Eine ganze Weile saßen wir schweigend nebeneinander.
Später kam Emma zu uns.
Sie hatte mit Julia im Aufenthaltsraum gesessen und Bilder gemalt.
Als sie ihren Vater sah, blieb sie stehen.
„Papa?“
Markus hob den Kopf.
„Alles gut, Mäuschen.“
Emma blickte von ihm zu mir.
Dann sagte sie etwas, das ich nie vergessen werde.
„Du musst nicht Motorrad fahren, wenn du Angst hast.“
Markus sah sie überrascht an.
„Aber ich dachte, du möchtest das so gern.“
Emma nickte.
„Ja. Aber ich möchte noch lieber, dass du wieder gern nach Hause kommst.“
Er schluckte.
„Was meinst du damit?“
„Früher hast du immer gesagt, dass du nach der Arbeit am liebsten zu uns kommst.“
Sie zog den Ärmel ihres Pullovers über die Hand.
„Jetzt sitzt du manchmal im Auto und willst gar nicht aussteigen. Und wenn wir abends zusammen essen, bist du oft ganz woanders.“
Markus sagte nichts.
Emma ging zu ihm und legte ihre kleine Hand auf seine.
„Ich will nur, dass du wieder bei uns bist. Auch wenn du nicht Motorrad fährst.“
Ich hatte in meiner Werkstatt schon viele Männer weinen sehen.
Aber selten hatte ein Satz so viel verändert.
Markus zog seine Tochter zu sich.
„Ich bin doch bei euch“, sagte er.
Emma nickte.
„Ich weiß. Aber manchmal vermisse ich dich trotzdem.“
Er hielt sie lange fest.
Danach bat Markus mich, den Motor noch einmal zu starten.
Nicht, um zu fahren.
Nur, um daneben zu sitzen und zuzuhören.
Wir ließen die Maschine ein paar Minuten im Leerlauf laufen.
Dann stellte ich sie wieder ab.
An diesem Tag war das genug.
In den nächsten beiden Monaten machte Markus Fortschritte.
Nicht gleichmäßig.
Es gab gute Tage und schlechte Tage.
Manchmal war er nach einer Stunde erschöpft.
Manchmal wollte er drei Stunden länger bleiben.
Er lernte, sich auf die angepasste Bedienung zu verlassen.
Wir änderten den Sitz noch einmal, versetzten einen Schalter und machten die Griffposition bequemer.
Uwe begleitete ihn bei mehreren Übungen.
Dieter erzählte ständig Geschichten aus seiner Jugend, von alten Motorrädern, billigen Campingplätzen und Touren, bei denen sie sich ohne Navigationsgerät hoffnungslos verfahren hatten.
Markus hörte zu.
Und irgendwann begann er, selbst Geschichten zu erzählen.
Von seinen ersten Fahrstunden.
Von einem Motorrad, das er mit achtzehn aus Einzelteilen zusammengebaut hatte.
Von Timo, der bei einer gemeinsamen Ausfahrt einmal vergessen hatte, den Tank rechtzeitig aufzufüllen, sodass beide ihre Maschinen mehrere Kilometer schieben mussten.
Bei dieser Geschichte lachte Markus so laut, dass Emma aus dem Nebenraum kam.
„Was ist denn passiert?“
„Dein Onkel Timo war manchmal ein richtiger Schussel“, sagte Markus.
„Das hast du noch nie erzählt!“
Er lächelte.
„Ich habe dir vieles noch nicht erzählt.“
Von da an sprachen sie zu Hause häufiger über Timo.
Nicht nur darüber, wie er gestorben war.
Sondern darüber, wie er gelebt hatte.
Über seine schlechten Witze.
Seine ewige Unpünktlichkeit.
Und darüber, dass er bei jedem Familienfest als Erster mit Emma auf dem Boden gesessen und Bauklötze aufeinandergestapelt hatte.
Julia erzählte mir später, dass Markus eines Abends von sich aus das alte Fotoalbum aus dem Schrank geholt hatte.
Emma hatte es noch nie vollständig gesehen.
An diesem Abend saßen sie bis fast elf Uhr zusammen auf dem Sofa.
Und Markus erzählte.
Dann kam der Tag seiner ersten selbstständigen Ausfahrt.
Die nötigen Prüfungen und Freigaben waren erledigt.
Markus hatte viele Stunden geübt.
Wir hatten die Maschine mehrfach kontrolliert, und ich war überzeugt, dass er mit den Anpassungen sicher umgehen konnte.
Trotzdem war er nervös.
Er hatte sich eine kurze Strecke ausgesucht, die er früher oft mit Timo gefahren war.
Keine große Reise.
Nur ein kleiner Rundkurs über ruhige Straßen außerhalb der Stadt.
Julia und Emma warteten in meiner Werkstatt.
Uwe war ebenfalls da.
Markus saß bereits auf dem Motorrad, als ich zu ihm ging.
„Alles klar?“
Er nickte.
„Glaube schon.“
„Du kannst jederzeit umdrehen.“
„Weiß ich.“
Ich betrachtete ihn einen Moment.
„Und Markus?“
„Ja?“
„Fahr dein eigenes Tempo.“
Er lächelte.
„Das haben Sie mir jetzt ungefähr hundertmal gesagt.“
„Dann merk es dir endlich.“
Er zog den Helm auf.
Startete den Motor.
Sah noch einmal zu seiner Tochter, die am Hallentor stand.
Emma hob beide Daumen.
Markus erwiderte die Geste.
Dann fuhr er los.
Ich sah ihm nach, bis er hinter der nächsten Kurve verschwunden war.
Erst jetzt merkte ich, wie angespannt ich war.
Emma stellte sich neben mich.
„Kommt er wieder?“
„Natürlich.“
„Wann?“
„Bald.“
Sie schaute auf die Straße.
Nach einer Weile fragte sie:
„Haben Sie auch Angst?“
Ich sah sie an.
„Ein bisschen.“
„Ich auch.“
Sie nahm meine Hand.
Ihre Finger verschwanden beinahe in meiner großen, ölverschmierten Hand.
Wir standen nebeneinander und warteten.
Nach etwa vierzig Minuten hörten wir einen Motor.
Emma richtete sich sofort auf.
„Da!“
Die dunkelgraue Maschine bog langsam auf den Hof.
Markus parkte vor der Werkstatt.
Er stellte den Motor ab.
Aber er nahm den Helm nicht sofort herunter.
Er saß einfach da.
Ich ging zu ihm.
„Alles in Ordnung?“
Er nickte.
Dann zog er den Helm ab.
Sein Gesicht war nass von Tränen.
Ich sagte nichts.
„Ich bin gefahren“, flüsterte er.
„Hab ich gesehen.“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, Rolf. Ich meine … ich bin wirklich gefahren.“
Er suchte nach Worten.
„Ich hatte Angst. An jeder Kreuzung hab ich erst mal gedacht, dass irgendetwas schiefgehen könnte. Aber dann kam ein Stück Straße, das ich kannte.“
Er sah mich an.
„Da standen früher diese alten Pappeln. Timo und ich haben dort immer kurz angehalten.“
Seine Stimme brach.
„Ich hab plötzlich an ihn gedacht. An das letzte Mal, als wir zusammen gefahren sind.“
Ich wartete.
„Und weißt du, was das Verrückte war?“
„Was denn?“
„Zum ersten Mal seit drei Jahren war die Erinnerung nicht nur schlimm.“
Er wischte sich über die Augen.
„Ich musste an seinen dummen Witz denken. Er hat damals behauptet, dass ich irgendwann freiwillig eine bequeme Tourenmaschine fahren würde.“
Markus lachte unter Tränen.
„Der Idiot hatte recht.“
Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Das hätte ihn gefreut.“
Er nickte.
„Ja.“
Dann kam Emma angerannt.
„Papa! Papa!“
Markus breitete die Arme aus.
Sie umarmte ihn vorsichtig auf der Maschine.
„War es schön?“
Er sah seine Tochter an.
„Ja, Mäuschen.“
„Bist du jetzt wieder glücklich?“
Markus überlegte.
Dann antwortete er:
„Ich glaube, ich lerne gerade wieder, wie das geht.“
Drei Monate später nahm Markus an einer gemeinsamen Ausfahrt teil.
Keine große Veranstaltung mit Hunderten Motorrädern.
Nur ein überschaubarer Kreis von Fahrern aus der Umgebung, die Geld für Menschen sammelten, die nach schweren Unfällen besondere technische Hilfen benötigten.
Wir waren knapp dreißig Leute.
Alte Handwerker, ehemalige Fernfahrer, eine Krankenschwester, mehrere Rentner und ein paar jüngere Fahrer.
Einige fuhren normale Motorräder.
Andere saßen auf angepassten Maschinen.
Markus fuhr mitten in der Gruppe.
Ich selbst war mit meinem Motorrad dabei.
Emma saß diesmal nicht hinten auf einer Maschine, sondern fuhr mit Julia im Begleitwagen.
Das hatte Markus ausdrücklich so gewollt.
Er wollte sich auf seine erste längere Gruppenfahrt konzentrieren.
Am Ziel wartete Emma bereits mit einer selbst gemalten Karte.
Darauf hatte sie ein Motorrad gemalt.
Daneben standen drei Menschen.
Und darunter, in großen krummen Buchstaben:
Papa, wir sind stolz auf dich.
Markus hängte die Zeichnung später über seinen Arbeitsplatz.
Denn inzwischen hatte er angefangen, wieder regelmäßig in meiner Werkstatt mitzuarbeiten.
Zuerst nur ein paar Stunden in der Woche.
Dann häufiger.
Er übernahm kleinere Reparaturen, half beim Anpassen von Halterungen und kümmerte sich besonders um die Menschen, die zum ersten Mal wegen eines möglichen Umbaus zu uns kamen.
Er wusste inzwischen, wie schwierig dieser erste Schritt war.
Manche Kunden waren freundlich.
Andere schwiegen.
Einige reagierten gereizt, sobald jemand Hilfe anbot.
Markus nahm ihnen das nicht übel.
Er kannte dieses Gefühl.
Einmal kam ein älterer Mann zu uns, der nach einem Schlaganfall sein geliebtes Motorrad verkauft hatte.
Er saß an unserer Werkbank und sagte immer wieder, dass sich ein Umbau in seinem Alter ohnehin nicht mehr lohne.
Markus hörte lange zu.
Dann zeigte er auf seine eigene Maschine.
„Vor einem Jahr habe ich genau das Gleiche gesagt.“
Der Mann schüttelte den Kopf.
„Sie sind doch noch jung.“
Markus lächelte.
„Hat mir damals auch nicht geholfen.“
Er holte zwei Tassen Kaffee.
„Kommen Sie. Wir schauen erst einmal, was überhaupt möglich wäre. Entscheiden müssen Sie heute nichts.“
Als ich das hörte, musste ich an unseren ersten Samstag denken.
An Markus, der im Türrahmen gestanden hatte.
Und an Uwe, der einfach nur die Kaffeekanne hochgehalten hatte.
Manchmal braucht es nicht viel, um einem Menschen das Gefühl zu geben, wieder dazuzugehören.
Heute sind seit unserer Begegnung im Imbiss gut zwei Jahre vergangen.
Markus arbeitet inzwischen an mehreren Tagen in der Woche bei mir.
Nicht aus Dankbarkeit.
Sondern weil er ein guter Mechaniker ist und ich seine Erfahrung brauche.
Er ist manchmal immer noch stur.
Wenn ein Bauteil nicht passt, kann er fluchen wie ein alter Hafenarbeiter.
Und hin und wieder muss Julia ihn daran erinnern, dass es auch außerhalb der Werkstatt ein Leben gibt.
Aber wenn Emma nachmittags hereinkommt, legt er den Schraubenschlüssel meistens sofort zur Seite.
Früher war das anders.
Das hat sie mir selbst erzählt.
Emma ist inzwischen zehn.
Sie hat längere Haare, eine neue Schultasche und eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, erwachsenen Männern Vorschriften zu machen.
Besonders mir.
„Rolf, du musst mal wieder deinen Kaffee wegschütten. Der steht da seit gestern.“
„Das ist erst mein zweiter.“
„Das glaubst du doch selber nicht.“
Manchmal erinnert sie mich an meine eigene Tochter.
Anja kommt gelegentlich vorbei, bringt Kuchen mit und lacht, wenn Emma mich zurechtweist.
Die beiden verstehen sich bestens.
Vor einigen Monaten hat Emma mir etwas gezeigt, das mich sehr berührt hat.
An der Wand neben unserer Kaffeemaschine hängt jetzt ein kleiner Bilderrahmen.
Darin liegen fünf Münzen.
Zwei Zweieurostücke, ein Fünfzigcentstück, ein Zwanzigcentstück und drei einzelne Centstücke.
Zusammen genau 4,73 Euro.
Das Geld, das sie damals im Imbiss auf meinen Tisch gelegt hatte.
Darunter steht auf einem kleinen Zettel:
Für Papas erste neue Fahrt.
Sie wollte die Münzen zuerst zurück in ihre Spardose legen.
Aber Markus meinte, sie sollten einen besonderen Platz bekommen.
Also haben wir sie eingerahmt.
Manchmal bleiben Kunden davor stehen und fragen, was es damit auf sich hat.
Ich erzähle dann nicht sofort die ganze Geschichte.
Oft sage ich nur:
„Das war der Anfang.“
Markus übernimmt meistens den Rest.
Er erzählt von einem kleinen Mädchen, das sein Pausenbrotgeld gespart hatte, weil es glaubte, seinem Vater damit ein Motorrad kaufen zu können.
Er erzählt davon, wie beschämt er war.
Und wie sehr er sich an diesem Tag zum ersten Mal gefragt hatte, was seine Tochter eigentlich jeden Abend mitansehen musste.
„Sie dachte, sie müsste mich retten“, sagt er dann.
Meistens wird er an dieser Stelle kurz still.
„Dabei hätte ich viel früher merken müssen, dass sie einfach ihren Papa zurückhaben wollte.“
Letzten Monat kam Sarah Krüger zu Besuch.
Sie hatte ihren Sohn dabei, der inzwischen zwölf Jahre alt ist.
Markus wusste vorher nichts davon.
Als sie in der Werkstatttür stand, hielt er gerade einen Schraubenschlüssel in der Hand.
Er legte ihn langsam ab.
„Sarah?“
Sie lächelte unsicher.
„Hallo, Markus.“
Drei Jahre lang hatten die beiden kaum miteinander gesprochen.
Nicht aus Streit.
Sondern weil jedes Gespräch sie an Timo erinnerte.
Sarah hatte Markus nach dem Unfall mehrfach besucht.
Aber irgendwann hatte er aufgehört, ihre Anrufe anzunehmen.
Er hatte sich geschämt, überlebt zu haben.
Und er hatte Angst gehabt, in ihrem Gesicht den Schmerz über den Mann zu sehen, der nicht zurückgekommen war.
Jetzt stand sie vor ihm.
Sie betrachtete die dunkelgraue Maschine.
„Du fährst also wirklich wieder.“
Markus nickte.
„Ja.“
Sie lächelte.
Dann deutete sie auf die Plakette.
„Gefällt sie dir?“
Markus fuhr mit den Fingern über die kleine Inschrift.
„Ich hätte nie gedacht, dass du so etwas für mich machst.“
Sarah sah zu Boden.
„Timo hätte das getan.“
Markus schluckte.
„Sarah, ich wollte dir schon lange etwas sagen.“
Sie hob den Blick.
Er brauchte mehrere Sekunden.
„Es tut mir leid, dass ich damals nicht für dich da war.“
Sarah schüttelte den Kopf.
„Du warst doch selbst verletzt.“
„Trotzdem.“
„Markus.“
Sie ging einen Schritt näher.
„Ich habe meinen Mann verloren. Du hast deinen besten Freund verloren. Wir haben beide nicht gewusst, wie wir damit umgehen sollen.“
Dann nahm sie seine Hand.
„Ich freue mich, dass du wieder hier bist.“
Markus fing an zu weinen.
Sarah umarmte ihn.
Und ich ging nach draußen, um nachzusehen, ob mein Motorrad noch dort stand, wo ich es abgestellt hatte.
Es stand natürlich dort.
Aber ich brauchte einen Grund, den beiden ein paar Minuten allein zu lassen.
Später saßen wir alle in der Werkstatt.
Emma und Sarahs Sohn spielten mit einem alten Modellmotorrad, während Julia Kaffee einschenkte.
Sarah erzählte von Timo.
Markus erzählte auch.
Diesmal ohne den Kopf zu senken.
Und irgendwann lachten beide über eine Geschichte von einer missglückten Ausfahrt, bei der Timo mit seinem Motorrad im Hof eines Bauern gelandet war, weil er einer falsch gelesenen Wegbeschreibung gefolgt war.
Es war das erste Mal, dass ich die beiden gemeinsam lachen sah.
Ich glaube, Timo hätte diesen Nachmittag gemocht.
Vor ein paar Tagen blieb Emma nach der Schule länger in der Werkstatt.
Markus half Uwe gerade an einer Maschine.
Ich saß am Schreibtisch und sortierte Rechnungen.
Emma kam zu mir und zog einen Stuhl heran.
„Rolf?“
„Hm?“
„Warum hast du mir damals eigentlich geholfen?“
Ich sah von meinen Unterlagen auf.
„Wann damals?“
„Im Imbiss.“
Ich lächelte.
„Weil du mich gefragt hast.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Aber du kanntest mich doch gar nicht.“
Ich lehnte mich zurück.
Durch die offene Tür konnte ich Markus sehen.
Er saß neben Uwe, erklärte ihm etwas an der Lenkerbedienung und lachte über einen Scherz.
Vor zwei Jahren hatte dieser Mann kaum noch geredet.
Jetzt war er oft der Erste, der morgens in der Werkstatt anrief, um zu fragen, welche Arbeit anstand.
„Weißt du, Emma“, sagte ich schließlich, „als ich in deinem Alter war, hat mein Vater immer gesagt, dass ein Mensch erst dann wirklich arm ist, wenn sich keiner mehr für ihn interessiert.“
Sie runzelte die Stirn.
„Aber wir waren doch nicht arm.“
„Darum geht es nicht.“
Ich deutete auf die Münzen im Bilderrahmen.
„Manchmal hat jemand genug Geld auf dem Konto und trotzdem das Gefühl, nichts mehr zu haben.“
Emma dachte nach.
„So wie Papa damals?“
„Ja.“
Sie schaute zur Werkbank.
„Und jetzt?“
„Jetzt weiß er wieder, dass er gebraucht wird.“
Emma lächelte.
„Er hilft mir sogar wieder beim Fahrrad.“
„Ach ja?“
„Letzte Woche hat er die Bremse repariert. Und dann sind wir zusammen zum Bäcker gefahren.“
Ich hob die Augenbrauen.
„Dein Vater mit dem Motorrad?“
„Nein.“
Sie lachte.
„Mit seinem Handbike. Ich bin neben ihm gefahren. Wir haben Brötchen geholt, und Papa hat mir unterwegs erzählt, wie er früher mit Onkel Timo immer um die Wette gefahren ist.“
Ich nickte.
Emma wurde plötzlich ernst.
„Rolf, weißt du, was das Beste war?“
„Was denn?“
„Er hat mich gefragt, ob wir nächsten Sonntag wieder zusammen fahren.“
Sie grinste.
„Früher musste ich immer fragen, ob er etwas mit mir machen will. Jetzt fragt er mich.“
Ich spürte einen Kloß im Hals.
„Das ist schön, Emma.“
Sie stand auf.
Doch an der Tür drehte sie sich noch einmal um.
„Und Rolf?“
„Ja?“
„Ich spare jetzt wieder.“
Ich musste lachen.
„Schon wieder? Wofür denn diesmal?“
„Für ein richtig gutes Geburtstagsgeschenk für Papa.“
„Und du isst trotzdem dein Mittagessen?“
Sie verdrehte die Augen.
„Ja, natürlich!“
Dann rannte sie hinaus.
Ich blieb noch eine Weile sitzen und betrachtete die fünf Münzen an der Wand.
Vier Euro dreiundsiebzig.
Damals hätte man dafür vielleicht zwei Brötchen und eine kleine Flasche Wasser bekommen.
Mehr nicht.
Heute hängen diese Münzen in einer alten Werkstatt in Duisburg.
Neben Bildern von Motorrädern, vergilbten Erinnerungsfotos und einer Zeichnung mit drei Menschen darauf.
Manchmal, wenn ich frühmorgens die Halle aufschließe, bleibt mein Blick daran hängen.
Dann denke ich an meine Tochter Anja, die vor fünfunddreißig Jahren ihr Fahrrad verkauft hat.
An Sarah, die ihrem verstorbenen Mann auf eine Weise treu geblieben ist, die einem anderen Menschen wieder Mut gemacht hat.
An Uwe und Dieter, die an einem Samstag einfach einen freien Stuhl und eine Tasse Kaffee angeboten haben.
Und an Markus, der anfangs nicht einmal glauben wollte, dass er noch einmal auf einem Motorrad sitzen könnte.
Natürlich hat die Maschine seinen Unfall nicht ungeschehen gemacht.
Seine Beine sind nicht zurückgekommen.
Timo ist nicht mehr da.
Manche Tage bleiben schwierig, und nicht jede Erinnerung lässt sich mit einer Ausfahrt leichter ertragen.
Aber Markus geht wieder arbeiten.
Er schmiedet Pläne.
Er lacht mit seiner Frau.
Er redet mit seiner Tochter.
Und manchmal fährt er an einem freien Sonntag mit seinem Motorrad zu einem kleinen Aussichtspunkt am Rhein, stellt den Motor ab und sitzt einfach eine Weile da.
Nicht, weil er vor seinem Leben davonfahren möchte.
Sondern weil er wieder etwas gefunden hat, auf das er sich freuen kann.
Neulich sagte er zu mir:
„Rolf, weißt du, was mich eigentlich am meisten beschäftigt?“
„Na?“
„Dass Emma damals geglaubt hat, sie müsste mich mit ihrem ganzen Ersparten glücklich machen.“
Er sah hinüber zum Bilderrahmen.
„Ich kann ihr das Geld nie zurückgeben. Nicht das, was sie damit wirklich geben wollte.“
Ich legte den Schraubenschlüssel beiseite.
„Musst du auch nicht.“
„Nicht?“
„Nein. Fahr mit ihr Fahrrad. Hör ihr zu, wenn sie etwas erzählen will. Sei da, wenn sie dich braucht. Und hör auf, so zu tun, als müsstest du alles allein schaffen.“
Markus nickte langsam.
Dann grinste er.
„Für einen alten, schlecht gelaunten Mechaniker bist du manchmal ganz schön vernünftig.“
„Erzähl das bloß keinem.“
Er lachte.
Und kurz darauf kam Emma in die Werkstatt, stellte ihre Schultasche ab und rief:
„Papa! Du hast doch versprochen, dass wir heute zusammen Eis essen gehen!“
Markus drehte sich sofort zu ihr um.
„Hab ich nicht vergessen.“
Er legte seine Arbeit zur Seite, wusch sich die Hände und griff nach seiner Jacke.
Emma nahm seine Hand.
Dann verließen die beiden gemeinsam die Werkstatt.
Ich sah ihnen nach.
Ein Vater und seine Tochter.
Nichts Außergewöhnliches, könnte man meinen.
Aber ich wusste, wie viel dieser einfache Nachmittag für die beiden bedeutete.
Und als die Tür hinter ihnen zufiel, schaute ich noch einmal auf den kleinen Bilderrahmen.
Vier Euro dreiundsiebzig.
Nicht genug, um ein Motorrad zu kaufen.
Aber genug, um einem alten Mechaniker zu zeigen, dass hinter einem stillen, verzweifelten Mann ein Vater steckte, den seine Tochter schrecklich vermisste.
Und manchmal reicht genau das, damit mehrere Menschen anfangen, gemeinsam nach einem Weg zurück ins Leben zu suchen.






