Ich nahm ihn in den Arm.
Und zum ersten Mal seit vielen Jahren weinte ich richtig.
Nicht einmal bei der Beerdigung meiner Frau hatte ich so geweint.
Vielleicht, weil ich plötzlich begriff, wie nah dieses Kind daran gewesen war, völlig allein zu sein.
Und weil ausgerechnet mein alter, vernarbter Hund ihm gezeigt hatte, dass es noch jemanden gab, dem er vertrauen konnte.
In den folgenden Tagen erfuhr ich durch die zuständigen Stellen nur wenig.
Joris‘ Mutter hatte überlebt und wurde medizinisch behandelt. Gegen die beiden Männer wurde ermittelt.
Joris war zunächst bei Verwandten untergebracht worden.
Mehr durfte man mir nicht sagen.
Das verstand ich.
Ich war schließlich nur ein Lastwagenfahrer, der zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort gestanden hatte.
Trotzdem dachte ich oft an den Jungen.
Ob er wieder ruhig schlafen konnte.
Ob seine Mutter gesund wurde.
Ob er die Hundemarke noch hatte.
Kuno und ich fuhren weiter unsere Touren.
Wir transportierten Möbel, Lebensmittel und Maschinen.
Wir standen in Staus, machten Pausen auf Autohöfen und schliefen in unserem kleinen Führerhaus.
Aber ich schaute danach immer genauer hin, wenn irgendwo jemand Hilfe brauchte.
Auch die anderen Fahrer vergaßen diese Nacht nicht.
Horst rief mich einige Tage später an.
„Und, Volker? Wie geht es deinem vierbeinigen Helden?“
„Der schläft.“
„Typisch. Erst rettet er einem Kind die Nacht und dann verschläft er den nächsten Tag.“
Wir lachten.
Doch danach wurde Horst ernst.
„Gut, dass du den Jungen gefunden hast.“
Ich blickte zu Kuno.
„Ich habe ihn nicht gefunden.“
„Wie meinst du das?“
„Kuno hat ihn gefunden.“
Mein Hund wurde zwölf Jahre alt.
In seinen letzten Monaten konnte er kaum noch die Treppen zum Führerhaus hinaufsteigen.
Also ließ ich eine kleine Rampe anfertigen.
Meine Kollegen machten sich manchmal lustig darüber.
„Volker, du behandelst den Hund wie einen König.“
„Ist er ja auch“, antwortete ich.
Als Kuno schließlich starb, war ich 67.
Ich hatte inzwischen einen kleinen Garten hinter meinem Haus bei Northeim.
Dort begrub ich ihn unter einem alten Apfelbaum.
Auf einem schlichten Stein stand:
KUNO
Mein treuer Freund.
Mehr brauchte es nicht.
Danach wurde es still in meinem Haus.
Ich war schon lange Witwer. Kinder hatten meine Frau und ich nie bekommen.
Kuno war über Jahre mein engster Begleiter gewesen.
Manchmal ertappte ich mich dabei, dass ich morgens noch immer zwei Näpfe vorbereiten wollte.
Oder dass ich mich beim Fernsehen zur Seite drehte, um ihm etwas zu erzählen.
Es dauerte lange, bis ich mich an seine Abwesenheit gewöhnte.
Die Jahre vergingen.
Ich gab meinen Führerschein für schwere Lastwagen ab, weil meine Augen schlechter wurden.
Ich verkaufte mein altes Fahrzeug und verbrachte meine Tage mit Gartenarbeit, Kreuzworträtseln und gelegentlichen Besuchen ehemaliger Kollegen.
Die Geschichte von Joris blieb mir im Gedächtnis.
Aber ich rechnete nicht damit, jemals wieder von ihm zu hören.
Bis an einem Dienstagvormittag, fast zwanzig Jahre nach jener Nacht.
Ich war gerade dabei, meine Hecke zu schneiden, als vor meinem Gartentor ein Polizeiwagen hielt.
Ein junger Beamter stieg aus.
Er war groß, hatte kurze braune Haare und trug eine schlichte Dienstuniform.
Neben ihm saß ein kräftiger Hund mit breitem Kopf.
Der Beamte öffnete die hintere Tür und ließ den Hund aussteigen.
Ich legte meine Gartenschere weg.
„Guten Morgen. Kann ich Ihnen helfen?“
Der Mann lächelte.
„Sind Sie Volker Reimann?“
„Ja.“
Er stand einen Moment schweigend vor mir.
Dann fragte er:
„Hatten Sie früher einen Hund namens Kuno?“
Mir blieb beinahe das Herz stehen.
„Woher wissen Sie das?“
Der Beamte griff langsam in seine Jackentasche.
Er holte einen kleinen Gegenstand hervor.
Eine alte Metallmarke.
Abgenutzt, zerkratzt und an den Rändern blank gerieben.
Er hielt sie mir entgegen.
Auf der Vorderseite konnte ich noch immer die Buchstaben erkennen.
KUNO.
Ich schaute erst auf die Marke.
Dann auf den jungen Mann.
„Joris?“
Er nickte.
„Hallo, Volker.“
Ich konnte mich nicht bewegen.
Vor mir stand nicht mehr der kleine Junge im Schlafanzug, den ich damals in eine Decke gewickelt hatte.
Vor mir stand ein erwachsener Mann.
Ein Polizist.
Mit einem Hund an seiner Seite.
„Du bist das wirklich?“
„Ja.“
Ich trat auf ihn zu.
Er umarmte mich fest.
Und plötzlich war alles wieder da.
Das Führerhaus.
Die kleine Hand in Kunos Fell.
Die Angst in den Augen eines Kindes.
Die zerkratzte Hundemarke.
„Ich habe so oft an dich gedacht“, sagte ich.
Joris ließ mich langsam los.
„Ich auch an Sie.“
„Sag Volker.“
Er lächelte.
„An dich, Volker.“
Wir setzten uns auf die Bank vor meinem Haus.
Sein Hund legte sich neben unsere Füße.
Er hieß Mücke.
Ein kräftiger Mischling aus dem Tierschutz, etwa fünf Jahre alt, mit einem ungewöhnlich breiten Kopf und einem kleinen weißen Fleck auf der Brust.
„Er ist kein Diensthund“, erklärte Joris. „Er gehört privat zu mir. Ich habe ihn vor zwei Jahren aus einem Tierheim geholt.“
Ich musste lächeln.
„Das kommt mir bekannt vor.“
Joris lachte leise.
Dann wurde er ernst.
Er erzählte mir, dass seine Mutter sich nach einem längeren Krankenhausaufenthalt erholt hatte.
Es hatte eine schwierige Zeit gegeben.
Viele Gespräche.
Viel Unterstützung.
Aber sie hatten zusammenbleiben können.
„Mama ist heute 52“, sagte er. „Sie arbeitet in einer kleinen Bäckerei. Und sie erzählt immer noch jedem, dass ein Lastwagenfahrer und sein Hund uns damals geholfen haben.“
Ich schluckte.
„Wie schön, dass es ihr gut geht.“
„Sie würde dich gern wiedersehen.“
„Das würde mich freuen.“
Joris schaute auf die Marke in seiner Hand.
„Weißt du, ich hatte die ersten Jahre nach dieser Nacht oft Albträume.“
Er drehte das Metallstück zwischen den Fingern.
„Manchmal bin ich nachts aufgewacht und hatte wieder das Gefühl, in diesem Motelzimmer zu sein.“
Ich sagte nichts.
„Dann habe ich die Marke genommen.“
Er lächelte traurig.
„Ich habe sie so fest gehalten, dass ich morgens manchmal einen Abdruck in der Hand hatte.“
Ich betrachtete die kleinen Kratzer.
„Du hast sie wirklich all die Jahre behalten.“
„Jeden Tag.“
Er erzählte weiter.
Als Jugendlicher hatte er zunächst bei der freiwilligen Feuerwehr mitgeholfen.
Später entschied er sich für den Polizeiberuf.
„Ich wollte etwas machen, bei dem ich Menschen helfen kann, die Angst haben“, sagte er.
„Warum?“
Er sah mich an.
„Weil ich weiß, wie es ist, wenn man glaubt, niemand kommt.“
Wir schwiegen eine Weile.
Mücke hob den Kopf und legte seine Schnauze auf Joris‘ Knie.
Fast genauso, wie Kuno es damals getan hatte.
„Und irgendwann habe ich beschlossen, selbst einen Hund aufzunehmen“, erzählte Joris.
„Einen, den sonst vielleicht niemand haben wollte.“
Er strich über Mückes Rücken.
„Im Tierheim saß er ganz hinten. Er wollte nicht zu den Besuchern kommen. Viele fanden ihn zu groß.“
Ich schaute den Hund an.
„Und du?“
Joris lächelte.
„Ich habe mich auf den Boden gesetzt und gewartet.“
„Hat er sich getraut?“
„Nach fast einer Stunde.“
Mücke wedelte langsam mit dem Schwanz.
Ich spürte einen Kloß im Hals.
Joris beugte sich zu mir.
„Darf ich dich etwas fragen?“
„Natürlich.“
„Wo ist Kuno?“
Ich konnte nicht sofort antworten.
Dann deutete ich auf den Garten.
„Komm mit.“
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