Darunter:
Samstag, 14 Uhr.
Eine Adresse in einem älteren Wohnviertel.
Und ganz unten hatte jemand offenbar gemeinsam mit Lina geschrieben:
„Bitte bring nur dich und gute Laune mit. Keine Geschenke nötig.“
Matthias las diesen letzten Satz zweimal.
Dann holte er sein Handy heraus.
Er löschte das Geschäftsfrühstück.
Verschob die Unterlagen.
Und sagte das Kundentelefonat ab.
Danach saß er noch eine ganze Weile unter der Eiche.
Am nächsten Morgen überraschte er seine Mitarbeiter erneut.
Um halb drei zog er seine Jacke an.
Seine Assistentin sah ihn an, als hätte er angekündigt, die Firma zu verkaufen.
„Gehen Sie schon?“
„Ja.“
„Ist alles in Ordnung?“
Matthias dachte kurz nach.
„Ich glaube, langsam schon.“
Er fuhr nicht nach Hause.
Er fuhr einkaufen.
Dabei musste er sich eingestehen, dass er keine Ahnung von Kindergeburtstagen hatte.
Tobias’ letzte richtige Geburtstagsparty, an die er sich erinnern konnte, lag wahrscheinlich zwanzig Jahre zurück.
Und selbst damals hatte Sabine alles organisiert.
Matthias hatte meist irgendwann eine teure Schachtel gebracht, seinem Sohn über den Kopf gestrichen und danach noch geschäftliche Telefonate geführt.
Diese Erinnerung tat weh.
Er kaufte keinen Luxus.
Das war ihm wichtig.
Er wollte nicht als reicher Fremder auftauchen und Linas Mutter das Gefühl geben, ihre eigene Feier sei nicht gut genug.
Also suchte er Dinge aus, die ergänzten, statt zu ersetzen.
Bunte Girlanden.
Kleine Papiertüten für die Kinder.
Seifenblasen.
Straßenkreide.
Ein einfaches Spiel mit Ringen.
Eine große Schüssel Süßigkeiten.
Bei einer örtlichen Bäckerei bestellte er zusätzlich einen Geburtstagskuchen mit bunten Blumen.
Dann entdeckte er bei einem Verleih eine kleine Zuckerwattemaschine.
Matthias stand davor und erinnerte sich plötzlich an einen Jahrmarkt aus seiner Kindheit.
Sein Vater hatte ihm damals Zuckerwatte gekauft.
Matthias war vielleicht sieben gewesen.
„Iss langsam“, hatte sein Vater gesagt.
Natürlich hatte Matthias nicht langsam gegessen.
Er hatte innerhalb von zwei Minuten das klebrige Zeug im Gesicht, an den Händen und sogar im Haar gehabt.
Sein Vater hatte so laut gelacht, dass mehrere Leute sich umgedreht hatten.
Matthias lächelte bei der Erinnerung.
„Die nehme ich auch“, sagte er.
Am Samstag fuhr er kurz vor zwei in Linas Straße.
Das Haus war klein.
Ein Reihenhaus aus den Siebzigern mit schmalem Vorgarten, einem alten Fahrradschuppen und einer Hecke, die offenbar dringend geschnitten werden wollte.
Über dem Gartentor hing ein selbst gemaltes Schild:
„LINA 6“.
Ein paar Luftballons tanzten im Wind.
Matthias klingelte.
Die Frau aus dem Park öffnete.
Aus der Nähe wirkte sie noch müder.
Vielleicht Anfang vierzig.
Aber ihre Augen waren warm.
„Sie müssen Matthias sein.“
„Und Sie Linas Mutter.“
„Katharina.“
Sie schüttelten sich die Hand.
„Vielen Dank, dass Sie wirklich gekommen sind. Lina erzählt seit Donnerstag von Ihnen.“
Sie lächelte etwas verlegen.
„Und bitte fühlen Sie sich nicht verpflichtet, lange zu bleiben. Meine Tochter kann sehr überzeugend sein.“
„Das habe ich gemerkt.“
Matthias deutete auf sein Auto.
„Ich wollte allerdings vorher etwas fragen.“
Katharina sah hinaus.
„Was denn?“
„Ich habe ein paar Kleinigkeiten mitgebracht.“
Ihr Gesicht veränderte sich sofort.
Nicht unfreundlich.
Aber vorsichtig.
„Herr Berger …“
„Matthias.“
„Matthias. Lina sollte ausdrücklich sagen, dass niemand etwas mitbringen muss.“
„Hat sie.“
„Dann wissen Sie ja …“
„Dass Sie keine Almosen wollen.“
Katharina schwieg.
Matthias nickte.
„Das verstehe ich.“
Er öffnete den Kofferraum.
Katharina starrte hinein.
„Um Himmels willen.“
„Bevor Sie Nein sagen: Es ist kein Geschenk an Sie.“
„Das ist viel zu viel.“
„Eigentlich nicht.“
Matthias zeigte auf die Seifenblasen, Girlanden und Papiertüten.
„Ich habe keine Hüpfburg gemietet. Keinen Zauberer. Kein großes Spektakel.“
Dann zeigte er auf die Zuckerwattemaschine.
„Nur bei der hier bin ich schwach geworden.“
Katharina musste gegen ihren Willen lachen.
Matthias lächelte ebenfalls.
„Lina hat mich im Park um etwas gebeten.“
Katharina sah ihn an.
„Sie sagte, ich solle lächeln, weil Sie lächeln, wenn andere glücklich sind.“
Katharinas Augen wurden feucht.
„Das hat sie gesagt?“
„Ja.“
Matthias nahm eine der Girlanden heraus.
„Ich möchte ihr nichts abnehmen. Sie haben diesen Geburtstag vorbereitet. Sie sind ihre Mutter. Sie geben ihr das, was zählt.“
Er zögerte.
„Ich möchte nur ein bisschen mithelfen.“
Katharina sah lange auf den Kofferraum.
Dann zurück zu Matthias.
„Warum?“
Es war keine misstrauische Frage.
Eher eine ehrliche.
„Sie kennen uns überhaupt nicht.“
Matthias dachte an seinen leeren Esstisch.
An Tobias.
An Sabines Koffer im Flur.
An seinen Vater und dessen Satz über Menschen hinter Zahlen.
„Vielleicht gerade deshalb.“
Katharina verstand nicht.
Matthias versuchte es noch einmal.
„Ihre Tochter hat einen völlig fremden Mann angesehen und gemerkt, dass er traurig ist.“
Er atmete aus.
„Menschen, die mich seit Jahren kennen, fragen mich das nicht mehr.“
Katharina sagte nichts.
„Lina hat mich eingeladen, obwohl ich ihr nichts geben konnte. Sie wollte nur, dass ich komme.“
Matthias lächelte schwach.
„Vielleicht brauche ich diese Feier gerade genauso sehr wie sie.“
Katharina wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.
„Jetzt bringen Sie mich schon zum Weinen, bevor der Kuchen auf dem Tisch steht.“
„Gute Tränen?“
„Sehr gute.“
Sie half ihm, die Sachen hineinzutragen.
Zwanzig Minuten später kam Lina in den Garten.
Als sie die Zuckerwattemaschine sah, blieb sie stehen.
Ihr Mund ging auf.
„Mama!“
Katharina hob abwehrend die Hände.
„Diesmal war ich es nicht.“
Lina sah Matthias.
Dann die Maschine.
Dann wieder Matthias.
„Ist das echte Zuckerwatte?“
„Wenn ich herausfinde, wie das Ding funktioniert.“
Lina rannte zu ihm und umarmte ihn.
Matthias erstarrte für einen Sekundenbruchteil.
Es war lange her, dass jemand ihn einfach so umarmt hatte.
Dann legte er vorsichtig eine Hand auf ihren Rücken.
„Alles Gute zum Geburtstag.“
„Sie sind wirklich gekommen.“
„Das hatte ich doch versprochen.“
Am Ende kamen vierzehn Kinder.
Einige aus Linas Kindergarten.
Zwei aus der Nachbarschaft.
Drei Menschen aus dem Park erschienen ebenfalls.
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