Drei Nächte wartete ich auf einen streunenden Kater dann tat er etwas, das mich zu Tränen rührte

Der Kater streckte sich.

„Tja. Und jetzt sitze ich hier und rede mit dir.“

Er schloss die Augen.

Ich nahm das als Zeichen, dass meine Geschichte nicht besonders interessant gewesen war.

Trotzdem blieb er noch fast eine halbe Stunde.

Dann kam der Montag, an dem er nicht auftauchte.

Zuerst dachte ich mir nichts dabei.

Er war schließlich ein Streuner.

Vielleicht hatte ihn jemand anderes gefüttert.

Vielleicht lag er in irgendeiner Scheune und schlief.

Ich stellte trotzdem den Napf hinaus.

Um acht Uhr schaute ich nach.

Nichts.

Um neun Uhr noch einmal.

Der Napf war unberührt.

Am Dienstag blieb er ebenfalls verschwunden.

Ich erwischte mich dabei, wie ich bei jedem Geräusch draußen zum Fenster ging.

Einmal raschelte etwas im Gebüsch.

Ich öffnete die Terrassentür.

„Na, komm schon.“

Aber es war nur ein Igel.

Am Mittwoch fragte ich sogar Frau Krüger, ob sie den roten Kater gesehen hätte.

Sie sah mich überrascht an.

„Nein, Herr Weber. Ist er denn weg?“

„Scheint so.“

„Ach, solche Katzen kommen und gehen.“

Ich nickte.

Natürlich hatte sie recht.

Aber als ich wieder in meiner Wohnung stand, kam mir alles noch stiller vor als vorher.

Dabei war der Kater nie besonders laut gewesen.

Er hatte kaum miaut.

Er hatte keine Sachen umgeworfen.

Er hatte nicht einmal die Wohnung betreten.

Und trotzdem fehlte er.

Am Donnerstag erhielt ich einen Brief von meiner Hausverwaltung.

Die Nebenkosten sollten steigen.

Ich saß am Küchentisch, las den Brief zweimal und legte ihn schließlich neben den Teller mit meinem Abendbrot.

Dann klingelte das Telefon.

Brigitte.

Wir besprachen eine noch offene Rechnung aus unserer gemeinsamen Zeit.

Es war ein kurzes, sachliches Gespräch.

Als ich auflegte, bemerkte ich, dass ich immer noch zwei Teller aus dem Schrank genommen hatte.

Aus Gewohnheit.

Einen für mich.

Einen für jemanden, der längst nicht mehr hier wohnte.

Ich stellte den zweiten Teller zurück und setzte mich wieder hin.

Plötzlich konnte ich keinen Bissen mehr essen.

Ich weiß nicht, ob Sie dieses Gefühl kennen.

Man ist nicht unbedingt traurig über eine bestimmte Sache.

Es ist eher so, als hätten sich hundert kleine Enttäuschungen irgendwo in der Brust gesammelt.

Und irgendwann wird es einfach zu eng.

Ich stand auf und ging zur Terrassentür.

Draußen bewegten sich die Bäume im Wind.

Der Himmel war dunkel.

Es sollte ein kräftiges Gewitter geben.

Ich dachte an den Kater.

An sein dünnes Fell.

An das eingerissene Ohr.

An die Art, wie er immer erst wartete, bevor er sich an sein Futter traute.

„Wo steckst du bloß?“, murmelte ich.

Gegen neun Uhr begann der Regen.

Er prasselte so heftig gegen die Fensterscheiben, dass ich den Fernseher kaum noch verstand.

Der Wind rüttelte am alten Geländer.

Irgendwo schlug eine Tür zu.

Ich ging in die Küche und stellte den leeren Katzennapf auf den Boden.

Dann holte ich ein altes Handtuch aus dem Schrank.

Warum ich das tat, wusste ich selbst nicht.

Vielleicht hoffte ich einfach, dass er zurückkommen würde.

Um kurz nach zehn wollte ich ins Bett gehen.

Da hörte ich etwas.

Ein ganz leises Kratzen.

Ich blieb stehen.

Wieder dieses Geräusch.

Es kam von der Terrassentür.

Ich schaltete das Licht ein und zog den Vorhang beiseite.

Und da saß er.

Der rote Kater.

Völlig durchnässt.

Sein Fell klebte am Körper, sein eingerissenes Ohr lag flach am Kopf, und seine Brust hob und senkte sich schnell.

Er sah schrecklich aus.

Aber als er mich bemerkte, machte er keine Anstalten wegzulaufen.

Er blieb sitzen.

Und schaute mich an.

Ich öffnete vorsichtig die Tür.

„Ach du meine Güte. Wo kommst du denn her?“

Er bewegte sich nicht.

Regen spritzte über die Terrasse.

Ich kniete mich hin.

„Komm rein, mein Junge.“

Er starrte mich an.

Ich rückte ein Stück zur Seite.

„Na los. Hier drin ist es warm.“

Eine ganze Weile passierte nichts.

Dann stand er langsam auf.

Er machte einen Schritt.

Noch einen.

Und ging an mir vorbei in die Wohnung.

So selbstverständlich, als hätte er genau diese Entscheidung schon vor Tagen getroffen.

Ich schloss die Tür.

Und zum ersten Mal seit meinem Einzug hatte ich das Gefühl, nicht mehr allein zu sein.

Der Kater blieb mitten in der Küche stehen und sah sich um.

Aus seinem Fell tropfte Wasser auf die Fliesen.

Ich holte das Handtuch und versuchte, ihn vorsichtig abzutrocknen.

Er ließ es ein paar Sekunden über sich ergehen.

Dann sah er mich so empört an, dass ich sofort aufhörte.

„Schon gut. Ein bisschen Würde muss wohl sein.“

Ich stellte ihm frisches Futter hin.

Er fraß langsam.

Nicht so hastig wie sonst.

Vielleicht war er einfach erschöpft.

Danach holte ich einen alten Pappkarton aus dem Schlafzimmer.

Ich legte einen ausgedienten Pullover hinein und schob ihn neben die Heizung.

„Das ist dein Platz für heute Nacht.“

Der Kater ging zum Karton.

Schnupperte daran.

Setzte eine Pfote hinein.

Dann drehte er sich um und marschierte ins Wohnzimmer.

„Na wunderbar“, sagte ich. „Fünf Minuten hier und schon Beschwerden.“

Er sprang auf den alten Teppich, rollte sich zusammen und schloss die Augen.

Ich ließ ihn dort liegen.

Bevor ich ins Bett ging, schaute ich noch einmal nach ihm.

Er schlief tief und fest.

Sein Fell war inzwischen fast trocken.

Ich schaltete das Licht aus.

„Gute Nacht, du alter Landstreicher.“

Irgendwann mitten in der Nacht wachte ich auf.

Zuerst wusste ich nicht, warum.

Dann bemerkte ich die Wärme an meinem rechten Fuß.

Da lag etwas.

Etwas Kleines, Weiches und Lebendiges.

Ich hob vorsichtig die Bettdecke.

Der Kater hatte sich neben meinem Knöchel zusammengerollt.

Sein Kopf lag auf der Decke, seine Augen waren geschlossen.

Er atmete ruhig.

Ich hatte nicht gehört, wie er ins Schlafzimmer gekommen war.

Ich hatte nicht bemerkt, wie er aufs Bett gesprungen war.

Und ich hatte ganz sicher nicht damit gerechnet, dass er sich freiwillig so nah zu mir legen würde.

Eine Weile blieb ich einfach liegen.

Ich traute mich kaum, mein Bein zu bewegen.

Dann öffnete er kurz die Augen.

Er sah zu mir hoch.

Und anstatt wegzulaufen, streckte er eine Pfote aus und legte sie auf mein Bein.

Nur ganz leicht.

Danach schlief er wieder ein.

Und ich fing an zu weinen.

Erst liefen mir nur ein paar Tränen über die Wangen.

Dann musste ich mir die Hand vor den Mund halten.

Ich war 63 Jahre alt.

Ich hatte eine Trennung hinter mir, Geldsorgen und Nächte, in denen ich mich gefragt hatte, wofür ich morgens eigentlich noch aufstand.

Aber ausgerechnet in diesem Moment, mit einem schmutzigen roten Kater an meinem Fußende, brach alles aus mir heraus.

Nicht, weil etwas Schlimmes passiert war.

Sondern weil zum ersten Mal seit Monaten jemand freiwillig bei mir geblieben war.

Dieses kleine Tier hatte draußen überlebt, hatte Menschen gemieden und jede Berührung abgewehrt.

Und nun lag es in meinem Bett.

Weil es mir vertraute.

Ich weiß nicht, wie lange ich wach lag.

Irgendwann flüsterte ich: „Du kannst bleiben.“

Der Kater bewegte nur kurz sein Ohr.

„Solange du möchtest.“

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