Dann drehte sie sich langsam im Kreis.
Als würde sie nicht verstehen, warum dort niemand lag, den sie kannte.
Ich setzte mich auf den Boden.
„Er fehlt mir auch“, sagte ich.
Natürlich antwortete sie nicht.
Sie ging einfach hinaus.
Am dritten Tag rief ich bei einer Tierarztpraxis an.
Ich erklärte, dass Minka kaum fraß und sich völlig zurückgezogen hatte.
Noch am selben Nachmittag brachte ich sie zur Untersuchung.
Die Tierärztin nahm sich Zeit.
Sie kontrollierte ihr Gewicht, untersuchte sie und sprach mit mir darüber, wie belastend Veränderungen für alte Katzen sein können.
Minka hatte altersbedingte Beschwerden, aber nichts, was ihren Zustand allein erklärte.
Wir besprachen, wie ich sie beim Fressen unterstützen und ihr den Alltag erleichtern konnte.
„Geben Sie ihr Ruhe“, sagte die Ärztin. „Und behalten Sie genau im Blick, ob sie ausreichend frisst und trinkt.“
Auf der Heimfahrt fragte ich mich, ob ich einen Fehler gemacht hatte.
Vielleicht hätte ich ihr das Haus lassen sollen.
Vielleicht hätte ich häufiger dort vorbeifahren müssen.
Vielleicht war mein gut gemeinter Entschluss am Ende nur eine weitere Belastung für sie.
In dieser Nacht schlief ich kaum.
Am vierten Tag begann ich, die Kartons auszupacken, die ich aus Opas Haus mitgenommen hatte.
Darin lagen Fotos, Bücher und ein paar persönliche Dinge.
Ganz unten fand ich seine alte braune Strickjacke.
Die mit den großen Holzknöpfen.
Meine Oma hatte sie ihm irgendwann zum Geburtstag geschenkt.
Opa hatte sie jeden Winter getragen.
Obwohl die Ärmel längst ausgeleiert waren und sich an einer Tasche ein kleines Loch befand.
Ich hielt sie eine Weile in den Händen.
Sie roch noch nach ihm.
Nach Seife, einer Spur Kaffee und diesem ganz eigenen Geruch, den alte Menschen manchmal an ihren Kleidungsstücken haben.
Ein vertrauter Geruch, den man kaum beschreiben kann.
Aber sofort wiedererkennt.
Ich legte die Jacke über die Sofalehne.
Dann ging ich in die Küche.
Als ich ungefähr eine Stunde später zurückkam, blieb ich mitten im Wohnzimmer stehen.
Minka lag auf dem Sofa.
Zum ersten Mal.
Sie hatte sich mitten auf die braune Strickjacke gelegt.
Ihre Nase steckte tief in einem Ärmel.
Mit ihren Vorderpfoten hielt sie den Stoff fest.
Sie schlief nicht.
Ihre Augen waren halb geöffnet.
Aber ihr Körper wirkte entspannter als an allen Tagen zuvor.
Ich ging langsam näher.
Sie hob kurz den Kopf.
Dann drückte sie ihre Nase wieder in den Ärmel.
Und plötzlich konnte ich nicht mehr.
Ich setzte mich auf den Boden.
Die Tränen kamen so heftig, dass ich kaum Luft bekam.
Seit Opas Tod hatte ich mich zusammengerissen.
Ich hatte telefoniert, die Beerdigung organisiert und meiner Mutter geholfen.
Ich hatte Formulare sortiert und versucht, für alle da zu sein.
Sogar am Grab hatte ich nur still dagestanden.
Aber jetzt saß ich vor meinem Sofa und weinte wie ein kleines Kind.
Wegen einer alten Katze.
Wegen einer braunen Strickjacke.
Wegen eines Mannes, den ich nie wieder fragen konnte, ob er genug Holz für den Winter hatte.
Minka hob den Kopf.
Sie schaute mich lange an.
Dann miaute sie einmal.
Ganz leise.
Ich musste gleichzeitig lachen und weinen.
„Ja, ich weiß“, flüsterte ich. „Ich vermisse ihn auch.“
Von diesem Tag an änderte sich etwas.
Nicht plötzlich.
Nicht wie durch ein Wunder.
Aber langsam.
Minka fraß wieder kleine Portionen. Sie ließ sich hinter den Ohren kraulen.
Manchmal setzte sie sich ans andere Ende des Sofas, wenn ich abends dort saß.
Immer mit ein wenig Abstand.
Als müsste sie erst prüfen, ob sie mir vertrauen konnte.
Die braune Strickjacke blieb liegen.
Ich brachte es nicht übers Herz, sie wegzuräumen.
Eines Morgens fand ich Minka darauf zusammengerollt, während ein Sonnenstrahl durch das Fenster fiel.
Für einen kurzen Moment sah sie aus wie früher.
Wie die Katze, die auf Opas Knien gelegen und zufrieden geschnurrt hatte.
Ich machte ein Foto.
Dann wollte ich es meinem Großvater schicken.
Mein Handy war schon entsperrt, als mir einfiel, dass das nicht mehr ging.
Ich starrte auf den Bildschirm.
Es war ein seltsamer Schmerz.
Diese kleinen Augenblicke waren manchmal schlimmer als die Beerdigung.
Die Momente, in denen man für eine Sekunde vergisst, dass jemand tot ist.
Und sich dann wieder daran erinnern muss.
Zwei Wochen später geschah etwas, das mich erneut erschreckte.
Minka hörte plötzlich auf zu fressen.
Sie lag den ganzen Tag auf der Strickjacke und bewegte sich kaum.
Ich rief wieder in der Praxis an und ließ sie untersuchen.
Diesmal bekam sie eine Behandlung, und ich erhielt genaue Hinweise, worauf ich zu Hause achten sollte.
Die Ärztin machte mir keine falschen Versprechungen.
Minka war eine sehr alte Katze.
Wir mussten von Tag zu Tag schauen.
Am Abend saß ich neben ihr auf dem Sofa.
Draußen wurde es dunkel.
In der Küche tickte die Wanduhr.
Minka lag still auf Opas Jacke.
Ich hatte solche Angst, sie ebenfalls zu verlieren.
Es fühlte sich an, als würde der Abschied von meinem Großvater noch einmal beginnen.
„Weißt du was, Minka?“, sagte ich schließlich.
Meine Stimme klang merkwürdig rau.
„Ich komme damit auch nicht richtig klar.“
Sie bewegte nur ein Ohr.
„Ich vermisse sein blödes Radio. Jeden Morgen hat er diesen alten Kasten angemacht, obwohl das Ding ständig gerauscht hat.“
Ich musste kurz lächeln.
„Und seine Fragen. Ob ich genug esse. Ob ich meine Reifen rechtzeitig wechseln lasse. Ob ich endlich jemanden kennengelernt habe.“
Minka blieb liegen.
Ich strich mit den Fingern über den ausgeleierten Ärmel.
„Manchmal greife ich morgens noch zum Telefon. Einfach so. Weil ich ihm irgendetwas erzählen will.“
Meine Augen füllten sich wieder.
„Und dann fällt mir ein, dass ich ihn nie wieder anrufen kann.“
Ich schwieg.
Eine ganze Weile hörte man nur die Uhr.
Dann sagte ich etwas, das ich bis dahin niemandem anvertraut hatte.
„Ich weiß nicht, wie ich das ohne ihn schaffen soll.“
Minka öffnete die Augen.
Langsam hob sie ihren Kopf.
Sie schaute mich an.
Dann stemmte sie sich auf ihre dünnen Vorderbeine.
Erst dachte ich, sie wolle zum Wassernapf.
Aber sie machte einen Schritt auf mich zu.
Dann noch einen.
Vorsichtig stieg sie über die Sofakissen.
Und plötzlich stand sie direkt neben meinem Oberschenkel.
„Na, meine Kleine?“
Sie setzte eine Pfote auf mein Bein.
Dann die zweite.
Und ehe ich begriff, was geschah, kletterte sie vollständig auf meinen Schoß.
Ich hielt ganz still.
Minka drehte sich einmal im Kreis.
Dann noch einmal.
Schließlich legte sie sich hin.
Ihre kleine Nase berührte meinen Pullover.
Und dann begann sie zu schnurren.
Ganz schwach zuerst.
So leise, dass ich dachte, ich würde es mir einbilden.
Aber es wurde deutlicher.
Dieses vertraute, tiefe Geräusch.
Dasselbe Schnurren, das ich so oft gehört hatte, wenn Opa mit ihr im Sessel gesessen hatte.
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