Joris hatte inzwischen aufgehört zu weinen.
Er saß mit beiden Händen in Kunos Fell vergraben und hörte zu.
„Sind das deine Freunde?“, fragte er.
„Ein paar Kollegen.“
„Kommen die auch?“
„Sie passen mit auf.“
Er nickte.
Dann sagte er etwas, das mich tief traf.
„So viele Leute haben noch nie auf mich aufgepasst.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.
Also legte ich ihm nur kurz die Hand auf die Schulter.
Um 2.24 Uhr meldete sich Heinz über Funk.
„Volker? Da ist gerade ein dunkles Auto am Motel angekommen.“
Ich richtete mich auf.
Von meinem Führerhaus aus konnte ich den Eingang sehen.
Ein schwarzer Wagen stand vor Zimmer sechs.
Ein großer Mann stieg aus.
Sekunden später öffnete sich die Zimmertür.
Ein zweiter Mann kam heraus. Er hielt einen kleinen blauen Rucksack in der Hand.
„Das ist meiner!“, flüsterte Joris plötzlich.
Er hatte sich aufgerichtet.
Seine Finger verkrampften sich.
„Der Mann mit meinem Rucksack ist Uwe.“
Kuno hob den Kopf.
Ich zog den Vorhang ein Stück zu.
„Du bleibst hier unten auf der Liege, Joris. Die Polizei kommt gleich.“
Der Junge schüttelte heftig den Kopf.
„Bitte lass mich nicht zurück!“
„Das werde ich nicht.“
„Versprochen?“
Ich sah ihn an.
„Versprochen.“
Draußen gestikulierte Uwe mit beiden Armen.
Der Fremde packte ihn am Jackenkragen.
Offenbar hatten sie bemerkt, dass Joris verschwunden war.
Der Fremde ging zurück zu seinem Auto.
Ich sagte über Funk Bescheid.
„Die beiden scheinen wegfahren zu wollen. Bitte meldet der Polizei, was ihr seht. Niemand fährt ihnen hinterher.“
Horst antwortete sofort.
„Alles klar. Ich habe die Beamten schon am Telefon.“
In diesem Moment startete der schwarze Wagen.
Doch bevor er den Parkplatz verlassen konnte, rollte ein Lieferfahrzeug langsam von der Tankstelle in Richtung Ausfahrt.
Der Fahrer hielt an, weil ein anderer Lastwagen gerade auf die Fahrbahn einbog.
Es war keine geplante Sperre.
Nur gewöhnlicher Verkehr auf einem engen Autohof.
Aber für die Männer bedeutete es eine Verzögerung.
Sie mussten warten.
Der Fremde hupte ungeduldig.
Uwe lief zurück zum Motel.
Ich beobachtete ihn und hatte plötzlich einen furchtbaren Gedanken.
Joris‘ Mutter.
Was war, wenn sie dringend medizinische Hilfe brauchte?
„Horst, kannst du der Leitstelle noch einmal sagen, dass in Zimmer sechs eine Frau liegt, die nicht aufwacht?“
„Ist schon weitergegeben. Der Rettungswagen kommt mit.“
Ich schloss kurz die Augen.
Dann spürte ich eine kleine Hand an meinem Ärmel.
„Volker?“
„Ja?“
„Ist meine Mama tot?“
Diese Frage traf mich unvorbereitet.
Ich hätte ihm gern gesagt, dass alles gut werden würde.
Aber das wusste ich nicht.
„Ich weiß es nicht, Joris. Die Sanitäter werden sich um sie kümmern. Wir müssen hoffen, dass sie ihr helfen können.“
Er begann wieder zu zittern.
Kuno rückte näher.
Der Hund legte seine schwere Pfote vorsichtig auf die Decke.
Joris umarmte ihn.
„Bitte, Kuno. Lass Mama wieder wach werden.“
Ich drehte mich zum Fenster, damit der Junge meine Augen nicht sah.
Kurz darauf waren Sirenen zu hören.
Zwei Streifenwagen fuhren auf den Parkplatz.
Ein weiterer Wagen hielt an der Ausfahrt.
Die Beamten sprachen die beiden Männer an, während andere Polizisten zum Motelzimmer gingen.
Alles geschah innerhalb weniger Minuten.
Ich blieb bei Joris.
Er wollte nicht hinsehen.
Also zog ich den Vorhang ganz zu.
„Erzähl mir etwas über Kuno“, bat er.
„Was möchtest du wissen?“
„Warum hat er so viele Narben?“
Ich schaute meinen Hund an.
„Weil früher Menschen nicht gut zu ihm waren.“
„Haben sie ihn geschlagen?“
„Er hat schlimme Dinge erlebt.“
Joris schwieg.
Dann fragte er:
„Hat er deswegen Angst?“
„Manchmal schon.“
„Aber er ist doch so groß.“
Ich strich über Kunos Rücken.
„Auch große und starke Wesen können Angst haben.“
Joris dachte darüber nach.
„Und was macht er dann?“
„Er kommt zu mir.“
„Und du beschützt ihn?“
„Ja.“
Der Junge schaute mich ernst an.
„Dann seid ihr beide seine Familie.“
Ich konnte nur nicken.
Einige Minuten später klopfte jemand an meine Fahrertür.
Eine Polizistin stand draußen.
Sie stellte sich als Frau Reuter vor.
Neben ihr wartete eine Rettungssanitäterin.
„Ist Joris bei Ihnen?“
„Ja.“
Ich öffnete die Tür etwas weiter.
Joris drückte sich sofort an Kuno.
„Ich gehe nicht mit Uwe!“, rief er.
Die Polizistin blieb unten neben dem Führerhaus stehen.
„Das musst du auch nicht, Joris. Uwe kann dir jetzt nichts tun.“
Der Junge hielt die Luft an.
„Und Mama?“
Frau Reuter wechselte einen Blick mit der Sanitäterin.
Dann sagte sie vorsichtig:
„Deine Mama ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Sie hat wieder auf uns reagiert. Die Ärzte kümmern sich jetzt um sie.“
Joris starrte sie an.
„Sie lebt?“
„Ja, Joris.“
Er brach in Tränen aus.
Nicht aus Angst diesmal.
Es war, als würde die ganze Anspannung aus seinem kleinen Körper verschwinden.
Er vergrub sein Gesicht in Kunos Fell.
„Hast du gehört? Mama lebt!“
Kuno leckte ihm über die Stirn.
Die Sanitäterin wartete geduldig.
Schließlich erklärte sie, dass Joris zur Untersuchung mitkommen sollte.
Er nickte.
Doch als ich ihn von der Liege heben wollte, klammerte er sich an meinen Hund.
„Kann Kuno mitkommen?“
Ich musste lächeln.
„Das geht leider nicht so einfach, mein Junge.“
„Aber ich habe Angst.“
„Das verstehe ich.“
Joris sah mich mit großen Augen an.
„Dann kann ich nicht gehen.“
Ich überlegte kurz.
Dann fiel mein Blick auf Kunos Halsband.
Daran hing eine alte Metallmarke.
Ich hatte sie damals anfertigen lassen, kurz nachdem ich ihn aus dem Tierheim geholt hatte.
Auf der Vorderseite stand sein Name.
KUNO.
Die Rückseite war voller kleiner Kratzer.
Ich öffnete den Verschluss und nahm die Marke ab.
Kuno blieb ruhig sitzen.
Ich legte das Metallstück in Joris‘ Hand.
„Weißt du, was das ist?“
Er nickte.
„Sein Name.“
„Genau.“
Ich schloss seine kleinen Finger darum.
„Kuno hatte früher auch große Angst. Aber er hat gelernt, wieder Menschen zu vertrauen.“
Joris schaute auf die Marke.
„Und jetzt ist er mutig.“
„Ja. Aber mutig sein heißt nicht, niemals Angst zu haben.“
Ich sah ihm in die Augen.
„Mutig sein heißt manchmal, trotz der Angst die Hand von jemandem anzunehmen, der dir helfen will.“
Joris schwieg lange.
Dann betrachtete er die Sanitäterin.
Sie streckte ihm ihre Hand entgegen.
„Kommst du mit mir?“
Er nickte langsam.
Bevor er ausstieg, umarmte er Kuno ein letztes Mal.
„Danke, dass du mich gefunden hast“, flüsterte er.
Mein Hund drückte seinen breiten Kopf gegen die Brust des Jungen.
Dann ließ Joris ihn los.
Er steckte die Marke in seine Schlafanzugtasche, nahm die Hand der Sanitäterin und stieg vorsichtig hinunter.
Ich blieb an der geöffneten Tür stehen.
„Joris!“
Er drehte sich um.
„Pass gut auf die Marke auf.“
Er hob die Hand.
„Versprochen, Volker!“
Dann ging er zum Rettungswagen.
Ich sah ihm nach, bis die Türen geschlossen waren.
Als ich wieder ins Führerhaus stieg, saß Kuno auf dem Beifahrersitz.
Er schaute mich an.
„Gut gemacht, mein Großer“, sagte ich.
Er legte den Kopf schief.
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