Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen.
„Ich habe mich nur für ein paar Sekunden umgedreht. Ich musste etwas am Automaten bestätigen, dann war sie weg.“
Sie schluckte.
„Ich dachte …“
Den Satz brachte sie nicht zu Ende.
Thomas nickte.
„Sie ist da. Das zählt.“
Miriam atmete tief ein.
„Danke.“
Leni griff wieder nach Thomas’ Hand.
„Mama, können wir bei Thomas sitzen?“
Miriam wirkte verlegen.
„Leni, der Mann hat bestimmt etwas Wichtiges zu tun.“
Thomas sah automatisch auf seine Uhr.
Noch 46 Minuten bis zum Boarding.
Auf seinem Telefon warteten zwölf ungelesene Nachrichten.
Früher hätte allein diese Zahl ihn nervös gemacht.
Er hätte höflich gelächelt und gesagt, dass er leider einen Termin habe.
Stattdessen hörte er sich sagen:
„Ein paar Minuten habe ich.“
Sie setzten sich an ein Fenster.
Draußen rollten Flugzeuge langsam über das Vorfeld.
Leni kniete auf ihrem Sitz und beobachtete fasziniert jedes Fahrzeug, das vorbeifuhr.
Miriam saß neben Thomas.
„Wir fliegen nach München“, sagte sie irgendwann.
„Meine Mutter liegt dort im Krankenhaus.“
Thomas blickte zu ihr.
„Es sieht nicht besonders gut aus.“
Miriam rieb ihre Handflächen aneinander.
„Bauchspeicheldrüse. Zu spät entdeckt.“
Thomas wusste nicht, was er sagen sollte.
Also sagte er nichts.
Früher hätte er wahrscheinlich irgendeinen vernünftigen Satz hervorgebracht.
„Das wird schon.“
Oder:
„Die Medizin kann heute viel.“
Floskeln, die Menschen benutzen, wenn sie die Wahrheit nicht aushalten.
Heute schwieg er.
Miriam schien ihm dafür dankbar zu sein.
„Sie hat Leni praktisch mit großgezogen“, sagte sie nach einer Weile.
„Mein Mann ist vor fünf Jahren bei einem Arbeitsunfall gestorben.“
Thomas wandte den Blick zu ihr.
„Das tut mir leid.“
„Danach war meine Mutter immer da.“
Sie lächelte traurig.
„Sie hat nicht gefragt, ob ich Hilfe brauche. Sie kam einfach. Mit Kartoffelsuppe. Mit sauberer Wäsche. Mit diesem alten Satz: Du kannst morgen wieder stark sein.“
Thomas musste an Claudia denken.
An all die Abende, an denen sie allein mit Anna am Küchentisch gesessen hatte.
An Elternabende, bei denen sein Stuhl leer geblieben war.
An Geburtstage, zu denen er fünf Minuten vor dem Kuchen erschienen war und nach dem Kaffee wieder telefoniert hatte.
„Meine Frau hat so etwas auch oft gemacht“, sagte er.
Miriam sah ihn an.
„Ihre Frau?“
„Exfrau.“
Das Wort fühlte sich noch fremd an.
„Seit drei Wochen offiziell.“
„Oh.“
Thomas rieb sich über die Stirn.
„Sie hat 31 Jahre mit mir ausgehalten.“
„Ausgehalten?“
„Das klingt schlimm.“
„Vielleicht klingt es nur ehrlich.“
Thomas sah sie überrascht an.
Miriam hob leicht die Schultern.
„Wir kennen uns wahrscheinlich noch zwanzig Minuten. Sie müssen mir nichts vorspielen.“
Der Satz traf.
Thomas blickte auf Leni.
Sie malte mit dem Finger kleine Kreise auf die Scheibe.
„Ich habe gearbeitet“, sagte er.
„Viel.“
Miriam schwieg.
„Immer gab es einen Grund.“
Thomas lachte bitter.
„Als Anna klein war, wollte ich eine größere Wohnung finanzieren.“
„Anna ist Ihre Tochter?“
„Ja.“
„Als wir die Wohnung hatten, wollte ich Rücklagen bilden.“
Er zählte beinahe mechanisch weiter.
„Dann das Haus. Dann das Studium. Dann wollte ich endlich Partner werden. Dann Bereichsleiter. Dann Geschäftsführer.“
Er lehnte sich zurück.
„Irgendwann hatte ich alles.“
„Und?“
Thomas betrachtete seine teure Uhr.
„Niemand wollte mehr mit mir am Tisch sitzen.“
Miriam sagte nichts.
Thomas fuhr fort.
Vielleicht gerade deshalb.
„Meine Tochter hat mit sieben Klavier gespielt.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Sie hatte ihren ersten Auftritt in der Grundschule. Wochenlang hatte sie geübt.“
Er erinnerte sich plötzlich an den Namen des Stücks.
Eine einfache Melodie.
Claudia hatte sie damals jeden Abend hören müssen.
„Ich hatte versprochen, da zu sein.“
„Und Sie waren nicht da.“
Es war keine Frage.
Thomas schüttelte den Kopf.
„Ein Kunde kam dazwischen.“
Miriam sah zum Fenster.
„Anna hat später gesagt, sie hätte während des ganzen Auftritts immer wieder zur Tür geschaut.“
Thomas’ Stimme stockte.
„Ich dachte damals, Kinder vergessen so etwas.“
„Tun sie nicht.“
„Nein.“
Er atmete langsam aus.
„Sie hat nicht vergessen.“
Leni kam zurück und setzte sich zwischen sie.
„Was habt ihr geredet?“
Miriam strich ihr über die Haare.
„Über Erwachsene.“
Leni verzog das Gesicht.
„Langweilig.“
Thomas lachte.
„Ziemlich.“
„Hast du Kinder?“, fragte sie.
„Eine Tochter.“
„Wie heißt sie?“
„Anna.“
„Ist sie groß?“
„Siebenundzwanzig.“
Lenis Augen wurden riesig.
„Das ist uralt.“
Miriam musste lachen.
Thomas ebenso.
„Für dich wahrscheinlich schon.“
„Warum ist Anna nicht hier?“
Thomas schwieg.
Leni wartete.
Kinder konnten unangenehm geduldig sein.
„Weil wir uns gestritten haben.“
„Warum?“
„Weil ich Fehler gemacht habe.“
Leni nickte ernst.
„Dann musst du Entschuldigung sagen.“
Thomas warf Miriam einen Blick zu.
Diese hob nur die Augenbrauen.
„So einfach ist das“, sagte Thomas.
„Ja.“
„Und wenn sie mich nicht hören will?“
Leni dachte nach.
„Dann sagst du es lauter.“
Miriam presste die Lippen zusammen, um nicht loszulachen.
Thomas schüttelte den Kopf.
„Du bist ziemlich streng.“
Leni grinste.
Dann lehnte sie sich plötzlich an seinen Arm.
Nur so.
Ohne zu fragen.
Thomas erstarrte für einen Moment.
Anna hatte das früher auch gemacht.
Sonntagnachmittags auf dem Sofa.
Sie hatte sich an seine Schulter gekuschelt und Zeichentrickfilme geschaut, während er daneben Geschäftsberichte gelesen hatte.
Er konnte sich nicht mehr an die Filme erinnern.
Aber plötzlich erinnerte er sich an den Geruch ihres Kinder-Shampoos.
An ihre kleinen Füße unter der Decke.
An die Art, wie sie immer seine Hand gesucht hatte, wenn im Film etwas Trauriges geschah.
Thomas schluckte schwer.
„Wann haben Sie zuletzt mit Ihrer Tochter gesprochen?“, fragte Miriam leise.
„Richtig gesprochen?“
„Ja.“
Thomas überlegte.
Nicht Weihnachten.
Da hatten sie gestritten.
Nicht ihr Geburtstag.
Da hatte er eine Nachricht geschickt.
Nicht die Scheidung.
Da hatte Anna nur geschrieben:
„Ich hoffe, Mama schafft es jetzt endlich, wieder glücklich zu werden.“
Vielleicht zwei Jahre.
Vielleicht länger.
„Ich weiß es nicht.“
Die Antwort erschreckte ihn.
Miriam sah ihn an.
„Dann rufen Sie sie an.“
„Sie geht nicht ran.“
„Woher wissen Sie das?“
„Sie hat es die letzten Male nicht getan.“
„Das war nicht meine Frage.“
Thomas sah sie an.
„Woher wissen Sie, dass sie heute nicht rangeht?“
Er schwieg.
Miriam deutete mit dem Kopf auf Leni.
„Seit mein Mann tot ist, gibt es einen Satz, den ich nicht mehr leiden kann.“
„Welchen?“
„Ich mache das irgendwann.“
Thomas ließ die Worte wirken.
„Irgendwann fahre ich zu meiner Mutter.“
„Irgendwann sage ich Danke.“
„Irgendwann entschuldige ich mich.“
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