges hinter sich“, sagte er und untersuchte vorsichtig das eingerissene Ohr.

Frank ließ sich das mit deutlich sichtbarem Missfallen gefallen.

Zum Glück hatte er keine schwerwiegenden Verletzungen.

Er war zu dünn und brauchte Ruhe, regelmäßiges Futter und etwas Pflege.

Als ich mit ihm nach Hause kam, setzte ich die Transportbox auf den Küchenboden.

Frank stieg heraus, sah mich beleidigt an und verschwand unter dem Sofa.

„Ja, ich weiß“, sagte ich. „Ein schöner Ausflug war das nicht.“

Zwei Stunden später saß er wieder neben mir.

Inzwischen hatte ich einen richtigen Schlafplatz gekauft.

Eine weiche Decke.

Einen Kratzbaum.

Und zwei kleine Näpfe, die nicht ständig über die Fliesen rutschten.

Frank interessierte sich zunächst nur für die Verpackung des Kratzbaums.

Ich hätte es mir denken können.

Es dauerte nicht lange, bis Frau Krüger bemerkte, dass Frank inzwischen bei mir wohnte.

„Na, Herr Weber“, sagte sie eines Morgens, „Sie haben wohl doch Gesellschaft bekommen.“

Frank saß auf der Fensterbank und beobachtete uns.

„Sieht ganz danach aus.“

„Ich dachte, der lässt sich von niemandem anfassen.“

„Mich lässt er auch nicht immer.“

Sie lachte.

Dann wurde sie etwas ernster.

„Aber wissen Sie was? Seit der Kater da ist, sehen Sie viel besser aus.“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.

Später dachte ich darüber nach.

Tatsächlich hatte sich etwas verändert.

Die Kartons im Schlafzimmer waren inzwischen ausgepackt.

Ich kochte wieder regelmäßig, statt mich nur von Fertigsuppe zu ernähren.

Morgens öffnete ich die Fenster und machte mein Bett.

Nicht, weil plötzlich alle Probleme verschwunden waren.

Die Rechnungen kamen weiterhin.

Meine Arbeitsstunden wurden nicht mehr.

Und Brigitte würde nicht zurückkommen.

Aber wenn ich abends die Wohnungstür aufschloss, hörte ich ein leises Miauen.

Frank saß meistens im Flur.

Er sah mich an, als hätte ich mich schon wieder unerlaubt verspätet.

„Ja, ja. Ich bin ja da.“

Dann strich er um meine Beine.

Und ich hatte einen Grund, mich zu beeilen, nach Hause zu kommen.

Manchmal geht Frank noch auf die Terrasse.

Er sitzt dann unter dem alten Gartenstuhl und beobachtet die Vögel.

Gelegentlich verschwindet er für eine Weile im Garten.

Aber spätestens am Abend kommt er zurück.

Dann setzt er sich vor die Tür und miaut ungeduldig, bis ich ihn hereinlasse.

Er tut noch immer gern so, als wäre er völlig unabhängig.

Als würde er mich lediglich dulden.

Aber jeden Abend, wenn ich das Licht ausschalte, dauert es keine fünf Minuten.

Dann höre ich seine Pfoten auf dem Flur.

Ein leises Geräusch neben dem Bett.

Und kurz darauf spüre ich, wie er sich an meine Beine kuschelt.

Manchmal schnurrt er.

Manchmal legt er nur seine Pfote auf meinen Knöchel.

Als müsste er sich vergewissern, dass ich noch da bin.

Ich lasse dann meine Hand vorsichtig auf seinem Rücken liegen.

Und denke daran, wie wir uns kennengelernt haben.

Zwei ziemlich mitgenommene Gestalten.

Ein alter Mann, der nach 34 Jahren Ehe nicht mehr wusste, wohin mit seiner Liebe.

Und ein roter Streunerkater, der offenbar lange keinen Ort gehabt hatte, an dem er sich sicher fühlen konnte.

Ich hatte geglaubt, ich würde ihn retten, indem ich ihm Futter und ein warmes Zuhause gab.

Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Vielleicht hat er mich mindestens genauso sehr gerettet.

Neulich fand ich beim Aufräumen ein altes Foto von Brigitte und mir.

Wir standen vor unserem früheren Haus und lachten in die Kamera.

Früher hätte ich das Bild sofort wieder weggepackt.

Diesmal setzte ich mich damit aufs Sofa.

Ich schaute es lange an.

Dann legte ich es behutsam in eine Schublade.

Nicht aus Wut.

Nicht aus Trauer.

Sondern weil ich begriff, dass ein schönes Stück Vergangenheit nicht automatisch bedeutet, dass die Zukunft leer bleiben muss.

Frank sprang neben mich.

Er stieß mit seinem Kopf gegen meine Hand.

„Du hast recht“, sagte ich.

Natürlich wusste er nicht, wovon ich sprach.

Aber das musste er auch nicht.

Ich kraulte ihn hinter seinem heilen Ohr.

Er begann zu schnurren.

Und ich lächelte.

Heute steht auf meinem Nachttisch ein kleines gerahmtes Foto.

Darauf sieht man einen zerzausten roten Kater, der zusammengerollt auf meiner Bettdecke schläft.

Sein eingerissenes Ohr ist deutlich zu erkennen.

Er sieht nicht besonders vornehm aus.

Aber für mich ist es das schönste Bild in der ganzen Wohnung.

Weil es mich an etwas erinnert, das ich beinahe vergessen hatte.

Man muss nicht jung sein, um noch einmal glücklich zu werden.

Man muss nicht vollkommen sein, um geliebt zu werden.

Und manchmal kommt das, was einem im Leben am meisten gefehlt hat, nicht mit großen Worten oder Versprechen.

Manchmal sitzt es durchnässt vor der Terrassentür, mit schmutzigen Pfoten und einem eingerissenen Ohr.

Und wartet darauf, dass jemand sagt:

„Komm rein. Hier ist noch Platz für dich.“

Frank ist inzwischen längst kein Fremder mehr.

Er gehört zu meinem Leben.

Und wenn ich nachts aufwache und seine ruhigen Atemzüge neben mir höre, denke ich oft an unseren ersten gemeinsamen Abend.

An den Regen.

An das alte Handtuch.

Und an den Augenblick, als er beschlossen hatte, mir zu vertrauen.

Ich bin noch immer 63 Jahre alt.

Ich lebe noch immer allein in einer kleinen Mietwohnung.

Aber einsam bin ich nicht mehr.

Denn irgendwo zwischen einem alten Mann und einem Kater, den niemand haben wollte, ist aus einem leeren Zuhause wieder ein richtiges Zuhause geworden.

Und jeden Abend, wenn Frank neben mir einschläft, flüstere ich dieselben Worte:

„Schön, dass du geblieben bist, mein Junge.“

Dann schnurrt er leise.

Und manchmal glaube ich, dass er genau dasselbe zu mir sagen möchte.

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