Darunter ein älteres Ehepaar, das eine Schachtel selbst gebackener Kekse mitbrachte.
Die Frau flüsterte Matthias irgendwann zu:
„Wir haben selbst keine Enkel. Da konnten wir einfach nicht Nein sagen.“
Ein Student, den Lina ebenfalls im Park angesprochen hatte, kam nur für eine Stunde.
Er spielte trotzdem mit den Kindern Fußball, bis sein Hemd völlig verschwitzt war.
Matthias bediente die Zuckerwattemaschine.
Die ersten Portionen sahen katastrophal aus.
Eine landete halb auf seinem Ärmel.
Lina lachte so sehr, dass sie sich den Bauch halten musste.
„Sie können das gar nicht!“
„Das erkenne ich inzwischen selbst.“
„Noch mal!“
Beim vierten Versuch gelang es.
Beim fünften sah die Zuckerwatte tatsächlich aus wie Zuckerwatte.
Matthias fühlte sich lächerlich stolz.
Später kniete ein schüchterner Junge neben ihm und fragte, ob Matthias ihm beim Ringwerfen helfen könne.
Matthias zeigte ihm einen Trick.
Der Junge traf.
„Ich hab’s geschafft!“
„Natürlich hast du das.“
Der Satz kam Matthias so selbstverständlich über die Lippen, dass er plötzlich an Tobias denken musste.
Wie oft hatte sein eigener Sohn wohl nach ihm geschaut und darauf gewartet, dass er so etwas sagte?
Matthias musste wegsehen.
Dann hörte er Linas Stimme.
„Herr Matthias! Kuchen!“
Alle versammelten sich.
Sechs Kerzen brannten.
Katharina stand hinter ihrer Tochter.
Sie wirkte erschöpft.
Aber glücklich.
„Wünsch dir etwas“, sagte jemand.
Lina schloss die Augen.
Ganz fest.
Dann pustete sie.
Alle Kerzen erloschen.
Applaus.
Lina drehte sich sofort zu ihrer Mutter.
Nicht zu den Geschenken.
Nicht zum Kuchen.
Zu ihrer Mutter.
Katharina lächelte.
Und Lina lächelte zurück.
Matthias stand etwas abseits und begriff plötzlich, was das Mädchen im Park gemeint hatte.
Am späten Nachmittag wurden die Kinder abgeholt.
Im Garten lagen zerplatzte Seifenblasenfläschchen, Papierservietten und Kreidespuren.
Matthias packte gerade die Zuckerwattemaschine zusammen, als Katharina zu ihm kam.
„Danke.“
„Gern.“
„Nein.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nicht nur für die Sachen.“
Matthias sah sie an.
„Sie waren da.“
„Natürlich.“
„Nein, ich meine wirklich da.“
Katharina zeigte auf sein Handy, das seit Stunden unberührt auf einem Gartentisch lag.
„Sie haben nicht dauernd telefoniert. Sie haben mit den Kindern gespielt. Sie haben zugehört. Sie haben den Jungen getröstet, der beim Rennen gestürzt ist. Sie haben dem älteren Ehepaar Stühle gebracht.“
Sie lächelte.
„Das kann man nicht kaufen.“
Matthias schaute auf sein Telefon.
Zwölf verpasste Nachrichten.
Früher hätte ihn allein der Anblick nervös gemacht.
Jetzt war es ihm vollkommen egal.
„Darf ich Ihnen etwas sagen?“
„Natürlich.“
„Das war wahrscheinlich der beste Nachmittag, den ich seit Jahren hatte.“
Katharina betrachtete ihn.
„Lina sagte mir, Sie hätten im Park traurig ausgesehen.“
Matthias lachte trocken.
„Kinder sind erschreckend aufmerksam.“
„Sind Sie traurig?“
Normalerweise hätte Matthias automatisch geantwortet:
Nein, alles bestens.
Er sagte etwas anderes.
„Ich glaube, ich habe jahrelang funktioniert und das mit Leben verwechselt.“
Katharina schwieg.
Also erzählte er ihr von seiner Ehe.
Von Tobias.
Von seinem Vater.
Vom Unternehmen.
Von dem Gefühl, alles erreicht und trotzdem irgendetwas Wichtiges verloren zu haben.
Als er fertig war, setzte Katharina sich auf einen Gartenstuhl.
„Krank zu sein verändert die Sicht auf Zeit“, sagte sie.
Matthias setzte sich ebenfalls.
„Als die Diagnose kam, dachte ich zuerst an all die großen Dinge, die ich vielleicht nicht mehr erleben würde.“
Sie sah zu Lina, die am anderen Ende des Gartens Kreidebilder auf die Terrasse malte.
„Später waren es die kleinen Dinge.“
Frühstück.
Ein gemeinsamer Einkauf.
Ein schlechter Witz.
Lina beim Schlafen zudecken.
„Irgendwann merkt man, dass Zeit kein Konto ist, das man später wieder auffüllen kann.“
Katharina sah ihn direkt an.
„Wir sagen immer: Wenn es ruhiger wird. Wenn das Projekt vorbei ist. Wenn mehr Geld da ist. Wenn die Kinder größer sind. Wenn wir Rentner sind.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Aber niemand garantiert uns dieses später.“
Matthias dachte an seinen Vater.
Drei Wochen vor dessen Tod hatte er einen gemeinsamen Angelausflug abgesagt.
Wegen eines Geschäftstermins.
„Nächstes Mal“, hatte Matthias gesagt.
Es hatte kein nächstes Mal gegeben.
Zum ersten Mal seit Jahren sprach er diesen Gedanken laut aus.
Katharina legte ihm kurz die Hand auf den Arm.
Mehr nicht.
Es reichte.
Da kam Lina mit einem Teller angelaufen.
„Herr Matthias!“
Darauf lag ein großes Stück Kuchen.
„Sie hatten noch gar keinen.“
„Stimmt.“
„Ich habe Ihnen extra das Stück mit der meisten Creme aufgehoben.“
Matthias nahm es feierlich entgegen.
„Das ist vermutlich eine große Ehre.“
„Sehr groß.“
Lina sah zu ihrer Mutter.
Dann grinste sie.
„Sehen Sie?“
„Was?“
„Mama lächelt.“
Matthias blickte zu Katharina.
Sie lächelte tatsächlich.
Müde.
Mit feuchten Augen.
Aber echt.
„Du hattest recht“, sagte er.
Lina nickte zufrieden.
„Hab ich doch gesagt.“
In den Monaten danach blieb Matthias.
Nicht aus Mitleid.
Das hätte Katharina nie zugelassen.
Er blieb, weil aus einem zufälligen Nachmittag langsam Freundschaft wurde.
Manchmal brachte er Lebensmittel vorbei, wenn Katharina von einer Nachuntersuchung erschöpft war.
Manchmal gingen sie gemeinsam spazieren.
Manchmal holte er Lina am Samstag ab und ging mit ihr in den Park, damit Katharina zwei Stunden schlafen konnte.
Lina stellte viele Fragen.
Warum Erwachsene immer sagen, sie hätten keine Zeit.
Warum Männer Krawatten tragen, wenn sie unbequem sind.
Warum Matthias so ein großes Haus brauchte, wenn dort nur ein Mensch wohnte.
Auf die letzte Frage wusste er keine gute Antwort.
Auch in seiner Firma änderte sich etwas.
Matthias gab Verantwortung ab.
Zum ersten Mal seit Jahren beförderte er nicht den Mitarbeiter, der am längsten im Büro blieb, sondern eine Kollegin, die gute Arbeit leistete und trotzdem jeden Abend rechtzeitig zu ihrer Familie ging.
Als jemand dagegenhielt, sagte Matthias:
„Anwesenheit ist nicht dasselbe wie Leistung.“
Er begann wieder, jüngere Kollegen persönlich auszubilden.
Er fragte Mitarbeiter, wie es ihnen ging.
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