Als der krebskranke Mechaniker den schreienden Jungen auf den Arm nahm, wollte seine Mutter ihn zurückholen. Dann hörte sie das Geräusch aus seiner Brust.
„Bitte fassen Sie ihn nicht an!“
Anne drückte ihren Sohn so fest an sich, dass sein Schlafanzug am Rücken hochrutschte. Der Junge schrie, wand sich und schlug mit der offenen Hand gegen ihre Schulter. Neben ihr stand ein Kinderwagen, darin eine unberührte Brezel und ein Stoffhase mit nur einem Ohr.
Der alte Mann blieb stehen.
Breite Schultern. Kahler Kopf. Ein vernarbtes Gesicht, das aussah, als hätte es selten etwas zu lachen gegeben. Über seinem grauen Pullover trug er eine dunkelblaue Arbeitsweste.
„Hatte ich nicht vor“, sagte er.
Dann zog er langsam den Stuhl neben der Tür zurück und setzte sich.
„Aber stehen kann ich auch nicht mehr besonders lange.“
Anne sah weg. Für ein schlechtes Gewissen hatte sie keine Kraft mehr.
Seit Dienstag war sie mit Oskar in der Kinderklinik. Erst die Atemnot, dann Untersuchungen, fremde Hände, Schläuche, kaum Schlaf. Jetzt war seine Atmung besser. Doch sobald jemand in einem weißen Kittel auftauchte, begann alles von vorn.
Drei Jahre war ihr Sohn alt. Und gerade schien selbst seine Mutter nicht mehr zu ihm durchzudringen.
Sie waren in den kleinen Aufenthaltsraum im Erdgeschoss gegangen, weil es dort ruhiger war als auf der Station. Eine Kinderkrankenschwester hatte ihnen den Raum gezeigt. Außer dem alten Mann und seinem Begleiter war niemand da.
„Rudi, komm“, sagte der Begleiter leise. „Wir müssen wieder hoch.“
Der Alte schüttelte den Kopf.
„Warte mal, Werner.“
Oskar schrie weiter. Anne versuchte, ihm den Hasen zu geben. Er warf ihn weg. Sie hob ihn auf, reichte ihn erneut und fing plötzlich selbst an zu weinen.
Nicht laut. Die Tränen liefen einfach.
„Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll“, sagte sie.
Rudi schaute auf den Boden.
„Dann machen wir erst mal weniger.“
Anne blickte ihn an.
„Wie bitte?“
„Weniger reden. Weniger anbieten. Vielleicht ist gerade alles zu viel.“
Werner legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Du bist nicht hier, um auf andere aufzupassen.“
Rudi sah zu ihm hoch.
„Merke ich. Sagen mir inzwischen alle.“
Rüdiger Seidel war achtundsechzig und hatte fast sein ganzes Leben Landmaschinen repariert.
In den Dörfern rund um seine kleine Werkstatt kannte man ihn als den Mann, der auch sonntags kam, wenn mitten in der Ernte ein Schlepper liegen blieb. Er brachte selten freundliche Worte mit. Dafür meistens das richtige Werkzeug.
Kinder hatten früher einen Bogen um ihn gemacht. Seine Stimme war laut, sein Blick streng, und an seiner rechten Hand fehlte die Spitze des kleinen Fingers.
„Der beißt nicht“, hatte seine Frau Gisela oft gesagt.
„Versprechen würde ich das nicht“, hatte Rudi dann gebrummt.
Gisela war seit sechs Jahren tot.
Die Werkstatt hatte er vor drei Jahren an seinen Sohn übergeben. Ein Jahr später hatte er angefangen, Dinge doppelt zu kontrollieren, die er früher im Schlaf erledigt hatte. Nicht aus Vergesslichkeit. Aus Angst, nicht mehr gebraucht zu werden.
Dann waren die geschwollenen Lymphknoten gekommen.
Seit neun Monaten bestimmten Untersuchungen, Behandlungen und Wartezimmer seinen Kalender. Anfangs hatte er jeden Termin ordentlich mit Bleistift eingetragen. Zuletzt hatte er den Kalender einfach Werner gegeben.
„Du weißt ohnehin besser, wann ich wohin muss.“
Werner war früher Schweißer gewesen. Dieter hatte mit Rudi in der Werkstatt gearbeitet. Hannes war jahrzehntelang mit dem Milchtankwagen über die Dörfer gefahren.
Vier Männer, die einander seit über vierzig Jahren kannten.
Sie wechselten sich mit den Fahrten ab. Einer ging mit hinein. Einer brachte saubere Wäsche oder holte die Post. Keiner nannte das Fürsorge.
„Wir sind sowieso unterwegs“, sagten sie.
Rudi wusste, dass es nicht stimmte.
An diesem Donnerstag wartete er auf ein Gespräch mit seiner Ärztin und eine Infusion. Es sollte geklärt werden, ob eine weitere Behandlung überhaupt noch sinnvoll war.
Werner hatte ihn nach unten begleitet, weil Rudi den Geruch auf der Station nicht mehr ertrug.
Und dort hatten sie Oskar gehört.
Anne setzte sich auf das Sofa gegenüber. Ihr Sohn blieb auf ihrem Schoß, den Rücken durchgedrückt, die Hände an den Ohren.
Rudi hob den Stoffhasen auf und legte ihn auf den Tisch.
Nicht vor Oskars Gesicht. Nicht mit der Aufforderung, doch einmal hinzusehen.
Einfach auf den Tisch.
Dann zog er den Stuhl ein Stück zur Seite, weg von der Deckenlampe.
„Darf die Tür zu?“, fragte er Anne.
Sie nickte.
Werner schloss sie. Das Rattern der Wagen auf dem Flur wurde leiser.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Oskars Schreien ging in ein raues Weinen über. Er holte stoßweise Luft und schaute zu dem Mann in der blauen Weste.
Rudi schaute zurück, aber nicht lange.
„Ja“, sagte er leise. „Ist ein blöder Tag.“
Anne wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht.
„Er ist Autist“, sagte sie. „Wir haben die Diagnose erst seit ein paar Monaten. Zu Hause wissen wir langsam, was ihm hilft. Hier …“
Sie brach ab.
„Hier funktioniert nichts mehr.“
Rudi nickte.
„Mein Enkel mag keine Familienfeiern. Früher dachte ich, der müsste sich nur dran gewöhnen.“
Er rieb mit dem Daumen über seine vernarbte Hand.
„Hat meine Tochter mir gründlich ausgeredet.“
Zum ersten Mal an diesem Tag musste Anne beinahe lächeln.
„Mit Recht.“
„Allerdings.“
Oskar betrachtete die fehlende Fingerspitze. Sein Weinen wurde für einen Augenblick leiser.
Rudi ließ die Hand auf seinem Knie liegen.
„Werkstatt“, sagte er. „Lange her.“
Er erklärte nichts weiter.
Dann begann er zu brummen.
Es war ein tiefer, gleichmäßiger Ton. Kein Lied, das man erkennen musste. Eher das Geräusch eines alten Dieselmotors, der im Stand lief.
Werner sah ihn an.
„Das hast du früher bei den Kindern gemacht.“
Rudi nickte kaum merklich.
„Bei der Kleinen zuerst.“
Anne spürte, wie Oskar auf ihrem Schoß innehielt. Er weinte noch, aber seine Schultern waren nicht mehr ganz so hochgezogen.
Rudi brummte weiter.
Nach einigen Minuten streckte der Junge eine Hand aus.
Anne hielt den Atem an.
„Willst du näher ran?“, fragte sie.
Oskar antwortete nicht. Seine Finger griffen nach der silbernen Druckknopfleiste an Rudis Weste.
Rudi sah Anne an.
„Nur wenn Sie möchten.“
In diesem Moment kam die Kinderkrankenschwester zurück. Sie hieß Miriam und hatte an diesem Vormittag schon mehrfach bei ihnen vorbeigeschaut.
Anne erklärte stockend, was gerade geschah.
Miriam ging in die Hocke, betrachtete Oskar und sprach leise mit Rudi. Sie kannte seine Station und klärte kurz telefonisch, ob etwas gegen den Kontakt sprach.
Dann schob sie ihm ein festes Kissen unter den Arm.
„Sie bleiben sitzen“, sagte sie. „Und wenn es Ihnen zu viel wird, sagen Sie Bescheid.“
„Das sagen Sie meiner Frau“, murmelte Rudi.
Der Satz war heraus, bevor er darüber nachgedacht hatte.
Sein Gesicht veränderte sich.
Dann öffnete er die Arme.
Anne setzte Oskar vorsichtig quer auf seinen Schoß. Sie blieb direkt neben ihnen sitzen, eine Hand am Rücken ihres Sohnes.
Der Junge wurde zunächst wieder steif.
Rudi tat nichts.
Er hielt ihn nicht fest. Er redete nicht auf ihn ein. Er brummte nur weiter.
Langsam legte Oskar den Kopf an seine Brust.
Als Tobias in den Aufenthaltsraum kam, blieb er in der Tür stehen.
Er hatte frische Kleidung, Ladekabel und die falsche Sorte Joghurt mitgebracht. Auf dem Weg zurück hatte er im Auto gesessen und fünf Minuten lang das Lenkrad festgehalten, weil er nicht wusste, wie er noch einen solchen Tag schaffen sollte.
Jetzt schlief sein Sohn.
Auf dem Schoß eines fremden Mannes.
Anne hob sofort den Finger an die Lippen.
Tobias stellte die Tasche so vorsichtig ab, als könnte schon das Rascheln alles wieder zerstören.
„Seit wann?“, flüsterte er.
„Zwanzig Minuten.“
Er sah Rudi an.
„Wie haben Sie das gemacht?“
Rudi zuckte leicht mit den Schultern.
„Tür zu. Mund gehalten.“
Werner drehte den Kopf weg. Seine Mundwinkel zuckten.
Anne weinte wieder. Diesmal versuchte sie nicht, die Tränen zu verbergen.
„Er hat seit Tagen nicht mehr so geschlafen.“
Miriam kam nachsehen, brachte Wasser und zog den Vorhang ein Stück vor. Sie fragte Rudi nach seinen Kräften und erinnerte ihn an den Termin auf seiner Station.
„Eine halbe Stunde noch“, bat er.
Sie betrachtete ihn.
„Eine halbe Stunde. Danach lösen wir Sie ab.“
Er nickte.
Anne lehnte sich zurück. Zum ersten Mal bemerkte sie, wie sehr ihre Arme schmerzten.
Rudi sah sie an.
„Sie auch.“
„Was?“
„Augen zu. Ihr Mann ist da.“
„Ich kann doch nicht einfach …“
„Sie sitzen einen halben Meter entfernt.“
Tobias legte seine Hand auf ihre.
„Schlaf ein bisschen. Ich passe auf.“
Anne wollte noch etwas sagen. Doch als sie den Kopf an die Sofalehne legte, fielen ihr die Augen zu.
Rudi sah auf das Kind hinunter.
Eine kleine Hand hielt seine Weste fest.
„Na“, murmelte Werner. „Jetzt haste den Salat.“
Rudi antwortete nicht.
Er lächelte.
Es wurden keine sechs Stunden, in denen ein schwer kranker Mann reglos ein Kind trug.
Nach einer Weile übernahm Tobias den schlafenden Jungen. Rudi ging mit Werner zu seinem Termin. Später kam er zurück, und sie saßen wieder gemeinsam in dem kleinen Raum.
Aber zwischen dem ersten Brummen und dem Moment, als Anne richtig wach wurde, vergingen fast sechs Stunden.
Sechs Stunden, in denen jemand aufpasste, wenn ein anderer nicht mehr konnte.
Oskar wachte zwischendurch auf. Er sah seinen Vater, dann Rudi am Fenster.
Sein Mund verzog sich.
Rudi begann wieder zu brummen.
Der Junge hörte zu. Dann legte er den Kopf auf Tobias’ Schulter.
„So“, sagte Rudi leise. „Sie können das auch.“
Tobias versuchte den Ton nachzumachen. Zuerst klang es, als hätte er sich verschluckt.
Werner lachte in seine Faust.
„Da muss noch einer den Vergaser einstellen.“
„Ist ein Diesel“, sagte Rudi.
Es war ein alberner, alter Werkstattscherz.
Anne lachte trotzdem. Das Lachen tat im Hals weh.
Als sie später auf die Uhr sah, hatte sie mehr als drei Stunden geschlafen.
„Sie müssen doch selbst müde sein“, sagte sie zu Rudi.
„Bin ich.“
Er sagte es ohne Tapferkeit.
„Aber war ein guter Nachmittag.“
Oskar saß inzwischen wieder auf dem Schoß seiner Mutter. Er betrachtete Rudi und legte eine Hand auf die eigene Brust.
„Mehr.“
„Brummen?“, fragte Anne.
„Mehr.“
Rudi brummte.
Da lächelte der Junge.
Nur kurz. Aber seine Eltern sahen es beide.
Auf dem Rückweg zur Station musste Werner langsamer gehen.
Rudi hielt sich am Handlauf fest. Seine Knie zitterten. Der Nachmittag hatte mehr Kraft gekostet, als er hatte zugeben wollen.
„War zu viel“, sagte Werner.
„Ein bisschen.“
„Ein bisschen ist gut.“
Im Zimmer setzte Rudi sich auf die Bettkante. Werner half ihm aus der Weste.
Darunter war er erschreckend schmal geworden.
Eine Weile hörte man nur das Wasser, das Werner ins Glas goss.
Dann fragte er: „Was hat die Ärztin gesagt?“
Rudi sah auf seine Hände.
„Dass wir aufhören.“
Werner stellte das Glas ab.
„Mit der Behandlung?“
Rudi nickte.
„Sie können noch was gegen die Beschwerden machen. Aber der andere Kram bringt nichts mehr.“
Werner setzte sich auf den zweiten Stuhl.
Sie kannten sich lange genug, um nicht sofort etwas Tröstliches sagen zu müssen.
Schließlich fragte er: „Wie lange?“
„Weiß keiner genau. Eher Wochen als Monate.“
Auf dem Flur lachte jemand. Ein Telefon klingelte.
Werner rieb über sein Gesicht.
„Warum haste unten nichts gesagt?“
Rudi betrachtete die Weste auf dem Bett.
„Weil da einer war, der nicht gefragt hat, ob mir schlecht ist.“
Seine Stimme wurde rau.
„Der wollte einfach zu mir.“
Werner beugte sich vor.
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