Der fremde Mann wirkte einschüchternd, doch nur bei ihm fand Oskar Ruhe

„Du glaubst doch nicht, dass wir nur wegen deiner Krankheit kommen.“

„Weiß ich.“

„Und deine Kinder auch nicht.“

„Weiß ich doch.“

Rudi schluckte.

„Aber heute war ich mal wieder zu etwas gut.“

Werner brauchte einen Moment, bevor er antworten konnte.

„Du bist mein Freund, du alter Dickkopf. Dafür musst du nichts mehr leisten.“

Rudi nickte.

Trotzdem strich er noch einmal über den Druckknopf, den Oskar festgehalten hatte.


Am nächsten Morgen stand Anne mit ihrem Sohn vor Rudis Zimmertür.

Sie hatte vorher über die Station fragen lassen, ob ein kurzer Besuch willkommen sei. Jetzt war sie unsicher, ob sie wirklich hineingehen sollte.

Rudi lag im Bett. Neben ihm saß eine Frau mit kurzen grauen Haaren, die eine Mandarine schälte.

Seine Tochter.

Anne wollte schon zurücktreten.

Doch Oskar hatte ihn gesehen.

„Rudi.“

Der Alte drehte den Kopf.

„Da biste ja.“

Seine Tochter sah überrascht zwischen ihnen hin und her.

„Das ist also der junge Mann.“

Rudi hatte offenbar den ganzen Abend von Oskar erzählt.

Die Frau hieß Katrin. Sie rückte ihren Stuhl zur Seite und half ihrem Vater, sich bequemer hinzusetzen.

Oskar blieb zunächst bei Anne. Dann zeigte er auf den Platz neben dem Bett.

Sie setzten sich.

Rudi brummte kurz, und Oskar entspannte die Hände.

„Nicht so lange heute“, sagte Katrin freundlich.

„Jawohl, Frau Werkstattleiterin.“

„Die bin ich nicht.“

„Benimmst dich aber so.“

Sie schälte weiter ihre Mandarine. Anne sah, wie ihre Finger zitterten.

Auf dem Nachttisch standen Fotos von erwachsenen Kindern und Enkeln. Daneben lag ein alter Zollstock.

Oskar zeigte darauf.

„Meiner“, sagte Rudi.

Katrin hob ihn auf.

„Den hat er sogar mit ins Krankenhaus genommen.“

„Man weiß ja nie.“

Sie gab ihm den Zollstock. Rudi öffnete vorsichtig zwei Glieder und klappte sie wieder zusammen.

Oskar beobachtete jede Bewegung.

„Noch“, sagte er.

Also machte Rudi es noch einmal.

Nicht schneller. Nicht mit einer neuen Überraschung.

Genau gleich.


In den nächsten Tagen wurden die Besuche zu einer kleinen Gewohnheit.

Manchmal dauerten sie zehn Minuten. Manchmal musste Anne schon an der Tür wieder umkehren, weil Rudi schlief oder zu erschöpft war.

Oskar mochte das nicht.

Doch Anne zeigte ihm dann das Foto, das sie mit Rudis Erlaubnis gemacht hatte: Rudi im Sessel, Oskar an seiner Brust, Werner im Hintergrund mit einem Pappbecher in der Hand.

„Rudi ruht sich aus“, sagte sie.

Am Tag von Oskars Entlassung brachte Tobias eine Zeichnung mit.

Viel Blau. Ein schiefer Kreis. Drei Striche.

„Ein Schlepper“, erklärte er.

Rudi betrachtete das Blatt ernsthaft.

„Vorderachse bisschen krumm. Sonst ordentlich.“

Anne lachte.

Auf Rudis Handy gab es tatsächlich ein Foto von einem alten grünen Schlepper. Baujahr 1967. Er hatte ihn vor Jahren zerlegt und wieder zusammengesetzt, weil er nicht hatte zusehen können, wie die Maschine unter einer Plane verrostete.

Früher war er damit zum Holzplatz gefahren. Später nur noch langsam über den eigenen Hof.

Auf dem Bild saß Gisela auf dem Kotflügel und hielt ein Geschirrtuch in der Hand.

„Die hat geschimpft“, sagte Rudi. „Ich sollte zum Essen kommen.“

Oskar berührte das Display.

„Brumm.“

„Ja“, sagte Rudi. „Der konnte das besser als ich.“

Dann fragte der Junge: „Rudi mit?“

Niemand antwortete sofort.

„Du fährst nach Hause“, sagte Rudi schließlich. „Ich bleib noch hier.“

Oskar zog die Unterlippe ein.

„Mit.“

Rudi streckte ihm die Hand hin.

„Heute nicht, Kleiner.“

Anne kniete sich neben ihren Sohn. Sie erklärte es noch einmal, langsam und mit denselben Worten.

Beim Abschied drückte Oskar Rudis Finger.

Rudi schloss kurz die Augen.


Drei Tage später rief Katrin an.

Sie und Anne hatten ihre Nummern ausgetauscht. Für ein Foto, hatten sie gesagt. Vielleicht auch für einen Besuch, wenn Rudi wieder zu Hause wäre.

Nun klang Katrin, als stünde sie in einem Raum, in dem sie niemand hören durfte.

„Papa ist auf die Palliativstation gekommen.“

Anne setzte sich auf die Treppe im Flur.

Aus dem Wohnzimmer hörte sie Oskar seine Bauklötze sortieren.

„Geht es ihm schlechter?“

„Ja.“

Ein langes Schweigen.

„Er fragt nach dem kleinen Mechaniker.“

Anne presste die freie Hand gegen den Mund.

„Dürfen wir kommen?“

„Darum rufe ich an.“

Sie besprachen mit der Station, wie ein kurzer Besuch aussehen konnte. Tobias blieb dabei. Wenn Oskar unruhig wurde, würden sie gehen.

Auf der Fahrt fragte Anne sich immer wieder, ob sie ihrem Sohn zu viel zumutete.

Dann dachte sie an Rudi, der nie einfach nach Oskar gegriffen hatte.

Sie würde es genauso machen.

Anbieten. Warten. Genau hinsehen.


Werner saß vor dem Zimmer.

Neben ihm standen Dieter und Hannes, ungewohnt still in ihren sauberen Jacken. Auf Hannes’ Schoß lag eine Stofftasche mit einer Thermoskanne, obwohl niemand mehr Kaffee wollte.

Werner stand auf.

„Er ist wach.“

Rudi lag mit geschlossenen Augen im Bett. Sein Gesicht war schmaler geworden. Die blaue Weste hing über einem Stuhl.

Anne blieb mit Oskar an der Tür stehen.

„Wir sind da“, sagte sie.

Rudi öffnete die Augen.

Es dauerte einen Moment.

Dann bewegte sich sein Mund zu einem Lächeln.

„Na, Kleiner.“

Oskar schaute zu seiner Mutter. Sie hob ihn auf den Stuhl neben dem Bett und blieb hinter ihm.

„Rudi ist sehr krank“, sagte sie. „Wir sind heute leise.“

Der Junge betrachtete das Gesicht auf dem Kissen.

„Brumm?“

Rudi versuchte es.

Es kam kaum ein Ton.

Seine Finger zuckten auf der Decke. Er sah weg, und Anne begriff, dass er sich schämte.

Ausgerechnet dafür.

Sie wollte sagen, dass er nichts tun müsse.

Da legte Oskar seine kleine Hand auf Rudis Unterarm.

Und begann selbst zu brummen.

Der Ton war hell und ungleichmäßig. Zwischendurch brach er ab, dann fing er wieder an.

Rudi drehte den Kopf zurück.

Oskar rückte ein wenig näher.

„Rudi da“, sagte er.

Dann klopfte er sich auf die Brust.

„Oskar da.“

Katrin stand am Fenster. Sie hielt beide Hände vor den Mund.

Werner setzte sich langsam auf den freien Stuhl.

Rudi ließ die Augen zufallen. Seine Hand lag jetzt offen auf der Decke, und Oskars Finger ruhten darin.

Niemand bat den Jungen, etwas zu wiederholen.

Niemand griff nach einem Telefon.

Sie saßen einfach bei ihnen.


Nach einer Viertelstunde wollte Oskar zu seinem Vater.

Tobias nahm ihn hoch und ging mit ihm auf den Flur. Anne blieb noch einen Augenblick.

„Danke“, sagte sie.

Rudi schüttelte kaum merklich den Kopf.

„War schön.“

„Sie haben uns so geholfen.“

Er holte langsam Luft.

„Mir auch.“

Sie drückte seine Hand.

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