Miriam blickte auf ihre Tochter.
„Manchmal kommt irgendwann nicht.“
Thomas’ Hals wurde eng.
Eine Durchsage ertönte.
Der Flug nach München wurde zum Einsteigen aufgerufen.
Miriam stand auf.
„Das sind wir.“
Leni rutschte vom Sitz.
„Musst du auch fliegen, Thomas?“
„Ja.“
„Zu Anna?“
Thomas öffnete den Mund.
„Nein. Eigentlich nach Hamburg.“
Leni runzelte die Stirn.
„Aber Anna ist doch woanders.“
„In Köln.“
„Dann fliegst du falsch.“
Miriam schloss kurz die Augen.
Thomas musste lachen.
Doch plötzlich stiegen ihm Tränen in die Augen.
Er blickte weg.
So schnell.
So unvernünftig.
So vollkommen absurd.
Ein fremdes Kind hatte mit einem einzigen Satz das Leben eines erwachsenen Mannes zusammengefasst.
Du fliegst falsch.
Vielleicht hatte Thomas seit Jahrzehnten in die falsche Richtung gelebt.
Er hatte seinen Vater selten besucht, weil Arbeit wichtiger gewesen war.
Als Karl im Krankenhaus lag, hatte Thomas einen Termin in Zürich gehabt.
Er war einen Tag später gekommen.
Zu spät.
Sein Vater war in der Nacht gestorben.
Thomas hatte sich damals geschworen, bei seiner eigenen Familie alles anders zu machen.
Und dann hatte er genau dasselbe getan.
Nur mit besserem Anzug.
Größerem Auto.
Teurerem Haus.
„Thomas?“
Leni stand vor ihm.
„Ja?“
„Du musst Anna sagen, dass du sie lieb hast.“
Er sah sie an.
„Das werde ich.“
„Heute?“
Thomas zögerte.
Leni stemmte die Hände in die Hüften.
„Heute.“
„Heute.“
Sie nickte zufrieden.
Dann umarmte sie ihn.
Nicht lange.
Nicht dramatisch.
Einfach zwei kleine Arme um seinen Bauch.
Thomas legte vorsichtig eine Hand auf ihren Rücken.
„Danke, dass du mich gefunden hast“, sagte er leise.
Leni löste sich.
„Du warst doch gar nicht weg.“
Thomas lächelte traurig.
„Doch. Ein bisschen schon.“
Miriam nahm ihren Rucksack.
„Passen Sie auf sich auf.“
Thomas schüttelte den Kopf.
„Ich glaube, genau damit muss ich aufhören.“
Sie sah ihn fragend an.
„Ich habe fast mein ganzes Leben auf mich selbst aufgepasst.“
Er deutete auf Leni.
„Vielleicht sollte ich endlich auf jemand anderen achten.“
Miriam lächelte.
„Dann fangen Sie mit Anna an.“
Thomas blieb stehen und sah ihnen nach.
Leni drehte sich dreimal um.
Dreimal winkte sie.
Dann verschwanden die beiden zwischen den anderen Reisenden.
Thomas stand noch immer dort.
Sein Telefon vibrierte.
Eine Nachricht seines Kollegen.
„Wo bist du? Vorstand will die Zahlen vor Abflug noch einmal durchgehen.“
Thomas sah auf das Display.
Dann öffnete er seine Kontakte.
Anna.
Das Foto neben ihrem Namen war Jahre alt.
Sie stand an einem See und hielt einen Becher Kaffee in der Hand.
Claudia hatte das Bild gemacht.
Thomas wusste das noch.
Sein Finger schwebte über dem Anrufsymbol.
Plötzlich war ihm schlecht vor Angst.
Er hatte Verträge über Millionen verhandelt.
Vor hundert Menschen gesprochen.
Mitarbeiter entlassen.
Krisen bewältigt.
Doch vor diesem einen Anruf hatte er mehr Angst als vor allem anderen.
Er drückte.
Es klingelte.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Viermal.
Thomas wollte gerade auflegen.
Dann hörte er:
„Papa?“
Er schloss die Augen.
Diese Stimme.
Seine Tochter.
Nicht das Kind von damals.
Eine erwachsene Frau.
Vorsichtig.
Misstrauisch.
„Anna.“
Stille.
Thomas hatte sich tausend Sätze zurechtgelegt.
Keiner kam.
Also sagte er die Wahrheit.
„Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.“
Keine Antwort.
„Ich habe gerade ein kleines Mädchen getroffen.“
Thomas räusperte sich.
„Sie hatte ihre Mutter verloren.“
„Okay.“
„Ich habe ihr geholfen.“
Wieder Stille.
„Und sie hat mich gefragt, ob ich auch verloren bin.“
Anna sagte nichts.
Thomas spürte, wie ihm die Hände zitterten.
„Und ich glaube, sie hatte recht.“
Seine Stimme brach.
„Ich war verdammt lange verloren, Anna.“
Am anderen Ende hörte er nur ihren Atem.
„Ich habe immer behauptet, ich hätte für euch gearbeitet.“
Thomas schluckte.
„Aber irgendwann war das nur noch eine Ausrede.“
Er setzte sich.
„Ich wollte erfolgreich sein.“
„Ich wollte wichtig sein.“
„Ich wollte der Mann sein, von dem alle sagen: Der hat es geschafft.“
Seine Augen füllten sich.
„Und dabei habe ich nicht gemerkt, dass die Menschen, für die ich angeblich alles getan habe, mich gar nicht mehr brauchten.“
Anna atmete hörbar ein.
„Papa …“
„Nein. Bitte.“
Thomas wischte sich über die Augen.
„Lass mich das einmal sagen, bevor ich wieder feige werde.“
Anna schwieg.
„Ich habe deinen Klavierauftritt verpasst.“
„Deine Abschlussfeier.“
„Deinen Umzug.“
„Ich habe an deinem zwanzigsten Geburtstag fast eine Stunde telefoniert.“
Seine Stimme wurde immer leiser.
„Und als du mir erzählt hast, dass du deinen Beruf wechseln möchtest, habe ich dir erklärt, warum deine Entscheidung wirtschaftlich dumm ist, statt dich zu fragen, ob du glücklich bist.“
Am anderen Ende hörte er einen leisen Laut.
Vielleicht ein Schluchzen.
„Ich weiß noch viel mehr“, sagte Anna.
Die Worte trafen ihn.
„Ich auch.“
Thomas senkte den Kopf.
„Das ist das Schlimmste.“
„Früher dachte ich, du merkst es einfach nicht.“
Annas Stimme zitterte.
„Irgendwann habe ich verstanden, dass du es gemerkt hast und trotzdem immer wieder gegangen bist.“
Thomas schloss die Augen.
Das tat weh.
Aber diesmal verteidigte er sich nicht.
Kein „Du musst verstehen“.
Kein „Damals war die Situation schwierig“.
Kein „Ich wollte doch nur“.
Nur:
„Ja.“
Anna schwieg.
„Ja“, wiederholte Thomas.
„Und es tut mir leid.“
Er atmete tief ein.
„Ich erwarte nicht, dass du mir heute verzeihst.“
„Vielleicht verzeihst du mir nie ganz.“
„Aber wenn du mir irgendwann erlaubst, wieder einen kleinen Platz in deinem Leben zu haben, dann will ich ihn mir nicht kaufen.“
Seine Stimme brach.
„Ich will ihn mir verdienen.“
Lange Stille.
Menschen liefen an Thomas vorbei.
Niemand wusste, dass für ihn gerade alles auf dem Spiel stand.
Dann sagte Anna:
„Wo bist du?“
„Am Flughafen.“
„Geschäftsreise?“
„Ja.“
„Natürlich.“
Ein einziges Wort.
Aber Thomas hörte darin 27 Jahre Enttäuschung.
Er blickte auf seine Boardingkarte.
Hamburg.
Besprechung um 16 Uhr.
Abendessen mit Geschäftspartnern.
Hotel.
Frühstück.
Rückflug.
Alles war geplant.
Alles war wichtig.
Zumindest auf dem Papier.
„Ich fliege nicht.“
Anna schwieg.
„Was?“
Thomas stand auf.
„Ich fliege nicht nach Hamburg.“
„Papa, mach jetzt bitte keine große Geste wegen eines Telefonats.“
„Keine Geste.“
Thomas nahm seinen Koffer.
„Eine Entscheidung.“
„Was meinst du?“
„Bist du heute zu Hause?“
Am anderen Ende wurde es vollkommen still.
„Warum?“
„Weil ich dich gern sehen würde.“
„Heute?“
„Heute.“
Thomas ging bereits Richtung Ticketschalter.
„Ich könnte nach Köln kommen.“
„Du hast doch dieses wichtige Treffen.“
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